Dick | Der stille Koog | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Reihe: Marlene Louven

Dick Der stille Koog

Küsten Krimi
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96041-461-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Küsten Krimi

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Reihe: Marlene Louven

ISBN: 978-3-96041-461-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Leise Verbrechen an Büsums Küste Marlene Louven ist Kriminalhauptkommissarin und hat binnen kürzester Zeit ihr Gehör verloren. Dank Implantaten kann sie zwar wieder hören, doch nichts klingt mehr wie zuvor. Hinauskatapultiert aus ihrer vertrauten Welt, sucht sie Zuflucht bei ihrer Schwester, die in einem abgeschiedenen Koog nahe Büsum lebt. Während ihres Aufenthaltes wird der Bürgermeister der kleinen Gemeinde erschlagen aufgefunden. Unversehens steckt Marlene mitten in den Ermittlungen. Ihre Nachforschungen holen sie zurück ins Leben - und bringen sie gleichzeitig in tödliche Gefahr ...

Ilka Dick, 1972 geboren, studierte nach dem Abitur Lehramt für Sonderschulen in Hamburg und ist seit vielen Jahren als Hörgeschädigtenpädagogin tätig. Mit ihrem Kriminalroman 'Der stille Koog' verbindet sie nun ihre beruflichen Erfahrungen mit ihrer zweiten großen Leidenschaft - dem Schreiben. Die Autorin lebt mit ihrer fünfköpfigen Familie in einem Dorf im Herzen Schleswig-Holsteins.
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1


Alles.

Das Prasseln der Regentropfen an den Fensterscheiben, das Knarren des Daches im Wind und das Läuten der Glocken vom nahe gelegenen Dom.

Das Streichen ihrer Hände über das Gesicht. Ihr Luftholen, Gähnen, ihr Ein- und Ausatmen.

Das Rascheln der Bettdecke. Nackte Füße auf dem Holzfußboden. Das Knacken der Dielen im Flur.

Auch das Knarzen der Badezimmertür und das Rauschen der Spülung, das Plätschern des Wassers im Waschbecken.

Nichts war ihr geblieben.

Alles weg.

Alles. Still.

Marlene Louven stand im Badezimmer vor dem Spiegel und trocknete sich das Gesicht und die Hände ab. Mit wenigen Handgriffen band sie ihre hellroten gelockten Haare zu einem Knoten zusammen, als sie spürte, wie ihr etwas Warmes, Weiches um die Beine strich. Sie sah hinab und blickte in die Augen ihres Katers. Bettelnd schauten sie Marlene an, während sich das Maul auffordernd öffnete und schloss.

»Na, alter Freund, schon wieder Hunger? Kleinen Moment noch, ich bin gleich so weit.« Marlene streichelte ihrem Kater über den Kopf. Dann ging sie in den Flur und griff im Regal nach der Box, in der sie über Nacht ihre Hörhilfen aufbewahrte. Sie nahm eines der beiden Cochlea-Implantate heraus. Es hatte Ähnlichkeit mit einem Hörgerät, nur war es ein klein wenig größer und besaß ein kurzes Kabel, an dessen Ende eine kreisförmige Magnetspule befestigt war. Kühl und glatt lag das Gerät in ihrer Hand. Sie brachte den Akku an und befestigte es hinter der rechten Ohrmuschel. Mit der Spule zwischen den Fingerspitzen suchte sie in den Haaren die Stelle hinter dem Ohr, an welcher sich der implantierte Magnet unter der Haut befand, der die Spule am Kopf hielt. Schnell hatte sie den Punkt gefunden, und die Spule saß fest.

Seit vier Monaten trug Marlene die Cochlea-Implantate. Vier Monate nachdem ihre Welt Wochen zuvor aus den Fugen geraten war.

Dabei hatte alles so schön werden sollen. Brasilien im März. Wandern, Kultur und der Atlantische Ozean. Ein Geschenk an sich selbst zum sechsundvierzigsten Geburtstag, ein Neustart nach einer gescheiterten Affäre. Sie hatte sich einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Doch er endete in einer Katastrophe.

Die ersten Symptome hatte sie bereits auf dem Rückflug bemerkt. Dann war alles ganz schnell gegangen. Diagnose Hirnhautentzündung, Intensivstation, künstliches Koma. Sie war dem Tod nur knapp entronnen. Sie hatte Glück gehabt.

Alles Weitere jedoch fing damit erst an. Ihr Leben hatte sie zwar zurück, aber etwas anderes hatte sie durch die Krankheit unwiederbringlich verloren: ihr Gehör.

Binnen kürzester Zeit war Marlene taub geworden. Auf beiden Ohren. Die einzige Chance, jemals überhaupt wieder etwas hören zu können, war das Cochlea-Implantat. Sie entschied sich für die Operation und trug seitdem Hightech im Kopf. Auf beiden Seiten je eine Elektrode im Innenohr, kombiniert mit einem Magneten im Schädelknochen, und außen sichtbar ein abnehmbares Gerät hinter dem Ohr mit einer Spule im Haar.

Eine neue Welt.

Marlene griff nach dem zweiten CI, verband es mit dem Akku und setzte es an. Sie drehte sich zu ihrem Kater um, der mit erhobenem Schwanz ungeduldig wartete.

»So, jetzt geht’s wieder. Gleich bist du dran, Dule, dann bekommst du etwas zu fressen.«

Wieder sah Marlene, wie ihr Kater das Maul öffnete, doch dieses Mal hörte sie sein Maunzen. Allerdings hatte das Miauen mit den Lauten, die sie aus ihrer Erinnerung kannte, wenig zu tun. Es klang anders, irgendwie heller, blecherner. So wie ihre ganze Welt anders klang.

Alles um sie herum hörte sich ungewohnt und fremd an. Ob menschliche Stimmen oder der Klingelton eines Handys, das Rauschen der Ostseebrandung oder das Brummen der Waschmaschine im Schleudergang – nichts klang mehr wie zuvor. Mit den CIs konnte Marlene all diese Dinge zwar wieder hören, doch sie hörte sie nun elektronisch. Ihr Gehirn musste lernen, die elektrischen Impulse, die die Implantate an die Hörnerven sendeten, mit ihren gespeicherten Hörerfahrungen, mit ihren Erlebnissen und Erinnerungen eines ganzen Lebens von über vierzig Jahren in Einklang zu bringen. Ihre Festplatte im Kopf wurde nach und nach überschrieben. Und Marlene musste nicht nur das Hören, sondern, was noch viel entscheidender war, sie musste auch das Verstehen neu erlernen. Das Identifizieren und Zuordnen von Geräuschen und Klängen, von Lauten, von Sprache. Das war schwer. Aufreibend und anstrengend. Jeden Tag, jede Stunde eine Herausforderung.

Durch die Ertaubung war Marlene aus ihrem vertrauten Leben katapultiert worden, von jetzt auf gleich abgeschnitten von der Welt, die sie kannte. Sie war durch ein lautloses Niemandsland gegangen, orientierungslos und entwurzelt. Nun war sie auf dem Weg, sich die hörende Welt in kleinen Schritten zurückzuerobern.

Marlene zog eine Strickjacke über ihr Nachthemd und ging in die Küche, die nicht viel mehr als eine Kochzeile in dem großen, offenen Wohn-Esszimmer war. Sie stellte ihrem Kater frisches Futter und Wasser hin und schaltete die Espressomaschine ein. Das dröhnende altersschwache Knattern war Marlene anfangs unangenehm gewesen, doch mittlerweile hatte sie sich daran gewöhnt. Sie bereitete sich einen Espresso zu, schäumte Milch auf. Der Duft nach frischem Kaffee stieg in die Luft. Mit einer Schale Müsli und der Sonntagszeitung setzte sie sich an den Esstisch unter der Dachschräge. Von hier aus konnte sie die Türme des Schleswiger Domes sehen. Sie sah auf die Turmuhr. Kurz nach neun. Ein wenig Zeit blieb ihr noch.

Nach dem Frühstück ließ sich Marlene mit einem zweiten Cappuccino in der Hand in der Fensternische auf der anderen Seite des Zimmers nieder. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die bunten Kissen. Sofort kam Dule angelaufen und sprang auf ihren Schoß. Schnurrend rollte er sich zusammen.

Dies war Marlenes Lieblingsplatz. Sie mochte die gemütliche Nische mit dem Ausblick über die kleine Dachterrasse und die Dächer bis hinüber zur Schlei. Heute schob der Wind dunkle Wolken über den Himmel, doch vereinzelt riss die Wolkendecke auf, und Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg nach unten, wo sie weit draußen das Wasser der Schlei zum Glitzern brachten.

Marlene drehte das Radio an. Früher hätte sie in solchen Augenblicken Musik gehört. Sie hatte fast immer Musik laufen lassen, sie liebte Musik, spielte selbst Klavier. Doch damit war es vorerst vorbei. Mit dem Cochlea-Implantat hörte sich Musik für Marlene fürchterlich an. Stattdessen hörte sie nun NDR Info, den Informationssender des Norddeutschen Rundfunks, in dem fast ausschließlich gesprochen wurde. Gesprochen mit geschulten, deutlichen Stimmen, die sich hervorragend zum Üben des Sprachverstehens eigneten. Und das musste Marlene: üben, üben und nochmals üben. Das Radio lief nicht mehr nebenbei, sondern als gezieltes Training. Zuhören war für sie zu einem aktiven Vorgang geworden, der hohe Konzentration erforderte.

Marlene machte gute Fortschritte, das wusste sie. Sie war vielen Patienten mit CIs im Sprachverstehen weit voraus, wie ihr der Audiologe im Universitätsklinikum in Kiel bei den Kontrollterminen jedes Mal versicherte. Auch was das betraf, hatte sie letztlich Glück gehabt. Dennoch, der Schock über die Diagnose saß tief. Und ihr Weg hatte gerade erst begonnen.

»Es ist neun Uhr siebenundvierzig. In unserem folgenden Beitrag –«

Marlene stand auf und schaltete das Radio aus. Wenn sie pünktlich zum Mittagessen bei ihrer Schwester sein wollte, musste sie sich allmählich beeilen. Rasch wusch sie das Frühstücksgeschirr ab und ging ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen und ihre Sachen zu packen.

Sie freute sich auf Johanne. Und sie sehnte sich nach Levke und Morten, ihrer Nichte und ihrem Neffen. Dennoch beschlich sie ein beklemmendes Gefühl. Sie hatte die Kinder seit der Implantation noch nicht wieder gesehen. Wie würden sich ihre Stimmen anhören? Würde sie Levke und Morten auf Anhieb verstehen können? Und wie würde für sie ihre eigene, Marlenes, Stimme klingen? Ob den Kindern ein Unterschied auffiel? Ob sie ihnen fremd vorkam oder womöglich gar abstoßend erschien?

Marlene holte ihre Reisetasche aus der Abseite und begann, Wäsche und Kleidung für ein paar Tage einzupacken.

Und dann war da noch Bahne, ihr Schwager. Auch ihn hatte sie seit seinem kurzen Besuch damals im Krankenhaus nicht mehr gesehen. Nur hätte sie in seinem Fall nichts dagegen einzuwenden, wenn es dabei bliebe. Aber der Wunsch, Johanne und die Kinder zu sehen, war stärker. Das seit jeher enge Verhältnis zu ihrer Schwester hatte durch die Ereignisse der letzten Monate weiter an Tiefe gewonnen. Johanne war an ihrer Seite gewesen, auf der Intensivstation, in der Klinik nach der Operation, zu Hause. Nun hatte sie Marlene überredet oder vielmehr genötigt, sie und ihre Familie für ein paar Tage auf ihrem Hof an der Nordseeküste zu besuchen.

Im Stillen wusste Marlene, dass ihre Schwester recht hatte. Seit ihrer Ertaubung war sie viel zu viel allein. Sie hatte sich aus ihrem sozialen Leben zurückgezogen, hatte Kontakte vermieden, sich regelrecht verkrochen. Sie hatte das gebraucht, sie musste zunächst allein mit der neuen Situation klarkommen. Ihr Selbstvertrauen hatte tiefe Risse davongetragen. Lange Zeit hatte sie ihre Wohnung nur für das Nötigste verlassen.

Mittlerweile war sie wieder häufiger draußen unterwegs, hatte ein Stück Normalität zurückerlangt. Einmal war sie sogar endlich wieder rudern gewesen, doch angesichts der Gefahr, dass ihre CIs ins Wasser fallen könnten, hatte sie die Geräte abgenommen. Eine irritierende Erfahrung. Sie hatte es nicht erneut probiert.

Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, wieder mehr...


Ilka Dick, 1972 geboren, studierte nach dem Abitur Lehramt für Sonderschulen in Hamburg und ist seit vielen Jahren als Hörgeschädigtenpädagogin tätig. Mit ihrem Kriminalroman "Der stille Koog" verbindet sie nun ihre beruflichen Erfahrungen mit ihrer zweiten großen Leidenschaft – dem Schreiben. Die Autorin lebt mit ihrer fünfköpfigen Familie in einem Dorf im Herzen Schleswig-Holsteins.



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