Dick | Ein kleines Trostpflaster für uns Temponauten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Dick Ein kleines Trostpflaster für uns Temponauten

15 Stories Nachwort von Jonatham Lethem
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-402734-0
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

15 Stories Nachwort von Jonatham Lethem

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-402734-0
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nirgendwo lernt man Philip K. Dick besser kennen als in seinen Stories. Ihm gelingt das überraschende Kunststück, seine Protagonisten, die als Arbeiter oder Angestellte ihren Alltagsgeschäften nachgehen, plötzlich in andere Galaxien zu katapultieren und ihr Leben gehörig auf den Kopf zu stellen. Nach ?Total Recall Revisited? zeigen die 15 in diesem Band versammelten Stories abermals die faszinierende Bandbreite von Dicks Werk. Mit einem Nachwort von Jonathan Lethem

Philip K. Dick hat die Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: »Blade Runner«, »Minority Report«, »Total Recall«, »Impostor«, »Paycheck«, »Der dunkle Schirm« - all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von »Blade Runner«.
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Roog


»Roog!«, sagte der Hund. Er stützte die Vorderpfoten auf den Zaun und sah sich um.

Der Roog lief zum Hof.

Es war früher Morgen, und die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen. Die Luft war kalt und grau, die Wände des Hauses waren feucht. Der Hund beobachtete ihn mit leicht geöffneter Schnauze, und seine großen schwarzen Pfoten krallten sich in das Holz des Zauns.

Der Roog stand beim offenen Tor und sah in den Hof. Es war ein kleiner Roog, dünn und weiß, auf wackeligen Beinen. Der Roog zwinkerte dem Hund zu, und der Hund fletschte die Zähne.

»Roog!«, sagte er wieder. Im stillen Halbdunkel hallte das Wort nach. Nichts regte, nichts rührte sich. Der Hund löste seine Pfoten vom Zaun und ging über den Hof zur Verandatreppe zurück. Er setzte sich auf die unterste Stufe und beobachtete den Roog. Der Roog warf ihm einen kurzen Blick zu. Dann reckte der Roog den Hals zum Fenster des Hauses, direkt über ihm, und schnupperte.

Wie der Blitz schoss der Hund quer über den Hof. Er prallte gegen den Zaun, und das Tor erzitterte und ächzte. Eilig entfernte sich der Roog, mit komischen kleinen Schritten trippelte er davon. Der Hund streckte sich zwischen den Torpfosten aus, schwer atmend und mit heraushängender Zunge. Er sah dem entschwindenden Roog nach.

Der Hund lag still, mit schwarzen, glänzenden Augen da. Der Tag brach an. Der Himmel wurde ein wenig weißer, und von überallher hallten die Geräusche von Menschen durch die Morgenluft. Hinter Rollos gingen Lichter an. Im frostigen Morgendämmer wurde ein Fenster geöffnet.

Der Hund rührte sich nicht. Er hielt den Gehweg im Auge.

In der Küche goss Mrs. Cardossi Wasser in die Kaffeekanne. Dampf stieg auf und nahm ihr die Sicht. Sie stellte die Kanne auf den Rand des Herds und ging zur Speisekammer. Als sie zurückkam, stand Alf in der Küchentür. Er setzte die Brille auf.

»Ist die Zeitung schon da?«, fragte er.

»Ist noch draußen.«

Alf Cardossi durchquerte die Küche. Er entriegelte die Hintertür und trat hinaus auf die Veranda. Er sah hinaus in den grauen, feuchten Morgen. Am Zaun lag Boris, schwarz und struppig, mit baumelnder Zunge.

»Zunge rein«, sagte Alf. Rasch hob der Hund den Kopf. Sein Schwanz schlug gegen den Boden. »Die Zunge«, sagte Alf. »Tu die Zunge rein.«

Der Hund und der Mann sahen einander an. Der Hund winselte. Seine Augen glänzten, fast wie im Fieber.

»Roog!«, sagte er leise.

»Was?« Alf sah sich um. »Kommt wer? Der Zeitungsjunge?«

Der Hund starrte ihn mit offenem Maul an.

»Ganz schön überdreht in letzter Zeit«, sagte Alf. »Immer hübsch mit der Ruhe. Für Aufregung werden wir beide langsam zu alt.«

Er ging ins Haus.

Die Sonne stieg höher. In der Straße wurde es hell, alles war von Farben belebt. Der Briefträger ging mit seinen Briefen und Zeitschriften über den Bürgersteig. Ein paar Kinder eilten lachend und lärmend an ihm vorbei.

Gegen elf Uhr fegte Mrs. Cardossi die Vorderveranda. Sie hielt einen Augenblick inne und atmete die Morgenluft ein.

»Riecht gut«, sagte sie. »Wird warm heute.«

In der Hitze der Mittagssonne lag der schwarze Hund lang ausgestreckt unter der Veranda. Sein Brustkorb hob und senkte sich. Im Kirschbaum tummelten sich Vögel, schwatzten und schimpften. Ab und zu hob Boris den Kopf und sah nach ihnen. Schließlich stand er auf und trottete unter den Baum.

Er stand unter dem Baum, als er die beiden Roogs bemerkte, die auf dem Zaun saßen und zu ihm hersahen.

»Er ist groß«, sagte der eine Roog. »Die meisten Wächter sind kleiner als der da.«

Der andere Roog nickte mit dem wackeligen Kopf. Boris beobachtete sie angespannt und reglos. Die Roogs schwiegen jetzt und betrachteten den großen schwarzen Hund mit der zottigen weißen Halskrause.

»Wie sieht’s aus mit der Opferurne?«, fragte der erste Roog. »Bald voll?«

»Ja.« Der andere nickte. »Ist bald soweit.«

»He, du!«, sagte der erste Roog mit erhobener Stimme. »Hörst du mich? Wir haben beschlossen, diesmal das Opfer anzunehmen. Also vergiss nicht, uns reinzulassen. Mach uns keinen Ärger.«

»Denk dran«, fügte der andere hinzu. »Es ist bald soweit.«

Boris sagte nichts.

Die beiden Roogs sprangen vom Zaun herab und gingen zusammen hinüber auf die andere Seite des Gehwegs. Der erste holte eine Karte hervor, die sie gemeinsam studierten.

»Diese Gegend ist für einen ersten Versuch eigentlich nicht besonders geeignet«, sagte der erste Roog. »Zu viele Wächter … Das nördliche Gebiet dagegen –«

»Es ist nun einmal so beschlossen worden«, sagte der andere Roog. »Sie werden schon ihre Gründe haben –«

»Natürlich.« Sie blickten kurz zu Boris und entfernten sich weiter vom Zaun. Den Rest ihres Gesprächs konnte er nicht mehr hören.

Schließlich steckten die Roogs ihre Karte ein und gingen den Weg hinunter und verschwanden.

Boris trottete zum Zaun und beschnüffelte die Bretter. Er roch den ekelhaften, fauligen Geruch der Roogs, und auf seinem Rücken sträubten sich die Haare.

Als Alf Cardossi am Abend nach Hause kam, stand der Hund beim Tor und spähte den Weg hinunter. Alf öffnete das Tor und betrat den Hof.

»Wie geht’s?«, fragte er und tätschelte den Hund. »Hast du dich wieder beruhigt? Bist ziemlich nervös in letzter Zeit. Das war doch früher nicht so.«

Boris winselte und blickte unverwandt empor in das Gesicht des Mannes.

»Bist ein guter Hund«, sagte Alf. »Bist außerdem ziemlich groß für einen Hund. Schon ein Weilchen her, dass du klein und niedlich warst.«

Boris lehnte sich gegen das Bein des Mannes.

»Bist ein guter Hund«, murmelte Alf. »Möchte nur mal wissen, was du in letzter Zeit hast.«

Er ging ins Haus. Mrs. Cardossi war dabei, den Tisch fürs Abendessen zu decken. Alf ging ins Wohnzimmer und legte Hut und Mantel ab. Er stellte seinen Henkelmann auf die Anrichte und ging zurück in die Küche.

»Was ist los?«, fragte Mrs. Cardossi.

»Der Hund muss aufhören, so viel Lärm zu machen. Immer dieses Gebell. Die Nachbarn beschweren sich bloß wieder bei der Polizei.«

»Wenn wir ihn nur nicht zu deinem Bruder geben müssen«, sagte Mrs. Cardossi und verschränkte die Arme. »Aber er benimmt sich wirklich wie verrückt, vor allem freitags morgens, wenn die Müllmänner kommen.«

»Vielleicht beruhigt er sich wieder«, sagte Alf. Er steckte sich seine Pfeife an und rauchte mit ernstem Gesicht. »Früher war er doch ganz anders. Aber vielleicht gibt sich das ja, und er wird wieder wie früher.«

»Hoffen wir’s«, sagte Mrs. Cardossi.

Die Sonne war kalt und unheilvoll aufgegangen. Nebel schwebte in den Bäumen und über dem Boden.

Es war Freitagmorgen.

Der schwarze Hund lag unter der Veranda, lauschend und mit großen, spähenden Augen. Sein Fell war steif vom Raureif, und sein Atem, der ihm aus den Nasenlöchern drang, bildete dampfende Wolken in der dünnen Luft. Plötzlich drehte er den Kopf und sprang auf.

Irgendwo, noch sehr weit in der Ferne, war ein leises, mahlendes Geräusch zu hören.

»Roog!«, rief Boris und sah sich um. Er lief zum Tor und richtete sich auf, die Vorderpfoten auf dem Zaun.

Wieder war in der Ferne das Geräusch zu hören, jetzt schon etwas lauter, nicht mehr so weit entfernt. Es war ein Krachen und Scheppern, als werde ein großes Tor aufgestoßen.

»Roog!«, rief Boris. Angstvoll blickte er hinter sich zu den dunklen Fenstern. Aber dort rührte sich nichts.

Und die Straße herauf kamen die Roogs. Die Roogs und ihr Gefährt rückten unaufhaltsam vor, und die Räder holperten krachend und dröhnend über die unebenen Steine.

»Roog!«, rief Boris und sprang mit blitzenden Augen umher. Dann wurde er ruhiger. Er streckte sich auf dem Boden aus und wartete und lauschte.

Vorne vor dem Haus hielten die Roogs mit ihrem Laster. Er hörte, wie sie die Türen öffneten und auf den Bürgersteig hinaustraten. Boris wetzte in einem kleinen Kreis herum. Er winselte und drehte seine Schnauze dann wieder in Richtung Haus.

Drinnen, im warmen, dunklen Schlafzimmer, setzte sich Mr. Cardossi ein wenig im Bett auf und sah zur Uhr.

»Dieser Hund«, murmelte er. »Dieser gottverdammte Hund.« Er drehte sein Gesicht dem Kissen zu und schloss die Augen.

Die Roogs kamen jetzt den Gehweg entlang. Der erste Roog stieß gegen das Tor, und das Tor öffnete sich. Die Roogs kamen auf den Hof. Der Hund wich vor ihnen zurück.

»Roog! Roog!«, rief er. Der widerliche, bittere Geruch der Roogs drang ihm in die Nase, und er wandte sich ab.

»Die Opferurne«, sagte einer der Roogs. »Sie ist voll, glaube ich.« Er lächelte dem erstarrten, zornigen Hund zu. »Wie überaus freundlich von dir«, sagte er.

Die Roogs traten zu dem metallenen Gefäß, und einer von ihnen hob den Deckel hoch.

»Roog! Roog!«, rief Boris, dicht an die unterste Stufe der Verandatreppe gepresst. Sein Körper zitterte vor Entsetzen. Die Roogs hoben das große Metallgefäß hoch und kippten es um. Der Inhalt ergoss sich auf den Boden, und die Roogs machten sich mit ihren Schaufeln über die prallgefüllten, zerschlissenen Papiertüten her, schnappten sich die Orangenschalen, Toastreste, Eierschalen.

Ein Roog steckte sich Eierschalen in den Mund. Seine Zähne malmten darauf herum.

»Roog!«, rief Boris ohne jede Hoffnung, mehr zu sich selbst. Die Roogs waren beinahe fertig mit ihrer Arbeit, die Opfergaben aufzulesen. Sie hielten einen Moment inne und blickten kurz zum Hund.

Dann...


Dick, Philip K.
Philip K. Dick hat die Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: 'Blade Runner', 'Minority Report', 'Total Recall', 'Impostor', 'Paycheck', 'Der dunkle Schirm' – all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von 'Blade Runner'.

Philip K. DickPhilip K. Dick hat die Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: 'Blade Runner', 'Minority Report', 'Total Recall', 'Impostor', 'Paycheck', 'Der dunkle Schirm' – all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von 'Blade Runner'.
Jonathan LethemJonathan Lethem, geboren 1964 in New York, hat acht Romane veröffentlicht, darunter die New York-Romane ›Chronic City‹, ›Motherless Brooklyn‹ und ›Die Festung der Einsamkeit‹. Er hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten, u. a. den 'National Book Critics Award', den 'Gold Dagger' und das 'Mac-Arthur Fellowship'. Jonathan Lethem lebt in Brooklyn.

Philip K. Dick hat die Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: »Blade Runner«, »Minority Report«, »Total Recall«, »Impostor«, »Paycheck«, »Der dunkle Schirm« – all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von »Blade Runner«.

Jonathan Lethem, geboren 1964 in New York, hat acht Romane veröffentlicht, darunter die New York-Romane ›Chronic City‹, ›Motherless Brooklyn‹ und ›Die Festung der Einsamkeit‹. Er hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten, u. a. den »National Book Critics Award«, den »Gold Dagger« und das »Mac-Arthur Fellowship«. Jonathan Lethem lebt in Brooklyn.



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