E-Book, Deutsch, Band 2
Reihe: Oliver Twist
Dickens Oliver Twist. Band Zwei
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96130-427-1
Verlag: apebook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman in drei Bänden
E-Book, Deutsch, Band 2
Reihe: Oliver Twist
ISBN: 978-3-96130-427-1
Verlag: apebook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Oliver Twist wird in einem Armenhaus geboren. Die Mutter stirbt kurz nach der Geburt und hinterlässt nur ein kleines, geheimnisvolles Medaillon, das ihr ein alter Armenhausarbeiter abnimmt. Der Junge wächst als Waisenkind auf, ohne zu wissen, woher er stammt. Mit neun Jahren muss er ins Armenhaus gehen, weil er zu alt für das Waisenhaus ist. Dort sieht er sich Gewalt und willkürlicher Strafe ausgesetzt. Oliver wird für fünf Pfund an den Bestatter Sowerberry verkauft, um bei ihm in die Lehre zu gehen. Auch hier meint es das Schicksal schlecht mit ihm, und er flieht nach London. Dort angekommen, gerät er in die Fänge von Fagin, einem alten jüdischen Hehler, der Waisenkinder zu Verbrechern ausbildet: Zusammen mit dem Baldowerer und seinem Kumpel soll Oliver das Handwerk des Taschendiebstahls erlernen, wird aber von der Polizei erwischt. Der Geschädigte, ein freundlicher Mann namens Brownlow, setzt sich für Oliver ein und kümmert sich um ihn. Zum ersten Mal wird der Junge gut behandelt, aber sein Glück währt nicht lange. Er wird erneut von Fagin erwischt und muss mit einem der größten Verbrecher Londons einen Einbruch begehen. Und schließlich kommt auch noch ein unheimlicher Mensch namens Monks ins Spiel... Mit 'Oliver Twist' prangerte Dickens die sozialen Missstände der damaligen Zeit an. Der Roman schildert auf unromantische Weise das schmutzige Leben von Verbrechern und stellt die grausame Behandlung der vielen Waisenkinder im London der Mitte des 19. Jahrhunderts dar. Der Waisenjunge Oliver wird körperlich und seelisch misshandelt und erfährt nur von wenigen Menschen Freundlichkeit und Mitleid. Die Armen und Kranken erscheinen als Aussätzige in einer Welt der Stärkeren und sozial Überlegenen. Ungerechtigkeit, Hunger und Tod sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Charles Dickens schmückt seine Geschichte mit ironischen, oft zynischen Beschreibungen aus. In diesem frühen Beispiel des Gesellschaftsromans persifliert Dickens Kinderarbeit, häusliche Gewalt, die Rekrutierung von Kindern als Kriminelle und die Präsenz von Straßenkindern. Die Beschreibungen der Grausamkeiten gegenüber den Armen und Schwachen sind aus heutiger Sicht oft so absurd, dass man sie kaum glauben kann. Nach dem Erscheinen des Romans wurde zum ersten Mal das Armengesetz diskutiert und erfolgreich geändert. Dies ist der zweite von drei Bänden.
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Zweites Kapitel.
In welchem Oliver Sikes überliefert wird.
Als Oliver am folgenden Morgen erwachte, war er nicht wenig verwundert, ein Paar neue Schuhe mit starken dicken Sohlen an der Stelle seiner alten, sehr beschädigten zu erblicken. Anfangs freute er sich der Entdeckung, weil er sie als eine Vorläuferin seiner Befreiung ansah; allein er gab bald alle Gedanken dieser Art auf, als er sich allein mit dem Juden zum Frühstück setzte, der ihm, und zwar auf eine Weise, die ihn mit Unruhe erfüllte, sagte, daß er am Abend zu Bill Sikes gebracht werden solle. »Soll – soll ich denn dort bleiben?« fragte Oliver angstvoll. »Nein, nein, Kind, du sollst nicht dort bleiben,« antwortete der Jude. »Wir würden dich gar nicht gern missen. Sei ohne Furcht, Oliver; du sollst wieder zurückkehren zu uns. Ha, ha, ha! Wir werden nicht sein so grausam, dich fortzuschicken, mein Kind. Nein, beileibe nicht!« Der alte Mann, der sich über das Feuer gebückt hatte und eine Brotschnitte röstete, sah sich bei diesen spöttischen Worten um und kicherte, wie um zu zeigen, er wisse es, daß Oliver gern entfliehen würde, wenn er könnte. »Ich glaube, Oliver,« fuhr er, die Blicke auf ihn heftend, fort, »du möchtest wissen, weshalb du sollst zu Bill – nicht wahr, mein Kind?« Oliver verfärbte sich unwillkürlich, denn er gewahrte, daß der Jude in seinem Innern gelesen, erwiderte indes dreist, daß er es allerdings zu wissen wünsche. »Nun, was meinst du wohl, weshalb?« fragte Fagin, der Antwort ausweichend. »Ich kann es nicht erraten, Sir,« erwiderte Oliver. »Pah? So warte, bis Bill dir’s sagt,« versetzte Fagin, sich mißvergnügt abwendend, denn er hatte in Olivers Mienen wider Verhoffen nichts entdeckt, nicht einmal Neugierde. Die Wahrheit ist indessen, daß der Knabe allerdings sehr lebhaft zu wissen wünschte, zu welchem Zwecke er Sikes überliefert werden sollte, aber durch Fagins forschende Blicke und sein eigenes Nachsinnen zu sehr außer Fassung geraten war, um für den Augenblick noch weitere Fragen zu tun. Später fand sich keine Gelegenheit dazu, denn der Jude blieb bis gegen Abend, da er sich zum Ausgehen anschickte, sehr mürrisch und schweigsam. »Du kannst brennen ein Licht,« sagte er und stellte eine Kerze auf den Tisch; »und da ist ein Buch, worin du kannst lesen, bis sie kommen dich abzuholen. Gute Nacht!« »Gute Nacht, Sir,« erwiderte Oliver schüchtern. Der Jude ging nach der Tür und sah über die Schulter nach dem Knaben zurück; dann stand er plötzlich still und rief ihn beim Namen. Oliver blickte auf, der Jude wies nach dem Lichte hin und bedeutete ihn, es anzuzünden. Oliver tat, wie ihm geheißen wurde und sah, daß Fagin mit gerunzelter Stirn aus dem dunkleren Teile des Gemachs forschend die Augen auf ihn heftete. »Hüte dich, Oliver, hüte dich!« sagte der Alte, warnend die rechte Hand emporhebend. »Er ist ein brutaler Mann und achtet kein Blut, wenn seins ist heiß. Was sich auch zuträgt, sprich kein Wort und tu’, was er dir sagt. Nimm dich in acht! – wohl in acht!« – Er hatte die letzten Worte mit scharfer Betonung gesprochen, sein finsterer, drohender Blick verwandelte sich in ein greuliches Lächeln, er nickte und ging. Oliver legte den Kopf auf die Hand, als er allein war, und sann mit pochendem Herzen den eben vernommenen Worten nach. Je länger er über die Warnung des Juden nachdachte, in eine desto größere Ungewißheit geriet er über ihren eigentlichen Sinn und Zweck. Er konnte sich nichts Böses oder Unrechtes bei seiner Sendung zu Sikes denken, das nicht ebensogut geschehen oder erreicht werden konnte, wenn er bei Fagin blieb. Nach langem Nachsinnen kam er zu dem Schlusse, daß er ausersehen sein möchte, Sikes als Aufwärter zu dienen, bis man einen besser dazu geeigneten Knaben gefunden hätte. Er war zu sehr an Leiden und Dulden gewöhnt und hatte zu viel gelitten in dem Hause, in welchem er sich befand, als daß ihn die Aussicht auf eine Veränderung des Schauplatzes seiner Widerwärtigkeiten sehr hätte betrüben können. Er blieb noch eine Weile in Gedanken verloren, putzte seufzend das Licht und fing an in dem Buche zu lesen, das ihm der Jude zurückgelassen. Er hatte anfangs nur geblättert, allein eine Stelle erregte seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade, und bald las er um so eifriger. Das Buch enthielt Erzählungen von berüchtigten Verbrechern aller Art und trug auf jeder Seite die Spuren eines sehr häufigen Gebrauchs. Er las hier von furchtbaren Verbrechen, die das Blut zu Eis erstarren ließen, von Raubmorden, die auf offener Landstraße verübt worden waren, von Leichen, die man vor den Augen der Menschen in den tiefen Brunnen und Schächten verborgen hatte, ohne daß es jedoch gelungen wäre, sie für die Dauer unten zu halten, so tief sie auch liegen mochten, und zu verhüten, daß sie nach vielen Jahren ans Tageslicht kamen und die Mörder durch ihren Anblick so sehr um alle Besinnung brachten, daß sie ihre Schuld eingestanden und am Galgen ihr Leben endeten. Ferner las er hier von Menschen, die in der Stille der Nacht in ihrem Bette liegend, von ihren eigenen bösen Gedanken zu so gräßlichen Mordtaten, wie sie selbst sagten, aufgestachelt wurden, daß es einen kalt überlief und einem die Glieder matt am Leibe niedersanken, wenn man es las. Die fürchterlichen Beschreibungen waren so lebensgetreu und packend, daß die schmutzigen Seiten ihm mit Blut bespritzt erschienen und die Worte, die er las, in seinen Ohren widerhallten, als würden sie in hohlen Murmeln von den Geistern der Ermordeten geflüstert. In wahnsinniger Angst schloß Oliver endlich das Buch und schleuderte es von sich, fiel auf die Knie nieder und flehte den Himmel an, ihn vor solchen Untaten zu bewahren und ihn lieber sogleich sterben als so fürchterliche Verbrechen begehen zu lassen. Er wurde allmählich ruhiger und betete mit leiser, gebrochener Stimme um Errettung aus den Gefahren, in welchen er sich befand, und, falls einem armen, verstoßenen Knaben, der nie Elternliebe und Schutz gekannt, Beistand und Hilfe aufgehoben wäre, daß sie ihm jetzt zu teil werden möchte, wo er allein und verlassen von Schuld und Ruchlosigkeit umringt war. Er lag noch, das Gesicht mit den Händen bedeckend, auf den Knien, als ein Geräusch ihn aufschreckte. Er sah sich um, erblickte eine Gestalt an der Tür und rief: »Wer ist da?« »Ich – ich bin es,« erwiderte eine bebende Stimme. Er hob das Licht empor und erkannte Nancy. »Stell’ das Licht wieder auf den Tisch,« sagte sie, das Gesicht abwendend; »die Augen tun mir weh davon.« Oliver sah, daß sie sehr blaß war, und fragte sie mitleidig, ob sie krank wäre. Sie warf sich auf einen Stuhl, so daß sie ihm den Rücken zukehrte, und rang die Hände, antwortete aber nicht. »Gott verzeih’ mir die Sünde!« rief sie nach einiger Zeit aus; »es ist meine Absicht nicht gewesen – ich habe nicht – habe nicht von fern daran gedacht!« »Ist ein Unglück vorgefallen?« fragte Oliver. »Kann ich dir helfen? Wenn ich es kann, so will ich’s auch, gern, gern!« Sie wiegte sich unter fortwährendem heftigen Händeringen hin und her, faßte sich an die Kehle, als ob sie etwas würgte, und keuchte atemlos. »Nancy!« rief Oliver bestürzt; »was ist dir denn?« Sie schlug krampfhaft mit den Händen auf ihre Knie und mit den Füßen auf den Boden und hüllte sich darauf schaudernd dicht in ihren Schal. Oliver schürte das Feuer an, sie setzte sich an den Kamin, schwieg noch eine Zeitlang, hob endlich den Kopf empor und blickte umher. »Ich weiß nicht, wie mir bisweilen wird,« sagte sie und stellte sich, als wenn sie eifrig beschäftigt wäre, ihr Haar wieder zu ordnen; »ich glaube, jetzt kommt’s von der dumpfen Luft hier im Zimmer. Bist du bereit, mit mir zu gehen, Nolly?« »Soll ich mit dir fortgehen, Nancy?« fragte Oliver. »Ja; ich komme von Bill Sikes,« erwiderte sie. »Du sollst mit mir gehen.« »Wozu denn?« fragte Oliver zurückschreckend. »Wozu?« wiederholte sie, schlug die Augen auf und wandte das Gesicht ab, sobald sie Olivers Blicken begegneten. »O! zu nichts Bösem.« »Das glaube ich dir nicht,« sagte er. Er hatte sie genau beobachtet. »So ist’s gelogen, und glaub’, was du willst,« erwiderte sie und zwang sich zu lachen. »Zu nichts Gutem also.« Oliver entging es nicht, daß er einige Gewalt über Nancys bessere Gefühle hatte, und wollte sich schon an ihr Mitleid mit seiner hilflosen Lage wenden; allein es fiel ihm ein, daß es kaum elf Uhr wäre, daß noch viele Leute auf den Straßen sein müßten, und daß ihm ja wohl der eine oder andere Glauben schenken würde, wenn er ihn um Beistand anspräche. Er trat vor, als ihm dieser Gedanke durch den Sinn flog, und erklärte hastig und verwirrt, daß er bereit sei. Nancy hatte ihn indes scharf im Auge behalten, erraten, was in seinem Innern vorging, und ihr bedeutsamer Blick ließ ihn gewahren, daß sie ihn durchschaut. »Pst!« sagte sie, beugte sich herunter zu ihm, blickte vorsichtig umher und wies nach der Tür. »Du kannst dir nicht helfen. Ich habe mir deinetwegen alle mögliche Mühe gegeben, aber vergeblich. Du bist umstellt und wirst scharf bewacht, und kannst du jemals loskommen, so ist es jetzt nicht die Zeit.« Sie war offenbar erregt, Oliver war davon betroffen und blickte ihr sehr verwundert in das Gesicht. Sie schien die Wahrheit zu reden, war blaß und zitterte heftig. »Ich habe dich schon einmal vor übler Behandlung geschützt, will es auch künftig tun und tue es jetzt,« fuhr sie fort; »denn wenn ich dich nicht holte, würden dich andere zu Sikes bringen, die viel...




