Dietrich / Lauinger | Baden-Airport | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 236 Seiten

Dietrich / Lauinger Baden-Airport


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7650-2158-9
Verlag: Lauinger Verlag | Der Kleine Buch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 236 Seiten

ISBN: 978-3-7650-2158-9
Verlag: Lauinger Verlag | Der Kleine Buch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dr. Rainer Gerstner kehrt an einem Samstag nicht von einer Tour mit seinem Fahrrad zurück. Seine Familie wendet sich an die Polizei, sie denkt an einen Unfall oder ein Verbrechen. Kriminalhauptkommissar Karl Berger schenkt der Vermisstenanzeigen zunächst nicht sehr viel Aufmerksamkeit. Er ist zu sehr mit dem Überfall auf den russischen Kurstadtbesucher Alexander Akatov beschäftigt, der eine Menge fabrikneuer Waffen mit sich führte. Die zwei Fälle sind jedoch enger verknüpft, als es zunächst den Anschein hat; und ein Wettrennen um das Leben von Rainer Gerstner beginnt.

* 1949, Beruf: Chirurg. Roland Dietrich wurde 1949 in Baden-Baden geboren. Als Jugendlicher half er seinem Vater, einem Golflehrer, als Caddy. Er studierte Medizin und arbeitete als Chirurg. Zwischen 2000 und 2011 war er zudem als Notarzt auf dem Jet bei der Deutschen Rettungsfluggesellschaft DRF tätig und flog weltweite Intensivtransporte.
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Freitag, 9. August

NACHTSCHICHT


Ganz leise kroch der weiße Mercedes die Ausfahrt der Kurhaustiefgarage herauf. Draußen erwartete den Fahrer eine sternenklare, mondlose Sommernacht. Sogar zu fortgeschrittener Stunde war es immer noch heiß, trotzdem trug er Krawatte und Jackett. Die Klimaanlage war es, die diese Garderobe ermöglichte. Der Wagen beschleunigte nicht, fast lautlos rollte er weiter durch die Enge der Kreuzstraße. An deren Ende bog er in die Lichtentaler Straße ab, passierte links das »Café König« und gegenüber die geschlossenen Gitterläden des Uhrengeschäftes »Thoma«. Kurz darauf überquerte er den Leopoldsplatz, wo er die ausgefahrenen Poller in Richtung der mehrspurigen Ausfallstraße umfuhr, indem er kurzerhand auf den Gehsteig wechselte. Der breite Wagen passte gerade noch zwischen Fahrradständern und dem angrenzenden Mäuerchen hindurch. Dann setzte er seine Fahrt, kaum schneller als im Lauftempo, entlang der Oos fort. Es war kurz vor Mitternacht von Freitag auf Samstag, die Straßen waren leer. Nur vor dem »Leo« standen noch ein paar junge Leute, die versuchten, der Langeweile der kurstädtischen Ruhe zu entkommen.

Nach der Spätschicht am Mittwoch und der Frühschicht gestern, am Donnerstag, befanden sich Polizeikommissaranwärterin Kirsten Schweickert und ihr unmittelbarer Vorgesetzter Polizeihauptwachtmeister Markus Gebhardt nun in der Nachtschicht. Wenn man das Alter der beiden Polizisten bedachte, waren sie ein ungleiches Paar. Markus Gebhardt war der erfahrene ältere Kollege. Seitdem ihm Kirsten Schweickert, noch nicht einmal halb so alt wie er, als Streifenpartnerin zugeteilt war, fielen ihm immer öfter die grauen Strähnen auf, die durch sein ehemals dichtes blondes Haar schimmerten. Am Anfang hatte er gedacht, das einzig Gute daran könnte sein, dass ihm diese Veränderung seines Aussehens Respekt einbrachte. Mittlerweile hatte er diesen Gedanken jedoch verworfen, seitdem sich zwischen ihm und seiner jungen Kollegin ein Vertrauensverhältnis entwickelt hatte, welches solche Überlegungen überflüssig machte.

Mit der Vorfreude auf das freie Wochenende waren sie den Dienst gelassen angegangen. Die Nächte in der Kurstadt waren meist ruhig. Sie hatten mehrere Radfahrer ermahnt, die ohne Licht unterwegs gewesen waren, waren in Baden-Oos einer Ruhestörung nachgegangen und hatten einen angeheiterten Zecher auf den rechten Weg gebracht. Es waren die üblichen Einsätze, nichts Aufregendes. Dazwischen flossen die Stunden zäh dahin. Jetzt standen sie mit ihrem Wagen an der Bushaltestelle am »Leo« und stillten ihren Hunger mit Hamburger und Pommes.

»Hey, hast du das gesehen, wieder einer, der das Durchfahrtverbot zwischen Rettigstraße und Leopoldsplatz ignoriert«, unterbrach Markus Gebhardt seine Mahlzeit, während er dem weißen Mercedes nachschaute, der soeben den Streifenwagen passiert hatte.

»Haben wir vergessen, die Poller wieder hochzufahren?«

Seine junge Kollegin tauchte eine Pommes in die Mayonnaise.

»Nein, der hat die Sperren einfach umfahren.«

Markus Gebhardt schüttelte den Kopf. »Das gibt’s doch gar nicht, das ist ja an Dreistigkeit nicht zu überbieten.«

»Na ja, ich kann es ihm nicht verdenken, die Umgehung zum Autobahnzubringer ist ja ein derartiger Umweg«, entgegnete Kirsten, »und außerdem fährt so eine S-Klasse so leise, dass sie garantiert niemanden aus dem Schlaf reißen kann.«

Markus Gebhardt hob die Schultern und sah noch immer in die Richtung, in der der Mercedes soeben verschwunden war. »Aber über den Gehweg zu fahren, das ist schon eine Frechheit.«

Die Streifenbesatzungen waren in solchen Fällen häufig nachsichtig, so dass die Beiden in diesem Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung im Augenblick keinen ausreichenden Grund sahen, ihr mitternächtliches Dinner zu unterbrechen.

Die Kommissaranwärterin wandte sich an ihren Schichtführer. »Was kostet denn das überhaupt, ich meine, das Fahren über den Gehweg?«

»Keine Ahnung, das musst doch du wissen, du hast doch das erst auf der Polizeischule gelernt.«

Kirsten Schweickert stellte ihren Pappbecher auf der Motorhaube ab. Sie band ihre braunen Haare zu einem Pferdeschwanz, bevor sie ihr Handy aus der Tasche zog und kurz darauf herumtippte. »Ordnungswidrigkeit! Ganze 10 Euro. Deswegen lohnt es sich kaum, dass wir ihm hinterherfahren.«

Markus schaute sie fragend an. Kirsten lachte und zeigte auf das Display ihres Smartphones. »Steht hier, im bundeseinheitlichen Tatbestandskatalog.«

Gebhardt wiederholte die letzten Worte. »Bundeseinheitlicher Tatbestandskatalog. Den hatte ich auch einmal gebüffelt. Vielleicht sollte ich noch einmal auf die Schule gehen, aber mit euren Handys habt ihr ja alle inzwischen eure eigene Bibliothek dabei, da kann so ein Dinosaurier wie Unsereiner nicht mehr mithalten.« Kirsten steckte ihr Handy wieder ein, nahm ihren Becher und trank einen Schluck. »Ich denke, mit deinen noch nicht einmal fünfzig Jahren könntest du dich vielleicht doch noch dazu überwinden, dir so ein Ding zuzulegen. Damit wärst du wieder ganz vorne mit dabei.«

Markus Gebhardt runzelte die Stirn und wiegte den Kopf hin und her, bevor er sich wieder seinem Burger widmete, während seine junge Kollegin weitersprach.

»Das musst du einmal erleben, wie sich das anfühlt in so einem Fünfliterschlitten. Du gleitest so ruhig dahin, hörst so gut wie keinen Laut vom Motor, das ist einfach nur entspannend, man fühlt sich wie auf der Liege im Ruheraum der Caracalla-Sauna.«

»Leiser als unsere E-Klasse?«

»Viel leiser, ja. Das Dieselmotörchen in unserem Streifenwagen grummelt ja doch noch hörbar vor sich hin, aber von diesem V8 hörst du einfach gar nichts.«

»Und woher weißt du das als überzeugte Radfahrerin? Ich dachte, Autos sind für dich Teufelswerk, abgesehen natürlich von deinem kleinen Twingo, aber der wird ja wohl kaum in dieser Liga mitspielen.«

»Hm, du weißt doch, dass ich ab und zu ein paar – na ja, sagen wir mal – etwas betuchtere Herrschaften chauffiere, und dabei habe ich schon so manche Luxuskarre gesteuert. Neulich sogar einmal einen Maserati Quattroporto. Der hört sich allerdings schon ganz anders an. Wenn du dich da nur mal am Bein kratzt und dabei versehentlich das Gaspedal streichelst, löst du ein ungeheures Gewitter aus und es erwacht sofort der Jagdinstinkt.«

Markus Gebhardt war der Einzige, der von dem kleinen Nebenverdienst seiner Auszubildenden wusste. Ihr Bruder Ulrich hatte diese Gelegenheitsjobs eingefädelt. Er arbeitete als Physiotherapeut auf der »Bühler Höhe«, der Klinik mit dem Charme eines Hotels, in dem früher so manche Größen der Politik Erholung gesucht hatten. Inzwischen war es, wie so viele Luxusimmobilien in Baden-Baden, in russische Hände übergegangen, und wer sich da oben auf der Schwarzwaldhöhe tummelte, war alles andere als bettelarm. Ab und zu nahmen diese Herrschaften das Angebot wahr, von einem Fahrer durch die Lande befördert zu werden. Sicherlich war besonders den männlichen Gästen eine so hübsche Erscheinung wie Kirsten Schweickert am Steuer nicht gerade unangenehm. Neben dem hoteleigenen VW-Bus ließen sich die Gäste auch schon einmal gerne in ihrem eigenen Luxusschlitten chauffieren, so sparten sie sich den Stress der Parkplatzsuche beim Shoppen in den teuren Baden-Badener Boutiquen.

Eigentlich waren solche Nebenbeschäftigungen für die Polizisten nicht gerne gesehen, aber es war kein Geheimnis, dass sich der eine oder andere in der Freizeit gerne sein Beamtengehalt etwas aufbesserte. So wurde Markus dafür geschätzt, dass er als Sohn eines Fliesenlegermeisters, dessen Sanitärgeschäft inzwischen von seinem Bruder geführt wurde, dieses Handwerk perfekt beherrschte. Einige der Badezimmer der Kollegen waren bereits unter seinen geschickten Händen in neuem Glanz erblüht, und bei den Preisen für die Fliesen konnte er für sie außerdem einen unschlagbaren Rabatt einräumen.

Kirsten knüllte ihre Pommes Schachtel lautstark zusammen und knetete sie wie einen Schneeball. Nach der King Size Cola erschien sie plötzlich unternehmungslustig. Mit einer übertrieben ausladenden Bewegung, die einen Basketballspieler imitieren sollte, warf sie den Becher gekonnt in den Mülleimer auf der anderen Seite des Gehwegs. »Was meinst du, sollen wir diese edle Limousine einmal unter die Lupe nehmen?«

Markus wischte sich nach dem letzten Bissen seines Hamburgers den Mund ab und konnte einen kleinen Rülpser nicht unterdrücken, bevor er antwortete. »Gut, die Nacht war bisher nicht gerade stressig, von mir aus können wir ja eine Routinekontrolle durchführen. Nur so zur Übung, und natürlich für das Protokoll.«

Kirsten startete den Motor und fuhr los. Der...



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