Dietl | Gott in Rente | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 168 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Dietl Gott in Rente


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-20706-6
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 168 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-20706-6
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Glaube an Gott und die Lehre der katholischen Kirche sollten nicht im Widerspruch zueinander stehen, aber gerade aktive Christen verspüren zunehmend ein Spannungsfeld. Die kirchliche Einstellung zu vielen Themen ist nicht einmal mehr für viele gläubige Mitglieder nachvollziehbar, umso weniger für Menschen, die außerhalb oder am Rand der Kirche stehen. Ist das ein Thema, das Menschen interessant finden? Definitiv, wenn es nur gelingt, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Sobald man zu Punkten gelangt, die sie für sich persönlich als relevant empfinden, wird der Gedankenaustausch plötzlich spannend. So geht es auch Klaus, ein mitten im Leben stehender Projektmanager und Familienvater aus München. Er kommt in seinen Geburtsort und trifft dort Sebastian, einen Rentner Ende sechzig, der weit in der Welt herumgekommen ist. Aus der zufälligen Begegnung wird eine Folge intensiver Gespräche. Darf die Kirche entscheiden, was gut und was böse ist? Wie ist das mit der Dreifaltigkeit? Hilft die Kirche den Menschen bei ihrem Versuch, sich Gott anzunähern oder stellt sie für viele eher ein Hindernis dar? Eingerahmt werden die Gespräche durch Beobachtungen in der ländlichen Heimat von Klaus. Dabei wird, manchmal mit etwas Schmunzeln, die bayerische Lebensart skizziert. Es fließen aber auch weitere Spannungsfelder wie das Zusammenspiel von Bodenständigkeit und moderner Lebensart oder die Landflucht und die damit verbundenen Probleme in den ländlichen Regionen mit ein. Und da sind dann auch noch die Mutter von Klaus und Tante Trude, die nicht nur für gutes Essen, sondern immer wieder auch für unterhaltsame Situationen sorgen, und am Schluss noch für eine faustdicke Überraschung gut sind. All diese Elemente sorgen hoffentlich dafür, dass schwierige, die menschliche Existenz und den Glauben betreffende Themen in einer Weise transportiert werden, die unterhaltsam genug ist, um flüssig und mit Freude gelesen zu werden.

Dr. Albert Dietl, geb. 1959, Diplom-Informatiker, mehr als 30 Jahre in der Industrie tätig, Dozent an der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM), 18 Jahre im Pfarrgemeinderat, davon 14 Jahre als Pfarrgemeinderatsvorsitzender, verheiratet, 2 Töchter, wohnhaft in Bernried am Starnberger See
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Sonntagnachmittag um halb drei

Mit ziemlich vollem Bauch zog ich los zu meiner Verabredung. Der Gang durch das Dorf, in dem ich groß geworden bin, hat immer etwas Besonderes. Nur noch wenige Häuser sind so wie früher, manche von ihnen sind schick hergerichtet, manche aber auch in einem etwas mitleidserregenden Zustand. Die meisten Häuser sind neu gebaut – einige von ihnen sind ansprechend und offensichtlich gut durchdacht, andere aber einfallslos und im Wesentlichen viereckig. Ich finde, ein Haus sollte ein Gesicht haben. Es muss nicht unbedingt ein Holzbalkon wie früher sein, der die Fassade eines Hauses lebendig macht, aber wenn du nicht mehr erkennen kannst, wo vorne und wo hinten ist, dann hat so ein Haus für mich einfach keinen Charakter.

Ich kam auch an der Kirche vorbei. Baulich sieht sie ganz ordentlich aus, die letzte Außenrenovierung ist erst ein paar Jahre her. Wenn so etwas ansteht, halten die Leute im Dorf noch einigermaßen zusammen, vor allem die alteingesessenen Familien. Ob die Kirche aber noch der geistige Mittelpunkt der Gemeinde ist, bezweifle ich eher.

Und schon gehen die Gedanken wieder zu meinem Gespräch mit Sebastian, der ja sagt, das liegt nicht nur an den modernen Menschen, für die Gott nicht mehr den gleichen Stellenwert hat wie früher, sondern es liegt auch an der Kirche, die mehr mit der eigenen Machtposition als mit den Menschen und ihrer Suche nach Gott beschäftigt ist.

Am Dorfrand wurden die Häuser schnell weniger und die Wiesen links und rechts vom Weg standen ziemlich hoch. In der milden Herbstsonne konnte man riechen, wie die vielen Blumen einen üppigen Duft komponierten. Eine der Wiesen war gerade gemäht, sodass mich für kurze Zeit vor allem der Duft von frischem Heu erreichte, den ich besonders gerne mag. Untermalt wurde das Ganze vom Summen der Bienen und Hummeln, die noch fleißig die letzten Ernten einfuhren.

Das sind Momente, in denen vielen das Herz leicht wird. Man ist einfach froh, jetzt genau hier zu sein, und das alles sehen, riechen und hören zu dürfen. Meine Gedanken gehen in solchen Glücksmomenten nach oben in den Himmel und ich bin einfach dankbar für den schönen Augenblick. Da gibt es auch keine Kirche, keine strittigen Themen, keine Unsicherheiten, sondern die Gedanken gehen an all dem vorbei geradewegs zu einem Gott, der dies alles geschaffen hat und der uns daran teilhaben lässt.

Merkwürdig, genau das hatte Sebastian heute Vormittag gesagt. Die Botschaft von einem liebenden Gott, der uns das alles schenkt, ist ziemlich einfach und unmittelbar zu verstehen und auch zu fühlen. Dazu muss man nicht jedes Wort, das Jesus vor zweitausend Jahren angeblich gesagt hat, stundenlang diskutieren, um dann irgendwelche Beschlüsse darüber zu fassen, was die Menschen zu tun oder zu lassen haben.

So beschäftigt mit meinen Gedanken war ich schnell am Afrahof und von der anderen Seite sah ich auch schon Sebastian daher marschieren.

„Da bist ja schon“, rief er mir zu. „Na, hast du den heutigen Vormittag schon einigermaßen verdaut?“

„Ja“, antwortete ich, „so schlimm wars ja gar nicht.“

„Na ja, in manchen Jahrhunderten wär ich für meine Reden als Ketzer hingerichtet worden.“

Ich zuckte ein wenig zusammen, aber wo er recht hatte, hatte er recht.

„Heute Mittag beim Essen“, fing ich das Thema an, über das ich mich mit ihm unterhalten wollte, „hab ich noch einmal gemerkt, wie schwer wir uns tun, Gott in unserem Alltag zuzulassen, zumindest so, dass es andere auch wahrnehmen können. Weil wir ein Tischgebet in der Form, wie wir es als Kind kennengelernt haben, als ein bisschen altertümlich empfinden, haben wir es gleich komplett gestrichen. Dabei ist es doch etwas Schönes und nichts Unmodernes, für eine Wohltat Danke zu sagen.“

Sebastian ließ das Thema ein paar Augenblicke auf sich wirken. „Da hast du absolut recht. In einem Moment der Dankbarkeit an Gott zu denken, ist völlig naheliegend. Schau, meine Frau sagt von sich, dass sie kein besonders religiöser Mensch ist. Aber es geht uns so sehr gut miteinander, dass wir immer wieder einmal darüber reden, wie gut es ist, uns zu haben. Und oft sind wir uns dann einig – irgendjemand muss sich etwas dabei gedacht haben, dass wir uns gefunden haben. Meine Frau sagt dann manchmal: Das hat dein Gott schon ziemlich gut gemacht.“

„Aber“, fuhr Sebastian fort, „das ist eigentlich bei allen ehrlichen Gefühlen so, auch bei Zorn oder Wut. Eine Freundin hat mal zu mir gesagt, ab und zu schimpft sie Gott richtig aus, dann geht es ihr besser. Ich glaub, das gehört genauso dazu. Nur zu den schlechten Gefühlen wie Neid oder Missachtung oder Habgier, da passen keine Gedanken an Gott.“

„Schade nur“, wiederholte ich meinen Gedanken, „dass man sich nicht traut, dies auch zu zeigen oder darüber zu reden. Ich akzeptiere ja, dass nicht alle Menschen an einen Gott glauben, aber die, die’s tun, sollten das nicht verheimlichen.“

Wir gingen eine kurze Wegstrecke schweigend, dann fragte ich ihn unumwunden: „An was glaubst du eigentlich, Sebastian?“

Er lachte. „Ah, jetzt packst du das nächste Pfund aus. Aber hast schon Recht, immer den Stier gleich bei den Hörnern packen.“

Ich war selbst ein bisschen überrascht über meine offene Direktheit, aber ich sagte nichts weiter, um ihn nicht dabei zu stören, sein Gedanken zu sortieren und zu formulieren.

„Weißt“, fing er an, „es gibt ja eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder es gibt so etwas wie Gott oder da ist eben nichts, was man so bezeichnen kann. Ich glaube ganz fest, dass es einen Gott gibt. Für mich wäre die Welt, wie sie entstanden ist, und wie ich sie Tag für Tag wahrnehme, noch viel schwerer zu verstehen, wenn es keinen Gott gäbe. Bei allem Schrecklichen und bei allen Katastrophen, die immer wieder passieren, ist sie im Ganzen betrachtet doch so unglaublich wunderbar, dass ich sie mir ohne einen Gott, der das alles so will, nicht vorstellen kann. Das heißt, es fällt mir viel leichter zu glauben, dass es einen Gott gibt, als zu glauben, dass es keinen Gott gibt.

Eine dritte Alternative macht für mich keinen Sinn. Man könnte zwar meinen, dass viele Menschen für sich diese dritte Alternative wählen, nämlich dass es ihnen schlichtweg egal ist, ob es einen Gott gibt, aber über kurz oder lang holt jeden die Frage ein, wie das denn nun ist mit Gott – ob es ihn gibt oder eben nicht.“

Einen kurzen Moment schwieg er. „Und das andere ist, dass ich immer wieder so viel Schutz, so viel Geborgenheit und so viel Hilfe spüre und erfahre, dass ich dafür auch nur den Begriff Gott verwenden kann. Offensichtlich gibt es viele Menschen, die das spüren, auch wenn sie zum Teil andere Namen dafür haben. Es gibt welche, die sagen Universum, andere sagen Natur, wieder andere Schicksal … mir ist der Begriff Gott am vertrautesten. Da dürfen dann gerne auch noch ein paar Schutzengel rumfliegen, die uns ab und zu davor bewahren, Schaden zu nehmen. Letztlich geht es um die Kraft, die uns umfängt und die unserem Sein einen Sinn gibt, auch wenn wir uns recht schwertun, das alles zu verstehen.“

„Ja, ich glaube, ich kann gut verstehen, was du meinst“, sagte ich, „auch wenn unsere Sprache oft nicht so recht ausreicht, das zu beschreiben.“

„Das zweite, was ich glaube“, fuhr er fort, „ist, dass Gott uns kennt und mag, und zwar jeden Einzelnen von uns. Ich gebe zu, das ist nun alles andere als selbstverständlich, aber es ist der zweite Eckpfeiler meines Glaubens. Damit wird Glaube etwas sehr Persönliches, Individuelles. Er bleibt nicht auf der allgemeinen, philosophischen Ebene, sondern er betrifft mich selbst ganz direkt.“

„Ist das auch die Verbindung zur christlichen Sicht auf Gott?“, fragte ich, um das alles irgendwie in mein Koordinatensystem einzuordnen.

„Ja, letztlich schon“, antwortete er. „Ich glaube Jesus, was er uns von Gott erzählt hat. Ich glaube, dass er das konnte und durfte, das heißt, dass er die Vollmacht und die Aufgabe hatte, uns von Gott zu erzählen. Nun ist es ja nicht ganz einfach zu erahnen, was er damals wirklich gesagt hat, und was davon die Kernbestandteile sind, die uns wirklich helfen, uns Gott anzunähern. Das, was uns die Evangelien darüber erzählen, ist für mich aber immer noch das Beste, worauf ich aufbauen kann.“

Wir waren längst im Hoferhölzl angekommen und immer, wenn in unserem Gespräch eine kleine Pause entstand, konnten wir das Gezwitscher der Vögel und manchmal auch den Schrei eines Greifvogels hören. Die Bäume warfen lange Schatten auf den Weg, die Sonnenstrahlen fanden aber immer wieder eine Lücke, um zu uns durchzudringen. Die Umgebung war wie geschaffen für unser Gespräch.

„Jesus hat gesagt, wir dürfen Gott Vater nennen, oder, wenn man Abba wörtlich übersetzt, sogar Papa. Wir haben uns daran gewöhnt, aber wir können davon ausgehen, dass das für die...



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