Dick | Marsianischer Zeitsturz | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Dick Marsianischer Zeitsturz

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-10-402728-9
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-402728-9
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Siedlung auf dem Mars, ein hochbegabtes Kind, das Zeitbrüche aufspürt, eine eingeborene Bevölkerung, die verstanden hat, dass sich auf dem Mars die Zeit nicht linear, sondern in Schleifen bewegt. Eine zentrale Macht, die alles für sich will, und der Einzelne, der gefangen in der Realität, langsam einen befreienden Ausblick auf die Wahrheit erhascht. Wie in einem Brennglas versammelt ?Marsianischer Zeitsturz? (1964) die vielen Aspekte von Philip K. Dicks Vision. »Philip K. Dick war der Dostojewskij, der große Fragende, der zweifelnde Prophet der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.« Paul Williams

Philip K. Dick hat die Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: »Blade Runner«, »Minority Report«, »Total Recall«, »Impostor«, »Paycheck«, »Der dunkle Schirm« - all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von »Blade Runner«.
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1


Aus den Tiefen des Luminalschlafs heraus hörte Silvia Bohlen etwas rufen. Jäh zerriss es die Schichten, in denen sie versunken war, und beschädigte den perfekten Zustand des Nichtselbst.

»Mom«, rief ihr Sohn wieder von draußen.

Sie richtete sich auf und nahm einen Schluck Wasser aus dem Glas neben dem Bett; sie setzte die bloßen Füße auf den Boden und stand mühsam auf. Uhrzeit: Punkt halb zehn. Sie fand ihren Morgenrock und trat ans Fenster.

Ich darf nichts mehr davon nehmen, dachte sie. Es war besser, dem schizophrenen Prozess nachzugeben und sich dem Rest der Welt anzuschließen. Sie zog die Fensterjalousie hoch; das Sonnenlicht mit der vertrauten trüben Rotfärbung füllte ihren Gesichtskreis aus und machte es ihr unmöglich zu sehen. Sie hob die Hand und rief: »Was gibt’s, David?«

»Mom, der Kanalschiffer ist da!«

Also musste heute Mittwoch sein. Sie nickte, drehte sich um und ging unsicher aus dem Schlafzimmer in die Küche, wo es ihr gelang, die gute alte robuste Kaffeekanne von der Erde aufzusetzen.

Was muss ich tun?, fragte sie sich. Alles ist bereit für ihn. David wird sich schon darum kümmern. Sie drehte das Wasser in der Spüle auf und benetzte ihr Gesicht. Das Wasser, unangenehm und faulig, brachte sie zum Husten. Wir sollten den Tank leerlaufen lassen, dachte sie. Ihn reinigen, den Chlorzufluss neu justieren und feststellen, wie viele Filter verstopft sind; wahrscheinlich alle. Konnte der Kanalschiffer das nicht machen? Nein, das war nicht Sache der UN.

»Brauchst du mich?«, fragte sie und öffnete die Hintertür. Kalt und mit feinem Sand durchsetzt, wirbelte ihr die Luft entgegen; sie wandte den Kopf ab und lauschte auf Davids Antwort. Er war darin geübt, nein zu sagen.

»Schätze nicht«, nörgelte der Junge.

Später, als sie im Morgenrock am Küchentisch saß und Kaffee trank, den Teller mit Toast und Apfelmus vor sich, schaute sie hinaus und sah den Kanalschiffer, der nie in Eile war und doch immer pünktlich eintraf, wie er in seinem kleinen Flachboot auf seine förmliche Art den Kanal entlanggetuckert kam. Sie schrieben das Jahr 1994, die zweite Augustwoche. Elf Tage hatten sie gewartet, und nun würden sie ihren Anteil am Wasser aus dem großen Kanal bekommen, der eine Meile weiter im marsianischen Norden an ihrer Häuserreihe vorbeiführte.

Der Kanalschiffer hatte sein Boot jetzt am Schleusentor vertäut und sprang, beladen mit seinem Ringordner – in dem er seine Unterlagen aufbewahrte – und den Werkzeugen für die Torbedienung an Land. Er trug eine schlammbedeckte graue Uniform und Schaftstiefel, die vom trockenen Schlick fast braun waren. Ein Deutscher? Nein, wohl doch nicht; als der Mann den Kopf wandte, sah sie, dass sein Gesicht flach und slawisch war und dass auf seinem Mützenschirm ein roter Stern prangte. Diesmal waren die Russen dran; sie hatte den Überblick verloren.

Und anscheinend war sie nicht die Einzige, die den Überblick verloren hatte, in welcher Reihenfolge die UN-Verwaltungsbehörden turnusmäßig wechselten. Jetzt sah sie nämlich, dass die Familie aus dem Nachbarhaus, die Steiners, auf ihrer Veranda aufgetaucht war und Anstalten machte, auf den Kanalschiffer zuzugehen: alle sechs, Vater, schwergewichtige Mutter und die vier blonden, rundlichen, krakeelenden Steiner-Gören.

Der Schiffer drehte den Steiners gerade das Wasser ab.

, begann Norbert Steiner auf Deutsch, aber dann sah auch er den roten Stern und verstummte.

Silvia schmunzelte in sich hinein. So ein Pech, dachte sie.

David riss die Hintertür auf und kam ins Haus gelaufen. »Weißt du was, Mom? Bei den Steiners hat der Tank gestern Abend ein Leck gekriegt, und fast die Hälfte des Wassers ist ausgelaufen! Darum reicht ihr Wasservorrat jetzt nicht mehr für den Garten, und er wird sterben, sagt Mr. Steiner.«

Sie nickte, während sie den letzten Bissen Toast aß. Sie zündete sich eine Zigarette an.

»Ist das nicht furchtbar, Mom?«

Silvia sagte: »Und nun wollen die Steiners wohl, dass er das Wasser bei ihnen noch etwas laufen lässt.«

»Wir können doch ihren Garten nicht sterben lassen. Weißt du noch, wie viel Ärger wir mit unseren Rüben hatten? Und dann hat uns Mr. Steiner diese Chemikalie von zu Hause geschenkt, die die Käfer getötet hat, und dafür wollten wir ihnen ein paar von unseren Rüben abgeben, aber wir haben’s nie getan; wir haben es glatt vergessen.«

Das stimmte. Sie zuckte schuldbewusst zusammen, als es ihr wieder einfiel; wir hatten es ihnen versprochen … und sie haben es nie erwähnt, obwohl sie es sicher noch wissen. Und David spielte immer drüben bei ihnen.

»Geh doch bitte raus und sprich mit dem Schiffer«, bettelte David.

Sie sagte: »Ich glaube, wir können ihnen Ende des Monats ein bisschen von unserem Wasser abgeben. Wir könnten einen Schlauch zu ihrem Garten hinüberlegen. Aber das mit dem Leck nehme ich ihnen nicht ab – die wollten schon immer mehr haben, als ihnen zusteht.«

»Ich weiß.« David ließ den Kopf hängen.

»Sie verdienen es nicht, mehr zu bekommen, David. Keiner verdient das.«

»Sie wissen doch nur nicht, wie man seinen Besitz in Ordnung hält. Mr. Steiner, der kennt sich mit Werkzeugen nicht aus.«

»Dann sind sie selber dran schuld.« Sie spürte, wie gereizt sie war, und der Gedanke durchfuhr sie, dass sie noch nicht ganz wach sein könnte; sie brauchte ein Dexamin, sonst bekäme sie die Augen nie auf, nicht vor dem Abend, wenn wieder Zeit für ein Luminal war. Sie ging zum Medizinschränkchen im Bad, nahm eine Flasche mit kleinen, herzförmigen, grünen Pillen herunter, öffnete sie und zählte sie ab. Es waren nur noch dreiundzwanzig übrig; sie würde bald wieder an Bord des großen Traktorbusses gehen und die Wüste in Richtung Stadt durchqueren müssen, um sich in der Apotheke neue geben zu lassen.

Über ihrem Kopf ertönte lautes, widerhallendes Gurgeln. Der Tank auf dem Dach, ihr riesiger Blechbehälter für den Wasservorrat, begann sich zu füllen. Der Kanalschiffer hatte das Schleusentor jetzt umgeschaltet; die Bitten der Steiners waren vergebens gewesen.

Mit wachsendem Schuldgefühl schenkte sie sich ein Glas Wasser ein, um ihre Morgentablette zu nehmen. Wenn nur Jack öfter zu Hause wäre, sagte sie sich; hier ist es rundherum so leer. Das ist eine Form der Barbarei, diese Kleinlichkeit, zu der wir gezwungen sind. Was soll dieser ganze Hader und Streit, der unser Leben beherrscht, diese schreckliche Sorge um jeden Tropfen Wasser? Das kann doch nicht alles sein … man hatte uns so viel versprochen, anfangs.

In einem nahe gelegenen Haus plärrte plötzlich Radiolärm los; Tanzmusik, dann warb ein Sprecher für irgendeine landwirtschaftliche Maschine.

»… Tiefe und Winkel der Furche«, erklärte die Stimme und hallte in der kalten, klaren Morgenluft wider, »sind einstellbar und selbstregulierend, so dass noch der ungeschickteste Benutzer fast auf Anhieb …«

Dann wieder Tanzmusik; die Leute hatten einen anderen Sender eingestellt.

Kindergezänk erhob sich. Geht das jetzt den ganzen Tag so weiter?, fragte sie sich und überlegte, ob sie das wohl ertragen würde. Und Jack war bis zum Wochenende arbeiten – fast schien es ihr, als wäre sie nicht verheiratet, als hätte sie gar keinen Mann. Bin ich dafür von der Erde ausgewandert? Sie presste die Hände gegen die Ohren, wollte den Lärm des Radios und der Kinder ausblenden.

Ich sollte wieder ins Bett gehen; dort gehöre ich hin, dachte sie und zog sich schließlich weiter für den vor ihr liegenden Tag an.

Im Geschäftsviertel von Bunchewood Park sprach Jack Bohlen vom Büro seines Arbeitgebers aus per Funktelefon mit seinem Vater in New York City. Die Verbindung, durch ein Satellitensystem über Millionen Meilen Weltraum hinweg hergestellt, war nicht sonderlich gut, wie üblich; aber Leo Bohlen bezahlte ja für das Gespräch.

»Was soll das heißen, die Franklin D. Roosevelt Mountains?«, sagte Jack laut. »Du musst dich irren, Dad, da gibt es nichts – die Gegend ist eine einzige Einöde. Das wird dir jeder im Maklergewerbe bestätigen.«

Die schwache Stimme seines Vaters erklang. »Nein, Jack, ich glaube, das ist eine todsichere Sache. Ich will hin, es mir ansehen und alles mit dir durchsprechen. Wie geht’s Silvia und dem Jungen?«

»Gut«, sagte Jack. »Hör zu – mach bloß nichts fest, es ist nämlich allgemein bekannt, dass bis auf den funktionierenden Teil des Kanalnetzes – und vergiss nicht, dass höchstens ein Zehntel davon funktioniert – jeder Grundbesitz auf dem Mars glatt an Betrug grenzt.« Ihm wollte nicht in den Kopf, wie sein Vater mit seiner jahrelangen Berufserfahrung, gerade was Investitionen in noch nicht kultiviertes Land anging, auf so einen Schwindel hereinfallen konnte. Das erschreckte ihn. Vielleicht war sein Dad in all den Jahren, die er ihn nicht gesehen hatte, alt geworden. Briefe besagten nicht viel; sein Dad diktierte sie einer Firmenstenographin.

Oder vielleicht verging die Zeit auf der Erde ja auch anders als auf dem Mars; in einer Zeitschrift für Psychologie hatte er einmal einen Artikel gelesen, der das nahelegte. Sein Vater würde als weißhaariger alter Tattergreis hier ankommen. Gab es einen Weg, sich vor dem Besuch zu drücken? David würde seinen Großvater gern wiedersehen, und Silvia mochte ihn ebenfalls. Die schwache, ferne Stimme erzählte Neuigkeiten aus New York City, nichts von Belang. Für Jack hatte das etwas Unwirkliches. Vor einem Jahrzehnt hatte er gewaltige Anstrengungen unternommen, um sich von seinem Umfeld auf der Erde zu lösen,...


Dick, Philip K.
Philip K. Dick hat die Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: 'Blade Runner', 'Minority Report', 'Total Recall', 'Impostor', 'Paycheck', 'Der dunkle Schirm' – all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von 'Blade Runner'.

Philip K. DickPhilip K. Dick hat die Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: 'Blade Runner', 'Minority Report', 'Total Recall', 'Impostor', 'Paycheck', 'Der dunkle Schirm' – all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von 'Blade Runner'.

Philip K. Dick hat die Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: »Blade Runner«, »Minority Report«, »Total Recall«, »Impostor«, »Paycheck«, »Der dunkle Schirm« – all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von »Blade Runner«.



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