E-Book, Deutsch, 412 Seiten
Diezmann / Chirlek Leichtes Blut.
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-1056-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sammelband
E-Book, Deutsch, 412 Seiten
ISBN: 978-3-7412-1056-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor August Diezmann wurde am 01. September 1805 in Gazen bei Groitzsch / Pegau in Sachsen geboren. Er besuchte von 1824 - 1828 die Universität Leipzig, widmete sich medizinischen und naturwissenschaftlichen Studien und wandte sich später der Literatur zu. Bekannt wurde er zunächst durch seine Übersetzungen aus dem Französischen und Englischen, die sich durch einen allgemein verständlichen und gefälligen Sprachstil auszeichneten. Gleichzeitig war er Redakteur, gründete im Jahr 1830 die 'Blätter aus der Gegenwart für nützliche Unterhaltung' und übernahm die Redaktion der 'Allgemeinen Modenzeitung', 'Gartenlaube' sowie vom 'Leipziger Tageblatt'. Zudem wirkte er als Herausgeber kriminalistischer und biographischer Werke, Wörter- und Lesebücher. Dabei galt sein besonderes Interesse der klassischen Zeit in Weimar. Dr. Johann August Diezmann starb am 25. Juli 1869 in Schloßchemnitz bei Chemnitz.
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1. / Zweites Kapitel.
Ich nahm von diesen Verhandlungen nicht nur einen sehr anregenden und erhebenden Eindruck mit hinweg, die Rückreise sollte mir überdies Gelegenheit und Veranlassung geben, eine „Dorfgeschichte" zu erleben, die im Beginn etwas sehr Reizendes für mich hatte. Ich benutzte nämlich diese Rückreise, um einen befreundeten Mitschüler zu besuchen, der im Hause eines sehr reichen Altenburger Bauern als Lehrer des einzigen Sohnes desselben lebte. Dieser Bauer, Michel Gerber mit Namen, war ein Mann eigener Art und Besitzer eines ererbten, so wie durch Heirat und Kauf vergrößerten Gutes, das sich mit manchem Rittergute messen konnte. Seine zahlreichen Knechte, Mägde und Arbeitsleute behandelte er im Ganzen mit tyrannischer Strenge, bisweilen aber doch auch, wenn er mit ihren Leistungen besonders zufrieden war, mit einer gewissen herablassenden Milde, wie etwa ein Patriarch in der Bibel seine Sklaven behandelt haben mag, und Michel Gerber glaubte in der Tat so hoch über seinen Untergebenen zu stehen, wie ein Herr über seinen Leibeigenen. Dies ging so weit, dass er sich sehr selten herbeiließ, persönlich mit einem der Knechte zu sprechen — mit den Mägden sprach er niemals selbst. — Er erteilte vielmehr seine Befehle und seinen Tadel dem ersten der Knechte, der sie an die Betreffenden weiterzubefördern hatte.
Sein Stolz waren seine großen, starken, feisten Pferde, „auf denen kein Tropfen Wasser stehen blieb", seine wohlgenährten Rinder, die alle genau von einer und derselben Farbe, nämlich schwarz mit einem weißen „Stern" auf der breiten Stirn und stets frei selbst von dem kleinsten Schmutzfleck sein mussten, dann seine Herde hochfeiner Merinoschafe und sein Geflügelhof, in dem es von Hühnern, Gänsen, Enten und Tauben der verschiedensten, zum Teil seltensten und teuersten Arten wimmelte.
Wenn der breitschulterige stattliche Mann in der Tür seines Hauses stand, die schwer mit Silber beschlagene Meerschaumpfeife im Munde, den runden, hinten leicht aufgekrempten kleinen Hut auf dem Kopfe, in der kurzen Jacke vom feinsten grünen Tuche, in den weitbauschigen kurzen Hosen von dünnem Leder und in den langen engen Stiefeln, die Daumen beider Hände auf der Brust unter die gekreuzten, glanzledernen Hosenträger gesteckt, und so wohlgefällig seinen weiten, reinlichen, wimmelnden Hof überschaute, sah er allerdings wie ein Bauernfürst aus.
Den Hof umgaben auf drei Seiten die verschiedenen, zum Teil neu aufgeführten, sämtlich wohl unterhaltenen Wirtschaftsgebäude, während die vierte Seite das stattliche Wohnhaus mit dem großen Einfahrtstore einnahm, und in der Mitte ein Taubenhaus in der Form eines riesigen Pilzes stand. Im Erdgeschoß des Wohnhauses befanden sich die Milch- und Vorratskammern, die große Küche mit blitzend blank gescheuertem Zinn-, Kupfer- und Messinggeschirr, des Herrn „geheimes Kabinett", in dem er namentlich sein Mittagsschläfchen zu halten pflegte, und das niemand betreten durfte, endlich die große allgemeine Wohn- und Eßstube, denn so stolz Michel war, hielt er doch fest und streng an dem Herkommen, welches verlangte, dass „der Herr" mit seinem „Gesinde" die Mittags- und Abendmahlzeiten gemeinschaftlich einnahm. Freilich stand der kleine Familientisch oben quer vor der langen Gesindetafel und war mit einem seinen, immer blendend weißen Tuche geschmückt, während die Tafel ein grobes bedeckte. Auch kamen auf den Tisch meist andere Speisen als auf die Tafel, welche letztere indes stets reichlich, ja verhältnismäßig reich besetzt wurde. Die „Leute" mussten jedes Mal, ehe sie sich zum Essen setzten, an der Tafel stehend ein stilles Gebet verrichten, und das tat der Herr mit seiner Familie gleichzeitig ebenfalls. Lautes Gespräch oder gar Spaße während des Essens duldete er nicht, und wenn es einmal einigermaßen laut an der Tafel wurde, brauchte er nur leicht mit dem Messer auf seinen Teller zu klopfen, um sofort eine wahrhaft andächtige Stille herbeizuführen.
Dies alles geschah freilich wohl auch ähnlich oder genau ebenso in den anderen großen Bauerhöfen, Michel Gerber hatte aber eine Eigentümlichkeit, die ihn von allen seinen Standesgenossen unterschied. Er war ein echter Bauer von altem Schrot und Korn, er wollte auch nichts als ein Bauer sein, und war stolz, dass er es war, aber er wusste doch recht wohl, dass die anderen Stände an Bildung über den Bauern standen, und deshalb wohl auch bisweilen mit einer gewissen Geringschätzung auf dieselben herabsahen. Das wurmte ihn, wie es sein großer Ärger war, dass er gar vieles in den Gesetzen, Verordnungen, gerichtlichen Bekanntmachungen, Advokatenschreiben und in den Zeitungen nicht recht verstand. Das verhehlte er sich selbst und auch anderen nicht, und er nahm sich deshalb vor, Sorge zu tragen, dass es seinen Kindern nicht ebenso ergehe, und dass sie mehr, weit mehr lernten, als er gelernt und zu lernen Gelegenheit gehabt hatte.
„Die Leute in der Stadt und die Adeligen auf dem Lande", pflegte er zu sagen, „reden immer davon, dass sie größere Bildung hätten, als wir Bauern, und sie haben auch Recht. Warum sollen aber unsere Kinder nicht die gleiche Bildung erhalten können, als die ihrigen? Weil es Geld kostet, viel Geld? Ich habe Geld, mehr Geld, als mancher „Herr von", und darum sollen meine Kinder dieselbe Erziehung und Bildung erhalten, wie die jungen Herren und Fräuleins, und wenn es mich tausend Taler und mehr kostete! Ich hab's. Nichts, gar nichts sollen anderer Leute Kinder vor den meinigen voraushaben, denn ich kann's bezahlen, und ich bezahl's. Kauf' ich mir ein paar Pferde, bloß, weil sie mir gefallen, für tausend Taler, verspiel' ich an einem Abend manchmal im „Schafkopf" hundert Taler, warum sollte ich meiner Martha nicht auch einen Flügel, wie sie's nennen, für lumpige drei- oder vierhundert Taler kaufen? — Ich halte der Tochter eine Gouvernante und dem Sohn einen Informator. Was können solche Leute kosten? Wenn sie der Herr Gerichtsdirektor und der Herr von Moosbach drüben bezahlen können, kann es Michel Gerber erst recht."
Und er tat, wie er gesagt. Er schickte seine Kinder nicht in die Dorfschule. Mehrere Jahre lang hielt er seiner Tochter eine Erzieherin, und er fand zum Glück eine solche in einer sehr verständigen, nicht mehr jungen Person, die er glänzend bezahlte, und dem jungen Sohne hatte er seit Kurzem in meinem Freunde Engel einen „Informator" gegeben.
Trotz alledem aber, und obgleich die Tochter im ersten Stock des Hauses ein fast elegant eingerichtetes eigenes Zimmer mit einem kostbaren Flügel darin besaß, hielt Michel Gerber streng darauf, dass die Kinder die gewiss nichts weniger als kleidsame Nationaltracht trugen, und es war ihm wohl zuzutrauen, dass er ein Kind lieber verstoßen, als ihm gestatten würde, die sogenannte „städtische" Kleidung anzulegen.
„Ich bin ein Altenburger Bauer, meine Kinder sollen Bauern bleiben", sagte er, „und darum sich kleiden, wie ich es tue und wie es unsere Vorfahren seit vielen hundert Jahren taten."
Als ich in den Hof Gerber's trat, erschien eben an der Tür des Wohnhauses ein schlankes Mädchen von mehr zartem als kräftigem Bau in der altenburgischen Tracht. Sie trug eine Haube von schwarzem Taffet, die den Kopf ganz und eng umschloss und vorn mit bis in die Mitte der Stirn reichenden schwarzen Spitzen garniert war, sodass man nichts von dem Haar sah, nach hinten aber gesteift ziemlich weit abstand und unter dem Kinn mit breiten schwarzseidenen Bändern in einer sehr dicken Schleife festgebunden war. Ihr übriger Anzug bestand in einem geblümten, kurzen, vorn offenen Schößchenjäckchen, mit einem breiten, holzharten, hässlichen Latz auf der Brust, in einem nur bis an die Kniekehlen reichenden Rock, der in Tausende kleiner festgenähter Falten gelegt war und sich den Formen eng anschmiegte, in einer breiten Schürze, in faltenlos glatt gezogenen blendendweißen Strümpfen und in kleinen Schuhen.
Sie mochte etwa siebzehn Jahre alt sein und hatte ein von den schwarzen Spitzen und Bändern der Haube kokett umrahmtes, blühend frisches rundes Gesicht mit blauen Augen, einem Stumpfnäschen, einem kleinen lächelnden Munde und schelmischem Grübchenkinn. Mit den beiden Armen hielt sie eine sehr große, offenbar schwere Schüssel, die bis an den Rand mit goldfarbigen Gerstenkörnern gefüllt war.
Kaum hatte sie sich so an der Tür gezeigt, die freundlichen Blicke in dem Hofe umherschweifen lassen, die Schüssel auf den linken Arm genommen und die Körner mit der rechten Hand umherzustreuen angefangen, als es sogleich und plötzlich in dem Geflügelvolke wunderbar lebendig wurde. Von allen Seiten des Hofes her und von allen Dächern herab flogen Tauben herbei; Tauben krochen aus allen Löchern ihres Hauses hervor, und die Eifrigsten unter ihnen drängten sich und kletterten über die Zögernden rücksichtslos hinweg; die Gänse und Enten watschelten so eilig als möglich heran, nahmen aber bald, um rascher zur Stelle und an das Ziel zu kommen, die ausgebreiteten Flügel gleich Segeln zu Hilfe; die Hühner, die mit emsigem Fleiße gescharrt und bedächtig nach Nahrung gesucht hatten, stürmten im Wettlaufe heran und drängten und schoben sich näher und näher an und um die Körnerspenderin. Diese musste sogar einige der zahmsten und zudringlichsten Tauben abwehren, die sich auf die Schüssel selbst setzen wollten. Als sie lachend und schäkernd den ganzen Inhalt der Schüssel in weitem Kreise um sich her verstreut hatte, blieb sie mitten unter den sie umdrängenden gefiederten Gästen stehen, die emsig die Körner aufsuchten; sie lachte laut und herzlich über die, welche es in gar zu komischer Gier taten, wie über den großen stolzen Hahn, der mit schmeichlerisch lockendem Tone gelegentlich einer Lieblingshenne ein besonders großes Korn hinlegte, oder sie schalt die aus, welche neidisch andere...




