Dick | Der dunkle Schirm | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Dick Der dunkle Schirm

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-10-402731-9
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-402731-9
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Orange County eingeschleust wird. Bob Arctor - alias Fred - ist Junkie und Geheimagent der Drogenfahndung, und damit er nicht auffliegt, beginnt er, auch mit Substanz T zu experimentieren, bis er merkt, dass seine beiden Identitäten gegeneinander agieren ... Viele schätzen ?Der dunkle Schirm? (1977) als den stärksten Roman Philip K. Dicks. Autobiographische Details zeichnen ein nur allzu realistisches Bild der Drogenkultur Kaliforniens in den 70ern, die in die Zukunft projiziert wird. 2006 wurde das Buch von Richard Linklater mit Keanu Reeves und Winona Ryder verfilmt.

Philip K. Dick hat die Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: »Blade Runner«, »Minority Report«, »Total Recall«, »Impostor«, »Paycheck«, »Der dunkle Schirm« - all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von »Blade Runner«.
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Zwei


»Meine sehr verehrten Herren vom Anaheim Lions Club«, sagte der Mann am Mikrophon, »es erfüllt mich mit außerordentlicher Freude, dass wir dank der freundlichen Genehmigung der Behörden des Orange County heute Nachmittag einen Undercover-Rauschgiftermittler in unserer Mitte begrüßen dürfen. Nach einem einleitenden Referat unseres Gastes werden wir die einmalige Gelegenheit haben, ihn zu seiner Person und seiner Arbeit zu befragen.« Oh, wie er strahlte, dieser Mann mit dem rosa Waffelfiber-Anzug, der gelben Plastikkrawatte, dem blauen Hemd und den Schuhen aus Lederimitat! Ein so übergewichtiger wie überalterter Mann, der pausenlos lachte, als sei er überglücklich, auch wenn es wenig oder gar nichts gab, weswegen man glücklich sein konnte.

Der Undercover-Ermittler beobachtete ihn angeekelt.

»Nun, wie Sie bereits bemerkt haben werden«, fuhr der Versammlungsleiter fort, »können Sie den Mann, der hier zu meiner Rechten sitzt, eigentlich gar nicht richtig sehen, geschweige denn erkennen. Und das liegt an einer besonderen Vorrichtung, die er trägt – dem sogenannten Jedermann-Anzug. Diesen Anzug trägt unser verehrter Gast während seines unermüdlichen Einsatzes für Recht und Ordnung fast ständig. Den Grund dafür werden Sie in wenigen Minuten erfahren.«

Das Publikum, das in jeder nur denkbaren Hinsicht ein Spiegelbild des Versammlungsleiters war, betrachtete interessiert den Mann in seinem Jedermann-Anzug.

»Dieser Mann«, verkündete der Versammlungsleiter nun, »den wir einfach nur Fred nennen wollen, weil er unter diesem Decknamen die Informationen, die er sammelt, an seine Vorgesetzten weitergibt, dieser Mann also kann, sobald er einen Jedermann-Anzug anhat, weder durch den Klang seiner Stimme noch durch einen auf technischem Wege erstellten Stimmabdruck, noch durch sein Aussehen identifiziert werden. Würden Sie nicht auch sagen, dass er nur wie ein vager Fleck aussieht? Nicht wahr?« Bei diesen Worten verzog er sein Gesicht zu einem breiten Lächeln. Das Publikum nickte und lächelte konziliant zurück. Ja, das war wirklich lustig.

Der Jedermann-Anzug stammte aus den Forschungslaboratorien des Beil-Konzerns, eigentlich eine Zufallsentdeckung, die einem Angestellten namens S.A. Powers wie durch Zauberei gelungen war. Vor einigen Jahren hatte Powers mit enthemmenden Substanzen experimentiert, die direkt auf das Nervengewebe einwirkten, und eines Abends hatte er sich selbst eine als ungefährlich und nur schwach euphorisierend geltende IV-Injektion verabreicht – was wider Erwarten zu einem katastrophalen Abfall der GABA-Flüssigkeit in seinem Gehirn geführt hatte. Subjektiv hatte Powers die Folgen der Injektion so erlebt, als würden pausenlos geisterartig phosphoreszierende Phänomene an die gegenüberliegende Wand seines Schlafzimmers projiziert – eine mit irrwitziger Geschwindigkeit ablaufende Montage von Bildern, die damals in Powers den Eindruck zeitgenössischer abstrakter Gemälde erweckten.

Sechs Stunden lang hatte er überwältigt beobachtet, wie vor seinen Augen Tausende von Picassos vorbeirauschten, und im Anschluss daran war er mehr Bildern von Paul Klee ausgesetzt, als dieser Künstler während seines ganzen Lebens überhaupt geschaffen hatte. S.A. Powers, über den sich nun eine wahre Sturzflut von Modigliani-Gemälden ergoss, stellte die Hypothese auf (schließlich braucht man für alles eine Hypothese), dass die Rosenkreuzler diese Bilder auf telepathischem Weg auf ihn abstrahlten, wobei die telepathischen Impulse möglicherweise noch durch hochkomplexe Mikrorelais-Systeme verstärkt wurden. Doch als ihn dann Kandinsky-Bilder zu martern begannen, erinnerte er sich daran, dass sich das größte Kunstmuseum in Leningrad gerade auf solche nichtgegenständlichen Maler der Moderne spezialisiert hatte. Und daraus wiederum ließ sich die Schlussfolgerung ziehen, dass es die Sowjets waren, die versuchten, telepathischen Kontakt mit ihm aufzunehmen.

Erst am nächsten Morgen erinnerte sich Powers daran, dass ein drastischer Abfall der GABA-Flüssigkeit des Gehirns stets solche Phosphoreszenzphänomene erzeugte; demnach hatte also niemand versucht, auf telepathischem Weg – sei es mit oder ohne Mikrowellen-Verstärker – mit ihm in Verbindung zu treten. Aber immerhin brachte ihn dieses nächtliche Erlebnis auf die Idee für den Jedermann-Anzug! Powers’ Konstruktion bestand aus einer Quarzlinse mit unzähligen Facetten, die mit einem miniaturisierten Computer zusammengeschaltet war. Die Speicher dieses Computers enthielten bis zu eineinhalb Millionen enkodierter Abbilder partieller physiognomischer Charakteristika einer großen Anzahl von Menschen – Männer, Frauen, Kinder –, und der Computer projizierte diese Abbilder nach außen, auf eine hauchdünne, leichentuchähnliche Membran, die groß genug war, um einen durchschnittlichen Menschen zu umhüllen.

Wenn der Computer dann sein in einer Endlosschleife gespeichertes Programm durchlaufen ließ, wurde jede nur erdenkliche Augenfarbe, Haarfarbe, Nasenform, Gebissfiguration und Knochenstruktur des Gesichts in die Projektionsvorrichtung eingespeist. Worauf die Membran genau diese körperlichen Charakteristika annahm – bis auf das nächste Sample umgeschaltet wurde. Um seinen Jedermann-Anzug noch effektiver zu machen, programmierte Powers den Computer darauf, die Abfolge der körperlichen Merkmale, die auf der Membran erschienen, nach Zufallskriterien zu variieren. Und um den Kostenfaktor möglichst gering zu halten (den Leuten von der Regierung imponierte so etwas immer ganz besonders), verwendete Powers als Material für die Membran bisher unverwertbare Abfallprodukte eines großen Industrieunternehmens, das bereits Geschäftsbeziehungen zu Washington unterhielt.

Powers’ Konzeption machte den Träger des Jedermann-Anzugs (natürlich nur innerhalb des Limits von eineinhalb Millionen Sub-Bits, die der Computer speichern und miteinander kombinieren konnte) zu genau dem: zu jedem Mann und zu jeder Frau, und das in stündlichem Wechsel. Daher war es völlig sinnlos, den Träger – oder die Trägerin – eines solchen Anzugs beschreiben zu wollen. Natürlich hatte Powers auch seine eigenen, ganz persönlichen physiognomischen Charakteristika in den Computer eingespeist, so dass im rasenden Wirbel der fragmentierten Gesichtszüge zuweilen auch sein eigenes Gesicht an die Oberfläche kam, vom Computer zufällig aus den einzelnen Bestandteilen zusammengesetzt – ein Ereignis, das nach Powers’ Berechnungen pro Anzug durchschnittlich alle fünfzig Jahre eintreten würde, das heißt, wenn der jeweilige Anzug lange genug in Betrieb war. Einen größeren Anspruch auf Unsterblichkeit konnte Powers nicht erheben.

»Begrüßen Sie also mit mir den vagen Fleck!«, rief der Versammlungsleiter jetzt, und ein allgemeines Klatschen hob an.

Im Innern seines Jedermann-Anzugs seufzte Fred – der zugleich auch Robert Arctor war – und dachte: Das ist alles so fürchterlich. Einmal im Monat wählte das Amt für Drogenmissbrauch des Orange County einen Undercover-Ermittler aus und schickte ihn zu einer Versammlung von Hohlköpfen wie dieser hier. Heute war also er, Fred, an der Reihe, und während er den Blick über seine Zuhörer schweifen ließ, erkannte er, wie sehr er diese Spießer verabscheute. Sie fanden immer alles toll. Sie lächelten. Sie unterhielten sich großartig.

Wer weiß, womöglich setzte der Miniaturcomputer seines Jedermann-Anzugs in diesem Augenblick aus der unendlich großen Zahl von gespeicherten Komponenten S.A. Powers zusammen und projizierte ihn auf die Oberfläche der Membran.

»Aber Spaß beiseite«, sagte der Versammlungsleiter. »Dieser Mann hier …« Er hielt inne und versuchte krampfhaft, sich an den Namen zu erinnern.

»Fred«, meldete sich Bob Arctor. S.A. Fred.

»Ja, richtig, Fred.« Der Versammlungsleiter gewann seine Sicherheit zurück und nahm den Faden wieder auf, wobei er das Publikum anstrahlte. »Wie Sie hören können, ähnelt Freds Stimme einer jener Computerstimmen, die ertönt, wenn Sie unten in San Diego am Schalter einer Bank vorfahren – sie ist vollkommen tonlos, künstlich wie die eines Roboters. Mit dieser Stimme, die im Kopf des Zuhörers keinerlei bleibende Eindrücke hinterlässt, spricht Fred auch, wenn er seinen Vorgesetzten im Amt für Drogenmissbrauch Bericht erstattet.« Er legte eine bedeutungsschwere Pause ein und fuhr dann fort: »Sie müssen wissen, dass jeder Rauschgiftermittler mit seinem Einsatz ein unglaubliches Risiko eingeht. Es ist wohl kein Geheimnis mehr, dass es den Kräften, die hinter dem Drogenhandel stehen, überall in unserem Land gelungen ist, die für die Bekämpfung des Drogenmissbrauchs zuständigen Behörden auf allen Ebenen zu infiltrieren. Zumindest nach Meinung der Experten dürfte an dieser Tatsache kein Zweifel mehr bestehen. Und genau darum ist der Jedermann-Anzug eine notwendige Schutzmaßnahme – damit das Leben dieser wagemutigen, ihrer Sache treu ergebenen Männer nicht in Gefahr gerät.«

Schwacher Applaus für den Jedermann-Anzug. Dann erwartungsvolle Blicke, die sich auf Fred im Innern seiner Membran richteten.

»Wenn Fred jedoch vor Ort, also in der Drogenszene, arbeitet«, fügte der Versammlungsleiter abschließend hinzu, während er sich schon vom Mikrophon entfernte, um Platz für Fred zu machen, »trägt er diesen Anzug natürlich nicht. Er kleidet sich dann wie Sie oder ich beziehungsweise legt zumeist die Hippie-Tracht an, die in den verschiedenen subkulturellen Gruppen üblich ist, in denen sich ein Rauschgiftermittler bei seinen Ermittlungen bewegt.«

Er gab Fred ein Zeichen, sich zu erheben und an...


Dick, Philip K.
Philip K. Dick hat die Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: 'Blade Runner', 'Minority Report', 'Total Recall', 'Impostor', 'Paycheck', 'Der dunkle Schirm' – all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von 'Blade Runner'.

Philip K. DickPhilip K. Dick hat die Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: 'Blade Runner', 'Minority Report', 'Total Recall', 'Impostor', 'Paycheck', 'Der dunkle Schirm' – all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von 'Blade Runner'.

Philip K. Dick hat die Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: »Blade Runner«, »Minority Report«, »Total Recall«, »Impostor«, »Paycheck«, »Der dunkle Schirm« – all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von »Blade Runner«.



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