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E-Book

E-Book, Deutsch, 456 Seiten

Deuschle Traumkreuze


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7427-6125-5
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 456 Seiten

ISBN: 978-3-7427-6125-5
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Einer internationalen Gruppe von elf Wissenschaftlern wird 1984 in Brasilien von 'Predigern' der Bruderschaft 'Orbinat' ein Phänomen vorgestellt. In einem ehemaligen, sehr abgeschieden gelegenen Kloster leben Menschen, die aus allen Teilen der Welt stammen und eine besondere Begabung besitzen. Sie empfangen nachts Erlebnisse fremder Menschen und verarbeiten diese im eigenen Gehirn, geradeso, als ob sie selbst diese Personen wären. Es sind unglaublich glückliche Sinneswahrnehmungen und die Probanden sind süchtig nach diesen Erlebnissen. Schnell erstellen die Wissenschaftler die Theorie, dass vermutlich sämtliche Gehirnaktivitäten aller Menschen versendet und irgendwo gespeichert werden. Die nahe liegende Vermutung, dass die gespeicherten 'Daten' auch von irgendjemand oder irgendetwas abgerufen werden könnten, macht den Wissenschaftlern große Angst. Auch etwas anderes bereitet ihnen Sorgen, denn leider gibt es daneben zahllose Fremderlebnisse, die einen bösen Charakter haben, etwa die eines Vergewaltigers. Jedoch werden auch diese im Moment des Empfangs von den Probanden als sehr glücklich empfunden. Den Predigern ist dieses Phänomen bereits seit Jahrzehnten bekannt. Noch behandeln sie dieses Wissen als streng gehütetes Geheimnis. Die Befürchtung, dass diese Erkenntnis eine Massenhysterie und unzählbare Suizide auf der ganzen Welt hervorrufen könnte, hält die Prediger davon ab, an die Öffentlichkeit zu gehen. Zwei der Wissenschaftler erschießen sich tatsächlich nach der Sicherung der Erkenntnisse in der Waffenkammer des Klosters. Die Prediger wissen es danach zu verhindern, dass über die weiteren eingeladenen Wissenschaftler etwas in die Öffentlichkeit gelangt. Kit und Alec lernen sich 25 Jahre später in Deutschland durch widrige Umstände kennen. Kit, die Hure, wird von Alec aus den Fängen eines Entführers befreit. Beide, Alec und Kit, teilen ebenfalls die Veranlagung, Fremderlebnisse empfangen zu können.

Thomas Deuschle, 1955 in Reutlingen geboren, ist Marketing-Berater und betreibt eine Werbeagentur ebenda. Er ist Autor der erfolgreichen Buchreihe 'So war's ...in Reutlingen' (erschienen sind bisher die 1940er-, 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahre im Verlag Oertel+Spörer in Reutlingen). Im Verlag terra magica in Luzern und im Schöning Verlag in Bremen erschienen etliche Bildbände aus seiner Feder. Für Fachzeitschriften beschreibt er Reisemobil-Touren in ganz Europa. thomas-deuschle.eu
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Autoren/Hrsg.


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Rom – Brasilien


Vinzenz stand wie angekündigt und empfing Hermann in der Ankunftshalle des Airports in Rom. Nach einer freundlichen Begrüßung führte er ihn in die VIP-Lounge der Alitalia. „Hier ist der Treffpunkt“, sagte Vinzenz, „von dem aus es dann gemeinsam weitergeht.“ Und tatsächlich fanden sich nach und nach elf Wissenschaftler aus aller Welt ein. Alle wurden von Vinzenz an der Ankunft abgeholt und in die Lounge geleitet. Es lernten sich in den nächsten Stunden die interessantesten Menschen kennen. Keiner suchte nach einem Grund für die unorthodoxe Vorgehensweise. Alle waren von der hochkarätigen Zusammensetzung hellauf begeistert. Teilweise hatten sie auch schon voneinander gehört. Einige kannten sich aus der Vergangenheit von internationalen Kongressen her.

Willkommen in Rom, sehr geehrte Herren!“, begann Vinzenz in dem modernen Konferenzraum, der sich im VIP-Bereich befand. Er sprach in bestem Englisch, der Sprache, die wohl jeder Wissenschaftler der Welt zu verstehen in der Lage ist. „Vermutlich werden bereits diese Minuten in die Geschichte eingehen.“ Die Wissenschaftler horchten auf. Endlich gab es mehr Informationen, so hofften sie alle.

Wir werden gemeinsam weiterfliegen“, sprach Vinzenz in bestimmendem Tonfall weiter. „Hier in Rom ist lediglich der Sammelpunkt. In etwa einer halben Stunde besteigen wir eine Sondermaschine nach Brasilien. Dort werden Sie erwartet und in ein Phänomen eingeführt, das in der Welt viel verändern wird. Weiteres darf ich Ihnen jetzt und hier leider nicht sagen.“

Gibt es denn nicht wenigstens ein bisschen mehr Informationen?“ Hermanns Frage klang holprig und hilflos. In allen Gesichtern stand jedoch dieselbe Frage.

Es tut mir aufrichtig leid, aber alles, was ich Ihnen mitteilen könnte, wäre der gewaltigen Dimension der Sache nicht würdig. Warum, glauben Sie, betreiben wir diesen enormen Aufwand?“

Vinzenz schaute in jedes Antlitz, bevor er weitersprach:

Jeder von Ihnen kann sich sofort ausklinken, wenn ihm die ganze Sache als zu abenteuerlich erscheint. Es gibt diese Chance aber auch noch in Brasilien, nachdem Sie mehr Informationen erhalten haben. Nur noch so viel – der Nachweis, dass es exterrestrisches Leben gibt, könnte nicht spektakulärer sein.“ In einer Art stiller Zustimmung begannen viele der Wissenschaftler zu nicken. Jeder Einzelne hatte einen sehr geregelten Alltagsablauf, berufliche Highlights waren selten geworden und die Forscherseelen freuten sich auf die geheimnisvolle Herausforderung.

Vinzenz sagte lächelnd: „Sie alle hatten bereits eine anstrengende Anreise bis hierher. Um Ihnen die Weiterreise angenehmer zu gestalten, bieten wir Ihnen ein bewährtes Mittel an, das Ihnen dabei hilft. Sehr wirksam, dennoch unbedenklich. Machen Sie Gebrauch davon.“

Einer der Teilnehmer, ein Medizinprofessor aus Budapest, bestätigte wohlwollend den Sinn und die Wirkungsweise dieser „Happy Pills“ und so wurden sie tatsächlich kollektiv eingenommen. Die meisten der Wissenschaftler schliefen dann den Transatlantikflug durch. Selbst bei dem Tankstopp in Casablanca öffnete kaum einer die Augen. Auf dem Aeroporto Rio de Janeiro wechselten sie zu Fuß die Maschine. Im Gänsemarsch verließen sie mit weichen Schritten die 707 und stiegen in eine 737, die nur wenige Meter entfernt stand. Auch nach dem Weiterflug nach Porto Velho sahen sie kein Abfertigungsgebäude. Raus aus der 737, rein in die bereitstehende Bell UH 1B. Dieser Militärhubschrauber war zwar nur für neun Personen zugelassen, es passten dennoch alle elf Männer hinein. Der Fülligste unter ihnen, ein Theologieprofessor, nahm auf dem Sitz des zweiten Piloten Platz. Zwei Stunden später landete die Bell im Areal eines Klosters. Die Passagiere sahen während des Fluges nur Grün, soweit das Auge reichte.

Völlig verschwitzt verließen sie den Helikopter und hofften auf eine Dusche. Manche von ihnen, unter anderem Hermann, hatten mehr als zwei Tage in denselben Kleidern verbracht.

Ich habe fast vergessen, wie die Spezies Mensch riechen kann“, meinte einer lakonisch. Erleichtertes Lachen um ihn herum. Die Männer waren über alle Maßen erschöpft, aber dennoch glücklich, endlich am Ziel zu sein.

Ihr Gepäck wird in den nächsten Stunden hier eintreffen“, empfing sie ein schwarz gekleideter Prediger überaus freundlich. Auch er trug, hier im fernen Südamerika, das Emblem des Orbinats. „Jeder von Ihnen erhält eine Zelle, bitte verzeihen Sie diesen Terminus. Bitte haben Sie auch dafür Verständnis, dass die Türen nicht abzuschließen sind, es gibt in der gesamten Klosteranlage nur einen einzigen Schlüssel. Den für die Hauptpforte.- Wir haben Ihnen bequeme Trainingsanzüge bereitgelegt“, fuhr der Schwarzgekleidete fort. „Sie finden sie in allen Größen in den Umkleidekabinen neben den Duschräumen. Auch für die Körperpflege steht alles bereit. Wir werden uns heute Abend nach dem Nachtmahl in der Kapelle zusammenfinden, um den Ablauf des Projektes zu besprechen. In Ihren Zellen finden Sie derweil Obst, Gebäck und Getränke. Bitte stellen Sie alle Ihre Uhren auf Ortszeit: 02:37 p.m.“

Wie sich schon in der VIP-Lounge der Alitalia in Rom in ersten Gesprächen der Wissenschaftler untereinander herausgestellt hatte, waren auch einige Männer angesprochen worden, die sich mit Dingen beschäftigen, die irgendwie mit dem Tod zu tun haben oder mit der Phase nach dem Tod. So etwa Professor Dr. Ernesto Ferreira aus Lissabon. Er hat eine interessante Studie veröffentlicht: In der Sekunde ihres Todes verlieren Menschen unvermittelt bis zu sechs Gramm an Gewicht. Mittels einer höchst komplizierten Wiegemethode wies er dies eindeutig nach. Eine Erklärung für den spontanen Gewichtsverlust in der Sekunde des Todes liefern seine Ausarbeitungen allerdings nicht. Es gab daraufhin jedoch eine durchaus nachvollziehbare Reaktion aus allen Ecken der gläubigen Welt, und hier waren auch Moslems und Hindi dabei. Diese Tatsache sei der eindeutige Beweis für die Existenz der Seele. Alle Lager nahmen diese Erkenntnis äußerst dankbar entgegen. Ferreira selbst hielt sich jedoch tapfer mit Interpretationen zurück. Auch hier, im tiefen Brasilien, ließ er sich nicht auf Spekulationen ein.

Bruder Vinzenz hatte im Laufe der vergangenen Wochen sämtliche Teilnehmer für dieses Projekt akquiriert, wie sich in Gesprächen zeigte. Stets war er nach demselben Schema vorgegangen. Ganz so verschlossen wie bei Hermann hatte sich Vinzenz bei dem einen oder anderen der zukünftigen Forschergruppe jedoch nicht gezeigt. Einige wussten daher bereits etwas mehr über das Projekt. Vermutlich hätten diese konsequent die Teilnahme verweigert, wenn nicht mehr Informationen im Vorfeld geflossen wären. Jenen hatte Vinzenz dann wohl ansatzweise den fantastischen Grund erklärt. Es ginge um Erlebnisberichte verschiedener Menschen, welche glaubwürdig Nahtoderfahrung darstellen würden. Tatsächlich, dies musste sich Hermann eingestehen, hätte er sich gerade nicht bereit erklärt teilzunehmen, wenn dies als Thema genannt worden wäre. Zu Nahtoderlebnissen hatte er nicht den geringsten Bezug. Hermann war im Nachhinein verwundert, wie einfach Vinzenz es mit ihm gehabt hatte. Dieser Prediger konnte offenbar in Sekundenbruchteilen seine Mitmenschen einordnen. Sofort wusste er, wie viele Informationen gegeben werden müssen - oder wie viele eben nicht -, damit sein Ansprechpartner „Ja“ sagte. Nun fragte sich Hermann ernsthaft, warum er hier war, harrte aber gespannt der Dinge, die da folgen sollen. Wie alle anderen Teilnehmer ebenfalls. Keiner sorgte sich, denn es waren so bekannte Wissenschaftler dabei, dass bei keinem Argwohn aufkam. Nur pure Spannung.

Am Abend erfuhren sie mehr. Die Kapelle der Klosteranlage bot ausreichend Platz für alle Männer der Gruppe. In der vordersten Reihe saßen mehrere schwarz gekleidete Prediger, die sich dadurch alle irgendwie ähnlich waren. Wie Mönche sahen sie allerdings nicht aus, und später wurde auch über das Kloster, das so weit vom Schuss lag, aufgeklärt. Es war gar kein aktives Kloster mehr. Als Zisterzienserkloster gegründet, zog der Orden nach einem Raubüberfall alle Mönche ab. Es hatte zwar kein Gemetzel gegeben, alles ging schnell, aber keiner der Mönche wollte mehr dort verbleiben. So entschloss sich die katholische Kirche, hier offiziell eine Art Seminarkloster einzurichten. Sie nannten es Predigerseminar. Angehende Pastoren konnten sich in Rhetorik, Psychologie und Gesang üben. Offiziell! Tatsächlich ist es aber ein Ort, um Untersuchungen an einem Phänomen zu betreiben. In Abgeschiedenheit. Hermann fiel nun auf, dass es in der Kapelle keine einzige christliche Abbildung gab. Kein Kreuz, keinen Jesus, keine Mutter Maria – nicht einmal irgendeinen Heiligen – nichts. Er machte sich aber keine weiteren Gedanken darüber und auch nicht darüber, dass die Prediger absolut nichts Klerikales an sich hatten. Gekleidet in ihre schwarzen Anzüge, wirkten sie eher wie eine Bruderschaft, den Freimaurern nicht unähnlich. Auch die Rhetorik der Prediger war eher weltlich. Fast war er darüber erleichtert. Zum Glauben hatte er stets ein gespanntes Verhältnis gehabt.

Ein älterer, bereits weißhaariger Prediger löste sich sehr sportlich und geschmeidig aus seinem Stuhl. In feinstem Amerikanisch-Englisch begann er mit seiner Begrüßungsrede:

Herzlich willkommen, meine sehr geehrten Herren, im brasilianischen Dschungel. Mein Name ist Bruder Paul, Familiennamen gibt es...



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