E-Book, Deutsch, 274 Seiten
Diezmann / Chirlek Goethes Liebschaften und Liebesbriefe.
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-8483-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 274 Seiten
ISBN: 978-3-7412-8483-0
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Der Autor August Diezmann wurde am 01. September 1805 in Gazen bei Groitzsch / Pegau in Sachsen geboren. Er besuchte von 1824 - 1828 die Universität Leipzig, widmete sich medizinischen und naturwissenschaftlichen Studien und wandte sich später der Literatur zu. Bekannt wurde er zunächst durch seine Übersetzungen aus dem Französischen und Englischen, die sich durch einen allgemein verständlichen und gefälligen Sprachstil auszeichneten. Gleichzeitig war er Redakteur, gründete im Jahr 1830 die 'Blätter aus der Gegenwart für nützliche Unterhaltung' und übernahm die Redaktion der 'Allgemeinen Modenzeitung', 'Gartenlaube' sowie vom 'Leipziger Tageblatt'. Zudem wirkte er als Herausgeber kriminalistischer und biographischer Werke, Wörter- und Lesebücher. Dabei galt sein besonderes Interesse der klassischen Zeit in Weimar. Dr. Johann August Diezmann starb am 25. Juli 1869 in Schloßchemnitz bei Chemnitz.
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Käthchen (Ännchen) Schönkopf in Leipzig.
Sehr bald fesselte ihn die Tochter des Hauses, Käthchen, wie sie gewöhnlich genannt wurde, Anna Katharina, wie sie eigentlich hieß. Sie war drei Jahre älter als Goethe, der sie in seiner Biographie Ännchen nennt. Er schreibt:
„Meine frühere Neigung zu Gretchen trug ich nun auf ein Ännchen über, von der ich nicht mehr zu sagen wüsste, als dass sie jung, hübsch, munter, liebevoll und so angenehm war, dass sie wohl verdiente, in dem Schrein des Herzens eine Zeit lang als eine kleine Heilige aufgestellt zu werden, um ihr jede Verehrung zu widmen, welche zu erteilen oft mehr Behagen erregt, als zu empfangen. Ich sah sie täglich ohne Hindernisse; sie half die Speisen bereiten, die ich genoss; sie brachte mir, wenigstens abends, den Wein, den ich trank, und schon unsere mittägige abgeschlossene Tischgesellschaft war Bürge, dass das kleine, von wenig Gästen außer der Messe besuchte Haus seinen guten Ruf wohl verdiente. Es fand sich zu mancherlei Unterhaltung Gelegenheit und Lust. Da sie sich aber aus dem Hause wenig entfernen konnte, noch durfte, so wurde denn der Zeitvertreib etwas mager. Wir sangen die Lieder von Zachariä, spielten den Herzog Michel *) von Krüger, wobei ein zusammengeknüpftes Schnupftuch die Stelle der Nachtigall vertreten musste, und so ging es eine Zeit lang noch ganz leidlich.
*) In diesem Stück hat ein Knecht Michel eine Nachtigall gefangen, von deren hohem Preise er gehört. Er will deshalb den Vogel verkaufen und durch den Erlös mehr und mehr gewinnen, endlich so viel, dass er sich ein Herzogtum kaufen kann. Er meldet seine Pläne der Tochter seines Herrn an und dabei lässt er die Nachtigall — fortfliegen. Goethe spielte den Herzog in dem Stückchen.
Weil aber dergleichen Verhältnisse, je unschuldiger sie sind, desto mehr Mannichfaltigkeit auf die Dauer gewähren, so ward ich von jener bösen Sucht befallen, die uns verleitet, aus der Quälerei der Geliebten eine Unterhaltung zu schaffen, und die Ergebenheit eines Mädchens mit willkürlichen und tyrannischen Grillen zu beherrschen. Die böse Laune über das Misslingen meiner poetischen Versuche, über die anscheinende Unmöglichkeit, hierüber ins Klare zu kommen, und über alles, was mich hier und da sonst kneipen mochte, glaubte ich an ihr auslassen zu dürfen, weil sie mich wirklich von Herzen liebte, und, was sie nur immer konnte, mir zu Gefallen tat. Durch ungegründete und abgeschmackte Eifersüchteleien verdarb ich mir und ihr die schönsten Tage; sie ertrug es eine Zeit lang mit unglaublicher Geduld, die ich grausam genug war, aufs äußerste zu treiben. Allein zu meiner Beschämung und Verzweiflung musste ich endlich bemerken, dass ich ihr Gemüt von mir entfernt habe, und dass ich nun wohl zu den Tollheiten berechtigt sein möchte, die ich mir ohne Not und Ursache erlaubt hatte. Es gab auch schreckliche Szenen unter uns, bei welchen ich nichts gewann; und nun fühlte ich erst, dass ich sie wirklich liebte und dass ich sie nicht entbehren könne. Meine Leidenschaft wuchs und nahm alle Formen an, deren sie unter solchen Umständen fähig ist: ja zuletzt trat ich in die bisherige Rolle des Mädchens. Alles Mögliche suchte ich hervor, um ihr gefällig zu sein, ihr sogar durch andere Freude zu verschaffen; denn ich konnte mir die Hoffnung sie wieder zu gewinnen, nicht versagen. Allein es war zu spät; ich hatte sie wirklich verloren, und die Tollheit, mit der ich meine Fehler an mir selbst rächte, indem ich auf mancherlei unsinnige Weise in meine physische Natur stürmte, um der sittlichen etwas zu Leide zu tun, hat sehr viel zu den körperlichen Übeln beigetragen, unter denen ich einige der besten Jahre meines Lebens verlor; ja, ich wäre vielleicht an diesem Verlust völlig zu Grunde gegangen, hätte sich hier nicht das poetische Talent mit seinen Heilkräften besonders hilfreich erwiesen.
Schon früher hatte ich in manchen Intervallen meine Unart deutlich genug wahrgenommen: das arme Kind dauerte mich wirklich, wenn ich sie so ganz ohne Not von mir verletzt sah. Ich stellte mir ihre Lage, die meinige, und dagegen den zufriedenen Zustand eines anderen Paares aus unserer Gesellschaft so oft und so umständlich vor, dass ich endlich nicht lassen konnte, diese Situation, zu einer quälenden und belehrenden Buße, dramatisch zu behandeln. Daraus entsprang die älteste meiner übriggebliebenen dramatischen Arbeiten, das kleine Stück: die „Laune des Verliebten“, an dessen unschuldigem Wesen man zugleich den Drang einer siedenden Leidenschaft gewahr wird.
Allein mich hatte eine tiefe, bedeutende, drangvolle Welt schon früher angesprochen. Bei meiner Geschichte mit Gretchen und an den Folgen derselben hatte ich zeitig in die seltsamen Irrgänge geblickt, mit welchen die bürgerliche Sozietät unterminiert ist. Religion, Sitte, Gesetz, Stand, Verhältnisse, Gewohnheit, Alles beherrscht nur die Oberfläche des städtischen Daseins. Die von herrlichen Häusern eingefassten Straßen werden reinlich gehalten und jedermann beträgt sich daselbst anständig genug; aber im Innern sieht es öfters um desto wüster aus, und ein glattes Äußere übertüncht, als ein schwacher Bewurf, manches morsche Gemäuer, das über Nacht zusammenstürzt, und eine desto schrecklichere Wirkung hervorbringt, als es mitten in den friedlichen Zustand hereinbricht. Wie viele Familien halte ich nicht schon näher und ferner durch Bankerutte, Ehescheidungen, verführte Töchter, Morde, Hausdiebstähle, Vergiftungen, entweder ins Verderben stürzen oder auf dem Rande kümmerlich erhalten sehen, und hatte, so jung ich war, in solchen Fällen zur Rettung und Hilfe öfters die Hand geboten! Denn da meine Offenheit Zutrauen erweckte, meine Verschwiegenheit erprobt war, meine Tätigkeit keine Opfer scheute, und in den gefährlichsten Fällen am liebsten wirken mochte, so fand ich oft genug Gelegenheit, zu vermitteln, zu vertuschen, den Wetterstrahl abzuleiten, und was sonst nur alles geleistet werden kann; wobei es nicht fehlen konnte, dass ich sowohl an mir selbst, als durch andere zu manchen kränkenden und demütigenden Erfahrungen gelangen musste. Um mir Lust zu verschaffen, entwarf ich mehrere Schauspiele und schrieb die Expositionen zu den meisten. Da aber die Verwicklungen jederzeit ängstlich werden mussten, und fast alle diese Stücke mit einem tragischen Ende drohten, ließ ich eins nach dem andern fallen. Die Mitschuldigen sind das einzig fertig gewordene, dessen heiteres und burleskes Wesen auf dem düsteren Familiengrunde als von etwas Bänglichem begleitet erscheint, sodass es bei der Vorstellung im Ganzen ängstigt, wenn es im Einzelnen ergötzt. Die hart ausgesprochenen widergesetzlichen Handlungen verletzen das ästhetische und moralische Gefühl, und deswegen konnte das Stück auf dem deutschen Theater keinen Eingang gewinnen, obgleich die Nachahmungen desselben, welche sich fern von jenen Klippen gehalten, mit Beifall aufgenommen worden.
Beide genannte Stücke jedoch sind, ohne dass ich mir dessen bewusst gewesen wäre, in einem höheren Gesichtspunkt geschrieben: sie deuten auf eine vorsichtige Duldung bei moralischer Zurechnung, und sprechen in etwas herben und derben Zügen jenes höchst christliche Wort spielend aus: Wer sich ohne Sünde fühlt, der hebe den ersten Stein auf!
Über diesen Ernst, der meine ersten Stücke verdüsterte, beging ich den Fehler, sehr günstige Motive zu versäumen, welche ganz entschieden in meiner Natur lagen. Es entwickelte sich nämlich unter jenen ernsten, für einen jungen Menschen fürchterlichen Erfahrungen in mir ein verwegener Humor, der sich in dem Augenblick überlegen fühlt, nicht allein keine Gefahr scheut, sondern sie vielmehr mutwillig herbeilockt. Der Grund davon lag in dem Übermute, in welchem sich das kräftige Alter so sehr gefällt, und der, wenn er sich possenhaft äußert, sowohl im Augenblick, als in der Erinnerung viel Vergnügen macht. Diese Dinge sind so gewöhnlich, dass sie in dem Wörterbuche unsrer jungen akademischen Freunde Suiten genannt werden, und dass man wegen der nahen Verwandtschaft ebenso gut ‚Suiten reißen‘ sagt, als ‚Possen reißen‘."
Am 28. August 1768, seinem 19. Geburtstage, reiste er von Leipzig wieder ab nach der Heimat. Die Reue über sein Verhalten in Leipzig gegen Käthchen und die Sehnsucht nach ihr sprechen sich in seinen Briefen aus, die sich glücklicher Weise erhalten haben und zwar im Besitze der Nachkommen Käthchens, die sich mit Dr. Kanne in Leipzig verheiratete. Sie lauten wie folgt:
I.
Den 1. Oktober 1768.
Ihr Diener, Herr Schönkopf! Wie befinden Sie sich, Madame? Guten Abend, Mamsell! Peterchen, guten Abend.
NB. Sie müssen sich vorstellen, dass ich zur kleinen Stubentür hineinkomme. Sie, Herr Schönkopf, sitzen auf dem Kanapee am warmen Ofen, Madame in ihrem Eckchen hinterm Schreibtisch, Peter (der Bruder Käthchens) liegt unterm Ofen, und wenn Käthchen auf meinem Platze am Fenster sitzt, so mag sie nur aufstehen und dem Fremden Platz machen. Nun fange ich an zu diskurrieren.
Ich bin lange außen geblieben, nicht wahr? Fünf ganze Wochen und darüber, dass ich Sie nicht gesehen, dass ich Sie nicht gesprochen habe! — ein Fall, der in dritthalb Jahren nicht ein einzig Mal passiert ist, hinfüro leider oft passieren wird. Wie ich gelebt habe, das möchten Sie gerne wissen? Eh, das kann ich Ihnen wohl erzählen, mittelmäßig, — sehr mittelmäßig.
Apropos, dass ich nicht Abschied genommen habe, werden Sie mir doch vergeben haben. In der Nachbarschaft war ich, ich war schon unten an der Türe, ich sah die Laterne brennen, und bis an die Treppe, aber ich hatte das Herz nicht, hinaufzusteigen. Zum letzten Male! Wie wäre ich wieder heruntergekommen?!
Ich tue also jetzt, was ich damals hätte tun sollen; ich danke Ihnen für Ihre Liebe und Freundschaft, die...




