Dick | Irrgarten des Todes | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Dick Irrgarten des Todes

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-402733-3
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-402733-3
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der unbewohnte Planet Delmak-O ist Schauplatz eines perfiden Experiments, dem 14 Personen ausgesetzt werden. Das Einzige, was sie verbindet, scheint das »Buch von Specktowsky« zu sein, das alle im Gepäck haben. Als kurz nach ihrer Ankunft ein Mord geschieht, beginnt ein Wettlauf gegen einen unsichtbaren und übermächtigen Feind, der weitere Opfer fordert. Philip K. Dick erweckt mit ?Irrgarten des Todes? einen Albtraum zum Leben und lässt die Leser atemlos zurück mit dem verstörenden Gefühl, dass man sich nie sicher sein kann, was Realität und was Illusion ist.

Philip K. Dick hat die Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: »Blade Runner«, »Minority Report«, »Total Recall«, »Impostor«, »Paycheck«, »Der dunkle Schirm« - all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von »Blade Runner«.
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Zwei


Seth Morley schnitt bedächtig den Gruyère auf seinem Teller und verkündete dabei: »Ich gehe fort.« Mit dem Messer hob er ein dickes keilförmiges Stück Käse auf und führte es zum Mund. »Morgen Abend. Der Tekel-Upharsin-Kibbuz kriegt mich nie wieder zu sehen.« Er grinste triumphierend.

Fred Gossim, der Chefingenieur der Siedlung, schien für diese Freude nur wenig Verständnis zu haben – er legte seine Stirn in tiefe Falten, seine Missbilligung erfüllte den Büroraum.

Mary Morley sagte ruhig: »Mein Mann hat bereits vor acht Jahren um diese Versetzung nachgesucht. Wir hatten nie die Absicht, hierzubleiben. Das wussten Sie.«

»Und wir gehen auch«, stotterte Michael Niemand aufgeregt. »Das habt ihr davon, dass ihr einen erstklassigen Meeresbiologen hierhergelockt habt und ihn in diesem gottverdammten Steinbruch arbeiten lasst. Uns steht das bis hierher.« Er stieß seine etwas klein geratene Frau Claire an. »Stimmt doch, oder?«

»Da es auf diesem Planeten weder Meere noch Seen gibt, sehe ich nicht, wie wir einen Meeresbiologen adäquat beschäftigen sollten«, erwiderte Gossim gereizt.

»Sie haben aber vor acht Jahren ausdrücklich einen Meeresbiologen angefordert«, bemerkte Mary. »Es war also Ihr Fehler.«

Gossims Miene verfinsterte sich noch mehr. »Aber hier ist doch eure Heimat. Wir alle« – seine Geste schloss die an der Tür stehende Gruppe von Kibbuzleuten mit ein –, »haben das hier gemeinsam aufgebaut.«

»Nun, der Käse hier ist jedenfalls schauderhaft«, sagte Seth Morley. »Kein Wunder, diese Quakkip, die ziegenähnlichen Kreaturen, die wie die Unterwäsche des Formenzerstörers riechen, können eben nichts Genießbares liefern. Was werd ich froh sein, sie samt ihrem Käse los zu sein.« Er schnitt sich ein zweites Stück von dem teuren – da importierten – Gruyère ab. Dann wandte er sich den Niemands zu. »Ihr könnt gar nicht mitkommen. Erstens: Nach unseren Instruktionen sollen wir mit einer Einwegkapsel reisen. Zweitens: In einer Kapsel haben nur zwei Leute Platz. Ihr seid also genau zwei Leute zu viel.«

»Wir nehmen eine eigene Kapsel«, erwiderte Michael Niemand.

»Ihr habt weder Instruktionen noch die Genehmigung, nach Delmak-O zu gehen«, murmelte Morley, den Mund voll Käse.

»Ihr wollt uns also nicht dabeihaben.«

»Niemand will euch dabeihaben«, meldete sich Gossim wieder. »Meiner Ansicht nach wären wir ohne euch besser dran. Aber dass die Morleys für ein derart sinnloses Unternehmen hier weggeholt werden …«

Morley musterte ihn. »Unser Auftrag wird also a priori als sinnlos bezeichnet.«

»Ach, es handelt sich doch nur um eine Art Versuchsprojekt, soweit ich das feststellen kann. Ein ziemlich kleines außerdem, bloß dreizehn oder vierzehn Leute. Ihr werdet euch dabei vorkommen wie in der Anfangszeit von Tekel Upharsin. Wollt ihr wirklich noch einmal eine solche Aufbauarbeit mitmachen? Wisst ihr nicht mehr, wie lange wir gebraucht haben, um an die hundert tüchtige Mitarbeiter zusammenzubekommen? Und da Sie schon den Formenzerstörer erwähnten: Ihre schäbige Desertion ist der Form unserer Gemeinschaft äußerst abträglich.«

»Und Tekel Upharsin meiner«, sagte Morley mehr zu sich selbst. Er spürte, wie seine Zuversicht zu bröckeln begann; Gossim und sein Gerede waren nicht ohne Wirkung. Der Chefingenieur konnte seit jeher gut mit Worten umgehen – was bei einem Ingenieur eigentlich überraschend war; vor allem damit hatte er sie all die Jahre bei der Stange gehalten. Aber zumindest für die Morleys hatten diese Worte ihre Überzeugungskraft verloren. Oder etwa nicht? Irgendwo war da noch ein nagender Zweifel – dass der behäbige, dunkeläugige Ingenieur vielleicht doch recht haben könnte.

Nein, wir werden fortgehen, dachte Morley. Am Anfang war die Tat, wie Goethe im ›Faust‹ geschrieben hat. Die Tat und nicht das Wort – eine prophetische Vorwegnahme der Existentialisten des 20. Jahrhunderts.

»Ihr werdet zurückkommen wollen«, sagte Gossim mit fester Stimme.

»Hmm«, brummte Morley.

»Und wisst ihr, was ich dann mache? Wenn ich ein Gesuch erhalte, dass ihr beide in den Tekel-Upharsin-Kibbuz zurückwollt, werde ich sagen: Wir brauchen keinen Meeresbiologen. Wir haben nämlich kein Meer. Und wir werden dafür sorgen, dass euch nicht mal eine Pfütze einen legitimen Grund liefert, wieder hier zu arbeiten.«

»Ich habe nie eine Pfütze verlangt.«

»Aber Sie hätten gern eine.«

»Ich hätte gern Form von Gewässer, egal welcher Größe. Darum geht es uns. Das ist der Grund, warum wir nicht hierbleiben wollen – und auch nicht mehr zurückkommen werden.«

»Und Sie sind natürlich überzeugt, dass es auf Delmak-O Form von Gewässer gibt.«

»Ja, ich nehme an …«

»Genau das haben Sie auch im Fall von Tekel Upharsin angenommen. Und damit begannen Ihre Schwierigkeiten.«

»Aber wenn sie einen Meeresbiologen suchen …« Morley seufzte. Es war aussichtslos, Gossim etwas erklären zu wollen, aussichtslos und ermüdend: Der Chefingenieur und Leiter des Kibbuz war für die Meinungen anderer Leute unzugänglich. »Lasst mich wenigstens in Ruhe meinen Käse essen.« Er nahm sich ein weiteres Stück, war inzwischen jedoch des Geschmacks überdrüssig – er hätte nicht so viel davon essen sollen. »Ach, zur Hölle damit«, sagte er schließlich und ließ das Messer fallen. Er war irritiert und überzeugt davon, dass Gossim daran schuld war. Er konnte Gossim nicht ausstehen, und überhaupt lag ihm nichts an einer Fortsetzung dieses Gesprächs. Sein einziger Trost war, dass Gossim, egal, was er darüber dachte, die Versetzung nicht annullieren konnte, weil darin ausdrücklich eine Löschung sämtlicher früherer Verpflichtungen enthalten war. Mochte er doch in die Luft gehen – tun konnte er nichts!

Gossim sah ihn nun mit finsterem Blick an. »Ich habe nur Verachtung für Ihr Verhalten.«

»Ganz meinerseits«, gab Morley zurück.

»Na, jetzt seid ihr ja wohl quitt«, sagte Michael Niemand. »Wenn Sie es doch nur einsehen würden, Gossim. Sie können uns nicht zum Bleiben zwingen. Keinen von uns.«

Wutentbrannt stürmte Gossim zur Tür, drängte sich durch die dort Stehenden und verschwand. Im Raum breitete sich Stille aus, Seth Morley atmete auf.

»Diese Streitereien ermüden dich«, sagte seine Frau zu ihm.

»Ja. Insbesondere mit Gossim. Ich bin schon von diesem einen Streit erschöpft, gar nicht zu reden von den zahllosen anderen in den acht Jahren hier … Wie auch immer, ich suche uns jetzt eine Kapsel aus.« Morley stand auf, verließ das Büro und trat hinaus in die Mittagssonne.

So eine Kapsel ist schon ein verrücktes Ding, dachte er, während er über die Reihen der geparkten Flugmaschinen blickte. Zum einen waren sie außerordentlich billig – er konnte für weniger als vier Silberdollar eine bekommen. Zum anderen handelte es sich um Einweg-Beförderungsmittel – weil sie einfach zu klein waren, um auch noch Treibstoff für den Rückweg mitzuführen. Man konnte damit nur einmal von einem Raumschiff oder von einem Planeten starten und musste hoffen, dass man auch bis zu seinem Ziel kam. Aber dennoch waren die Dinger sehr nützlich. Alle intelligenten Rassen der Galaxis verwendeten sie: Wie Samenkapseln trugen die kleinen Schiffe Leben von einer Welt zur anderen.

Auf Nimmerwiedersehen, Tekel Upharsin, sagte sich Morley und grüßte stumm zu den Orangenbüschen hinüber, die am Rande des Parkbereichs wuchsen.

Welche Kapsel sollen wir nehmen?, überlegte er dann. Sie sehen alle gleich schäbig aus: rostzerfressen, verschlissen. Wie das Angebot auf einem terranischen Gebrauchtwagenmarkt. Was soll’s, ich nehme die erste, deren Name mit M beginnt. Er inspizierte die Namen der Kapseln, die jeweils am Bug angebracht waren.

Die Na gut. Nicht sehr transzendental, aber irgendwie passend, behaupteten doch einige Leute, einschließlich Mary, er hätte einen morbiden Charakterzug. Aber das stimmt nicht, dachte er. Ich mache nur gerne sarkastische Bemerkungen – die natürlich meist missverstanden werden.

Er sah auf seine Armbanduhr und stellte fest, dass er noch genügend Zeit hatte, der Verarbeitungsanlage für Zitrusprodukte einen Besuch abzustatten.

Dort angekommen, sagte er zu einem der Angestellten in der Versandabteilung: »Ich brauche zehn Dosen Orangenmarmelade, Klasse 1A.« Jetzt oder nie, dachte er.

»Sind Sie sicher, dass Ihnen noch zehn zustehen?« Der Angestellte musterte ihn skeptisch – offenbar erinnerte er sich ähnlicher Gelegenheiten.

»Sie können den Stand meines Marmeladenkontingents ja überprüfen«, erwiderte Morley. »Na los, rufen Sie bei Joe Perser an.«

»Hab keine Zeit.« Der Angestellte holte zehn Dosen mit dem Hauptprodukt des Kibbuz und überreichte sie Morley in einer Tragetasche, nicht in einem Karton.

»Haben Sie keinen Karton?«

»Verschwinden Sie bloß.«

Morley fischte eine Dose heraus, um sich zu vergewissern, dass er wirklich 1A-Qualität bekommen hatte. Er hatte. ›Orangenkonfitüre vom Kibbuz Tekel Upharsin‹, verkündete das Etikett. ›Aus echten Sevilla-Orangen (Mutationsuntergruppe 3-B). Ein Glas voll spanischer Sonne in Ihrer Küche!‹

»Gut«, sagte er. »Danke.« Vorsichtig trug er die vollgepackte Tragetasche hinaus in die grelle heiße Mittagssonne.

Das einzig Genießbare, was in diesem Kibbuz produziert wird, dachte er, während...


Dick, Philip K.
Philip K. Dick hat die Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: 'Blade Runner', 'Minority Report', 'Total Recall', 'Impostor', 'Paycheck', 'Der dunkle Schirm' – all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von 'Blade Runner'.

Philip K. DickPhilip K. Dick hat die Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: 'Blade Runner', 'Minority Report', 'Total Recall', 'Impostor', 'Paycheck', 'Der dunkle Schirm' – all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von 'Blade Runner'.

Philip K. Dick hat die Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: »Blade Runner«, »Minority Report«, »Total Recall«, »Impostor«, »Paycheck«, »Der dunkle Schirm« – all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von »Blade Runner«.



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