Dever / Grant Legends of Lone Wolf 01 - Vermächtnis der Kai
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-945493-14-4
Verlag: Mantikore-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 340 Seiten
Reihe: Legends of Lone Wolf
ISBN: 978-3-945493-14-4
Verlag: Mantikore-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Joe Dever geboren 1956 in England, ist ein bekannter Fantasyautor, der vor allem durch seine Spielbuchreihe EINSAMER WOLF international bekannt wurde. Er war zunächst in der Musikbranche tätig, jedoch seit frühester Jugend ein großer Fan der Fantasy. Er gewann 1982 als erster Brite die Advanced Dungeon & Dragons Championships in den USA. Er hat die Fantasywelt Magnamund als Schauplatz für seine Dungeons-&-Dragons-Kampagnen entworfen. Nachdem er eine Zeitlang für das britische Magazin White Dwarf gearbeitet hat, veröffentlichte er 1984 das erste Buch der Spielbuch-Reihe Einsamer Wolf, die Bücher dieser Reihe haben sich seither weltweit über 10 Millionen Mal verkauft. Seit einigen Jahren erfreute sich die Reihe besonders in Deutschland, Frankreich, Italien und den englischsprachigen Ländern wieder großer Beliebtheit, sodass sie in diesen Ländern neu aufgelegt wurde. Das Genre des 'FANTASY-SPIELBUCH' wurde dadurch neu belebt und erhält seither eine immer größer werdende Fangemeinde. +++ Auszeichnungen +++ RPC Award 1. Platz Kategorie Pen&Paper für EINSAMER WOLF FlUCHT AUS DEM DUNKEL RPC Jury Award für EINSAMER WOLF MEHRSPIELERBUCH FANTASY ROLLENSPIEL
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1
Das Wort klang in der uralten Halle wider. Seine Echos verloren sich inmitten der vermummten Häupter.
„Narr!“
Der Gildenmeister wich nicht zurück. Mit seinem weißen Haar und weißen Bart saß er gelassen auf seinem vergoldeten Thron und blickte Vonotar mit seinen ruhigen blauen Augen an.
Die Ruhe, mit welcher der Angesprochene auf seinen Ausbruch reagierte, erzürnte den hin und her schreitenden Magier. „Inkompetent!” schrie er in die Höhe, als würde er die Decke der Halle meinen. „Alter Schwachkopf!” rief er in Richtung eines Lagers von schimmligen Bannern.
Der Gildenmeister regte sich auf seinem Thron. Als er endlich das Wort ergriff, spürte man seinen Widerwillen. „Vonotar”, sagte er mit eingerosteter Stimme. „Wir hatten diesen Streit schon viele Male zuvor. Die Bruderschaft des Kristallsterns hat sich der Magie des Linken Pfads verschrieben, um die edlen Götter Kai und Ishir dabei zu unterstützen …”
Vonotar spuckte auf den Boden. Er war ein großer, gutaussehender Mann mit einem ordentlich gestutzten Bart und einer stolzen Adlernase. Seine grauen Augen flackerten zornig.
„Du bringst nur immer wieder den gleichen Unsinn hervor, du zitternder alter Gimpel“, blaffte er. „Unsere Bruderschaft wurde nicht aus hohen und erhabenen Idealen gegründet, sondern nur mit einem einzigen Zweck: zu erlangen! Du und deine Vorgänger haben uns von diesem wahren Pfad abgebracht. Und was sind wir nun?“
Er machte eine ausladende, eindrucksvolle Geste mit dem Arm, um auf die Versammlung der Ahnen der Bruderschaft zu deuten, die in betroffener Stille lauschten. Selbst der Gildenmeister musste im Stillen zugeben, dass sie keine allzu attraktive Versammlung waren: Männer wie Frauen zeigten deutlich sichtbare Zeichen des hohen Alters und des geistigen Verfalls.
Ehe der Gildenmeister antworten konnte, erhob Vonotar wieder das Wort. Seine Stimme war scharf wie das Schwert eines Giaks. „Ja, ich weiß, was du denkst, Gildenmeister. Diese Ansammlung von Antiquitäten … was sind sie? Diese Leute sind nur in den Rat der Bruderschaft aufgestiegen, weil sie sind. Niemals haben sie etwas hinterfragt. Niemals haben sie versucht, auch nur vorzuschlagen, dass die Rolle unserer Bruderschaft werden sollte. Sie sind … sie sind … ein altes !”
Die Halle von Torans Magiergilde war still. Durch ein Buntglasfenster schien ein Strahl roten Sonnenlichts, in dem Partikel aus glitzerndem Staub schwebten. Für einige Augenblicke waren diese das einzige, was sich bewegte, als Vonotar, der Gildenmeister und die Ahnen wie die Ölgötzen erstarrten. Vonotars Arme waren ausgestreckt. Sein einer Zeigefinger deutete anklagend auf den Gildenmeister, der andere auf die niedrige Galerie, auf der die zwölf Ahnen saßen, die Münder geöffnet in verschiedenen Ausdrücken des Entsetzens und der Kränkung. Die verblichenen Flaggen der Bruderschaft des Kristallsterns, verkrustet mit Schichten aus Staub, die Jahrhunderte alt waren, hingen bewegungslos in der klammen Luft.
Die Stille wurde von einem kleinen, grauen Kätzchen unterbrochen. Es tollte in die Halle, sprang mit einigen Schwierigkeiten die drei Stufen zum Throne des Gildenmeisters empor und begann sich genüsslich an seinem Bein zu reiben.
Einer der Ahnen lachte glucksend, und das brach den Bann.
Vonotar schien zu wachsen. Er war immer ein großer Mann, doch jetzt erschien er doppelt so groß. Seine breite Brust drückte sich gegen das Tuch seiner mit Sternen verzierten blauen Robe.
„Du!” brüllte er und deutete auf den Ahnen. „Du glaubst, dass es einen Grund für Gelächter gibt? Ich habe den Pfad der Rechten Hand studiert und weiß, dass es unser einziger Weg zur Macht ist!”
Er bewegte seinen rechten Arm und deutete auf das Kätzchen, welches gerade den ausgestreckten Fuß des Gildenmeisters leckte.
„Könnt ihr mit dem Pfad der Linken Hand?” flüsterte Vonotar.
Eine Flamme zuckte von seinen ausgestreckten Fingern zu dem Kätzchen.
Das kleine Tierchen zerfiel augenblicklich zu Asche.
Der Magier wandte sich wieder den Ahnen zu. „Seid gewarnt”, sagte er. „Ich könnte das mit jedem von euch machen. Die Magie des Pfades der Rechten Hand ist weitaus mächtiger als die der Linken. Sie kann verwendet werden um zu töten, nicht nur um zu heilen. Wenn unsere Bruderschaft die Macht erlangen soll, die sie verdient – die sie – müssen wir bereit sein, den Pfad der Rechten Hand zu studieren!”
Der Gildenmeister blickte Vonotar mit einstudierter Unbestimmtheit an.
„Ein Kätzchen zu töten ist ein kindischer Trick, der deiner nicht wert ist, Vonotar”, sagte er mit sanfter Stimme. „Vielleicht könntest du den Pfad der Rechten Hand verwenden, um das Kätzchen zum Leben zu erwecken?”
Der Rebell verschränkte die Arme und starrte den weißhaarigen Gildenmeister streitlustig an.
Erneut wurde es still.
Der Gildenmeister war vor vielen langen Jahren ernannt worden, und dies nicht nur aufgrund seines magischen Könnens, sondern auch wegen seines perfekten Sinns für dramatische, wirkungsvolle Auftritte. Nachdem er den Augenblick lange genug währen hatte lassen, lächelte er Vonotar an wie ein Vater sein Kind. Dann lehnte er sich nach vorne und berührte den kleinen Aschehaufen zu seinen Füßen. Die Asche regte sich und war im nächsten Augenblick wieder ein kleines, graues Kätzchen. Das Kätzchen kletterte die Robe des Gildenmeisters empor und setzte sich in seinen Schoß, wo es sich niederließ und erstaunlich laut zu schnurren begann.
„Du musst wissen“, sagte der Gildenmeister. „Unsere Bruderschaft dreht sich nicht nur um Macht an sich, es geht um die Macht, diese Welt – ganz Magnamund – vor den Mächten des Bösen zu beschützen. Wir lehnen den Pfad der Rechten Hand bewusst ab. Zwar mögen die Weisen ihn ohne Folgen verwenden können, doch die Narren verfallen dem Banne Naars, des Königs der Dunkelheit.“
„Naar!“ rief Vonotar. „Du sagst, dass Naar die Verkörperung alles Bösen ist, aber mit welchem Beweis? Weißt du denn sicher, dass er überhaupt existiert?“
„Ja“, sagte der Gildenmeister leise. Er setzte das Kätzchen vorsichtig auf den Boden. „Selbst in diesem Augenblick sammeln die Schwarzen Lords, seine Schergen, ihre Truppen in Kaag. Ihr Plan ist es, ihre Armee nach Osten über das Schroffsteingebirge zu führen und Sommerlund zu erobern. Unser Land wird Fackel und Schwert zum Opfer fallen, unser Volk wird gefoltert oder ermordet oder versklavt werden. Wenn du dich entscheidest, weiter dem Pfad der Rechten Hand zu folgen, dann wirst du dazu beitragen – indirekt, ohne Frage, dazu beitragen nichtsdestotrotz – dass all dies Wahrheit wird.“
Vonotar spuckte erneut aus. Dieses Mal blickte der Gildenmeister eindringlich auf die Stelle, wo der Speichel gelandet war. Seine alte Stirn warf noch mehr Falten, als er sich konzentrierte. Das Sonnenlicht in der Halle flackerte.
Wo die glänzend weiße Spucke gewesen war, da war nun eine kleine gelbe Rose erblüht.
„Das Böse“, sagte der Gildenmeister, „kann in Gutes verwandelt werden, aber nur nach einem langen und schwierigen Kampf. Das Gute in Böses zu verwandeln ist weit einfacher.“
Er wedelte gelassen mit seinem Finger, und die blühende Rose war wieder nur ein Klecks Spucke.
„Bis du dazu imstande, Vonotar“, sagte der Gildenmeister, „das Mal deines Hasses und Giftes wieder in eine Blüte zu verwandeln?“
Der Rebell blickte die Versammlung von Ahnen an und grinste höhnisch. „Der Pfad der Rechten Hand erlaubt uns alles zu tun – !“ verkündete er wichtigtuerisch. Aus einer Tasche seiner Robe zog er einen kurzen gegabelten Stab, mit dem er auf den Fliesenboden deutete, dorthin, wo der Speichel lag. Sein ganzer Körper verspannte sich, als er die volle Macht seines magischen Wissens in den Stab lenkte. Karmesinrote Funken umtanzten seinen Körper und die Luft wurde dick.
„Versuch es nur, Vonotar“, sagte der Gildenmeister leise.
„Verdammt sollst du sein“, murmelte der Rebell. Die Adern seines Gesichts zeichneten sich deutlich ab, während er sich anstrengte, die letzten Reserven seiner Macht der Rechten Hand anzurufen.
Es ertönte ein lautes Knacken, als sei einer der großen Steine der Mauern plötzlich geborsten.
Vonotar brach ob der plötzlichen Entladung fast in sich zusammen.
Auf dem Boden saß nun eine winzige Kreatur. Sie war nicht länger als ein Finger und kauerte gedrungen auf den Steinen. Sie zog ihre graugrünen Lippen...




