Dickens | Aufzeichnungen aus Amerika (Kommentiert) | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 284 Seiten

Dickens Aufzeichnungen aus Amerika (Kommentiert)

Erweiterte Ausgabe. Reisebericht und Sozialkritik über die Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-268-8004-2
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erweiterte Ausgabe. Reisebericht und Sozialkritik über die Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert

E-Book, Deutsch, 284 Seiten

ISBN: 978-80-268-8004-2
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Aufzeichnungen aus Amerika' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: 'Übrigens glaube ich aufrichtig, daß die öffentlichen Einrichtungen und Wohltätigkeitsanstalten dieser Hauptstadt von Massachusetts der Vollkommenheit so nahe kommen, wie die weiseste Überlegung, Wohlwollen und Menschlichkeit sie nur immer bringen können. Nie hat mich der Anblick eines stillen Glückes, bei aller Entbehrung und Entblößung, mehr erfreut als bei meinem Besuch dieser Anstalten.' Charles Dickens (1812-1870) war ein englischer Schriftsteller. Zu seinen bekanntesten Werken gehören außerdem Oliver Twist, Eine Geschichte aus zwei Städten sowie Eine Weihnachtsgeschichte.

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2. Kapitel


Die Überfahrt

An diesem Tage dinierten wir alle zusammen, und zwar in furchtbarer Gesellschaft, denn wir waren nicht weniger als sechsundachtzig Personen. Da das Fahrzeug ziemlich tief ging, alle seine Kohlen und so viele Passagiere an Bord hatte, das Wetter auch gelind und stille blieb, so war von den Bewegungen desselben nicht viel zu verspüren. Ehe daher die Mahlzeit halb beendet war, fingen selbst jene Passagiere, die sich am wenigsten zutrauten, schon an, erstaunlich tapfer zu tun; und wer noch am Morgen auf die allgemeine Frage: »Sind Sie ein guter Seefahrer?« mit einem sehr entschiedenen Nein antwortete, wich nun entweder aus und meinte: »Oh, ich glaube, ich fahre nicht schlechter und nicht besser als jeder andere«, oder er unterdrückte gar die mahnende Stimme seines Gewissens und antwortete kecklich: »Ja«, und zwar in einem gewissen empfindlichen Tone, als wollte er noch hinzufügen: »Ich möchte doch wissen, was Sie gerade an mir so Verdächtiges finden!«

Trotz dieses mutvollen, selbstbewußten Tones, der so allgemein unter uns herrschte, konnte ich doch nicht umhin zu bemerken, daß die wenigsten gern beim Glase Wein sitzen blieben, alles wollte frische Luft schöpfen, und die beliebtesten, gesuchtesten Plätze waren die nächst der Türe. Am Teetisch fand man sich auch nicht mehr so zahlreich ein, und vom Whist war weit weniger die Rede, als sich füglich erwarten ließ. Dennoch hatten wir noch keine Invaliden, eine Dame ausgenommen, die sich während des Diners, just als man ihr das schönste Stück gelb gesottenes Hammelfleisch mit sehr grünen Kapern serviert hatte, etwas eilig entfernte. Bis ungefähr elf Uhr, wo man zur Nacht »einkehrte« – kein Seemann von nur siebenstündiger Erfahrung redet von Bett oder Zu-Bett-Gehen –, wurde mit ungebeugtem Mut auf und nieder gegangen, geraucht und Wasser mit Branntwein getrunken (aber stets dabei frische Luft geschöpft). Der ununterbrochene Schall der Fußtritte auf den Decks machte nun einer tiefen Stille Platz, und die ganze Personenladung wurde unten beiseite gepackt, ausgenommen einige wenige Herumstreifer, die wahrscheinlich gleich mir sich vor dem Schlafengehen fürchteten.

Wer an solche Szenen nicht gewohnt ist, für den hat diese Stunde auf der See etwas Überraschendes, Ergreifendes. Noch später, als mir dies Schauspiel nichts Neues mehr war, hatte es einen eigentümlichen Reiz für mich. Die Finsternis, durch welche die große schwarze Masse ihren geraden und sichern Lauf nimmt; das Rauschen des Wassers, das man so deutlich hört und nur dunkel sehen kann; die breite, weiß glänzende Spur, die dem Fahrzeug auf der Ferse nachzieht; die Wachen auf ihren Posten, die gegen den dunklen Nachthimmel kaum abstechen würden, wenn sie nicht jeder einen Haufen funkelnder Sterne mit ihrem Körper verdeckten; der Steuermann am Rade mit seiner beleuchteten Karte vor sich, die, ein Lichtpunkt mitten in der Finsternis, wie ein denkendes und von göttlichem Geist erfülltes Etwas erscheint; das melancholische Gestöhn des Windes zwischen den Rollen, Tauen und Ketten und der heimliche Lichtschein, der aus jeder Spalte und Öffnung und jedem einzelnen Stückchen Glas an den Decks hervorglimmt, als wäre das ganze Schiff im Innern mit Feuer gefüllt, das jeden Augenblick aus dem ersten besten Luftloch losbrechen will, um mit aller Wildheit seiner unwiderstehlichen Kraft Tod und Verderben zu verbreiten! Anfangs und selbst später, wenn man mit dieser Nachtzeit und ihrer zauberhaften Wirkung auf die Gegenstände vertrauter geworden, ist es schwer, auf einem einsamen, gedankenvollen Gange diese in ihrer eigentlichen Gestalt und Form zu sehen. Sie verwandeln sich mit jedem Schritt der umherirrenden Phantasie, nehmen die Maske in weiter Entfernung zurückgelassener Dinge und das wohl erinnerliche Aussehen heißgeliebter Orte an, welche sie oft sogar mit Schatten und Geistern bevölkern. Aus leblosen Gegenständen, die ich so genau wie meine beiden Hände kannte, wuchsen mir um diese Nachtzeit oft plötzlich Gassen, Häuser und Gemächer entgegen; selbst deren gewöhnliche Bewohner sah ich darin, so täuschend ähnlich, daß ich über diesen Anschein handgreiflicher Wirklichkeit erschrak, der mir alle Kraft meiner Phantasie, Abwesendes heraufzubeschwören, bei weitem zu übersteigen schien.

Da ich übrigens an meinen Händen und auch an den Füßen bei dieser Gelegenheit sehr große Kälte verspürte, kroch ich um Mitternacht hinunter. Ich fand es unten nicht sehr behaglich. Es war verzweifelt eng; und vor allem drängte sich jenes eigentümliche Gemisch seltsamer Gerüche auf, das man nur auf dem Schiffe kennenlernt und das von so subtiler Beschaffenheit ist, daß es durch alle Poren und Spalten des Schiffsraumes einzudringen scheint. Zwei Passagierfrauen (die eine war meine Frau) lagen bereits in stummer Todesangst auf dem Sofa; und ein Stubenmädchen (das meiner Frau) lag wie ein Bündel Wäsche auf den Fußboden hingeworfen, verwünschte sein Geschick und schleuderte seine Lockenwickel zwischen die umherliegenden Schachteln. Alles rutschte verkehrt bergab, was an und für sich schon unerträglich war. Ich hatte vor einem Augenblick die Tür in einer sanften Neigung sacht angelehnt gelassen, und wie ich mich umdrehe, um sie zuzumachen, steht sie auf dem Gipfel einer Anhöhe vor mir. Und nun fing alles Gebälk und jede Planke zu knarren an, als wäre das Schiff eitel Flechtwerk; und dann wieder prasselte es wie ein großes Feuer, mit dem trockensten Reisig angemacht. Dagegen gab es keine Hilfe als im Bett; so ging ich denn zu Bett.

Die nächsten zwei Tage, bei leidlich günstigem Wind und trockenem Wetter, ging es beinahe ebenso. Ich las sehr viel im Bett (weiß aber bis jetzt noch nicht, was), taumelte ein wenig aufs Deck, trank mit unaussprechlichem Widerwillen kalten Branntwein mit Wasser, aß mit vieler Ausdauer harten Zwieback und war nicht krank, doch im Begriff, es zu werden.

Nun ist's der dritte Morgen. Meine Frau weckt mich durch einen furchtbaren Angstschrei aus dem Schlaf und will wissen, ob man in Gefahr sei. Ich erhebe mich und sehe zum Bett hinaus. Der Wasserkrug taucht abwechselnd auf und unter und hüpft in der Stube umher wie ein lustiger Delphin; all der kleinere Hausrat ist flott geworden, meine Schuhe ausgenommen, die auf einem Reisesack gestrandet sind und wie ein Paar Kohlenschifflein hoch im Trockenen stehen. Plötzlich machen meine Schuhe einen Luftsprung, und wie ich nach dem Spiegel schaue, der an der Wand festgenagelt ist, da hängt er an der Decke. Im selben Augenblick verschwindet unsere Türe, und eine andere öffnet sich im Fußboden. Nun endlich begreife ich, daß unser »Staatszimmer« auf dem Kopf steht.

Ehe es möglich ist, sich diesem neuen Stand der Dinge gemäß einzurichten, ist das Schiff wieder auf den Beinen. Ehe man »Gottlob« rufen kann, ist's wieder beim alten. Ehe man sagen kann, es steht doch auf dem Kopf, scheint es sich auf einmal aufzuraffen und wie eine lebendige Kreatur aus freien Stücken fortzurennen, mit wankenden Knien und schlotternden Beinen, durch Löcher und Fallgruben, fortwährend stolpernd. Ehe man sich nur verwundern kann, springt es hoch in die Luft empor. Und kaum hat es glücklich seinen Sprung gemacht, so taucht es wieder tief ins Wasser hinab. Ehe es die Oberfläche erreicht hat, schlägt es ein Rad. Wie es wieder auf den Beinen ist, stürzt es rückwärts. Und so geht es fort und fort, stolpernd, bäumend, ringend, hüpfend, untertauchend, stoßend, stürzend, bebend, stampfend und sich wiegend: alle diese verschiedenen Manöver führt es bald eins nach dem andern, bald alle auf einmal aus, so daß man laut um Gnade und Barmherzigkeit schreien möchte.

Ein Steward geht vorbei. »Steward!« – »Sir?« – »Was geht denn vor? Wie nennt ihr das?« – »Etwas hohe See und ein bißchen widriger Wind, Sir.«

Ein widriger Wind! Denkt euch ein Menschengesicht auf dem Vorderteil des Schiffes. Fünfzehntausend Simsons auf einmal suchen es gewaltsam zurückzudrängen und schmettern ihm gerade auf die Nase, sooft es nur um einen Zoll vorwärts gehen will. Denkt euch das Schiff selbst, wie ihm jede Ader in seinem ungeheuren Leibe unter dieser Mißhandlung bis zum Bersten anschwillt. Es schwört, vorwärts zu gehen oder zu sterben. Dabei heult der Wind, die See brüllt, der Regen schlägt: alles in rasendem Kampf gegen uns. Malt euch den zugleich schwarzen und stürmischen Himmel aus und die Wolken, die, in furchtbarer Sympathie mit den Wogen, aus der Luft einen zweiten Ozean machen. Dazu das Klatschen auf dem Deck und unten; das Getrampel eilender Männer; das laute, heisere Schreien der Seeleute; die Wellen, die zu den Speigatten aus und ein gurgeln; und endlich schlägt dann und wann eine große Woge auf die Planken oben mit dem tiefen, dumpfen und schweren Schall des Donners, wie man ihn in einem verschlossenen Gewölbe hört – und dann habt ihr den widrigen Wind jenes Januarmorgens.

Von dem, was man den häuslichen, den Privatlärm auf dem Schiff nennen könnte, will ich gar nicht reden; nichts von dem Klirren zerbrechender Gläser und irdener Geschirre, dem Umfallen der Stewards, den Purzelbäumen leerer Kisten und ganzer Dutzende müßiger Porterflaschen; nichts endlich von den höchst merkwürdigen, aber keineswegs aufheiternden Tönen, welche die siebzig Passagiere, die alle vor Unwohlsein nicht zum Frühstück kamen, in ihren verschiedenen Kabinen ausstießen. Ich will davon gar nicht reden; denn obwohl ich drei oder vier Tage dalag und dieses Konzert mit anhörte, so glaube ich doch, daß ich es eigentlich nicht länger als eine Viertelminute vernahm, weil ich dann sogleich, fürchterlich seekrank, mich hinlegte.

Man verstehe mich recht, nicht...



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