Dick | Tod zwischen den Meeren | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Reihe: Marlene Louven

Dick Tod zwischen den Meeren

Küsten Krimi
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96041-708-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Küsten Krimi

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Reihe: Marlene Louven

ISBN: 978-3-96041-708-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Dramatische Mörderjagd zwischen Nord- und Ostsee. Hauptkommissarin Marlene Louven ist zurück im Dienst bei der Kripo Schleswig - seit ihrer Ertaubung kann sie nur noch mit Hilfe von Implantaten hören. Zum Wiedereinstieg soll sie sich um ungelöste Fälle kümmern und stößt auf einen mysteriösen Vermisstenfall: Eine Frau verschwand spurlos auf der Nordseeinsel Amrum, ihre Leiche wurde nie gefunden. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Fährmann macht sich Marlene auf die Suche und kommt einem Verbrechen auf die Spur, das verstörender kaum sein könnte.

Ilka Dick, 1972 geboren, lebt mit ihrer Familie seit vielen Jahren in Schleswig-Holstein, zwei davon verbrachte sie auf der Nordseeinsel Amrum. Als Autorin und Hörgeschädigtenpädagogin verbindet sie in ihren Romanen ihre beruflichen Erfahrungen mit ihrer zweiten großen Leidenschaft - dem Schreiben.
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1

Freitag, 1.März 2019

»Die sind alle für uns?« Marlene Louven musterte die Aktenstapel, die Ada Bergengrün über den Tresen schob.

»Alles für die neue Ermittlungsgruppe, hieß es.« Die kleine, zierliche Frau konnte so gerade eben über die Unterlagen hinwegschauen. »Es soll euch dort oben ja auch nicht langweilig werden«, fügte sie mit einem verschmitzten Lächeln hinzu. »Und«, nun setzte sie die Goldrandbrille auf, die sie an einer Kette um den Hals trug, und sah Marlene prüfend an, »wie fühlst du dich, mein Kind?«

»Alles bestens.« Marlene nahm einen der Stapel und packte ihn auf den nächsten.

»Alles bestens. Soso.« Ada nickte knapp. Ihr Blick fiel auf Marlenes Fingernägel. »Oh, wie ich sehe, hast du endlich einmal wieder Orange gewählt! Sehr erfreulich. Wusstest du, dass Orange eine lebensbetonende Farbe ist? Die für Heiterkeit steht? Und Vitalität? Etwas Ähnliches haben gestern Abend auch meine Tarot-Karten gesagt, die ich für dich gelegt habe. Es erschienen die Kraft und die Sonne. Sie symbolisieren Mut, Zuversicht und Erfolg. Außerdem Neubeginn und Lebensfreude. Ist das nicht wunderbar?«

»Ganz bestimmt. Dann kann ja nichts mehr schiefgehen.« Marlene lächelte ein wenig gequält und klemmte sich die Mappen unter die Arme.

»Bevor du hochgehst– darf ich dich heute zu einer Tasse Tee einladen? Ich habe gerade frischen Ingwertee aufgebrüht. Er ist hervorragend bei dem derzeitigen Erkältungswetter, ganz vorzüglich. Er stärkt nicht nur das Immunsystem, er wirkt auch…«

Ada war in Plauderlaune, so wie fast immer. Für gewöhnlich hatte Marlene auch nichts gegen einen Schnack mit der älteren Dame und guten Seele der Dienststelle, ganz im Gegenteil. Doch heute stand ihr nicht der Sinn danach.

»Es hat sich nichts geändert, liebe Ada«, unterbrach sie freundlich ihren Redefluss, »selbst du wirst mich nicht dazu bewegen, so etwas freiwillig zu trinken. Aber Simon ist sicherlich wie immer ein begeisterter Abnehmer.« Mit einer Geste in Richtung Tresen sagte sie: »Den Rest kann er mitnehmen.«

»Ist Simon noch nicht im Haus?«

»Ist ja erst kurz nach acht.« Marlene zog eine Augenbraue hoch. »Hab einen schönen Tag.«

»Du auch. Bleib behütet.«

In ihrem Büro im ersten Stock der Kriminalpolizeistelle Schleswig legte Marlene die Akten auf dem Schreibtisch ab. Sie ließ sich auf den Stuhl fallen und streckte die Beine weit von sich. Eine ihrer hellroten Locken hatte sich aus dem Haarknoten gelöst und fiel ihr ins Gesicht.

Mut, Zuversicht und Erfolg. Neubeginn und Lebensfreude. Wenn wenigstens Ada davon überzeugt war.

Sie atmete tief durch, während sie den Blick durch das Zimmer gleiten ließ. Es war während ihrer Abwesenheit renoviert worden. Akustikdecke, Teppichboden, Vorhänge an den Fenstern. Alles für sie. Alles neu. So wie ihr ganzes Leben neu war. Zumindest fühlte es sich für Marlene in manchen Momenten noch immer so an, obwohl schon knapp ein Jahr vergangen war, seit sie durch eine Hirnhautentzündung ihr Gehör verloren hatte. Binnen kürzester Zeit war Marlene auf beiden Ohren ertaubt. Von jetzt auf gleich herausgerissen aus der klingenden Welt, abgeschnitten von Tönen und Geräuschen, von Sprache und Musik. Sie hatte sich einer Operation unterzogen und trug seitdem Cochlea-Implantate, zwei Hörhilfen, die ihr das Hören wieder ermöglichten. Allerdings hatte dieses Hören mit den Eindrücken, die sie von früher kannte, nur wenig gemein. Nichts klang mehr wie zuvor. Ob das Erkennen von einzelnen Lauten und Geräuschen oder das Verstehen von Sprache– alles hatte Marlene neu erlernen müssen. Hören war für sie zu einem aktiven Vorgang geworden, der nicht mehr wie selbstverständlich und unbewusst nebenbei ablief, sondern hohe Konzentration erforderte. Sobald sie die Geräte abnahm, war sie taub.

Die letzten Monate waren ein kräftezehrender Kampf zurück ins Leben gewesen, eine aufreibende Suche nach neuer Normalität. Nach Selbstvertrauen. Und nach sich selbst. Das Verbindungsseil zu ihrem bisherigen Leben war gekappt worden, die Enden lose und nackt im Nirgendwo. Mit mühevoller Kleinstarbeit hatte Marlene es Faser für Faser wieder zusammenfügen müssen.

Seit ihrer schweren Erkrankung hatte sie nicht mehr als Kriminalhauptkommissarin gearbeitet. Taub war sie den Anforderungen des Jobs nicht gewachsen, doch auch nach der Operation hatte sie Zeit gebraucht. Viel Zeit. Sie hatte das Hören intensiv üben, es trainieren müssen, hatte regelmäßig Therapiesitzungen im Cochlear Implant Centrum Schleswig-Kiel besucht. Die Schleswiger Einrichtung lag nicht weit entfernt von ihrer Dienststelle. Ironie des Schicksals? Im Alltag kam sie mittlerweile ganz gut zurecht. Nun würde sich zeigen, wie tragfähig ihr Seil geworden war. Heute war ihr erster offizieller Arbeitstag.

Sie beugte sich vor und nahm die kleine Schnecke aus geschliffenem Glas in die Hand, die neben dem Computerbildschirm stand. Sie drehte sie hin und her, sodass sich das Licht darin brach und das Glas funkelte. Ein fürchterlicher Kitsch. Doch es war ein Geschenk von Ada, die selbst ein ganzes Arsenal an solchen Kristallfiguren besaß, die zuhauf ihren Schreibtisch und die Regale in der Geschäftsstelle zierten. Sie hatte sie Marlene anlässlich ihrer Rückkehr in den Dienst überreicht. Ein Symbol für die Hörschnecken, in die Marlenes Implantate mündeten. Und ein Symbol dafür, dass sie es behutsam angehen lassen solle. »Mach langsam, Marlene«, hatte Ada gesagt, »ein Schritt nach dem anderen.« Wenn es nur so einfach wäre.

Sie stellte die Schnecke zurück an ihren Platz, als die Tür geöffnet wurde und Simon sich mit einem Berg Unterlagen im Arm ins Zimmer schob. Obenauf balancierte er einen Becher mit einer dampfenden Flüssigkeit. Marlene erkannte den Geruch sofort. Ingwertee.

Es gab nicht viel, was Marlene an ihrem Kollegen und Teampartner Kriminaloberkommissar Simon Fährmann nicht schätzte. Er kam häufig zu spät, oder, wie er selbst zu sagen pflegte, sein Zeitmanagement war ein anderes als ihres. Damit hatte sie über die Jahre umzugehen gelernt. Außerdem war er überzeugter Veganer, ernährte sich fürchterlich gesund, was bei Marlene immer wieder ein latent schlechtes Gewissen hervorrief. Das Schlimmste allerdings war: Er war SGFlensburg-Handewitt-Fan.

»Ungeschlagen!« Simon wuchtete den Aktenstapel auf den Schreibtisch, wobei der Tee im Becher gefährlich hin- und herschwappte. »Moin. Hast du das Spiel gegen die Löwen gesehen? Würde sagen, eines Meisters würdig.« Er stellte den Becher auf die Tischplatte und sah Marlene an. »Wie hat der THW gestern noch mal gespielt?«, fragte er mit einem selbstzufriedenen Grinsen.

Marlene ging auf die Frage gar nicht erst ein. Sie wusste, dass Simon die Tabelle auswendig kannte– Punktezahl, Torverhältnis, alles. Und der THW Kiel, für den Marlenes Handballherz schlug, hatte gestern verloren. Aber als Tabellenzweiter blieb er den Flensburgern eng auf den Fersen. »Die Saison ist noch lange nicht vorbei. Abgerechnet wird am Schluss.« Mit einem Blick auf den Tee sagte sie: »Ada ist also wenigstens bei dir erfolgreich gewesen.«

»Du weißt gar nicht, was dir entgeht.«

»Hat sie dir auch die Tarot-Karten gelegt?«

»Diese Ehre wurde mir nicht zuteil. Und? Ist etwas Gutes dabei herausgekommen?«

Diesmal grinste Marlene. »Wenn’s danach ginge, wird mein Leben in Zukunft perfekt.«

»Das ist doch mal was. Ada und ihre übersinnlichen Mitstreiter.« Simon schüttelte den Kopf. »Aber Moment…« Er streifte seine Umhängetasche ab und stellte sie auf den Boden hinter dem Schreibtisch, bückte sich und begann, darin zu kramen. Augenblicklich konnte Marlene nicht mehr alles vollständig verstehen. »Ich habe dir au…–…gebracht. Eine…«

Simon tauchte wieder auf, sah sie an, stutzte. »Oh shit, entschuldige bitte. Nicht wegdrehen beim Reden, so war’s.« Er räusperte sich. »Ich habe dir auch etwas mitgebracht. Nur eine Kleinigkeit. Zum Wiedereinstieg sozusagen.«

Simon überreichte Marlene eine Tüte Lakritz. Das zählte neben gutem Kaffee und Croissants zu ihren bevorzugten Speisen. »Glückssteine«, konnte sie auf dem Etikett lesen.

»Selbstverständlich vegan.«

»Selbstverständlich.« Marlene bedankte sich und legte die Tüte neben Adas Miniatur-Schnecke. Nun auch noch Steine aus Glück. Allmählich begann sie selbst zu glauben, dass alles gut werden würde.

In der letzten Woche hatte sie sich mit Simon intensiv über die Gestaltung ihrer zukünftigen Zusammenarbeit ausgetauscht. Was würde weiterlaufen wie bisher? Und was würde sich verändern müssen? Marlene hatte Simon die Herausforderungen geschildert, vor die sie als Trägerin von Cochlea-Implantaten im Alltag gestellt war. Sie hatte ihn in die technischen Grundlagen eingeweiht, ihm von den Möglichkeiten und Grenzen berichtet. Das war nicht ganz leicht gewesen, obwohl Simon ein interessierter, verständnisvoller Zuhörer war und Marlene ihm vertraute. Sie konnte sich sicher bei ihm fühlen. Aber es fiel Marlene schwer, die eigenen Befindlichkeiten und Beeinträchtigungen zu thematisieren. Sie wollte keine Sonderbehandlung. Und erst recht kein Mitleid.

Zugleich wusste sie, dass sie ohne diese Offenheit keine Chance hatte. Es konnte für sie kein einfaches »Weiter wie bisher« geben. Und je ehrlicher Marlene mit ihren Schwierigkeiten umging, desto besser für sie und desto besser für ihr Gegenüber.

In der Kommunikation mit anderen Menschen waren vormals...


Ilka Dick, 1972 geboren, lebt mit ihrer Familie seit vielen Jahren in Schleswig-Holstein, zwei davon verbrachte sie auf der Nordseeinsel Amrum. Als Autorin und Hörgeschädigtenpädagogin verbindet sie in ihren Romanen ihre beruflichen Erfahrungen mit ihrer zweiten großen Leidenschaft – dem Schreiben.



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