E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Detering / Radke Ein Sommer auf der Sanddorninsel
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-787-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Ostsee-Roman
E-Book, Deutsch, 216 Seiten
ISBN: 978-3-96655-787-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Monika Detering wollte Schiffsjunge, Malerin oder Schriftstellerin werden. Als Puppenkünstlerin arbeitete sie u. a. in New York, Washington und Philadelphia, aber auch auf Langeoog, Juist und Spiekeroog. Jahre als freie Journalistin folgten. 1997 erschien ihr erster Roman, viele weitere folgten. Neben Romanen veröffentlichte sie Krimis, Kurzprosa und Sachbücher. Sie gewann zahlreiche Preise, u. a. mit der Kurzgeschichte »Herrin verbrannter Steine« den 1. Preis des großen Wettbewerbs für Frauen aus deutschsprachigen Ländern. Monika Detering ist Mitglied bei den 42erAutoren. Monika Detering veröffentlichte bei dotbooks die drei Fälle um Kommissar Weinbrenner - auch im Sammelband »Liebesopfer« erhältlich - und ihren Spannungsroman »Bernd, der Sarg und ich«. Auch bei dotbooks erscheinen ihre Romane »Heimweh nach dem Leben« - als Hörbuch bei Saga Egmont erhältlich -, »Als wir unterm Kirschbaum saßen« und »Das Versprechen eines Lebens«. Gemeinsam mit Horst-Dieter Radke veröffentlichte sie bei dotbooks »Ein Sommer auf Hiddensee« und »Ein Sommer auf der Sanddorninsel« sowie mit Silke Porath zusammen »Das Geheimnis der Inselfreundinnen«.
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Kapitel 1
Endlich. Marie Baumgart schaltete den Motor aus. Sie war erleichtert, dass dieser uralte VW-Bus sie bis hierhergebracht hatte. Im Augenblick fühlte sie sich genauso alt wie ihr Gefährt, und war müde und erschöpft. Hier, am äußersten Ende des Parkplatzes in Altefähr, wollte sie die Nacht verbringen. Anders ging es nicht. Die erste Nacht ohne Wohnung. Die erste Nacht auf Rügen.
Es war eine verrückte Idee gewesen, ausgerechnet im August hierherzufahren und anzunehmen, es werde sich schon eine Bleibe finden lassen, wenigstens eine Ferienwohnung für den Übergang. Die gab es, aber sie waren für ihre Verhältnisse unbezahlbar.
Marie stieg aus und ging bis zum Ende des Hafens. Vertäute Boote und Yachten. Ein Fährschiff legte an. Möwen, die auf den Pollern hockten, guckten geradeaus, als käme aus der Richtung gutes Futter angeflogen. Sie sah, dass es eine Toilette und Waschgelegenheiten gab. Wenn auch eher für Schiffseigner, aber das würde sie schon regeln. Von der anderen Seite leuchtete Stralsund herüber. Vielleicht bekomme ich dort eine kleine Wohnung, wenn ich auf Rügen nichts Günstiges finde. Nur obdachlos durfte sie nicht werden.
Wind kam auf. Sie fror und ging zum Auto zurück. Am Heck befanden sich Überbleibsel uralter Prilblumen. Der orange angemalte, von willkürlichen Roststreifen verzierte Bus gehörte ihrer Freundin Sylvia. Sie hatte ihn für Marie neu angemeldet, nachdem er schon länger herumgestanden hatte. Sogar TÜV und Werkstatt hatte sie übernommen. Ein paar Freunde waren ihr nach dem ganzen Desaster noch geblieben. Mit dem Bus war Sylvia vor fast zwanzig Jahren nach Indien gefahren, direkt nach dem Abi. Marie ärgerte sich noch heute, dass sie damals nicht mitgereist war. Dafür hole ich die Fahrt ins Ungewisse jetzt auf meine Weise nach.
Es dämmerte schon. Marie stieg ein, schloss von innen ab, quetschte sich nach hinten. Eine Bank hatte sie freigelassen, vielleicht weil sie geahnt hatte, sie als Schlafplatz nutzen zu müssen. Die anderen Sitze und Fußräume waren mit Koffern, Kisten und losen Sachen zugepackt. In einer Reisetasche suchte sie nach ihrem Trainingsanzug und zog sich um. Dann griff sie nach der Decke, mit der sie ihre Sachen vor den Blicken Neugieriger geschützt hatte, kuschelte sich hinein und legte sich auf den Sitz. Die Beine musste sie anziehen. Nur einschlafen konnte sie nicht. Zu viele Erinnerungen gingen ihr durch den Kopf.
Über Berlin hatte sich ein blauer Augusthimmel gespannt. Die Linde vor dem mächtigen Haus aus der Gründerzeit breitete weit die Äste aus und verdeckte einen Teil der Geschäfte im Erdgeschoss. Marie kam nicht wie sonst, stolz und gerade, ihre Haltung drückte Kummer aus.
Die Markisen wölbten sich schmutzig-weiß. Ein Stück weiter oben, an der hellen Hauswand, stachen die Buchstaben aus stabilem goldbestrahltem Metall hervor. »No 1« und »No 2« über dem Laden in der Knesebeckstraße. Sie sollten ein Leben lang halten, nun würden sie – bereits nach fünf Jahren – in wenigen Tagen abgeschraubt sein. Die Schaufenster waren schmutzig geworden, Papierstreifen mit »Sale« und »Wegen Geschäftsaufgabe geschlossen« verwehrten den Blick ins Innere. An den Kanten der Aufkleber hingen mumifizierte Fliegen.
Das war’s dann wohl. Aufstieg und Fall am Kudamm.
»Morgen, Frau Baumgart.«
Marie zögerte, grüßte dann betont forsch zurück und wandte den Blick von den Fenstern ab. Niemand sollte bemerken, wie sie in das Schaufenster starrte. Sonst betrat sie den Laden ganz selbstverständlich, es war doch ihrer. Seit heute war es vorbei, das Geschäft für immer geschlossen, und sie hatte nicht einmal einen Schlüssel mehr.
Um die Ecke bogen zwei Frauen, blieben vor ihr stehen, blickten erst sie, dann die leeren Auslagen an, lächelten fein und süffisant. »Werden Sie in Berlin bleiben? Wenn Sie ein neues Geschäft aufmachen, sagen Sie bitte Bescheid, unsere Adressen haben Sie ja sicher noch.«
Marie nickte, strich sich durch die Haare.
»Schauen Sie mal, Frau Baumgart!« Eine der Frauen wies auf ihre schwarz-weißen Sneaker mit der Glitzersohle. »Der Ausverkauf hat sich bestimmt für Sie gelohnt! Ich habe ja gesehen, was zuletzt in Ihrem Geschäft los war! Meine Freundin und ich haben auch in den letzten Wochen mindestens zwölf Paar gekauft. Danke auch für den Extrarabatt. Ihnen alles Gute, auch für den Herrn Lang, das ist ja ein Netter …«
Unerträglich, jedes Wort. Unerträglich war das. Marie straffte sich. »Viel Freude an den Schuhen. Ich muss weiter, es gibt noch viel zu tun.«
Schon war sie auf dem Weg zu ihrem ›neuen‹ Auto. Das brauchten die Frauen gar nicht zu sehen. Haltung bewahren. Hinter sich aber fühlte sie beobachtende Blicke und hörte wieder dieses Tuscheln, das sie inzwischen allzu gut kannte.
In den letzten Wochen hatte es viele falsche Freundlichkeiten gegeben. Auch Briefe im Amtsgerichtblau mit den Vollstreckungsbescheiden. Dazu der regelmäßige Besuch des Gerichtsvollziehers. Und am Ende hatte sie keine exklusiven Schuhgeschäfte mehr, sondern wenig exklusive Kuckucksläden. Alles wurde abgeholt, ohne Blick für die Produkte, sogar das ausgefallene Kaffeegeschirr und den chromglänzenden Kaffeeautomaten samt dem unwiderstehlichen Duft nach frisch geröstetem Kaffee wurde lieblos eingesackt. Mitsamt den Reservepackungen ihrer Lieblingssorte ›India Monsooned Malabar‹.
Noch nicht bezahlte Ware hatte Marie an die Händler in Italien zurückgeschickt. Einige Pakete wurden nicht angenommen, kamen wieder zurück, es entstanden teure Frachtrechnungen, dann folgten erst verständnislose, später wütende Anrufe der Lieferanten. Es gab auch Besuche von ihnen, zur besten Verkaufszeit. Beschämend und demütigend. Diese Überraschungsbesuche waren das Grauen gewesen. Angst schlich sich in ihr Leben. Dreimal prüfte Sie abends, ob sie abgeschlossen hatte, fürchtete, dass die Italiener ihr die Mafia auf den Hals gehetzt hatten. Und Marie konnte immer nur Anzahlungen leisten und bat verzweifelt um Aufschub. Einer ihrer Lieferanten hatte ganz absonderliche Vorstellungen davon gehabt, wie sie die Schulden begleichen konnte.
Ihre Mitarbeiterinnen verloren die bisherige Loyalität, forderten Restgehälter und blieben dann weg. Dafür kamen Briefe von Rechtsanwälten. Chaos entstand, Chaos war plötzlich in allem, was Marie tat.
Max hätte ihr helfen können, hatte er sonst auch getan.
Aber er kümmerte sich nicht mehr um sie.
Sie arbeitete jeden Tag bis spät in den Abend, und Erschöpfung zeichnete sich deutlich in ihrem Gesicht ab, sodass manche Kundin sie erst nach einem genaueren Blick erkannte. Natürlich hatte sie diese Blicke bemerkt. Jeder ihrer Gedanken kreiste wie ein Mantra-Abo ums Geld. Jeder eingenommene Euro bekam besonderen Wert. Dennoch versuchte sie die immer gleiche Frage freundlich und zuvorkommend zu beantworten: »Warum wollen Sie schließen? Unverständlich! Bei dieser Lage, wo kriege ich je wieder so göttliche Schuhe her?«
Zumindest lief der Ausverkauf gut. Die ausgefallenen Luxusschuhe von »No 1« und »No 2« waren ein begehrtes Statussymbol. Maries Kundinnen besaßen ansonsten alles, was zum Auffallen notwendig war. Über jedes verkaufte Paar war sie heilfroh, jede Tageseinnahme verringerte einen Teil ihrer Schulden. Jede Tageseinnahme wurde sofort überwiesen. Trotzdem reichte das Geld nicht.
Ein Geschäft zu schließen war das eine, aber eine Insolvenz anmelden zu müssen, war bitter. Vor allem, da sie nicht durch ihr Verschulden verursacht worden war. Und der Insolvenzverwalter – Dr. Rohwisch – behandelte sie nun wie eine Angestellte.
Sie wollte Max nie wiedersehen. Aber das war auch das kleinste Problem. Er war ja verschwunden. Abgetaucht. Freunde hatten ihn mit einer Schwarzhaarigen im Sodom & Gomorra gesehen. Geschmack hatte er ja. Aber seine Prokura, verdammt, die konnte er sich in den Arsch stecken. Dass ich nicht eher was gemerkt habe.
Zu allem Übel meldete sich die Bank mit dringenden Forderungen auf ihre Eigentumswohnung. Immer war genügend Geld da gewesen. Aber Max, der hatte ein anderes Verständnis für Geld entwickelt. Vor allem für ihr Geld. Ihre Gespräche führten ins Leere. Irgendwann gab er ihr kaum noch Antworten auf die vielen Fragen. Max, den sie geliebt, dem sie vertraut hatte.
Die Bank setzte die Zwangsversteigerung an. Marie musste froh sein, dass sich schon beim ersten Termin ein Käufer fand. Der Prenzlauer Berg war beliebt. Wie gern hatte sie in dem Altbau gewohnt, dessen vier Zimmer samt Küche und zwei Bädern sie sogar selbst renoviert hatte. Die Wohnung lag im dritten Stock, und der Blick vom Balkon ging über die Hufelandstraße hinaus. Und dieses Glück sollte nun vorbei sein.
Erst, als Max seine Möbel und Bilder abholen ließ, hatte sie es verstanden. »Kein Gezeter, das habe ich einmal gekauft und bezahlt.«
Na klar, aber von ihrem Geld. Sie wehrte sich mit Argumenten, mit Vorwürfen. Es war zwar gefühlsmäßig alles ›gemeinsam‹ gewesen, so wie sie eben ein Paar waren. Gewesen waren. Dann rechnete auch sie die Dinge auseinander. Während Stundenarbeiter schleppten, stand Max vor ihr und sah ihr tief in die Augen. Was sollte das? Sie konnte nur die immer so blöde Frage hervorwürgen: »Gibt es eine andere?«
Eine Haarsträhne fiel ihm dabei über die Stirn, das stand ihm gut, und es hatte Marie in den Händen gezuckt, sie zu berühren.
Er blickte woanders hin, sagte eher beiläufig: »Ich lagere die Sachen ein, nicht, dass die auch noch unter den Hammer kommen.«
»Was zum Teufel, hast du mit dem ganzen Geld gemacht? Und warum hast du das getan? Ich verstehe es nicht. Ich hätte nie...




