E-Book, Deutsch, 383 Seiten
Die Liga der Siebzehn - Unter Strom
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8387-4545-9
Verlag: Bastei Lübbe AG
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Band 1
E-Book, Deutsch, 383 Seiten
ISBN: 978-3-8387-4545-9
Verlag: Bastei Lübbe AG
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Der 14-jährige Michael fällt vor allem durch sein Tourette-Syndrom auf. Wegen seiner unkontrollierten Tics wird er immer wieder zum Mobbingopfer seiner Mitschüler. Was ihn jedoch wirklich einzigartig macht: Durch seinen Körper fließt Strom! Und als er eines Tages genug von den Schikanen hat, verpasst er einigen Leuten einen heftigen Stromschlag. Doch Michael ist nicht der Einzige, der über eine besondere Macht verfügt. Schon bald geraten sie alle ins Visier einer gefährlichen Akademie ...
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Die Achsel
Ich fange mit Mr Dallstroms Büro an. Das ist so gut wie alles andere. Oder so schlecht wie alles andere. Mr Dallstrom ist der Direktor der Meridian Highschool, die ich besuche. Wenn man mich fragt, ist die neunte Klasse die Achselhöhle des Lebens. Und da war ich nun, im stinkigsten Teil dieser Achselhöhle – im Büro des Schulleiters. Ich saß in Mr Dallstroms Büro und blinzelte wie verrückt. Man kann sich vorstellen, dass ich Mr Dallstrom nicht gerade toll fand. Er hatte diese Angewohnheit, stets das Offensichtliche zu bestätigen. Wie zum Beispiel »Atmen ist wichtig« oder »Reis-Crispy-Kekse sind das tollste Lebensmittel, das jemals erfunden wurde«. Niemand auf der Meridian mochte Mr Dallstrom, außer Miss Duncan, die den Chor leitete. Sie hatte ein Bild von Mr Dallstrom auf ihrem Schreibtisch stehen, das sie manchmal mit zärtlichen Glupschaugen anstarrte. Jedes Mal, wenn Mr Dallstroms Stimme bei einer Lautsprecherdurchsage ertönte, donnerte sie wütend ihren Taktstock auf den Notenständer, um uns zur Ruhe zu bringen. Wenn er fertig war, wurde sie ganz rot, und kleine Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. Dann erinnerte sie uns daran, wie glücklich wir uns doch schätzen konnten, von einem solch männlichen und standhaften Verteidiger des öffentlichen Bildungswesens durch die tückische Wildnis der Highschool geführt zu werden. Mr Dallstrom ist ein kahler, dünner Kerl, der aussieht wie eine Vogelscheuche mit einem schwammigen Bauchansatz. Stellt euch einen schwangeren Abraham Lincoln vor, nur ohne Bart und mit einem gelben Toupet anstelle eines Huts, und ihr habt euer Bild. Er sieht zudem aus, als wäre er hundert Jahre alt. Mindestens. In der fünften Klasse wurden wir von unserer Lehrerin ermahnt, dass die korrekte Bezeichnung für unseren Schulleiter Direktor und nicht Direx wäre. Eigentlich nannten ihn alle T-Rex und glaubt mir, das war die wesentlich passendere Bezeichnung für Mr Dallstrom. Ich war schon zum zweiten Mal in diesem Monat in sein Büro gerufen geworden, weil irgendjemand mir irgendetwas getan hatte. Mr Dallstrom war ein Weltmeister im Bestrafen der Opfer. »Wenn ich mich nicht irre, sind Sie in diesem Monat schon das zweite Mal in meinem Büro«, sagte Mr Dallstrom zu mir, die Augen halb geschlossen. »Stimmt das, Mr Vey?« Das war die andere Eigenart von Mr Dallstrom: Er stellte gerne Fragen, deren Antworten er bereits kannte. Ich war mir nie sicher, ob ich nun antworten sollte oder lieber nicht. Ich meine, er kannte die Antwort, ich kannte die Antwort, also wo war hier der Sinn? Jedenfalls war ich zum zweiten Mal in diesem Monat von Jack Vranes und seinen Kumpels in meinen Spind gesperrt worden. Dieses Mal hatten sie mich kopfüber reingesteckt und ich war kurz davor, ohnmächtig zu werden, als endlich der Hausmeister gekommen war, das Ding aufschloss und mich in Mr Dallstroms Büro schleppte. Jack Vranes war ungefähr siebzehn Jahre alt und immer noch in der neunten Klasse. Er war oft sitzen geblieben, hatte einen Führerschein, ein Auto, einen Schnurrbart und ein Tattoo. Er verglich sich selbst manchmal mit einem Schakal, was eine ziemlich gute Beschreibung war, da sowohl er als auch das Tier Jagd auf kleinere Säugetiere machen. Jack hatte Bizepse von der Größe reifer Orangen und keine Hemmungen, diese auch zu benutzen. Um genau zu sein, benutzte er sie sehr gerne. Er und seine Gang, Mitchell und Wade, schauten sich immer Ultimate Fighting im Fernsehen an, was als härteste Kampfsportart der Welt gilt, und Jack nahm brasilianischen Jiu-Jitsu-Unterricht in irgendeinem Fitnessstudio, nicht weit von der Schule entfernt. Sein Lebenstraum war es, in dem Film Octagon zu kämpfen, wo er Menschen verprügeln konnte und auch noch dafür bezahlt würde. »Stimmt das?«, wiederholte Dallstrom und starrte mich immer noch an. Ich tickte, also blinzelte, fast ein Dutzend Mal und sagte dann: »Aber Sir, es war doch nicht meine Schuld. Sie haben mich kopfüber in meinen Spind gesteckt.« Er zeigte nicht sehr viel Mitgefühl angesichts meiner Zwangslage, daher redete ich weiter. »Sie waren zu dritt, und sie sind viel größer als ich. Viel größer.« Meine Hoffnung auf Verständnis traf Mr Dallstroms berüchtigten »Zu-Tode-starren-Blick«. Man muss ihn gesehen haben, um sich das vorstellen zu können. Letztes Schuljahr, beim Thema griechische Mythologie, waren wir gerade zu dem Abschnitt über Medusa gekommen – einer Gorgone, die nur durch ihren Blick Menschen zu Stein verwandeln kann –, da wurde mir klar, wo Mr Dallstrom ursprünglich herkam. Vielleicht lag es an meinem Tourette, denn es platzte einfach so aus mir heraus: »Das muss Mr Dallstroms Ururururgroßmutter sein.« Alle lachten. Alle außer Mr Dallstrom, der genau diesen Moment abgewartet hatte, um in den Unterricht zu platzen. Ich musste eine Woche nachsitzen, was aber eigentlich gar nicht so schlecht war, weil ich dadurch wenigstens vor Jack und seinen Kumpeln sicher war, die irgendwie nie nachsitzen mussten, egal, wie viele Schüler sie in die Mülleimer der Cafeteria steckten oder in ihre Spinde sperrten. Auf jeden Fall hatte mich das offiziell auf Mr Dallstroms Störenfried-Liste gebracht. »Mr Vey, man kann jemanden nicht ohne sein Zutun in einen Spind sperren«, sagte Mr Dallstrom. Das war wohl das absolut Dämlichste, was jemals in einer Schule gesagt worden war. »Sie hätten Widerstand leisten sollen.« Das ist, als beschuldige man jemanden, der vom Blitz getroffen wurde, dass er im Weg gestanden hat. »Aber das habe ich versucht.« »Offensichtlich nicht hartnäckig genug.« Er holte einen Stift heraus. »Wer sind diese Jungs, die Sie angeblich in den Spind gesperrt haben?« Mr Dallstrom neigte den Kopf und fuchtelte mit seinem Stift ungeduldig vor sich herum. Ich starrte gebannt auf den Stift, der eine hypnotisierende Wirkung hatte. »Ich warte, Mr Vey. Ihre Namen?« Auf keinen Fall würde ich ihm sagen, wer das getan hatte. Erstens wusste er das doch sowieso, denn jeder wusste, dass Jack schon mehr Kinder als Bücher in Spinde gesteckt hatte. Zweitens, Jack zu verpfeifen war der direkte Weg in den Tod. Ich sah Mr Dallstrom an, meine Augen zuckten wie verrückt. »Hören Sie auf mit dem Zucken und beantworten Sie meine Frage.« »Ich kann es Ihnen nicht sagen«, brachte ich schließlich hervor. »Sie können nicht oder Sie wollen nicht?« Raten Sie mal, dachte ich. »Ich habe vergessen, wer es war.« Mr Dallstrom starrte mich weiter durch seine zusammengekniffenen Augen an. »Was Sie nicht sagen …« Er hörte auf, mit dem Stift herumzufuchteln und legte ihn auf den Schreibtisch. »Tut mir wirklich leid, das zu hören, Mr Vey. Dann werden Sie eben deren Strafe auch noch auf sich nehmen müssen. Vier Wochen Nachsitzen. Ich schätze, Sie wissen, wo.« »Ja, Sir. In der Cafeteria.« »Gut. Sie werden keine Mühe haben, den Weg dorthin zu finden.« Wie ich schon sagte, übertraf Mr Dallstrom sich gern selbst bei der Bestrafung der Opfer. Er unterschrieb eine Entschuldigung wegen der Verspätung und reichte sie mir. »Geben Sie das Ihrem Lehrer. Sie können jetzt zurück in Ihre Klasse gehen, Mr Vey.« »Danke, Sir«, verabschiedete ich mich, wobei ich mir allerdings nicht ganz sicher war, wofür ich ihm dankte. Ich verließ das Büro und ging langsam den langen, leeren Flur entlang zum Biologieunterricht. Dort hatte unser Basketballteam, die Basketball-Boosters, überall Plakate aufgehängt. In greller Farbe waren darauf Sprüche zu lesen wie Auf Krieger, bringt die Vikings zu Fall. Ich holte meinen Rucksack aus dem Spind und ging in den Unterricht. Mein Biologielehrer, Mr Poulsen, war ein kleiner Kerl, der versuchte, seine Glatze zu verbergen, indem er seine vereinzelten restlichen Haare von einer Seite auf die andere über die kahle Stelle kämmte. Er hielt gerade einen Vortrag und hörte abrupt mitten im Satz auf, als ich zur Tür hineinkam. »Schön, dass Sie auch beschlossen haben uns zu beehren, Mr Vey.« »Tut mir leid. Ich war beim Direktor. Mr Dallstrom sagte, ich soll Ihnen das hier geben.« Ich reichte ihm den Zettel. Er nahm das Papier, ohne einen Blick darauf zu werfen. »Setzen Sie sich. Wir gehen gerade noch mal alles für den morgigen Test durch.« Alle Augen in der Klasse waren auf mich gerichtet und folgten mir auf dem Weg zu meinem Tisch. Ich saß in der zweiten Reihe von hinten, direkt hinter meinem besten Freund Ostin Liss, der zu den klügsten Kindern des Universums zählt. Ostins Name klingt irgendwie europäisch oder so, aber er ist es nicht. Seine Mutter hat ihm den Namen gegeben, weil er in Austin, Texas, geboren wurde. Die falsche Schreibweise war sein ganz persönlicher Fluch. Ich vermute, dass Ostin adoptiert wurde, denn ich kann nicht begreifen, wie ein so schlaues Kind von jemandem abstammen soll, der nicht mal fähig war, den Namen der Stadt zu buchstabieren, in der er lebte. Aber selbst wenn Ostins Mom nicht die Hellste war, mochte ich sie doch sehr. Sie hatte einen texanischen Akzent und nannte jeden »Süßer«. Das klingt vielleicht seltsam, ist es aber eigentlich gar nicht. Sie war total nett und hatte immer einen Vorrat an roter Lakritze in ihrer Speisekammer, weil sie wusste, dass ich rote Lakritze über alles liebte und meine Mutter mir nie Süßigkeiten kaufte. Ostin wurde noch nie in seinen Spind gestopft. Das liegt wahrscheinlich daran, dass er dicker ist als ich, was jedoch nicht heißt, dass Jack und seine Freunde ihn in Ruhe ließen. Das taten sie nicht. Genau genommen hatte er die größte Demütigung...




