Diallo | Zwei Sekunden brennende Luft | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Diallo Zwei Sekunden brennende Luft


Deutsche Erstausgabe
ISBN: 978-3-86241-641-7
Verlag: Assoziation A
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-86241-641-7
Verlag: Assoziation A
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Banlieue von Paris. Hochhäuser, eine Betonplatte. Astor, seine Freunde Chérif, Issa, Demba, Nil und die anderen verbringen hier den größten Teil ihrer Zeit. Sie kennen sich schon ewig, teilen alles miteinander, von kleinen Abenteuern über große Grillpartys bis hin zu den täglichen Schikanen der Polizei, die sie misstrauisch beäugt, kontrolliert, festnimmt und immer wieder massiv angreift. Ein Tag im Juli, die Luft steht vor Hitze. Am Abend hängen die einen noch auf der Betonplatte ab, während die anderen schon feiern. Ein klassischer Sommerabend, bevor plötzlich die Luft vernebelt wird, die Geräusche verschwimmen, Augen brennen und Tränen fließen. Ein wahres Chaos. Es kommt, wie es kommen musste: Festnahmen, Polizeigewahrsam. Und Samy, einer von ihnen, wird von der Polizei erschossen. Ein Tropfen, ein Ozean - zu viel.

Diaty Diallo wurde 1989 in Versailles geboren und wuchs in den Vorstädten von Paris auf, wo sie heute noch lebt. Seit ihrer Jugend widmet sie sich verschiedenen Formen des Schreibens: vom täglichen Führen eines Blogs mit 15 Jahren, über die Erstellung von Fanzines und der Komposition Dutzender Lieder bis hin zum Schreiben von Büchern. »Zwei Sekunden brennende Luft« ist ihr Debütroman. In ihm thematisiert sie den allgegenwärtigen Rassismus, Polizeigewalt und Ausgrenzung in den französischen Metropolen, deren öffentlicher Raum von Überwachungsvorrichtungen und Polizeistreifen geprägt wird.
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16. Juli, Abend, unter dem Platz.

Hinter einem endlosen Zaun dehnt sich eine Brache, eine zukünftige Siedlung, bewohnt von jungen Trieben, Büschen und Hecken, deren Tage gezählt sind. Diese Brache, das Abenteuerterrain unsrer Kindheit. Mit dem Fuß vergrößre ich das Loch im Zaun, dann schlängle ich meinen großen Körper durch, erwachsen seit wenigen Sommern. Schon einige Meter über dem Treffpunkt bebt der Boden. Die Zweige und Blätter verschiedener Arten, die im Dunkeln nicht zu unterscheiden sind, zittern im Rhythmus des unterirdischen Pulsschlags. Ich lass mich von meinen Ohren leiten und bahn mir einen Weg zwischen den Steinen, Dosen und buckeligen Sandhügeln. Ich seh den Eingang.

Ein Rand aus Beton umrahmt eine vom Rost zerfressene Metalltür. Sie klappert im leichten Wind. Öffnet und schließt sich vor dem Einstieg in einen Schacht. Ich schau hinein und horche, bevor ich mich runterlasse. Ich weiß, da ist eine Treppe. Ich erahne Housebässe. Ich stell mir feuchte Nacken vor, von Dezibel übertönten Jubel, Tänzer, Tänzerinnen, die sich plötzlich und unerwartet auf einem Dancefloor gegenüberstehen und zwischen Zurückhaltung und der Lust nach Berührung schwanken. Ich denk an lebhafte, verworrene Gespräche und Leute, die sich lautstark ihre Liebe gestehen, was sie sonst nicht tun würden.

Ich betrete das Parkdeck. Der typische Geruch von Orten ohne Sonne schlägt mir entgegen, aktiviert den Hippocampus in meinem Schädel und meine Kindheitserinnerungen. Wie ich mich einmal mit meinen älteren Geschwistern im Keller versteckt hab, ihnen wie ein Schatten gefolgt bin und mir den Ringfinger in der Feuertür eingeklemmt hab, die ihn für immer zwei Millimeter kürzer gemacht hat. Wie ich mein Rad in denselben dunklen Gängen anschließen wollte, schweißgebadet vor Angst, verfolgt zu werden. Dieser feuchte Geruch nach Erde ist auch der Geruch nach Partys unter Tage, wo Flüssiges niemals mit Geld beglichen wird. Der Geruch des Undergrounds. Eine Mischung aus Alkohol und Softdrinks aus Wasserflaschen. Der Qualm von billigen Zigaretten aus Spanien. Geteilte Getränke, vereinter Rausch, Musik aus Chicago. Wo jeder in seinem eignen Takt bebt und den Einschlägen der treibenden Bässe die Stirn bietet.

Das ist der Geruch von dem, was man uns lässt. Ein paar Meter Gehsteig, einige Bänke, ein Dreieck Wiese, etwas Totholz, über dem wir Fleisch grillen. Auch der kleinste Kofferraum kann ein Soundsystem werden.

Wir kommen klar. Wir lassen uns die Laune nicht verderben.

Aber unsre Freude wird nicht von allen geteilt. Es gibt Leute, die in uns nur den lärmenden Nachwuchs unsrer Vorfahren sehen, die wenigstens noch die Fresse gehalten haben. Es stimmt, wir reden laut, aber es ist nicht so, als ob wir jede Nacht schreiend unter irgendwelchen Fenstern sitzen. Wir wollen bloß, dass was los ist. Feuer machen, bisschen labern, um die langen oder auch kurzen Tage rumzukriegen, manchmal tanzen.

Nicht viel insgesamt.

Ich renn die Treppe runter. Meine Sohlen schlagen auf den Beton. Ich versuche gar nicht erst, leise zu sein. Das Geräusch meiner Schritte hallt zwischen den Wänden. Während ich tiefer unter die Erde komm, mischt sich ihr Echo in die Beats von weiter unten und löst sich in ihnen auf.

Ich erreiche das unterste Deck und zünd mir im Gehen eine Kippe an. Die Parkflächen sind leer und nur schwach beleuchtet. Ich atme dünne Schlangen Rauch aus, die oben an den Neonröhren zerfransen. Ich schick Samy eine Nachricht: Wo bleibst du Bruder? Vor der letzten Tür, durch die ich muss – eine schwere Schwingtür –, warte ich ein paar Sekunden, für den Fall, dass eine Antwort kommt.

Ich hasse es, allein auf Partys anzukommen. Ich hab immer Angst, dass ich die erste Person, die mir über den Weg läuft, zu gut kenne, um nicht zu grüßen, aber nicht gut genug, um mich zu freuen. In meiner Nähe ein paar Leute, die sich in der weniger stickigen Luft außerhalb der Halle abkühlen. Ich vermeide Blickkontakt, damit es nicht aussieht, als wär ich offen für Gespräche. Ich crushe die Dose, die ich auf dem Weg getrunken hab, atme durch und entscheide, mich dem Rest der Crowd anzuschließen.

Ich geh rein. Ich beobachte. Es braucht ein paar Minuten, bevor ich in dem Gedränge meinen Platz finde. Normalerweise ist es leer hier, und wir kommen her, um uns vor den Blicken von Unbekannten zu schützen, die sich von uns gestört fühlen, und vor den Anzeigen, mit denen wir zugespamt werden, aber heute Abend existieren verschiedene Universen, verschiedene Styles nebeneinander: Leute bewegen ihre Arme und Beine in alle Richtungen, tanzen halt, andere Leute hocken auf großen Sitzsäcken und über ihnen noch mehr Leute, die in Hängematten über den Köpfen der anderen schaukeln. Alle krähen in die Bässe, erregtes Kopfnicken, den Takt trommelnde Füße.

In den Taschen meiner Hose und meiner Jacke haben vier Dosen Bier Platz gefunden. Ich nehm eine, mach sie auf und trink einen Schluck. Die Kohlensäure kribbelt auf meiner Zunge. Nur wenige der Songs, die aus den Boxen dröhnen, sind bekannt, aber fast alle tanzen. Voll schön. Wie ein Dialog ohne Worte, Lippen, die sich stumm bewegen, Hände, die die Musik wiedergeben. Man hört weder das Lachen noch den Anlass dazu. Leute küssen sich sanft, außer Atem, Handfläche an Handfläche, Körper aneinandergeschmiegt. Lippen geöffnet in der Kuhle eines Schlüsselbeins. Arrhythmische Herzen, zu zweit, zu dritt. Die undisziplinierte Sprache der Zärtlichkeit.

Ich geh rüber, wo man chillt, Gruppen sich unter Drogeneinfluss unterhalten und hinter einem breiten, rechteckigen Betonpfeiler friedlich Dosen getrunken werden.

Zwischen den Leuten, die an der Wand lehnen, fällt mir eine süße Chaya auf. Ich geh näher ran, um die Lage zu checken. Sie und ihre Freundinnen reden über die feuchte Luft auf dem Dancefloor und wie da die Haare sinnlos frizzen. Das nächste Mal komm ich mit Kopftuch oder ich flechte, solche Sachen sagen sie und machen dazu die passenden Gesten mit den Händen. Die mir aufgefallen ist, heißt Aïssa. Ein Dreieck hellbrauner dicht gekrauster Haare rahmt ihr Gesicht. Ihre Freundinnen tragen Bob mit kurzem Pony, hohe Pferdeschwänze, blaue Braids. Aïssa bemerkt, dass ich sie anschaue und fragt, ob ich einen Haarschnitt brauch. Wenn du die Ohren so aufsperrst, willst du doch was, oder nicht, sagt sie. Sie ist sehr schön.

Extrem schön.

So schön, dass ich trippe: Um mich herum wird das Licht gedimmt, der Rhythmus der Musik wird langsamer und geht in eine Klavierballade über, eine hohe, verzweifelte Stimme schüttet ihr Herz aus. Call me friend but keep me closer and I’ll call you when the party is over.

Ich dreh mir eine Zigarette und mach einen auf gedankenverloren. Einen Haarschnitt? Ja, sag ich. Kannst du alles? So Topfschnitt, glaubst du steht mir? frag ich. Aïssa antwortet, sie würde bei meinen Haaren eher an der Seite was reinrasieren, wie als wir klein waren. Sie macht sich lustig, aber in nett. Bin dabei, antworte ich und trau mich nicht hinterherzuschieben, wenn du es machst, also biet ich ihr ein Bier an. Sie antwortet gern und fragt, ob ich hier Leute treffe. Ich sag, dass ich auf den kleinen Bruder von meinem besten Freund warte, der jeden Moment da sein müsste.

Aïssas Freundinnen sind tanzen gegangen. Mit den Händen auf Kopfhöhe deuten sie weiter alle möglichen Frisuren an. Willst du nicht zu ihnen? frag ich. Nee, ich bleib bei dir, sagt Aïssa. Du bist ganz allein, am Ende wirst du noch gefressen, die Leute hier haben Appetit auf sensible Jungs. Ich sag, ich bin nicht sensibel. Sie antwortet, klar bist du sensibel, und fragt, wie ich heiße.

Astor heiß ich.

Astor, wiederholt Aïssa.

Die Jungs nennen mich manchmal Astro. Aber seltsamerweise nie Castor. »Na Astro, wie stehen die Sterne heute? Lass gut sein, ich hol mir bloß ein Rubbellos«, den Spruch krieg ich zu hören, wenn ich auf dem Weg zur Metro am Kiosk vorbeigeh. Manchmal mach ich einen Umweg, weil ich keinen Bock hab, mir die heiseren Stimmen der Alten anzuhören, die sich schon morgens volllaufen lassen.

So was in der Art erzähl ich Aïssa, vielleicht damit sie lacht. Ich frag sie, ob sie auch eine verrückte Geschichte zu ihrem Vornamen hat. Überhaupt nicht, antwortet sie. Ich glaub, ich sollte Aïcha heißen, aber meine Mutter meinte, no way, weil das Lied in Dauerschleife im Fernsehen lief. Ist doch nice das Lied, sag ich. Definitiv, aber du weißt, wie die Leute sind, sagt sie, die hätten das verknüpft, sobald sie meinen Namen hören. Hast du recht, sag ich und frag, wo sie wohnt. Ist meine Hood hier, sagt sie und zieht die Augenbrauen hoch, als würde sie fragen, wo sonst. Gleich hinterm Platz, in Richtung Park, wo es runtergeht. Same, sag ich, meine Eltern wohnen im Block neben der Post. Wir haben was gemeinsam, cool, aber dann...


Diaty Diallo wurde 1989 in Versailles geboren und wuchs in den Vorstädten von Paris auf, wo sie heute noch lebt. Seit ihrer Jugend widmet sie sich verschiedenen Formen des Schreibens: vom täglichen Führen eines Blogs mit 15 Jahren, über die Erstellung von Fanzines und der Komposition Dutzender Lieder bis hin zum Schreiben von Büchern. »Zwei Sekunden brennende Luft« ist ihr Debütroman. In ihm thematisiert sie den allgegenwärtigen Rassismus, Polizeigewalt und Ausgrenzung in den französischen Metropolen, deren öffentlicher Raum von Überwachungsvorrichtungen und Polizeistreifen geprägt wird.



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