E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Demmer / Goffart Kanzlerin der Reserve
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8270-7806-3
Verlag: Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Der Aufstieg der Ursula von der Leyen
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-8270-7806-3
Verlag: Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Ulrike Demmer und Daniel Goffart haben sich auf die Spur der ersten deutschen Verteidigungsministerin gesetzt und ein kritisches Porträt der prominenten CDU-Politikerin verfasst. Die beiden Berliner Korrespondenten zeichnen den Lebensweg der streitbaren Tochter des langjährigen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht nach und erzählen, wie aus dem braven 'Röschen' eine Ärztin, siebenfache Mutter und gewiefte Ministerin wurde. Geschildert wird die Karriere einer modernen Frau, die sich nie auf eine Rolle reduzieren ließ und die als kritische Konservative das traditionelle Familienbild der CDU revolutionierte. Jetzt muss sie als erste Frau an der Spitze des Verteidigungsministeriums über Bundeswehreinsätze in Krisenregionen und damit über Leben und Tod entscheiden. Ursula von der Leyen sitzt auf einem politischen Schleudersitz und verfolgt mit geballter Energie und brennendem Ehrgeiz ihr Lebensziel, Deutschlands mächtigste Frau zu werden.
Ulrike Demmer arbeitet seit 2013 als stellvertretende Leiterin des Focus-Hauptstadtbüros in Berlin. Ihre Beharrlichkeit und ihr Sinn fürs Detail in der journalistischen Recherche brachten ihr 2011 die Auszeichnung mit dem Henri-Nannen-Preis sowie dem Deutschen Reporter-Preis. Demmer studierte zunächst Rechtswissenschaften in Bonn und Berlin und begann nach ersten Staatsexamen als Redakteurin und Reporterin bei Radioeins. Es folgte ein Besuch der Berliner Journalistenschule sowie ein Redaktionsvolontariat beim ZDF in Mainz. Am Lerchenberg übte Ulrike Demmer zwei Jahre für das "Morgenmagazin" des ZDF das frühe Aufstehen. Dann wechselte sie zum Spiegel, wo sie sieben Jahre blieb und sich als Spezialistin für Verteidigungs- und Sicherheitspolitik beim SPIEGEL einen Namen machte. 2013 wechselte die preisgekrönte Reporterin zum FOCUS.
Autoren/Hrsg.
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PROLOG Das ehemalige Hauptgebäude der Bahlsen-Fabrik in Hannover strahlt Traditionsbewusstsein und den Stolz einer ehrwürdigen Unternehmerdynastie aus. Über Generationen hinweg wurde hier das berühmte Backwerk nach alten Handwerksrezepten hergestellt und in alle Welt verkauft. An den Wänden der früheren »Cakes-Fabrik« hängen noch leicht verbeulte Reklametafeln aus Blech. Sie zeugen von einer langen und bis heute anhaltenden Erfolgsgeschichte: Kaum ein Konferenztisch hierzulande, auf dem nicht Bahlsen-Kekse stehen. In Hannover ist man zu Recht stolz auf den berühmten Namen aus der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Und so ist es kein Wunder, dass der CDU-Wirtschaftsrat Niedersachsen seine Versammlungen und Tagungen gern in den Backsteinmauern des alten Industriepalastes abhält. Außerdem fügt es sich gut, dass Werner Michael Bahlsen, Chef der gleichnamigen Keksfabrik, als ehrenamtliches Mitglied im Vorstand der CDU-nahen Vereinigung sitzt. Nicht immer sind die Veranstaltungen des Wirtschaftsrats ein Publikumsmagnet. Als aber an einem trüben Herbsttag im Jahr 2004 die niedersächsische Sozial- und Frauenministerin Ursula von der Leyen zu einer Diskussionsrunde erscheint, ist der große holzgetäfelte Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. An der Seite der Ministerin schreitet mit gemessenem Schritt ihr Vater Ernst Albrecht herein. Bevor der langjährige, frühere Ministerpräsident von Niedersachsen auf seinem Stuhl in der ersten Reihe Platz nimmt, grüßt er freundlich lächelnd nach allen Seiten. Der aufbrandende Applaus tut dem alten Herrn sichtlich gut. Er ist hier schließlich unter Freunden und Gleichgesinnten. Albrecht begegnet beim Wirtschaftsrat vielen Weggefährten aus seiner langen politischen Karriere. Außerdem war er vor seinem Sprung in den Landtag als Finanzchef bei der Firma Bahlsen tätig. So schließt sich der Kreis. Seine Tochter Ursula hingegen fremdelt bei diesem Termin. Auch sie schüttelt Hände, hält aber ihr Gegenüber mit ausgestrecktem Arm auf Abstand. Ihr strahlendes Dauerlächeln wirkt starr und undurchdringlich, fast wie ein Panzer. Es gibt nur wenige Politiker, die beim Lächeln so unnahbar erscheinen wie Ursula von der Leyen. Es ist ihre Maske, die sie bei öffentlichen Auftritten zum Eigenschutz aufsetzt, vor allem bei schwierigen Terminen wie diesem hier. Während der Vorsitzende des Wirtschaftsrats ein paar Begrüßungsworte spricht, sitzt sie kerzengerade auf ihrem Stuhl. Regungslos, mit durchgedrücktem Rücken. Sie könnte stundenlang so verharren. Haltung bewahren, das ist ihr schon in jungen Jahren eingeimpft worden. Während sich die Männer im Saal bequem in die Sitze drücken und die Beine übereinanderschlagen, gibt ihr Rückgrat keinen Zentimeter nach. Sie kippelt nicht, wackelt nicht, rührt sich nicht. Ursula von der Leyen braucht nicht einmal eine Lehne. Nur ihr Kopf bewegt sich gelegentlich, nickt dem Redner aufmerksam und scheinbar wohlwollend zu. So wie eine Lehrerin, die brave Schüler beim Aufsagen eines Gedichts zum Durchhalten ermuntern will. Die zierliche Ministerin mit den damals noch mädchenhaft langen blonden Haaren zählt bei der Versammlung des CDU-Wirtschaftsrats nicht nur zu den Jüngsten; sie ist auch eine der wenigen Frauen im Saal. Es dominieren die »Silberrücken« – Männer mit grauen Haaren, großem Ego und teuren Anzügen. Und die sind auf »Röschen«, wie die Albrecht-Tochter bei der offiziellen Begrüßung immer noch gönnerhaft genannt wird, nicht besonders gut zu sprechen. Der Grund für den Unmut ist vielschichtig. Die junge Parteifreundin hat nicht nur studiert, im Ausland gearbeitet und sieben Kinder auf die Welt gebracht. Nein, ihr ist daneben auch noch eine beeindruckend steile Karriere in der Politik gelungen. Und auch wenn sie einen berühmten Namen trägt, so wissen selbst ihre Gegner, dass dieser offenkundige Erfolg nicht dadurch kleingeredet werden kann, indem man achselzuckend auf ihren Ministerpräsidenten-Vater und das übliche »Vitamin B« einer einflussreichen Familie verweist. Nein, der Grund für die spürbare Reserviertheit der Männer liegt tiefer. Auch wenn es niemand offen zugeben würde: Ursula von der Leyen macht den versammelten Herren regelrecht Angst. Das kleine »Röschen« leistet nicht nur erkennbar mehr als der männliche Durchschnitt. Viel schlimmer: Sie erschüttert durch ihr Beispiel auch jenes tief sitzende maskuline Überlegenheitsgefühl, das vor allem bei älteren Männern zur seelischen Grundausstattung gehört. Allein von der Leyens pure Präsenz löst bei den Herren die bis dato geltende Gewissheit auf, dass den Frauen quasi naturrechtlich eine dienende Funktion zugewiesen worden ist und den Männern eine herrschende. Gerade in sogenannten »bürgerlichen Kreisen« und unter Konservativen gilt das »traditionelle Familienbild« bis zum heutigen Tag als Leitidee. Danach übernimmt der Mann die Rolle des Ernährers, während die Frau sich um Haushalt und Kinder kümmert. Als äußerstes Zugeständnis an den gesellschaftlichen Fortschritt wird den Frauen in diesen Kreisen eine Teilzeitbeschäftigung zugestanden – aber nicht, bevor die Kinder das Schulalter erreicht haben. Ursula von der Leyen verkörpert das erfolgreiche Gegenbild dieses Modells und wirkt damit auf die betagten Herren aus den Führungsetagen der Wirtschaft wie eine Revolutionärin im Hosenanzug. So wie der Astronom Nikolaus Kopernikus das mittelalterliche Weltbild zum Einsturz brachte, kämpft sie gegen das traditionelle Familienbild der CDU. Damit stellt sie in den Augen vieler die bestehende Ordnung in Frage. Ursula, die Ketzerin. Die Welt ist keine Scheibe, sondern sie ist rund und bunt und verwirrend vielfältig. Mit dieser Erkenntnis kommt nicht jeder zurecht. Dass sie sich dabei selbst zum Vorbild wählt, provoziert erst recht. Sie sieht sich nicht als Ausnahme, sondern als Beispiel für eine neue Regel. »Die Frauen in einer modernen Gesellschaft sollen sich nicht für Kinder oder für Beruf entscheiden müssen, sondern ganz selbstverständlich beides anstreben dürfen – wenn sie es denn wollen.« Solche Sätze wählt sie in ihrer Rede vor dem CDU-Wirtschaftsrat in Hannover mit Bedacht. Ursula von der Leyen kennt die Vorbehalte gegen ihre Vorstellungen von moderner Familienpolitik und das damit verbundene Gesellschaftsmodell. Vor allem aber weiß sie, dass das Zentrum des Widerstands bei den konservativen, älteren Männern ihrer Partei liegt. Und deshalb hat sie nur allzu gern zugesagt, als der Löwe sie in seine Höhle eingeladen hatte. »Meine Herren vom Wirtschaftsrat, die Frage lautet künftig nicht mehr, ob die jungen Frauen arbeiten werden oder nicht. Ich sage Ihnen voraus, sie werden arbeiten, weil sie arbeiten wollen – und weil es im Übrigen ihr gutes Recht ist«, betont von der Leyen mit ihrem schönsten Mädchenlächeln. Natürlich bemerkt sie das Räuspern im Saal, aber die junge Ministerin setzt noch einen drauf: »Die entscheidende Frage der Zukunft lautet doch, ob die Frauen, die arbeiten, auch Kinder haben werden. Das ist für Sie als Unternehmer und Arbeitgeber von herausragender Bedeutung.« Es ist nicht das erste Mal, dass von der Leyen solche Sätze sagt, aber sie kommen immer unterschiedlich an. Bei Frauenverbänden oder an Schulen und Lehrwerkstätten erhält sie dafür Applaus. Aber das reicht ihr nicht. Sie will Mehrheiten für ihre Ideen von einer modernen und zukunftsfähigen Gesellschaft erringen. Dafür muss sie sich auch ihren Gegnern stellen – und sie entweder überzeugen oder niederringen. Die murrenden Herren im Saal spüren, dass Ursula von der Leyen sich auf einen langen Weg gemacht hat. Entscheidend ist für sie dabei nicht die gerade Strecke mit Rückenwind, sondern die Überwindung der Hindernisse. In der Politik bedeutet das, besonders hart dort zu kämpfen, wo es keinen Beifall gibt. Als sie 2003 vom damaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff in das Landeskabinett in Hannover berufen wurde, übernahm sie ein vielfältiges Ressort: Als Ministerin war sie fortan zuständig für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit. Die meisten politischen Beobachter gingen damals davon aus, dass sich die studierte Ärztin und Medizin-àkonomin vor allem auf die Gesundheitspolitik stürzen würde. Auch sie selbst hatte sich so geäußert: »Ich fühlte mich als Ärztin im Arbeitsalltag in vielen Punkten frustriert und gelähmt.« Deshalb wollte sie in einem Ministeramt »einfach neue politische Akzente im Gesundheitswesen setzen«. In der Tat gefiel sich die Gesundheitsministerin vor allem in der Anfangszeit darin, bei Ortsterminen in Krankenhäusern die versammelten Ärzte als »liebe Kollegen« anzusprechen und sich damit neben der politischen Verantwortung auch die fachliche Kompetenz zuzuschreiben. Doch als wirkliche Leidenschaft entdeckte von der Leyen in ihrem ersten Ministeramt rasch die Familien- und Frauenpolitik. Hier erkannte die energische CDU-Politikerin nicht nur den übergroßen Reformbedarf, vor allem in ihrer Partei. Sie spürte auch sehr früh, dass die Wünsche der meisten jungen Frauen und Familien in der bundesdeutschen Wirklichkeit nur schwer oder gar nicht zu erfüllen waren, vor allem in der damaligen Arbeitswelt. Und da ihre Politik bis heute immer aufgeladen ist mit eigener Biografie, eigenem Erleben und eigenem Glück, entschied sie sich dafür, die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit in der Familienpolitik zu schließen. Seitdem fordert die Ministerin mehr Rechte und Teilhabe für Frauen ein, mehr Mitbestimmung und vor allem einen gleichberechtigten Platz der Damen im Berufsleben. Und sie tut es mit einer Hartnäckigkeit, die kein Pardon kennt. Die meisten Männer merken in Diskussionen mit ihr erst ziemlich spät, dass hinter...




