Dieckmann | Die Kreuzfahrt | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Dieckmann Die Kreuzfahrt

1936 - Eine junge Frau und ihre gefährliche Mission
2. Auflage 2020
ISBN: 978-3-8412-1961-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

1936 - Eine junge Frau und ihre gefährliche Mission

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-8412-1961-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Deutschland 1936 - nach wahren Begebenheiten erzählt.

Die junge Violinistin Carla Fuchs träumt von einer Karriere als Musikerin - doch ein streng gehütetes Familiengeheimnis macht sowohl diesen Wunsch als auch ihre Heirat mit dem Adeligen Harald von Breden unmöglich. Scheinbar spontan lädt ihr Vater die Familie zu einer Kreuzfahrt nach Ägypten und Palästina ein, an Bord verhält er sich jedoch plötzlich so verdächtig, dass Carla bald Zweifel kommen, nur an einer gewöhnlichen Urlaubsreise teilzunehmen. Als ihr ehemaliger Verlobter ihnen aufs Schiff folgt und ein Ufa-Regisseur an Bord um sie wirbt, spitzt sich die Lage zu. Kann sie den Menschen in ihrer Umgebung noch vertrauen?

Eine Frau gerät in die Wirren der eigenen Familiengeschichte - vom Autor der Bestseller 'Luther' und 'Die Mission der sieben Templer'.



Guido Dieckmann, geboren 1969 in Heidelberg, arbeitete nach dem Studium der Geschichte und Anglistik als Übersetzer und Wirtschaftshistoriker. Heute ist er als freier Schriftsteller erfolgreich und zählt mit seinen historischen Romanen, u.a. dem Bestseller 'Luther' (2003), zu den bekanntesten Autoren dieses Genres in Deutschland. Guido Dieckmann lebt mit seiner Familie in Haßloch in der Pfalz. Im Aufbau Taschenbuch sind von ihm lieferbar: 'Die sieben Templer', 'Der Pakt der sieben Templer', 'Die Mission der sieben Templer', 'Luther' sowie die historischen Weimar-Krimis 'Das Geheimnis des Poeten' und 'Der Fluch der Kartenlegerin'. Mehr zum Autor unter www.guido-dieckmann.de
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1. Kapitel


Berlin, Sommer 1936

»Der Bursche ist gelaufen wie der Teufel, Sweetheart! Die anderen Sportler hatten nicht die geringste Chance gegen ihn!«

Carla Fuchs blickte amüsiert von ihrer Zeitschrift auf, als ihr jüngerer Bruder mit glühenden Wangen in den Salon gestürmt kam. Sie und ihre Mutter genossen an diesem Nachmittag dort Kaffee und Pflaumenkuchen, und keine der beiden Frauen hatte damit gerechnet, dass er bereits so früh aus dem Olympiastadion zurückkehren würde. Von nun an würde es mit der Ruhe und Gemütlichkeit wohl oder übel vorbei sein.

»Owens geht in die zweite Runde, und das Publikum rast vor Begeisterung!«, rief Emil Fuchs und imitierte dabei den Redefluss eines Sportreporters der Wochenschau. Er warf sich neben Carla auf das mit grünem Samt bezogene Sofa. »Holt er sich die zweite Goldene?« Unvermittelt machte Emil einen Satz nach vorne, verharrte dann in der Bewegung und bog seine Hüfte, als weiche er einem Hindernis aus – dabei stieß er gegen den zierlichen Mahagonitisch, auf dem ein Hotelpage die noch dampfende Kaffeekanne abgestellt hatte.

»Hast du eine Ahnung, wie ein Stadion brummt, wenn dreißigtausend Menschen von ihren Tribünensitzen aufspringen und zu jubeln anfangen?«

Carla schüttelte milde lächelnd den Kopf. Ein Glück, dass sie nicht wirklich unter Kopfschmerzen litt, so wie sie es ihrem Vater und Emil gegenüber behauptet hatte, um sich vor den heutigen Wettkämpfen im Stadion zu drücken. Bei dem Radau, den allein dieser Junge schon veranstaltete, konnte es einem schon ganz anders werden.

»Das Brummen wirst du uns bitte ersparen!« Rina Fuchs musterte ihren Sohn streng vom Kragen seines Sommerhemds über die senffarbenen, zerknitterten Knickerbockers bis hinunter zu seinen Schuhen. Als sie den Staub darauf bemerkte, schüttelte sie missbilligend den Kopf. Emils Vater hatte ihm zwar am Morgen sportliche Kleidung erlaubt, aber so durchgeschwitzt und abgekämpft erschien man trotzdem nicht zum Nachmittagskaffee. Schon gar nicht an einem Tag, von dem möglicherweise die Zukunft der eigenen Schwester abhing! Rina nahm sich vor, mit ihrem Mann ein ernstes Wörtchen darüber zu reden. Sie hatte ja gar nichts dagegen, die Zügel etwas lockerer zu lassen, solange die Familie sich in Berlin aufhielt, doch der Rummel um die Olympischen Spiele durfte nicht dazu führen, dass Emil völlig verwilderte. Im Hotel gingen tagtäglich prominente Leute ein und aus, da gehörte es sich nicht, dass der Sohn des bekannten Wissenschaftlers Robert Fuchs mit unpolierten Schuhen herumlief.

»Und wenn wir schon dabei sind!« Rinas Stimme klang langsam etwas schrill, wie immer, wenn sie anfing, sich über etwas aufzuregen. »Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du Carla nicht mit diesen englischen Kosenamen anreden sollst? Wer bringt dir nur diesen ganzen Unsinn bei? Liest du diese Ausdrücke in den Sportmagazinen, die Bellamuti dir heimlich zusteckt?« Sie schüttelte den Kopf. »Konzentriere dich zur Abwechslung mal auf deine Lateinstunden, damit du in der Quarta besser abschneidest. Dein Zeugnis zu Ostern war, gelinde gesagt, eine Katastrophe. Vater hat zwar nichts dazu gesagt, aber er war doch ziemlich enttäuscht!«

Rina wäre noch mehr zu diesem Thema eingefallen, doch sie verzichtete darauf, es auszuführen, da sie just in diesem Moment ihren Mann den Salon betreten und auf sie zukommen sah. Obwohl dieser längst nicht so sportbegeistert war wie Emil, schien auch er sich im Olympiastadion amüsiert zu haben. Das ließ sich zumindest aus seiner blendenden Laune schließen. Summte er nicht sogar eine bekannte Filmmelodie vor sich hin? Für gewöhnlich tat er so etwas niemals, weil er das Kino nicht leiden konnte.

»Na, mein Junge?« Mit einer flüchtigen Geste strich er seinem Sohn über den Kopf. »Hast du den Ladys schon erzählt, was wir im Stadion alles erlebt haben?« Mit einem verschmitzten Zwinkern küsste er zuerst seine Frau, dann Carla auf die Wange. »Ist das Kaffee? Mein Gott, ich würde sterben für einen Schluck! Carla, wärst du so freundlich?«

Der Kaffee war nicht mehr heiß, ein Umstand, über den sich Fuchs an jedem anderen Tag sicher beklagt hätte.

»Ladys?« Rina bedachte ihren Ehemann mit einem vorwurfsvollen Blick. »Jetzt fang du nicht auch noch damit an, dich so … unkonventionell auszudrücken. Vor nicht einmal einer Minute habe ich Emil verboten, mit amerikanischen Begriffen um sich zu werfen. Wenn das einer aufschnappt, wird er denken, wir sympathisieren mit …«

»Mit Athleten wie Jesse Owens?« Aus Roberts kantigem Gesicht verschwand das Lächeln, das ihn für einen kurzen, magischen Moment wieder in den Mann verwandelt hatte, der er vor der Gründung seines Unternehmens gewesen war. Carla bedauerte das sehr, denn sie konnte sich nur noch dunkel an diese Zeit erinnern. Als kleines Mädchen hatte sie es geliebt, ihren Vater in der nach Baldrian und Kräutern duftenden Apotheke am Markt zu besuchen. Dort hatte sie Kamillenblüten abwiegen und salzige Hustenpastillen in Papiertütchen füllen dürfen, während ihr Vater Salben angerührt hatte. Doch ein Jahr nach Emils Geburt hatte er die Apotheke verpachtet und eine Fabrik für Arzneimittel gegründet. Die Geschäfte liefen gut, zumal Fuchs es verstand, sein Unternehmen mit genügend Weitblick auch durch die wirtschaftliche Krisenzeit am Ende der Republik zu führen. Seine Erfolge ermutigten ihn, mithilfe eines Kompagnons in der Nähe von Stuttgart eine Versuchsstation aufzubauen, in der botanische Experimente durchgeführt wurden. Wo genau die Forschungsschwerpunkte ihres Vaters lagen, wusste weder Carla noch der Rest der Familie. Unter Geldsorgen hatten sie jedenfalls nie leiden müssen.

»Der Amerikaner mag ja ein guter Sportler sein«, lenkte Rina ein. Sie hasste es, mit ihrem Mann zu diskutieren, weil sie dabei oft den Kürzeren zog. »Aber … Herrgott nochmal, bin ich denn die Einzige, die hier klar denken kann? Sobald die Spiele zu Ende sind, werden die Ausländer alle wieder in See stechen. Dann ist der ganze Zauber vorbei, aber wir werden immer noch hier in Deutschland sein. Du hast eine Firma zu leiten, und Carla …!« Sie holte tief Luft, womit sie zu verstehen gab, dass sie noch längst nicht fertig war und nicht unterbrochen zu werden wünschte. »Ich hoffe, du hast nicht vergessen, warum wir trotz dieses scheußlich kühlen Wetters nach Berlin gefahren sind, obwohl es an der Riviera im August gewiss angenehmer ist.«

»Damit Emil endlich eine Autogrammkarte von Jesse Owens bekommt?«

»Mach jetzt keine dummen Scherze, Robert! Hier geht es um das Glück deiner Tochter und nicht um die Unterschrift eines amerikanischen Schnellläufers!«

»Wie du meinst, meine Liebe!« Er warf seinem Sohn einen strengen Blick zu. »Also, schreib es dir hinter die Löffel! Kein Autogramm, jedenfalls keines von dem Sprinter. Aber vielleicht kann ich dir ja als Trostpreis ein Autogramm von unserem Führer besorgen, auch wenn dem beim Hundertmeterlauf die Zunge früher aus dem Hals hängen dürfte als unserem Gast aus Übersee.«

Rina keuchte erschrocken.

Unwillkürlich fuhren Carlas Blicke zur Tür, wie so oft, wenn ihr Vater solche bissigen Bemerkungen machte. Gottlob, draußen in der Halle schien niemand zu sein, der die Ohren spitzte. Trotzdem fragte Carla sich, was nur in den Vater gefahren war, dass er so leichtsinnig drauflosplapperte. Normalerweise galt im Hause Fuchs das strenge Gebot, vor den Kindern nicht über Geschäftliches oder Politik zu reden, schon gar nicht über die Partei, die allgegenwärtig zu sein schien. Der Vater selbst hatte auf diese eiserne Regel bestanden, nachdem einer ihrer Nachbarn von der Polizei abgeholt worden war, weil er sich über die Leibesfülle des Herrn Reichsmarschalls lustig gemacht hatte. Über seinen Scherz war zwar zuerst tüchtig gelacht worden, aber nun klebte der frühere Reichsbahnrat irgendwo in Süddeutschland Tüten. Carla hatte den Namen des Ortes vergessen, eines aber hatte sie sich gemerkt: Der Alte würde so schnell keine Witze mehr reißen. Stattdessen würde er sich gut überlegen, mit welchen seiner früheren Freunde er überhaupt noch reden konnte, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Besorgt beobachtete Carla, wie ihr Vater sich den Kuchen schmecken ließ, ohne auf die betretenen Mienen seiner Angehörigen zu achten. Vaters Verhalten, fand sie, war wirklich seltsam. Dazu noch dieser starre Blick, der einem das Fürchten lehren konnte. Ob er krank war? Oder einfach nur überarbeitet? Carla hoffte, dass er sich später ein wenig zusammennahm, wenn Harald hier war.

»Hervorragend«, lobte Fuchs den Kuchen, dem von ihm ausgelösten Entsetzen gegenüber anscheinend völlig gleichgültig. »Wie alles, was hier im Haus serviert wird, nicht wahr? Ich bin froh, dass wir hier Zimmer bekommen haben.« Rina nickte zögerlich. Sie persönlich gab zwar eigentlich dem noch teureren Hotel Adlon den Vorzug, musste aber doch zugeben, dass der Steinplatz ebenfalls zu Recht zu den besten Häusern der Hauptstadt zählte. Das in einem mehrstöckigen Gebäude mit prachtvoller Fassade untergebrachte Hotel warb mit seiner fast familiären Atmosphäre. Es war nicht so überlaufen wie die exquisiten Häuser Unter den Linden, und mochte man hier auch nicht ganz so oft auf Prominenz stoßen, gab es dennoch keinen Gast, der Grund zur Klage hatte. Die Direktorin, eine ebenso resolute wie elegante Witwe, behandelte ihre Gäste mit viel Herzlichkeit und war bemüht, ihnen jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

»Und wann kommt der junge Herr, der unsere Tochter zu einer Frau von und zu machen will?« Robert...



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