E-Book, Deutsch, 308 Seiten
Die Pamir, der Kapitän und der Kadett
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7448-0692-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 308 Seiten
ISBN: 978-3-7448-0692-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Pitt ist ein fiktiver Autor, unter dessen Namen Armin Peter, 1939 in Hannover geboren und in Hamburg lebend, seit mehr als dreißig Jahren Bücher veröffentlicht, darunter 'Gemeinwirtschaft - Der Roman vom Soll und Ist'. Eine Übersicht bietet die Agentur am Aspersort auf ihrer Website.
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Die Nachricht
Es war ein einziger Gedanke, der Heinrich Thorborg auf dem Weg zu seiner Frau bewegte: „Ich muss es sein, der es ihr sagt.“ Sagt, die „Pamir“ sei in Seenot. Als er in der Sitzung der Küstenschiffer die Augen der Kapitäne auf sich gerichtet sah, als sich der Unglaube, der sich auf seinem Gesicht gemalt hatte, auf allen Gesichtern zeichnete, war er ruhig aufgestanden und hatte Kapitän Breuer gefragt, ob er in seinem Büro telefonieren dürfe. Kapitän Breuer hatte die Sitzung unterbrochen und ihn zu seinem Büro begleitet, ihm angeboten, mit dem Reedereiverband zu telefonieren, um zu klären, ob dort bereits Nachrichten vorlägen. Heinrich Thorborg hatte abgewinkt. Auch den Gedanken, mit der Korrespondentreederei der Stiftung, Zerssen, vielleicht mit Kapitän Dominik, ihrem Inspektor, zu sprechen, hatte er sich verboten. Er konnte zu Hause telefonieren. Jetzt kam es darauf an, mit Frida über die Nachricht zu sprechen. Sie war allein zu Haus, Waltraut und ihre Freundin Gisela Roeske wollten im Orchideencafé in Planten un Blomen tanzen. Hatte Frida Radio gehört? Das tat sie selten. Auch nicht, wenn sie allein zu Hause war? War die Nachricht schon im Fernsehen gelaufen? „Ich muss es ihr sagen.“
Er ertappte sich zum zweiten Mal dabei, in das Rotlicht zu rasen. Sein Fuß, der auf dem Pedal lastete, schmerzte. Als er aus dem Haus der Küstenschifffahrt getreten war, fand er sich in einer solchen Verwirrung, dass er überlegen musste, an welcher Seite der Fischauktionshalle er seinen Rekord geparkt hatte, und während er unschlüssig auf dem Kopfsteinpflaster hin- und hergelaufen war, hatte er sich den Fuß vertreten. Er fuhr zu schnell. Er fuhr nicht schnell genug. Frida allein mit der Nachricht „Die Pamir ist in Seenot“. Aber konnte die „Tagesschau“ die Nachricht schon haben? In der letzten Woche, in der die „Waltraud Thorborg“ auf der Werft lag, hat er nicht einen einzigen Abend mit seiner Frau ferngesehen. Niemand hatte das Recht, Frida mit der nackten Nachricht zu überfallen. Es war seine Aufgabe, seine Pflicht, es war seine Verantwortung allein, Frida zu sagen: „Mach dir keine Sorgen, die Pamir ist ein tüchtiges Schiff und der Kapitän Diebitsch ist ein erfahrener Kapitän – der Sturm kann ihnen nichts anhaben.“ Und das SOS? Jedes Schiff, das sich in Seenot wähnt, ruft um Hilfe. Hatte Frida das nicht selber erlebt an Bord der „Dieter Waltraud“ vor drei Jahren, als die Welle im Sturm gebrochen war, im Ärmelkanal?
Das Liebste wäre ihm gewesen, die Korrespondentreederei hätte nur ihm, dem Vater, hätte alle Väter der Jungen über den Hilferuf der „Pamir“, der ja auf dem ganzen Atlantik zu hören gewesen war, exklusiv informiert, eine strenge, eine nur um den Preis höchster Strafen zu verletzende Nachrichtensperre wäre verhängt worden, so lange, bis die Reederei oder die Stiftung den Vätern sagen könnte: „Die Pamir macht wieder ruhige Fahrt.“ Oder? Oder: „Die Pamir ist gesunken“? Nein, bis es Klarheit über das Schicksal des Schiffes gäbe. Schicksal? Über Schäden an der „Pamir“. Es ist, verdammt noch mal, die Aufgabe des Vaters, seine Familie über ein Unglück, das sie bedrohen könnte, zu informieren, mit seinen Worten, mit seinen Erklärungen, mit seinen Tröstungen, und es ist tausendmal mehr die Aufgabe des Vaters, wenn der ein Kapitän ist. Ein Kapitän zu großer Fahrt. Was geht eine solche Nachricht die Leute an, wenn sie doch nicht helfen können! Funkstille, absolute Funkstille – nur die Meldungen für die Helfer, für die hilfsbereiten Kapitäne auf den Atlantik-Routen und die Mannschaften der Küstenwachen, von denen es viele geben wird. Dummes Wunschdenken! Nein, die Abendnachrichten wären voll von den Spekulationen über das Schicksal des Schulschiffes. Das würde die Phantasie der Menschen bewegen, selbst wenn es nur eine Havarie mit Mast- und Schotenbruch auf ruhiger See durchgemacht hätte.
Er war zornig auf sich, er hätte doch versuchen müssen, sich Informationen zu beschaffen. Radio Norddeich? – nach Funksprüchen fragen. Die würden, heute, einem besorgten Vater keine Auskünfte geben wollen. Wäre die Reederei Zerssen nicht schon besser informiert gewesen als Funk und Presse? Kapitän Dominik? Bei Zerssen hatte sich niemand gemeldet. Er war auch zornig, nicht einmal die Telefonnummer von Kapitän Dominik in der Tasche zu haben. SOS – wer würde sich äußern wollen in diesen Stunden? Einen Augenblick wünscht er sich, die Polizei könnte ihn auf der Hamburger Straße stoppen – die sind funkgewandt, die sind von Minute zu Minute darüber informiert, was in der Stadt geschieht, die hätte er fragen können. Natürlich wusste Frida Bescheid. SOS. Die „Pamir“ in Seenot. Ihr Vater, der Schneidermeister, der über das Segelabenteuer seines Enkels nicht begeistert ist, wird längst am Telefon gewesen sein. Warum hatte er nicht in Breuers Büro mit Frida gesprochen? Unmöglich. Wenn sie noch nichts vom Notruf erfahren hatte – am Telefon? Unmöglich. „Ich muss es ihr und Waltraut sagen“. Es war das Einverständnis des Vaters gewesen, das den Jungen auf das Schiff gebracht hat. Nein, mehr, sein Wunsch.
Als Tappi, der Bordhund, ihm in seiner schier lebensbedrohlichen Begeisterung entgegengekläfft war, wusste er, dass seine Frau auf das Klappen der Autotür gewartet hatte. Sie stand in der Haustür und wusste alles, wusste, was an diesem Abend alle wussten, die Radio gehört, die ferngesehen hatten. Kapitän Thorborg, der Vater des Jungmanns, war einer von Millionen, die von einer Nachricht beunruhigt waren, von der keiner wusste, was sie bedeutete. Wusste Frida schon mehr? Sie weinte. Ehe er bei ihr war – sollte er sie umarmen? –, sagte sie: „Heinz, die Pamir. Was ist mit Dieter?“ Es war ihm nicht möglich gewesen, in dieser Stunde das Recht des ersten Wortes zu behaupten. Er empfand das als beschämend, ja erniedrigend. Die Nachricht hätte nur ihm gehören dürfen, ihm allein. Er hätte die Ungewissheit, über Stunden, über Tage allein tragen müssen. Er war „der Alte“, so hatte ihn Dieter genannt, als er in seiner großartigen Schularbeit seine Reise mit dem Kümo des Vaters beschrieben hatte.
Heinrich erfuhr, dass Frida von ihrem Vater angerufen worden war. Sie hatte versucht, ihren Mann im Verband zu erreichen, doch in Kapitän Breuers Büro hatte sich an diesem späten Sonnabend niemand gemeldet. Auch kein Besetztzeichen. Mussten nicht im Büro des Verbandschefs alle Leitungen belegt sein? Haben die Schiffseigner ihre Zusammenkunft – ging es nicht wieder um die Ausbildung der Schiffsjungen? – schon beendet? Es sei doch nicht möglich, hatte sie gedacht, dass ihr Vater besser informiert sei als die Kapitäne mit ihren Verbindungen in alle Welt. Dass ihr Mann sie nicht anrief, konnte nur einen Grund haben: er wollte ihr die Nachricht, die sie fürchtete, persönlich bringen. „Frida, die Pamir ist gesunken. Ich weiß nicht, ob Dieter sich retten konnte.“ Sie hatte Waltraut im Orchideencafé ausrufen und ihr die Botschaft übermitteln lassen, nach Hause zu kommen. Waltraut hatte sich in der U-Bahn im Gespräch mit Gisela Sorgen um den Vater gemacht, der ihr in der letzten Zeit recht angespannt vorgekommen war.
Waltraut und Gisela fahndeten auf allen Wellen nach Nachrichten, doch alle hatten nur den einen Kern, den an der englischen Küste aufgefangenen Funkspruch des gegen einen Hurrikan kämpfenden Schiffes, sonst nichts, außer den Informationen über das Schiff und seine Besatzung, seine Reise.
Der Kapitän nahm die gerollte Seekarte, auf der er die Position der „Pamir“ nach den laufenden Meldungen der Reederei Zerssen markiert hatte, aus der Lade seines Schreibtisches und breitete sie auf dem Tisch im Wohnzimmer aus. „Die Azoren sind nicht weit. Viele, viele Schiffe fahren im Azorengebiet, das ist ein Kreuzungspunkt vieler Routen. Stürme dort sind nichts Besonderes, das sind die üblichen Stürme der Tagundnachtgleiche. Die können der Pamir nichts anhaben. Die Pamir droht zu sinken? Wer sagt das? Das hat sie auf ihren vielen Fahrten ums Kap Hoorn schon oft erlebt. Der vorsichtige Kapitän Diebitsch muss SOS funken lassen. Der ist ein bisschen ängstlich, das muss er ja auch sein. Wann hat der schon seinen letzten großen Sturm erlebt? Der geht auf Nummer sicher. Das würde ich auch tun, wenn ich Schlagseite hätte oder mir Segel weggeflogen oder ein Mast gebrochen wäre. Er will nicht allein sein im schweren Sturm, da muss er wohl ein bisschen dramatisieren.“
Wenn nicht die großen, rund kullernden dunklen Augen im Schimmer eines Tränenfilms gewesen wären, die flammende Röte des Halses, die sich übereinander verkeilenden Finger. Er hörte keine Frage. Er war Waltraut dankbar, die mit warmer unaufgeregter Stimme sagte: „Typisch Dieter. Der braucht sein Abenteuer.“
Die Fernsehbilder der „Pamir“ sind hundertmal gesehen. Sie ist nicht irgendein Schiff, sie ist das Schiff der Jungen....




