Dimbath | Soziologische Zeitdiagnostik | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 291 Seiten

Dimbath Soziologische Zeitdiagnostik

Generation - Gesellschaft - Prozess
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7799-9085-7
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Generation - Gesellschaft - Prozess

E-Book, Deutsch, 291 Seiten

ISBN: 978-3-7799-9085-7
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Gesellschaftsdiagnosen wollen uns zeigen, wie wir gegenwärtig leben. Sie wollen auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen aufmerksam machen. Aber wie wissenschaftlich sind solche Mahnungen zur Lage der Gesellschaft? Oliver Dimbath fragt, auf welchen soziologischen Grundlagen und theoretischen Vorannahmen Gesellschaftsdiagnosen beruhen, stellt deren Argumentationsmuster sowie Gesellschaftsbegriffe vor und beantwortet die Frage, was sie leisten können.

Oliver Dimbath, Prof. Dr., ist seit 2017 Professor für Allgemeine Soziologie an der Universität Koblenz-Landau.
Dimbath Soziologische Zeitdiagnostik jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1.Einleitung: Spieglein, Spieglein an der Wand


Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Die Uhr steht fünf vor zwölf. Die Katastrophe ist nah, wenn wir so weitermachen wie bisher. Schuld ist auch die unbelehrbare Generation der Älteren, der Etablierten, deren ›Nach-uns-die-Sintflut‹-Denken zur Lähmung der Reaktions- und Präventionsmöglichkeiten führt. Schuld an der Misere ist die junge Generation, deren Sinne vor Vergnügungssucht und Egoismus beziehungsweise deren Sattheit und Bequemlichkeit benebelt sind und die keinesfalls in der Lage ist, die drängenden ökonomischen, ökologischen und sozialen Probleme in den Griff zu bekommen. Grund hierfür ist nicht zuletzt die gegenwärtige Gesellschaftsordnung, die keinen Handlungsspielraum lässt und Orientierungen nahelegt, die den Blick auf die gewaltigen Gefahren der Zeit verstellen. Nicht zu vergessen die herrschenden Eliten in Politik und Wirtschaft, die nur auf Machterhalt und die Maximierung ihres kurzfristigen Nutzens bedacht sind und keinen Finger krumm machen, um eine nachhaltige Politik zu realisieren. Man müsste nur einfach mal …

Diese Zusammenstellung von Mahnungen findet sich, wenngleich oft in weniger verdichteter Form, in den Verlautbarungen der massenmedialen ebenso wie politischen Öffentlichkeit. Sie lässt auf den ersten Blick eine typische Struktur erkennen: Erstens wird die gegenwärtige Lage, in der sich ›die‹ Gesellschaft befindet, problematisiert. Zweitens gibt es Hinweise auf einen Verursacher oder zumindest einen Verantwortlichen. Drittens wird in der Regel ein mehr oder weniger vages Lösungsangebot unterbreitet. Aus diesen drei Punkten lässt sich nicht nur auf ein Gefahrenpotenzial schließen, dem das kritisierte Kollektiv dem Bekunden nach ausgesetzt ist; auch die Position des Mahners ist ermittelbar. Offenkundig ist er ein Beobachter, einer, der zumindest zeitweise nicht mitmacht bei der gesellschaftlichen Selbstgefährdung. Möglicherweise ist er von vornherein ein Randständiger, der aufgrund seiner distanzierten Perspektive Probleme erkennen kann, für die alle anderen in ihrem ›Tagesgeschäft‹ blind sind.1

Am Rand, an der Wand steht oder hängt der Spiegel. Er gehört zum Interieur und dient dazu, den gegenwärtigen Zustand des Betrachters visuell wiederzugeben. Bisweilen ist die Rede davon, dass neben der Kunst auch die Geistes- und Sozialwissenschaften die Funktion haben, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten beziehungsweise selbst so etwas wie ein Spiegel zu sein.2 Sie produzieren Bilder, die dann aufscheinen, wenn jemand etwas über sich wissen will. Der Bezug auf Wissen weitet die Verwendungsmöglichkeiten der Spiegelmetapher erheblich aus.

Wozu dient ein Spiegel? Der Blick in ihn gibt einer sich selbst betrachtenden Person nicht nur ihr aktuelles Erscheinungsbild wieder. Die Wahrnehmung ebenso wie die Deutung des Gezeigten sind Bestandteile eines Orientierungsvorgangs, aus dem Konsequenzen gezogen werden. Das sich spiegelnde Individuum mag eine Unebenheit im Gesicht bearbeiten oder noch etwas Make-Up nachlegen. Vielleicht posiert es auch ein wenig, ist mit seinem Bild zufrieden und mischt sich im Bewusstsein gut auszusehen unter die Leute. Auch diese werden im Sinne eines Spiegels verwendet: Jeder und jede spiegelt sich in den Reaktionen der anderen, interpretiert ihren Blick als wohlwollend oder missbilligend, merkt sich diese Deutung und verhält sich nett, gesellig, wird unsicher oder zurückhaltend. Eine heute als ›klassisch‹ geltende Sozialisationstheorie verwendet den Begriff des Spiegel-Selbst. Das Kind lernt sich anhand der anderen, von denen es umgeben ist, zu orientieren. Es entwickelt sein Ich-Bewusstsein als soziale Identität, indem es aus ihren Reaktionen etwas über sich selbst lernt. Und auch für die Erwachsenen gilt, dass sich die einzigen Informationen, die ihnen Anhaltspunkte dafür geben, wer oder was sie sind, aus dem Kontakt mit anderen ergeben.3 Die Bedeutung der Spiegel-Metapher umfasst all die Momente, in denen Menschen etwas über sich erfahren. Dabei ist es gleichgültig, ob sie das nun wollen oder nicht, wie sich auch der Redensart ›jemandem den Spiegel vorhalten‹ entnehmen lässt.

Der Spiegel reflektiert alles, dessen Licht seine Oberfläche trifft. Einerseits gibt er die Dinge, die vor ihm stehen so wieder, wie es seine Materialität zulässt; dabei ist immer mit mehr oder weniger schwerwiegenden Verzerrungen, also Betonungen und Entstellungen zu rechnen. Andererseits entsteht die Schönheit im Auge der Betrachterin oder des Betrachters, weshalb es nicht nur am Spiegel liegt, welche Schlüsse die vor ihm stehende Person aus ihrer Selbstbespiegelung zieht.

Der Anlass in den Spiegel zu schauen muss keinem narzisstischen Antrieb folgen. Die Betrachtung kann auch aus Neugier oder Sorge stattfinden, und sie offenbart nicht nur die mögliche physiognomische Veränderung der Reifung oder des Alterns im Sinne des Vergleichs mit einem erinnerten vergangenen Selbstbild. Sie gibt auch Anlass für Interpretationen im Hinblick auf selbstveranlasste oder fremdverschuldete Veränderungen.4

Die Spiegelmetaphorik eignet sich gut, das Anliegen dieses Buches darzustellen. So lässt sich das bisher Gesagte auch auf die Zeit- und Gegenwartsdiagnostik übertragen: Sie ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wer solche Diagnosen produziert, ist selbst Teil der Gesellschaft – allerdings mit der Intention, diese im Rahmen professionell ausgebildeter Möglichkeiten und Fähigkeiten zu spiegeln. Damit wird eine Erwartung erfüllt, die ›die‹ Gesellschaft an die Wissenschaft heranträgt: Wissenschaft soll die Verhältnisse möglichst fundiert und vor allem sachlich beschreiben.5 Weil aber die bloße Selbstvergewisserung nicht immer befriedigt, geht die Selbsterkundung mitunter einen Schritt weiter und sucht nach Momenten gesellschaftspolitischer Verbesserung. Der wissenschaftliche Spiegel überlässt es in der Regel nicht allein der Deutung der Betrachterin oder des Betrachters – er liefert eine absichtliche Verzerrung und lenkt den Fokus auf etwas, das dem flüchtigen Blick sonst entgehen würde. Das genaue Hinsehen und der zielgerichtete Hinweis bieten die Chance, Anzeichen einer gesellschaftlichen Krise oder sozialen Katastrophe zu erkennen. Im Fall der Zeit- und Gegenwartsdiagnostik geht es in erster Linie darum, ihr Publikum, also ›die‹ Gesellschaft mit ›sich selbst‹ zu konfrontieren. Im Vergleich zu dem Bekunden nach ›objektiven‹ Befunden etwa einer medizinischen Röntgenaufnahme ist dieses ›sich selbst‹ immer strittig, weil es der Betrachtung obliegt, ob das Porträt für zutreffend gehalten wird oder nicht. Je nachdem, wie groß die Bereitschaft zu Selbstkritik und Veränderung ist, ist mit Konsequenzen aus der Spiegelung zu rechnen.

Ein Spiegel ist ein toter Gegenstand, dessen Beschaffenheit die Qualität des Spiegelbildes mitbestimmt. Die aufgeschriebene Zeit- oder Gegenwartsdiagnose wäre damit der Spiegel, aber vielleicht ist ihr Produzent dann eher der Betreiber eines Spiegelkabinetts. Er verfügt über die Möglichkeit, den Besucherinnen und Besuchern einen oder mehrere Spiegel vorzuhalten. In den Augen der – sich selbst irgendwie – Betrachtenden ist er Analytiker, Prophet, Wahrsager, Künstler oder auch Narr. Bisweilen lebt er davon, dass die Menschen zu ihm kommen, um sich den Spiegel vorhalten zu lassen. Mitunter stellt er sein Kabinett unaufgefordert auf und erschreckt die Leute. Oft wird er auch einfach ignoriert beziehungsweise nur von anderen Kabinettbetreibern wahrgenommen, gelobt, kritisch kommentiert oder ausgeschimpft. Indem er zeigt, informiert er die einen also, klärt auf oder unterhält die anderen. Die Breite des Publikums zwischen Fachwissenschaft und Medienöffentlichkeit charakterisiert ebenfalls die wissenschaftliche Zeit- und Gegenwartsdiagnostik und betont ihre Ambivalenz. Doch auch eingedenk unterschiedlicher Blickwinkel bleibt sie eine besondere Form der wissenschaftlichen Kommunikation: Zeitdiagnose ist vor allem öffentliche Wissenschaft. Es geht ihr, um wieder ins Bild zurückzukehren, nicht darum, besonders ausgefeilte Okulare und Bespiegelungstechniken zu entwickeln, über kaleidoskopische Spiegelungen auf völlig neue beziehungsweise hochgradig abstrakte Zusammenhänge oder durch mikroskopische Reflexionen auf sehr kleine Details hinzuweisen. Sie ist darauf angewiesen, ihr Angebot auf den ungeschulten, alltäglichen, gleichwohl ...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.