Diers | Ein Fluss, zwei Städte, eine Seele | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Diers Ein Fluss, zwei Städte, eine Seele

Laufenburger Geschichten über gelebte Verbundenheit
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6951-5755-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Laufenburger Geschichten über gelebte Verbundenheit

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-6951-5755-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zwei Städte, zwei Länder - und ein Burgschreiber mittendrin Grüezi und willkommen in Laufenburg - der Stadt, die zweimal existiert. Hier Deutsche, da Schweizer - getrennt durch den Rhein, vereint im Herzen: Laufenburger sind Grenzgänger mit Herz. Reiseschriftsteller Knut Diers ist als Burgschreiber tief in das doppelte Stadtleben eingetaucht. Er entdeckte Menschen, die Brücken bauen, Traditionen, die verbinden, und Augenblicke, die bleiben. Mal heiter, mal nachdenklich, immer mit Herz und einem Schuss Ironie erzählt er von Waldgeistern, Wanderern und Wortliebhabern, von Visionären und Vogelstimmen, von Feuerwehren, Demokratie und Energie. Entstanden ist ein literarischer Grenzgang zwischen Baden und Aargau zum Schmunzeln, Staunen und Wiederkommen.

Der studierte Geograf und Journalist, 1959 in Hannover geboren, liebt die große weite Welt - und das Naheliegende direkt vor der Haustür. Mit offenen Augen und Ohren reist er seit Jahrzehnten durch Länder, Landschaften und Lebensgeschichten. Als Reiseschriftsteller und Fotograf hat er unzählige inspirierende Menschen getroffen. Daraus sind mehr als 30 Reisebücher, Krimis und Hunderte von Artikeln für renommierte Zeitungen entstanden. Sie erzählen von dieser Neugier auf Menschen, Orte und Augenblicke. Sein Redaktionsbüro Buenos Diers Media in Hannover ist dabei so etwas wie sein Heimathafen - von dem aus er regelmäßig zu neuen Entdeckungen aufbricht. Dabei faszinieren ihn die Menschen und ihre Schicksale, deren Sicht auf den Alltag und die Welt sowie die jeweiligen Landschaften, in denen sie leben. In diese Lebenswelten taucht der Geograf gern tiefer ein - auch als Radfahrer, Stehpaddler oder Wanderer. Als Burgschreiber in Laufenburg am Hochrhein hat er all das verbinden können: das genaue Hinschauen, das Staunen, das Schreiben. Der Blick von außen traf auf das Erleben von innen. Daraus entstand dieses Buch über das Leben an der Grenze - und über das Glück, sie immer wieder zu überschreiten.
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1


Auffe Burch


Beim Blick über den Rhein zum Schlössle keimt Sehnsucht auf

Täglich diese vielen Gäste. Von 6 bis 20 Uhr ist „meine“ Burg geöffnet. Und alle wollen hoch, gucken, staunen, fotografieren. Als Burgschreiber brauche ich aber doch Ruhe. Gut, die meisten sind ja nett und grüßen, manche sogar ehrfürchtig, als ob ich hier oben noch in Rüstung lebte. Kettenhemd und so, nein, das mag ich nicht.

Es ist nur noch eine Ruine, in der ich wohne. Zum Glück: Wenigstens nachts habe ich Ruhe. Da kommt niemand. So kann ich meine vielen Gedanken, die ich über die beiden Laufenburgs, die Habsburger – das sind schließlich meine Burgherren (gewesen?) – und die heutigen beiden Städtchen mache, niederschreiben.

Dabei ist es eher zum Niederknien, wie freundlich und fröhlich hier alle sind. Und das nicht nur zur Fasnacht! Laufenburgerinnen und Laufenburger haben das Herz am rechten Fleck, wie man so sagt. Doch befindet sich das Herz bei den meisten Menschen links. Aber nun gut.

Also sitze ich auf meiner Burg in Laufenburg (Schweiz) und schaue hinab. Dass ich hier oft sitze, ist schon wahr, aber dass ich hier wohne, entstammt der Fantasie eines Burgschreibers, der dieses Wort zu wörtlich nimmt. Gastgeber habe ich unten in den beiden Laufenburgs, und da wohne ich auch.

Im Spital läuft alles am Schnürchen


Also, was sehe ich? Rechts das Spital. Es hat diese Kastenform, ähnelt eher einem viel zu großen, vieläugigen Würfel, der vergeblich versucht, sich zwischen Bäumen zu verstecken. Viele Fenster, alle gleich, als hätte ein besonders pedantischer Fensterbauer hier seine Meisterprüfung gemacht. Postkartenansichten meiden soweit möglich diese Perspektive mit dem Spital.

Doch hat der Würfel innere Werte. Ich weiß das, weil wir neulich mal reinmussten – Abteilung Notfall. Meine Frau war mit dem rechten Fuß dramatisch umgeknickt. So ein Umknicken, das in Zeitlupe passiert, während man noch denkt: „Das geht bestimmt gut aus“ – und gleichzeitig weiß: „Nein, tut es nicht.“

Sie rief an, sprach mit dem Arzt, und als wir kamen, lag sie keine zwei Minuten später bequem auf einer Liege im Vierbettzimmer statt in einem Wartezimmer, in dem immer einer hustet, einer stöhnt und einer in sein Handy flüstert, als wäre er beim Geheimdienst. (Es gibt übrigens zwei Arten von Menschen im Wartezimmer: Die, die stumm in ein Magazin von 2013 starren – und die, die ihr ganzes Krankheitsarchiv in voller Lautstärke telefonisch durchgehen.) Freundlich waren sie, die Menschen im Spital. Sehr freundlich. In Deutschland – ach, lassen wir den Satz lieber unvollendet. Ein Schweizer, der weit nach meiner Frau das Nachbarbett bekam, nörgelte nach kurzer Zeit, dass er nun schon ewig warten würde. Geduldig erklärte die Pflegefachfrau, dass Notfälle hereingekommen seien, von denen er hier nichts mitbekommen würde. Wir schüttelten nur den Kopf. Der müsste mal nach Deutschland. Ja, ja. Am Abend rief der Arzt sogar noch mal an. Fragte nach, gab Tipps, stellte sogar die Röntgenbilder per QR-Code zur Verfügung. Wo sonst gibt es das? Ich sag’s ja.

Blicke ich nach Süden, sehe ich den roten Bahnhof und das hübsche Schulhaus Bergmatt. Die 200.000 Gulden Entschädigung von 1907, die das neue Wasserkraft-Elektrizitätswerk gezahlt hat, sind hier in die Ausbildung investiert worden. Auf deutscher Seite floss das Geld einfach ins Stadtsäckle. Von Bildung stand da nichts. Außerdem dient das Schulhaus heute unten herum noch für den Zivilschutz im Kriegsfall. Auf deutscher Seite hingegen: nichts dergleichen.

Kaffee, Brezeln, Apéro und etwas Weltgeschichte


Dann ist das Café Maier zu sehen. Es hat eine lange Tradition und inzwischen zehn Filialen in der Region. Als Familienbetrieb wurde es schon 1898 gegründet. Es machte von sich reden, weil die Brezeln nicht nur schmackhaft waren, sondern auch einige Zeit hielten. Diese Brezeln überstehen Tage, notfalls auch Wochen – wie gute Tiefkühlkost. Und weil solche Unternehmer-Originale, wie man sie heute nennt, das Geschäft durch große Taten voranbrachten, war das auch bei Familie Maier so.

Sie kaufte auf der Weltausstellung in Paris die erste elektrische Knetmaschine. Das war im Jahr 1900. Dann 1935 – erster Dampfbackofen, der mit Kohle befeuert wurde. Heute kommt der Strom für die Backstube vom Fotovoltaik-Dach, eine Hochdruck-Wasserstrahlschneidemaschine ist im Einsatz und es gibt 200 Mitarbeiter.

Für den Burgschreiber ist die Nähe zu Konditorei, Confisserie, Sonntagsbrunch und Mittagsmenü in der Baslerstrasse 1 natürlich fast überlebenswichtig. Vielleicht nehme ich demnächst mal ihren Apéro- und Cateringservice in Anspruch – bei den vielen Gästen täglich auf meiner Burg. Aber dann bleiben die ja noch länger ...

Türme, Glocken und ein alter Gerichtssaal


Jetzt schauen wir mal zum Nachbarturm, dem Wasenturm und daneben dem Wasentürmchen. Wasen ist ein altes Wort für „Grünland, feuchter Boden“. Vom ersten Turm, schon seit 1270 in Betrieb, schlägt zur vollen Stunde die helle Glocke so oft, wie es die Uhrzeit vorgibt. Der hübsche Turm mit der runden Durchfahrt wäre auch ein möglicher Sitz für mich gewesen, aber natürlich erst nach 1985. Denn bis dahin war ein Teil des Inneren ab 1901 das Bezirksgefängnis. Da wohnt man ja nicht freiwillig. Ich habe mir das mal angesehen: Karge Pritschen, Wandsprüche, die nicht Goethe geschrieben hat, und Foltereisen.

Das Wasentürmchen, ebenfalls 1270 errichtet, war Teil der ersten westlichen Stadtmauer. Oben drauf sind noch zwei Glöckchen angebracht. Die obere läutet fünf Minuten vor Beginn des Gottesdienstes, denn die Gläubigen damals hörten wegen des starken Rauschens des Rheins an der Stromschnelle angeblich nicht das Glockengeläut der Stadtkirche St. Johann. Der erzürnte Pfarrer ließ also dieses Betglöckchen anbringen, dicht genug an den Häusern der (Un-) Gläubigen. Die Glocke darunter ist nur bei einem Todesfall im Ort zu hören. „Wem die letzte Stunde schlägt …“ Dabei ist ein Glockenschlag zu vernehmen, wenn ein Kind stirbt. Es sind zwei bei einer Frau und drei bei einem Mann. Der Stadtführer erzählt lächelnd, der Mann brauche also drei Anläufe, bis ihn der liebe Gott im Himmel aufnimmt. Einer aus der Gruppe widerspricht: „Nee, damals galt der Mann einfach als wichtiger.“ Ich schweige.

Ganz nah liegt auch das Bezirksgericht, seit 1803 hier in Betrieb. Im historischen Gerichtssaal von 1771, der heute noch für Verhandlungen genutzt wird, hängt ein riesiges Porträt aus österreichischer Zeit von Maria Theresia. Klar, sie war eine Fürstin aus dem Hause Habsburg, lebte von 1717 bis 1780 und musste die Teilung Laufenburgs durch Napoleon nicht mehr miterleben. Neben ihr in dem weißen Saal mit der Rokoko-Stuckdecke von Lucius Gambs hängt ein Bild ihres Mannes Franz I. Stephan. Sie hatten eine gute Arbeitsteilung. Der Kaiser widmete sich erfolgreich den Finanzen der Habsburger. Maria Theresia, selbst nie gekrönt, führte die Regierungsgeschäfte, und zwar fortschrittlich. Sie führte die Steuerpflicht auch für Adel und Klerus ein. Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren mussten nun zur Schule gehen. Leibeigenschaft und Fronarbeit wurden eingeschränkt. Alles die Verdienste von Maria Theresia. Sohn Joseph II. hängt als großes Gemälde hinter den Richtern. Er schaffte immerhin die Folter ab. Darüber sind die Angeklagten, die unter dem Habsburger Adler über der Tür den Gerichtssaal betreten, sicher heute noch froh.

Ein Kraftwerk quer zum Rhein


Schnell weiter Richtung Südwesten, denn da kommt neue Energie, umweltfreundlich durch Wasserkraft. 1909 bis 1914 entstand das Rheinkraftwerk als erstes quer zum Fluss. Es war das leistungsstärkste in ganz Europa. 310 Millionen Kilowattstunden im Jahr wurden damals schon erzeugt. Nach der Erneuerung 1994 waren es jährlich 700 Millionen Kilowattstunden, genug für 200.000 Haushalte. Die nutzbare Wassermenge, die rund elf Meter hinabstürzt, liegt bei 1370 Kubikmetern pro Sekunde. Im Moment ist es allerdings nur die Hälfte, was mir das Stehpaddeln erleichtert (dazu mehr in einem anderen Text). Der nachhaltig erzeugte Strom war jedoch das endgültige Aus für die Salmenfischer und die Flößerei. Des einen Leid, des anderen Freud.

Zurück zu meiner Burg, die leider nur noch eine fensterlose Ruine ist. Die Gäste lesen auf dem Plan, wie sie früher wohl einmal aussah. Es gab einen Palas (das ist ein großer Saalbau), die Burgmauer mit Schalentürmen, ein Gerichtsgebäude, die Pfalz mit Kasematten, einen Geschützturm und natürlich die nahe Stadtkirche. Göttlichen Beistand haben wir ja immer noch (nötig). Sie steht wie eine eins direkt neben meiner Burg: Die Stadtkirche St. Johann wird 1253 erstmals erwähnt als „capella Loufenberg“. Der Glockenturm ist von 1593, die barocke Haube von 1656. Die Stuckarbeiten und Deckengemälde kamen hundert Jahre später hinzu....



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