Dierkes | Schwestermutter - Ich bin ein Inzestkind | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 227 Seiten

Reihe: Lübbe

Dierkes Schwestermutter - Ich bin ein Inzestkind

Eine wahre Geschichte
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7325-7457-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine wahre Geschichte

E-Book, Deutsch, 227 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7325-7457-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ulrike M. Dierkes ist einem breiten Publikum aus zahlreichen Fernsehsendungen zur Inzestproblematik bereits bekannt. Unermüdlich setzt sie sich für die Rechte von Inzestopfern ein, sie klärt auf, informiert und hilft. Doch auch sie selbst ist eine Betroffene. In diesem Buch erzählt sie ihre eigene Lebens- und Leidensgeschichte als Inzestkind, ganz persönlich und hautnah. Ihre Geschichte ist auch die Geschichte ihrer 'Schwestermutter', die vom gemeinsamen Vater jahrelang missbraucht wurde, bis sie schließlich ein Kind aus dieser Missbrauchsbeziehung gebar. Und sie ist die Geschichte eines Netzwerks von Abhängigkeiten, Manipulationen und pädophilen Übergriffen, die der Vater jahrzehntelang erfolgreich aufrechterhielt.

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KAPITEL 3


Der Chefarzt der Privatfrauenklinik, in der mich meine Schwestermutter zur Welt bringt, entscheidet auf Grund des jugendlichen Alters der Kindesmutter, dass sie per Vollnarkose entbunden wird. Er greift zur Zange, damit die Geburt nicht zu lange dauert.

Ich komme am 9. Oktober 1957, einem Mittwoch, um 9.25 Uhr auf die Welt.

»Gesund« lauten die ersten Untersuchungsergebnisse der Ärzte. Ich messe 48 Zentimeter, wiege 2480 Gramm, habe blaue Augen und eine leichte Sichelfußstellung, wahrscheinlich durch die Enge im jugendlichen Mutterleib.

Sofort nach der Geburt wird mir eine Blutprobe aus meiner Ferse entnommen. Sie bringt den Beweis: Der Vater von Marina, meiner biologischen Schwester väterlicherseits und meiner leiblichen Mutter, ist auch mein Erzeuger. Mein biologischer Vater ist also zugleich mein Großvater.

Erst sieben Jahre nach dem ersten sexuellen Übergriff beschäftigt sich die Justiz mit dem Vergehen meines Vaters an meiner Schwestermutter Marina, und plötzlich ist auch eine ganze Region entsetzt, weit über die Grenzen unseres Dorfes hinaus. Nun fühlt sich beinahe jeder aus dem Dorf in der Lage, das Geschehene zu kommentieren.

Meine Geburt fördert alle schrecklichen Erkenntnisse zu Tage, und mein Vater wird des inzestuösen sexuellen Missbrauchs angeklagt. In den nachfolgenden Gerichtsverhandlungen wird er zu zweieinhalb Jahren Haftstrafe verurteilt. Es mutet zynisch an, dass er an dem Landgericht verurteilt wird, an dem er selbst das Ehrenamt des Schöffen innehatte.

Wegen der Schwere seines Vergehens kommt er ins Zuchthaus, nicht ins Gefängnis. 1957 gibt es diesen Unterschied noch. Er verliert die bürgerlichen Ehrenrechte, wozu zum Beispiel das Recht zur Wahl gehört. Er wird von der direkten Teilnahme und der Mitgestaltung am demokratischen System ausgeschlossen.

Aus der Untersuchungshaft wird er auf direktem Wege nach Verl transportiert, wo er seine Strafe absitzt.

Zu seinem eigenen Schutz darf keiner der Mithäftlinge erfahren, weswegen er tatsächlich einsitzt, dass er ein Kinderschänder ist. Die Straftat bleibt geheim, und er macht sich unter den Gefangenen als Lehrer für Kalligrafie und Schriftgrafik verdient.

Marina wird nach der Entbindung von einer Fürsorgerin zurück in das Erziehungsheim gebracht, wo sie eine Ausbildung und schulische Erziehung erhält.

Und wo bleibe ich?

Die Menschen um mich herum sind mit der Situation, ein Inzestkind unterbringen zu müssen, überfordert, sie suchen nicht nach der besten Lösung für das Neugeborene und seine Mutter, sondern wollen die Angelegenheit bloß möglichst rasch hinter sich bringen.

Der Vater verweigert meine Freigabe zur Adoption. Die noch unmündige Kindesmutter kann zu einer solch weit reichenden Entscheidung nicht befragt werden, also auch keine Einwilligung geben.

Es kommt daher keine Adoption, sondern lediglich eine Pflegefamilie in Betracht.

Da rechtlich mein Vater für die Kosten meiner Unterbringung – gleichgültig ob in einer Familie oder in einem Heim – aufkommen müsste, er aber inhaftiert ist und dementsprechend kein Geld zahlen kann, wird die Frau meines Vaters finanziell herangezogen, denn sie gilt auf Grund des Hausbesitzes als nicht mittellos.

Doch die Frau meines Vaters lehnt es zunächst vehement ab, für meine Unterkunft und Verpflegung auch nur einen Pfennig zu berappen. Stattdessen bezichtigt sie Marina, eine »Hure« zu sein, die ihren Vater verführt, sich mit ihm eingelassen und ihr »schändliches Verhalten«, wie sie es nennt, nicht mal gebeichtet hat, als ich unterwegs war.

Schließlich bietet sie den Behörden mit berechnendem Pragmatismus an, mich bei sich aufzunehmen und gemeinsam mit ihren drei Mädchen, die inzwischen zwölf, zehn und acht Jahre alt sind, großzuziehen. »Wo drei Kinder satt werden, wird auch ein viertes satt. Hauptsache, ein Kind hat ein Dach über dem Kopf und ein Bett zum Schlafen, mehr braucht es nicht« – so ihre Worte.

Dafür, dass sie mich bei sich aufnimmt, erhält sie ein Pflegegeld der Jugend- und Sozialbehörden, sozusagen für ihren Status als Pflegemutter. Dies ist die billigste und einfachste Lösung.

Bei meiner Taufe übernimmt sie zusammen mit Josefine Fellmer, einer angesehenen Werbegrafikerin und Präsidentin ihres Berufsverbandes, die Patenschaft über mich. Die Feier findet im kleinen Kreis nur mit den engsten Angehörigen statt.

Andere Verwandte werden ab jetzt nicht mehr in dieses Haus eingeladen, in dem es ein Geheimnis zu hüten gilt. Aus Scham erzählt die Frau meines Vaters den entfernt wohnenden Verwandten, ich sei ein Nachzügler; an dieser Lüge hält sie über Jahrzehnte hinweg fest.

Die Wahrheit kann sie ihren Verwandten gegenüber nicht aussprechen. Ihr Vater war Ministerialrat, andere Familienangehörige üben ebenfalls Berufe mit hohem öffentlichen Ansehen aus, sie sind unter anderem Lehrer, Richter oder Staatsanwälte. Nicht auszudenken, wenn sie von der Schande erführen.

Die Frau, die ich bis zu meinem elften Lebensjahr für meine Mutter halte, wirkt durch ihre Frisur und Kleidung wesentlich älter, als sie ist.

Sie trägt ihr haselnussbraunes Haar zu einem Dutt hochgesteckt, der von einem braunen durchsichtigen Netz umspannt ist.

Man sieht ihr an, dass sie einmal eine bildhübsche junge Frau war, aber auch, dass ein hartes, arbeitsreiches Leben hinter ihr liegt, das Falten und Furchen im Gesicht und Schrunden an den Händen hinterlassen hat.

In ihrem Haushalt sucht man jedwede Form von Luxus vergeblich. Selbst als sich die Nachbarn im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs, des so genannten Wirtschaftswunders, mit modernen Haushaltsgeräten die Arbeit erleichtern und stolz die neuen Anschaffungen und Errungenschaften vorführen, gibt es bei uns weder Heizung noch Teppichboden, weder Fernseher noch Kühlschrank, Kaffee-, Wasch- oder Spülmaschine.

Freitags ist wie in vielen anderen Haushalten Badetag. Dann wird in einem Boiler über einem Ofen Wasser erhitzt. Eine Wannenfüllung muss für die ganze Familie reichen.

Da unser Haus nicht an die Kanalisation angeschlossen ist, findet monatlich der so genannte »Jauchetag« statt: An diesem Tag muss die Grube mit einem langen, an einem Holzstiel befestigten Blechgefäß auf angrenzende Äcker und Beete des Gartens entleert werden.

Einmal im Monat ist auch Waschtag. Dann wird die schmutzige Wäsche über einem mit Holz angeheizten Ofen in einem Kessel mit Seifenlauge sauber geschrubbt. Das Schmutzwasser muss in kübelartigen Kleingefäßen durch das Kellerfenster hinaus entsorgt werden.

Waschen ist körperliche Schwerstarbeit. Es beansprucht einen ganzen Tag, bis alle Hosen, Hemden und Röcke auf den Leinen zum Trocknen hängen. Das Bügeln mit einem immerhin schon moderneren Gerät nimmt einen weiteren halben Tag in Anspruch. Die Kleidung hat im Allgemeinen eher dunkle Farben, und sie wird so lange wie möglich getragen.

Im Garten baut die Frau meines Vaters mit Hilfe meiner Schwestern Gemüse, Kartoffeln und Salat an. In den umliegenden Wäldern sammeln sie Beeren und Pilze, Gräser und Kräuter werden von der Wiese gepflückt.

Da es keinen Kühlschrank im Haus gibt, werden Lebensmittel im Keller gelagert, in Gläser eingelegt, in Fässern konserviert oder getrocknet.

Zum Haushalt gehören auch weiße Würmer, Kakerlaken und Wanzen. Die Frau meines Vaters zerquetscht Insekten zwischen zwei Fingern und erschlägt Kröten, indem sie flache Steine auf sie fallen lässt.

Während mein Vater im Gefängnis sitzt, gehen meine drei Schwestern Regina, Angelina und Babette nach der Schule arbeiten. Sie verdienen sich bei Bauern auf dem Feld ein paar Mark, die sie daheim der Mutter abgeben und so zum Lebensunterhalt der Familie beitragen.

Die drei Mädchen werden finanziell und körperlich von der Mutter ausgebeutet. Jede Arbeitskraft wird gebraucht.

Keines der Kinder erhebt dagegen Einspruch.

In einem Schreiben, das die Fürsorgebehörde an die Frau meines Vaters in ihrem Status als meine Pflegemutter sendet, wird sie angewiesen, das Pflegegeld, das sie für mich erhält, bitte auch für mich auszugeben, da es eine Zweckentfremdung und obendrein schädlich sei, wenn sie mir viel zu kleine oder viel zu große Schuhe anzöge, um Geld zu sparen, oder wichtige Gebrauchsgegenstände wie den Kinderwagen verkaufe, um das daraus erlöste Bargeld anderweitig zu verwenden.

Wichtig ist der Mutter vor allem die Fortzahlung der Altersversorgung ihres Mannes, damit er während seiner Haftzeit keinen Verlust hinnehmen muss. Monat um Monat werden das Haus abbezahlt und Rentenmarken für ihn geklebt.

Niemand informiert sie, dass sie nach dem Opferentschädigungsgesetz Anspruch auf Hilfeleistungen hätte.

Die Behörden sind froh, wenn ihre Kassen möglichst nicht belastet werden; die anderen Dorfbewohner wissen es auch nicht besser. Sie zerreißen sich lieber ihr Maul, anstatt der Alleinerziehenden Hilfe anzubieten.

Ich wachse ohne Liebe und fürsorgliche Zuwendung auf. Da ich es nicht anders gewohnt bin, halte ich es für normal. Bis ich erfahre, dass sie in Wahrheit meine Großmutter ist, sage ich »Mutti« zur Frau meines Vaters.

Nur ein Mensch durchschaut sie und die Rolle, die sie in dieser Familientragödie spielt. Es ist der bekannte Lehrer und Rezitator Rainer Schepper, der Marina seit ihrer Einlieferung ins Erziehungsheim als Vormund zugewiesen worden ist. Er empört sich darüber, dass ich bei der Frau aufwachse, die zum Inzest ihres Mannes wissentlich geschwiegen hat.

In einem Brief an die Behörden (siehe Anhang) bezichtigt er die Frau meines Vaters,...



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