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E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Disney. Twisted Tales
Disney Disney. Twisted Tales: Leuchtende Wunderwelt (Aladdin)
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-646-93699-5
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Was wäre, wenn Aladdin niemals die Wunderlampe gefunden hätte? | Der Märchen-Klassiker mal anders - für alle Fans der Villains-Bücher
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Disney. Twisted Tales
ISBN: 978-3-646-93699-5
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Walt Disney (1901-1966) war einer der einflussreichsten und meistgeehrten Filmproduzenten und Trickfilmzeichner des 20. Jahrhunderts. Dafür sorgten Figuren wie Micky Maus oder Donald Duck. 1937 erschien mit »Schneewittchen und die sieben Zwerge« ein Meilenstein der Filmgeschichte: der erste abendfüllende Zeichentrickfilm. Viele weitere folgten und begeistern noch heute ein Milliardenpublikum jeder Altersklasse. Disneys Name entwickelte sich zu einer internationalen Marke, die für ein umfassendes Spektrum an Produkten der Unterhaltungsindustrie steht.
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Prolog
Hoch oben und weiß strahlte der Mond auf die Stadt herab, so hell wie – so hieß es – die Sonne in den Ländern des Nordens. Die weißen Lehmziegelbauten erglühten wie Kieselsteine an einem fernen Strand. Wie in einem Traum erschienen die goldenen Zwiebeltürme der Hauptstadt flimmernd vor den blassen Dünen und der dunklen, sternenklaren Weite.
Die Hitze des Tages hatte sich längst in die Wüste zurückgezogen, und die Stadt, die in der Hitze des Nachmittags vor sich hingedämmert hatte, erwachte nun endlich zum Leben. Die Straßen füllten sich mit Menschen, die Tee tranken, schwatzten, lachten und Freunde besuchten. Vor den Cafés saßen alte Männer über dem Brettspiel Schatrandsch. Obwohl es längst Schlafenszeit war, waren die Kinder noch auf und spielten auf den Gehwegen ihre eigenen Spiele. Männer und Frauen kauften von den Abendverkäufern Roseneis und Schmuck. Das Leben im Mondschein spielte sich in Agrabah laut und überschwänglich ab.
Allerdings nicht überall in Agrabah.
In einem anderen Stadtteil erstreckten sich die Straßen still wie Schatten und schwarz wie der Tod. Bunt und prächtig gekleidet konnte sich dort niemand sicher fühlen. Selbst die Bewohner blieben lieber zu Hause oder hielten sich in versteckten Gassen und geheimen Passagen auf, die abseits der Straßen durch das Viertel führten. Die weißen Hauswände waren verblasst und löchrig, Lehmklumpen bröselten aus den Ziegelschichten des Mauerwerks.
Nur noch halbfertige Holzkonstruktionen erinnerten an den Traum des ehemaligen Sultans, der das Viertel umgestalten, seine Straßen verbreitern und es mit Wasser versorgen wollte. Er war vergiftet worden, und danach war das gesamte Projekt zum Stillstand gekommen. Jetzt pfiff der Wüstenwind um die skelettartigen Überreste seines großen Plans wie um am Galgen baumelnde Leichen.
Es war das Viertel der Straßenratten. Hier lebten Diebe, Bettler, Mörder und die Ärmsten der Armen. Kinder, die niemand wollte, Erwachsene, die niemand je mit irgendeiner ehrlichen Arbeit beauftragen würde … Sie alle hatten hier eine Bleibe gefunden: Verwaiste, Unglückliche, Kranke und Ausgestoßene. Dies war ein völlig anderes Gesicht von Agrabah.
Zwischen Hütten und Baracken, verfallenen öffentlichen Gebäuden und maroden Gebetsstätten stand ein kleines Haus, das in einem etwas besseren Zustand war als die anderen. Seine Lehmwände sahen so aus, als seien sie im vergangenen Jahrzehnt zumindest einmal weiß getüncht worden.
In einer zerbrochenen Schale vor der Tür wuchsen ein paar Wüstenblumen, die jemand durch regelmäßige Gaben kostbaren Wassers am Leben hielt. Zwar war er zerfetzt, aber vor dem Eingang lag ein echter Teppich, auf dem Besucher ihre Sandalen abstellen konnten – für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie welche besaßen.
Durch ein schlüssellochförmiges Fenster drang das sanfte Summen einer Frau zu den Passanten heraus. Wer durch den Sichtschutz aus Holz spähte, konnte sie sehen: Sie hatte sanft blickende Augen und trug ihre Lumpen mit der Anmut einer Königin.
Ihre Kleidung war sauber, genau wie die Hose, die sie im durch das Fenster scheinenden, fleckigen Mondlicht sorgfältig flickte.
Plötzlich klopfte es laut an der Tür. Dreimal und sehr kräftig. So klopfte niemand im Straßenrattenviertel. Hier klang das Klopfen meist scheu und manchmal wie eine verschlüsselte Botschaft.
Überrascht legte die Frau ihre Arbeit behutsam beiseite, zog ihr Kopftuch zurecht und ging zur Tür.
„Wer ist denn da?“, rief sie und legte die Hand an den Türgriff.
„Ich bin’s, Mama“, erklang eine Stimme.
Mit einem erfreuten Lächeln schob die den Riegel zurück.
„Aber Aladdin“, ermahnte sie lachend, „eigentlich kannst du das besser …“ Sie hielt inne, als sie bemerkte, dass vor der Tür vier Personen standen.
Darunter war ihr Sohn Aladdin, mager wie alle Straßenratten-Kinder.
Er war barfuß und hatte wie sein Vater dunkle Haut und dichtes rabenschwarzes Haar, das mit Straßenstaub bedeckt war. Seine Haltung hatte ihm seine Mutter beigebracht: den Kopf hocherhoben, die Brust herausgestreckt. Eine Straßenratte war er nur dem Namen nach.
Seine Freunde – falls sie so zu bezeichnen waren – standen etwas mehr an der Seite, kichernd und jederzeit zur Flucht bereit. Wenn es Ärger gab, hatten Morgana und Duban mit Sicherheit etwas damit zu tun.
An ihrem durchtriebenen Blick erkannte Aladdins Mutter, dass sie so schnell wie möglich entkommen wollten. Hinter ihrem Sohn stand ein großer, schlanker Mann in einem langen blauen Gewand mit farblich passendem Turban. Akram, der Basarhändler für Trockenfrüchte und Nüsse.
Seine knochigen Finger umklammerten die Schulter ihres Sohns und drohten, noch fester zuzufassen, sollte der Junge auch nur an Flucht denken.
„Ihr Sohn“, sagte Akram höflich, aber verärgert, „und seine … Kumpane. Sie haben schon wieder auf dem Basar gestohlen. Lehr deine Taschen aus, Straßenratte!“
Aladdin zuckte gleichgültig mit den Schultern und stülpte seine Hosentaschen nach außen. Getrocknete Feigen und Datteln kullerten heraus, aber er ließ sie immerhin nicht achtlos auf den Boden plumpsen.
„Aladdin!“, sagte seine Mutter scharf. „Du böser Junge!“ Sie wandte sich an Akram. „Es tut mir wirklich leid, werter Herr. Morgen wird Aladdin den ganzen Tag Botengänge für Sie erledigen. Er tut, was Sie wünschen. Er schleppt Wasser für Sie.“ Aladdin wollte protestieren, aber ein Blick seiner Mutter brachte ihn zum Schweigen.
Duban und Morgana lachten ihn aus.
„Und für euch beide gilt dasselbe“, fügte sie hinzu.
„Sie sind nicht meine Mutter“, rief Morgana frech. „Sie haben mir gar nichts zu sagen. Niemand kommandiert mich herum.“
„Was für ein Unglück, dass du keine Mutter hast, wie diese arme Frau eine ist“, bemerkte Akram ernst. „Dein Kopf wird auf einer Säbelspitze enden, noch bevor du sechzehn Jahre alt bist, Mädchen.“
Morgana streckte ihm die Zunge heraus.
„Los, komm“, meinte Duban etwas nervös. „Lass uns abhauen.“
Die beiden rannten in der Dunkelheit davon. Aladdin sah ihnen traurig nach. Seine Freunde ließen ihn mit einer Strafe allein, die sie alle verdient hatten.
„Es täte dir gut, dich von ihnen fernzuhalten, meiner Meinung nach“, sagte Akram nachdenklich. „Jedenfalls habt ihr alle drei Glück gehabt, dass ich euch erwischt habe und niemand anders. Als Bezahlung für die Früchte, die ihr gestohlen habt, hätten einige der Händler eure Hand verlangt.“
„Wartet, lassen Sie mich die Ware einpacken, damit Sie sie wieder mitnehmen können.“ Aladdins Mutter nahm ihrem Sohn das Obst ab und sah sich nach einem passenden Tuch zum Einwickeln um.
„Lassen Sie nur“, wehrte Akram verlegen ab. Seine Augen huschten durch die kleine, dunkle Hütte. „Ich habe für heute schon alles zusammengepackt. Und eine hart arbeitende Frau, die so … allein ist, sollte nicht für Sünden bestraft werden, die sie nicht begangen hat. Betrachten Sie sie als Geschenk.“
Die Augen von Aladdins Mutter blitzten auf. „Ich habe Ihre Almosen nicht nötig. Mein Mann kehrt bestimmt sehr bald zurück“, sagte sie. „Cassim hat sicher Geld verdient und bringt uns an einen Ort, der besser zu seiner Familie passt. Ich schäme mich nur für alles, was er bis dahin hier noch erleben muss.“
„Natürlich, natürlich“, lenkte Akram beschwichtigend ein. „Ich … kann kaum erwarten, ihn wiederzusehen. Er mochte meine Cashewnüsse so gern.“
Aladdins Mutter sonnte sich im Glanz der Erinnerung an ihren Mann, auch wenn sie aus zweiter Hand stammte.
Aladdin zuckte zusammen. Akrams Hand lag wieder auf seiner Schulter, aber statt hart wie ein wütender Häscher zuzugreifen, tätschelte sie ihn nun liebevoll, denn er empfand Mitleid mit dem Jungen.
Dadurch fühlte sich Aladdin nur noch schlechter.
„Na, ist alles in Ordnung?“ Einer der jüngeren Basarwächter trat aus der Nacht hervor. Er hielt einen Knüppel in der Hand und sah mit ernstem Blick zu ihnen. „Ich habe gehört, in Ihrem Zelt ist es zu einem Zwischenfall gekommen, Akram.“
„Es ist alles gut, Rasul“, entgegnete der Händler im gleichen beschwichtigenden Ton, in dem er auch mit Aladdins Mutter gesprochen hatte. „Ein Missverständnis. Jetzt ist alles geklärt. Danke, dass Sie sich danach erkundigen.“
Der Wächter, der offenbar eine Schwäche für etwas zu viel Gebäck hatte, machte keinen Druck, wie es andere Wachleute vielleicht getan hätten. Er sah die ruhige, entschlossene Frau, den niedergeschlagen wirkenden Aladdin und die Armut des Hauses.
„Also gut, Akram. Ich bringe Sie zu Ihrem Zelt zurück. Dies ist bei Nacht kein sicherer Ort für anständige Leute wie Sie.“
„Tausend Dank, Rasul.“ Akram verbeugte sich vor Aladdins Mutter. „Friede sei mit Ihnen.“
„Und mit Ihnen“, antwortete sie kopfnickend. „Und … vielen Dank.“
Als der Händler und der Wächter gingen, schloss sie die Tür und strich ihrem Sohn mit der Hand durchs Haar.
„Aladdin, was machen wir bloß mit dir?“
„Na, was bloß?“, fragte er, gar nicht mehr in sich zusammengesunken. Er grinste wie ein Dieb und hüpfte aufgeregt auf und ab. „Es hat alles geklappt! Schau mal! Unser Festmahl für heute Abend!“
Fröhlich holte er weitere Feigen und Datteln aus seinen Taschen und legte sie in eine Schale,...




