E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Diezmann / Chirlek Goethe und die lustige Zeit in Weimar.
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-0787-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
[1857]
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-7412-0787-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor August Diezmann wurde am 01. September 1805 in Gazen bei Groitzsch / Pegau in Sachsen geboren. Er besuchte von 1824 - 1828 die Universität Leipzig, widmete sich medizinischen und naturwissenschaftlichen Studien und wandte sich später der Literatur zu. Bekannt wurde er zunächst durch seine Übersetzungen aus dem Französischen und Englischen, die sich durch einen allgemein verständlichen und gefälligen Sprachstil auszeichneten. Gleichzeitig war er Redakteur, gründete im Jahr 1830 die 'Blätter aus der Gegenwart für nützliche Unterhaltung' und übernahm die Redaktion der 'Allgemeinen Modenzeitung', 'Gartenlaube' sowie vom 'Leipziger Tageblatt'. Zudem wirkte er als Herausgeber kriminalistischer und biographischer Werke, Wörter- und Lesebücher. Dabei galt sein besonderes Interesse der klassischen Zeit in Weimar. Dr. Johann August Diezmann starb am 25. Juli 1869 in Schloßchemnitz bei Chemnitz.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Erstes Kapitel: Die Reise nach Weimar.
Zu Ende des Jahres 1774 hatte Goethe bereits „Götz von Berlichingen", „Werthers Leiden", „Clavigo", das „Puppenspiel", „Götter, Helden und Wieland" usw. herausgegeben und er gesteht, „dass es dem jungen Autor gar nicht missfiel, als ein literarisches Meteor angestaunt zu werden." Von allen Seiten her kam man in der Tat nach Frankfurt, um ihn zu sehen und in Briefen, Zeitschriften und Büchern haben sich Urteile über ihn aus jener Zeit erhalten.
„Ich hatte", schreibt z. B. ein „deutscher Gelehrter" im „deutschen Museum", „in Frankfurt das Vergnügen, des bereits in jungen Jahren durch verschiedene Schriften berühmt gewordenen Dr. Goethes Besuch zu genießen. Dieser junge Gelehrte ist ein wahres Original-Genie von ungebundener Freiheit im Denken, sowohl über politische als gelehrte Angelegenheiten. Er besitzt eine wirklich scharfe Beurteilungskraft, eine sehr feurige Einbildungskraft und sehr lebhafte Empfindsamkeit. Seine Urteile über Menschen, Sitten, Politik und Geschmack sind jedoch noch nicht durch hinlängliche Erfahrung unterstützt. In dem Umgange fand ich ihn angenehm und liebenswürdig." Es darf deshalb keine Verwunderung erregen, dass auch der junge Herzog Karl August von Weimar ihn persönlich kennenzulernen wünschte, als er mit seinem Gouverneur, dem Grafen von Görz, seinem Bruder Constantin und dessen Führer, von Knebel, auf seiner Reise nach Süddeutschland und Paris im Dezember des obengenannten Jahres nach Frankfurt kam. Knebel suchte den Dichter auf, fand ihn über Weimar, die dortigen Verhältnisse und Neigungen genau unterrichtet, teilte ihm den Wunsch der Prinzen mit und geleitete ihn zu denselben. Dieser Besuch Goethes entschied über seine Zukunft und ein Zufall dabei, dessen Bedeutsamkeit wir weiter unten mehr hervorheben werden, als es bisher geschehen ist, legte vielleicht schon damals den Grundstein zu seiner ganzen einflussreichen späteren Tätigkeit in Weimar. Er gefiel den jungen Prinzen, namentlich dem Erbprinzen Karl August, so sehr, dass sie ihm das Versprechen abnahmen, ihnen nach Mainz zu folgen, um dort noch einige Tage zuzubringen. Die in Frankfurt begonnenen Gespräche wurden in Mainz fortgesetzt und es folgte eine freundliche Einladung nach Weimar. Auch bewog man Goethe, einen Brief an Wieland wegen „Götter, Helden und Wieland" zu schreiben. Im Sommer 1775 machte der Dichter mit den jungen Grafen Stollberg eine Reise in die Schweiz, und dass er schon damals auch zu der nach Weimar entschlossen war, zeigt sein Brief vom 28. September an die Schwester der Grafen: „ich erwarte den Herzog von Weimar und gehe mit ihm nach Weimar; deine Brüder kommen auch hin." Im Oktober sah er den Herzog Karl August wieder, der seine junge Gemahlin, die Prinzessin Louise von Darmstadt, mit welcher er eben in Karlsruhe getraut worden war, über Frankfurt nach seiner Residenz geleitete. Zu den Gründen, die ihn veranlassten der Einladung des Herzogs nachzukommen und die von der Art waren, „dass sie auch einen leidenschaftslosen Jüngling hätten aufregen und antreiben können", kam seiner Überzeugung, dass er von Lili, seiner damaligen Geliebten, flüchten müsse, wie er früher seiner Leidenschaft zu Friederiken in Sesenheim, später seiner Liebe zu Lotten in Wetzlar entflohen war.
Ein in Karlsruhe zurückgebliebener Weimarischer Kavalier, der Kammerjunker von Kalb, welcher einen in Straßburg für Karl August verfertigten Landauer Wagen erwartete, sollte an einem bestimmten Tage in Frankfurt eintreffen und Goethe von da nach Weimar mitnehmen. Der Dichter nahm also von allen seinen Bekannten Abschied und packte ein, auch alle seine angefangenen literarischen Arbeiten, was jedenfalls zu der Annahme berechtigt, dass er einen ziemlich langen Aufenthalt in Weimar, wenn nicht gänzliches Verbleiben dort, für wahrscheinlich hielt. Es waren dies namentlich „Egmont", „Faust", „der ewige Jude" und „Hanswursts Hochzeit", die letztere, wie er selbst sich ausdrückt, von der „frechen Art" wie „Götter, Helden und Wieland", ein „tolles Fratzenwesen", in dem sämtliches Personal aus lauter deutsch herkömmlichen Schimpf- und Ekelnamen bestand. Der zur Abreise bestimmte Tag kam, aber nicht der erwartete Kavalier mit dem Wagen. Es vergingen acht und mehr Tage. Der Vater Goethes hatte den Verkehr seines Sohnes mit den Prinzen immer ungern gesehen, weil er sich selbst, in seinen reichsbürgerlichen Gesinnungen, jederzeit von den Großen entfernt gehalten, und er erklärte nun die ganze Einladung und Verabredung für einen Hofstreich, den man der Unarten des Sohnes wegen habe ausgehen lassen, um ihn zu tränken und zu beschämen. Goethe selbst hielt zwar am Glauben fest, wollte sich aber, nachdem er einmal Abschied genommen hatte, nicht mehr zeigen, blieb also fortwährend zu Hause und schrieb, um sich die unangenehme Zeit des Wartens zu verkürzen, so fleißig an Egmont, dass er das Stück fast zu Stande brachte. Nur abends konnte er, der an das Herumschweifen im Freien gewöhnt war, zu Hause nicht aushalten; er schlich deshalb, in einen großen Mantel gehüllt, in der Stadt umher, namentlich auch an die Fenster der geliebten Lili, die in einem Erdgeschoß wohnte. Eines Abends hörte er sie da zum Klavier das Lied singen, das er vor nicht ganz einem Jahr ihr geschrieben hatte:
„Warum ziehst du mich unwiderstehlich." Das regte seine mit Mühe niedergehaltene Leidenschaft von neuem auf und es wurde ihm schwer „die so liebe Nähe zu verlassen."
Der Weimarsche Kavalier mit dem Wagen kam auch in den nächstfolgenden Tagen nicht, nicht einmal ein Brief zur Erklärung des Ausbleibens und als der ungeduldig werdende Vater vorschlug, da der Koffer einmal gepackt sei, so möge er sofort nach Italien reisen, versprach er diese Reise anzutreten falls am nächsten Sonntag weder Wagen noch ein erklärender Brief erschienen sei. Er gesteht indes, dass er sich vorgenommen gehabt habe, auch wenn er die italienische Reise anträte, in Heidelberg noch eine Zeit lang zu bleiben, erstens weil er gewusst, dass der weimarische Wagen von Karlsruhe über Heidelberg kommen sollte, dann aber auch, weil in der letzteren Stadt Fräulein Delf, die Vertraute seines Liebesverhältnisses mit Lili, wohnte und er sich sehnte „mit einer werten, geduldigen und nachsichtigen Freundin die glücklichen Zeiten der Liebe noch einmal durchschwätzen zu können." Obgleich ihm der Vater jedenfalls mit Geld hinreichend ausstattete, lieh er doch auch von dem Freunde Merck noch zehn Carolin und als der als letzter Termin festgesetzte Tag wiederum den weimarischen Herrn nicht brachte, trat er die Reise — wie er meinte nach Italien — an.
Der Anfang des Tagebuchs, das er zu führen gedachte, hat sich erhalten und aus ihm lässt sich seine Stimmung deutlich erkennen:
„Ebersbach *), 30. Oktbr. 1775. —
*) Eine Stunde von Darmstadt.
„Bittet, dass Eure Flucht nicht geschehe im Winter, noch am Sabbat **), ließ mir mein Vater zur Abschiedswarnung auf die Zukunft noch aus dem Bette zurufen.
**) Matthäus XXIV. 20.
Diesmal, rief ich aus, ist's nun ohne mein Bitten und Zutun montags Morgen sechse, und was das Übrige betrifft, so fragt das liebe unsichtbare Ding ***), das mich leitet und schult, nicht, ob und wann ich mag.
***) Ein damaliger Lieblingsausdruck Goethes.
Ich packte für Norden und ziehe nach Süden; ich sagte zu und komme nicht, ich sagte ab ****) und komme.
****) Dem Fräulein Delf in Heidelberg, die ihn eingeladen hatte.
Frisch also! Die Torschließer klimpern vom Bürgermeister weg und ehe es tagt und mein Nachbar Schuhflicker seine Werkstätte und Laden öffnet, fort! Adieu, Mutter! Am Kornmarkte macht der Spenglerjunge rasselnd seinen Laden zurecht und begrüßt die Nachbarsmagd in dem dämmerigen Regen. Es war so was Ahndungsvolles auf den künftigen Tag in dem Gruß. Ach, dacht ich, wär doch ... — Nein, sagt‘ ich, es war auch eine Zeit... Wer Gedächtnis hat, sollte niemand beneiden... Lili, Adieu! Lili, zum zweiten Mal! Das erste Mal schied ich, noch hoffnungsvoll unser Schicksal zu verbinden. Es hat sich entschieden — wir müssen unsere Rollen einzeln ausspielen. Mir ist in dem Augenblicke weder bang für dich noch für mich, so verworren es aussieht. Adieu! Und du! *) wie soll ich dich nennen, dich, die ich wie eine Frühlingsblume im Herzen trage?
*) Gräfin Auguste von Stollberg. (S. Briefe an diese.)
Holde Blume sollst du heißen! Wie nehm' ich Abschied von dir? Getrost! Denn noch ist es Zeit, … noch die höchste Zeit! Einige Tage später — und schon — O lebe wohl! Bin ich denn nur in der Welt, mich in ewiger unschuldiger Schuld zu winden? — Und Merck, wenn Du wüsstest, dass ich hier der alten Burg so nahe sitze und sie herbeiflehe, der so oft das Ziel meiner Wanderung war! — Da läge denn der Grund meines Tagebuchs! Und das Weitere steht bei dem lieben Ding, das den Plan zu meiner Reise gemacht hat."
In heiterer Weinlaune ist die einzige noch übrige Fortsetzung des Tagebuchs geschrieben:
„Weinheim, abends Sieben. Was nun aber der politische, moralische, epische oder dramatische Zweck von diesem allen? Der eigentliche Zweck der Sache, meine Herren, ist, dass sie gar keinen Zweck hat. So viel ist's gewiss, trefflich Wetter ist's, Stern und Halbmond leuchten und der Nachmittag war trefflich. Die Riesengebeine unserer Erzväter aufm Gebirg, Weinreben zu ihren Füßen Hügel ab gereiht, die Nussallee und das Tal den Rhein hin voll keimender frischer Wintersaat, das Laub noch ziemlich voll und da einen heitern Blick untergehender Sonne drein! — Wir fuhren um eine Ecke. „Ein malerischer Blick!" wollt' ich rufen. Da fasst' ich mich zusammen und sprach: sieh, ein Fleckchen, wo die Natur in gedrungener Einfalt uns mit Lieb und Fülle sich um den...




