Diaz | In der Ferne | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Diaz In der Ferne


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-446-27012-1
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-446-27012-1
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Hernan Diaz' tiefpoetischer Western-Roman ist 'eine Abenteuergeschichte und Meditation über die Bedeutung von Zuhause.' The Times Der Hawk ist eine Legende im Kalifornien des Goldrausches: Riesenhaft soll er sein, furchtlos, wild. Doch hinter dem Mythos steht die Geschichte von Håkan, der einst aus der schwedischen Heimat nach New York geschickt wurde, zusammen mit seinem großen Bruder, den er unterwegs verliert. Er landet in San Francisco, auf der falschen Seite des unbekannten Kontinents. Fest entschlossen, den Bruder zu finden, macht er sich zu Fuß auf den Weg, entgegen dem Strom der Glückssucher und Banditen, die nach Westen drängen, hin zum neuen gelobten Land. Noch ahnt Håkan nicht, dass er sein Leben lang unterwegs sein wird. Seine berührend schöne, meisterhaft erzählte Geschichte handelt von der Erfahrung radikaler Fremdheit und Einsamkeit, die entwurzelte Menschen zu allen Zeiten gemacht haben.

Hernan Diaz wurde 1973 in Argentinien geboren, wuchs in Schweden auf, studierte in Buenos Aires und London und lebt heute in New York. Sein Debütroman In der Ferne war 2018 für den Pulitzer-Preis und den PEN/Faulkner Award nominiert. Für Treue, seinen zweiten Roman, erhielt Hernan Diaz 2023 den Pulitzer-Preis. Seine Romane wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
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Das Loch, ein schroffer Stern im Eis, war die einzige Unterbrechung der weißen Ebene, die mit dem weißen Himmel verfloss. Kein Wind, kein Leben, kein Geräusch.

Ein Händepaar kam aus dem Wasser und tastete nach den harten Kanten des Loches. Langsam kletterten die suchenden Finger an den hohen Innenwänden empor, die den Klippen eines Miniaturcañons glichen, bis sie schließlich zur Oberfläche fanden. Sie griffen über die Kante, hakten sich in den Schnee und zogen. Ein Kopf hob sich über das Eis. Der Schwimmer öffnete die Augen und sah voran in die einförmige, horizontlose Weite. Sein langes, weißes Haar und sein Bart waren von strohfarbenen Strähnen durchzogen. Nichts an ihm verriet Unruhe. Falls er keuchte, war sein Atemnebel vor dem farblosen Hintergrund unsichtbar. Er lehnte sich mit Ellbogen und Brust auf die dünne Schneedecke und wandte den Kopf.

Rund ein Dutzend zerschundene, bärtige Männer in Pelzen und Ölzeug sah ihm vom Deck eines Schoners zu, der einige hundert Fuß entfernt im Eis gefangen lag. Einer von ihnen brüllte etwas, was nur als Gemurmel zu ihm drang. Gelächter. Der Schwimmer blies sich einen Tropfen von der Nasenspitze. Gegen die üppige, klare Realität dieses Ausatmens (und des Schneeknirschens unter seinen Ellbogen und des Wasserplätscherns am Rand des Loches) wirkten die leisen Geräusche vom Schiff, als sickerten sie aus einem Traum. Er ignorierte die gedämpften Rufe der Besatzung, wandte sich, noch immer die Kante des Eises umklammernd, vom Schiff ab und schaute wieder in die weiße Leere. Seine Hände waren das einzige Lebendige in seinem Blickfeld.

Er stemmte sich aus dem Loch, nahm das Beil, mit dem er das Eis durchbrochen hatte, und hielt inne, blinzelte nackt vor dem hellen, sonnenlosen Himmel. Er sah aus wie ein alter, starker Christus.

Als er sich mit dem Handrücken über die Stirn gewischt hatte, bückte er sich und hob sein Gewehr auf. Erst jetzt offenbarte sich seine mächtige Statur, die die leere Weite verborgen hatte. Das Gewehr in seiner Hand schien nicht größer als ein Spielzeugkarabiner, und obwohl er es bei der Laufmündung hielt, berührte der Kolben nicht den Boden. Mit dem Gewehr als Maßstab entpuppte sich auch das Beil auf seiner Schulter als ausgewachsene Axt. Er war so groß, wie ein Mensch nur sein konnte.

Der nackte Mann starrte die Fußstapfen an, die er auf dem Weg zu seinem Eisbad hinterlassen hatte, und folgte ihnen zurück zum Schiff.

Eine Woche zuvor hatte der junge und unerfahrene Kapitän der Impeccable sie gegen den Rat des Großteils seiner Mannschaft und einiger selbstbewusster Passagiere in eine Meerenge gesteuert, wo ein Schneesturm und die darauf einsetzende strenge Kälte umhertreibende Eisschollen zementierten und das Schiff einschlossen. Da es Anfang April war und der Sturm das seit Wochen herrschende Tauwetter nur zeitweilig unterbrochen hatte, waren die schlimmsten Folgen der Situation eine strikte Rationierung der Vorräte, eine gelangweilte und gereizte Mannschaft, einige missmutige Goldgräber, ein zutiefst beunruhigter höherer Angestellter der San Francisco Cooling Company und der Ruin von Captain Whistlers Ruf. Sobald der Frühling das Schiff freigab, würde er zugleich dessen Auftrag aufs Spiel setzen — der Schoner sollte in Alaska Lachs und Felle laden und dann, gechartert von der Cooling Company, Eis für San Francisco, die Sandwichinseln und möglicherweise sogar China und Japan. Neben der Mannschaft waren die meisten Männer an Bord Goldgräber, die für die Überfahrt mit ihrer Arbeitskraft bezahlten. Sie sollten große Blöcke von Gletschern absprengen, sie zerkleinern und zum Schiff bringen, wo sie dann in den mit Heu ausgelegten Frachtraum geladen und leidlich mit Fellen und Planen isoliert werden würden. Die Fahrt nach Süden durch immer wärmere Gewässer würde die Ladung schrumpfen lassen. Jemand hatte darauf hingewiesen, wie kurios es sei, dass ein Eisschiff im Eis festsaß. Niemand hatte gelacht, und es war nicht wieder erwähnt worden.

Der nackte Schwimmer wäre noch größer gewesen, hätte er nicht solche O-Beine gehabt. Er trat nur mit dem Außenrand der Fußsohlen auf, als liefe er auf spitzen Steinen, ging nach vorn gebeugt, pendelte mit den Schultern, um das Gleichgewicht zu halten, und näherte sich langsam dem Schiff, das Gewehr auf dem Rücken und die Axt in der Hand. Mit drei behänden Bewegungen kletterte er den Rumpf hinauf, ergriff die Reling und sprang an Bord.

Die Männer, mittlerweile verstummt, sahen ihn nicht direkt an, starrten aber aus den Augenwinkeln, weil sie nicht anders konnten. Obwohl seine Decke dort lag, wo er sie ein paar Schritte entfernt zurückgelassen hatte, blieb er stehen und schaute über alle Köpfe und das Schanzkleid hinaus, als wäre er allein und als würde das Wasser auf seiner Haut nicht langsam gefrieren. Er war der einzige Weißhaarige auf dem Schiff. Sein abgemagerter, aber muskulöser Körper hatte einen Zustand seltsam robuster Auszehrung erreicht. Endlich wickelte er sich in seine schlichte Decke, die den Kopf mönchshaft bedeckte, ging zur Luke und verschwand unter Deck.

»Die nasse Ente ist also der Hawk, sagt ihr?«, spottete einer der Goldgräber, spuckte über Bord und lachte.

Als der große Schwimmer draußen auf dem Eis gewesen war, hatte es noch schallendes Gelächter gegeben, aber diesmal kam nur ein schwaches Rumoren. Nur wenige Männer feixten verlegen mit, während die Mehrheit so tat, als hätte sie den Goldgräber weder sprechen hören noch spucken sehen.

»Komm schon, Munro«, beschwor ihn einer seiner Gefährten und zog ihn sanft am Arm.

»Aber der watschelt ja sogar wie eine Ente«, beharrte Munro und schüttelte die Hand seines Freundes ab. »Quak, quak, lahme Ente! Quak, quak, lahme Ente!«, sang er und watschelte umher, den eigentümlichen Gang des Schwimmers nachahmend.

Jetzt kicherten nur noch zwei seiner Gefährten halblaut. Der Rest hielt sich so weit von dem Scherzbold entfernt wie möglich. Einige Goldgräber versammelten sich um das ersterbende Feuer, das ein paar Männer am Heck nicht so recht in Gang bekommen hatten — eigentlich hatte Captain Whistler Feuer an Bord untersagt, aber als klar wurde, dass sie eine Weile im Eis festsitzen würden, verlor der beschämte Skipper die Autorität, das Verbot durchzusetzen. Die älteren Männer gehörten einer Gruppe an, die zu den Minen zurückkehrte, die sie im September verlassen musste, als die Erde zu Stein wurde. Der jüngste und einzige bartlose Mann an Bord konnte nicht über fünfzehn sein. Er wollte sich einer anderen Goldgräbergruppe anschließen, die sich weiter im Norden Reichtümer erhoffte. Alaska war jung und Gegenstand wilder Gerüchte.

Vom anderen Ende des Schiffes kamen aufgeregte Schreie. Munro hielt nun einen dürren Mann am Nacken und in der freien Hand eine Flasche.

»Mr Bartlett hier möchte freundlicherweise allen an Bord eine Runde ausgeben«, verkündete Munro. Bartlett verzerrte vor Schmerz das Gesicht. »Aus seinem eigenen Keller.«

Munro trank einen Schluck, ließ sein Opfer los und gab die Flasche herum.

»Stimmt es?«, fragte der Junge und wandte sich seinen Gefährten zu. »Die Geschichten? Was man über den Hawk erzählt. Sind sie wahr?«

»Welche?«, erwiderte einer der anderen Goldgräber. »Die, dass er die Brüder damals erschlagen hat? Oder die mit dem Schwarzbären in der Sierra?«

»Mit dem Berglöwen, meinst du«, warf ein Zahnloser ein. »Es war ein Löwe. Den hat er mit bloßen Händen getötet.«

Ein paar Schritte weiter hatte ein Mann mit verschlissenem zweireihigem Mantel mitgehört und sagte nun: »Er war mal ein Häuptling. Bei den Nations. Daher hat er den Namen.«

Langsam zog das Gespräch die Aufmerksamkeit der anderen Männer an Deck auf sich, bis sich die meisten um die kleine Gruppe am Heck versammelt hatten. Jeder hatte eine Geschichte zu erzählen.

»Die Union hat ihm sein eigenes Territorium angeboten, wie ein Staat, mit seinen eigenen Gesetzen und so weiter. Nur damit er fortbleibt.«

»Er geht komisch, weil sie ihm die Füße gebrandmarkt haben.«

»Er hat in den Cañons eine Armee von Klippenbewohnern, die auf seine Rückkehr wartet.«

»Er wurde von seiner Bande verraten und hat sie alle umgebracht.«

Die Geschichten vervielfachten sich, und bald überlagerten sich mehrere Gespräche, deren Lautstärke mit der Kühnheit und Sonderbarkeit der berichteten Taten anstieg.

»Lügen!«, brüllte Munro, als er sich der Gruppe näherte. Er war betrunken. »Alles Lügen! Seht ihn euch doch an! Habt ihr ihn nicht gesehen? Den alten Feigling. Ich nehme es jeden Tag mit einem ganzen Schwarm Hawks auf. Wie Tauben hole ich sie vom Himmel! Peng, peng, peng!«...


Meyer, Hannes
Hannes Meyer, geboren 1982, übersetzte u. a. Bücher von Phil Klay und Hernán Díaz. Für seine Übersetzung von Anuk Arudpragasams Die Geschichte einer kurzen Ehe war er für den Internationalen Literaturpreis nominiert.

Diaz, Hernan
Hernan Diaz wurde 1973 in Argentinien geboren, wuchs in Schweden auf, studierte in Buenos Aires und London und lebt heute in New York. Sein Debütroman In der Ferne war 2018 für den Pulitzer-Preis und den PEN/Faulkner Award nominiert. Für Treue, seinen zweiten Roman, erhielt Hernan Diaz 2023 den Pulitzer-Preis. Seine Romane wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.



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