Dittmann | Jungs von heute, Männer von morgen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Dittmann Jungs von heute, Männer von morgen

Was unsere Söhne für eine gleichberechtigte Zukunft von uns brauchen - Spiegel Bestseller
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-641-32114-7
Verlag: Kösel
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Was unsere Söhne für eine gleichberechtigte Zukunft von uns brauchen - Spiegel Bestseller

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-641-32114-7
Verlag: Kösel
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der SPIEGEL-Bestseller für alle Jungs-Eltern

Wer heute Söhne hat, steht vor besonderen Herausforderungen: Wir wollen glückliche Jungs, die frei von toxischen Männlichkeitskonzepten heranwachsen. Aber für ihre Erziehung fehlen uns scheinbar nach wie vor Vorbilder und Strukturen. Spiegel-Bestseller-Autorin Anne Dittmann, selbst Mutter eines Sohnes, bricht in ihrem neuen Buch die großen Fragen unserer Gegenwart auf das konkrete Familienleben herunter: Was bringen Jungs von Natur aus mit und was leben wir ihnen vor? Welche Rollenbilder prägen sie und welche können wir ihnen zeigen? Wie erziehen wir zu Empathie, Respekt und Fürsorge? Und wo verheddern wir uns manchmal in unseren eigenen Stereotypen? Dieses Buch sortiert nicht nur die Fakten, sondern gibt uns viele lebensnahe Anleitungen für den Alltag an die Hand. Ein Muss für alle, die Männer von morgen mutig begleiten wollen.

Mit Interviews u.a. mit Susanne Mierau, Vitor Gatinho, Nicola Schmidt und Patricia Cammarata zu Themen wie: Freundschaft & Gefühle, Gewalt & Aggressionen, Gesundheit & Krisen, Computerspiele & Medien, Rollenmuster & Vorbilder, Pornos & Sexualität, Freizeit & Engagement.

»Wie mit Söhnen über Gefühle sprechen, übers Weinen, über Sex und über über Konsens – und zwar ohne dass es für beide peinlich wird? Anne Dittmann hat dafür die besten Anleitungen überhaupt gefunden! Ein Lesemuss für alle Mütter und Väter.« Alexandra Zykunov, Bestsellerautorin und Journalistin

»Ein Buch, von dem ich mir gewünscht hätte, es schon viel früher lesen zu können. Als Sohn, heranwachsender Mann und auch als Vater.« Felix Schenk (@papa_ohne_plan)

  • Das neue Buch der meinungsstarken und hochengagierten Spiegel-Bestseller-Autorin
  • Moderne Jungs kompetent begleiten
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Autoren/Hrsg.


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Über Liebe, Mut und dieses Buch

Wie die meisten großen Veränderungen begann auch meine mit einem Traum. Es war eine Nacht im Dezember 2014, vor einem wichtigen Termin. Meine Gynäkologin würde mir am nächsten Morgen endlich das Geschlecht meines Kindes verraten – und ich hoffte, hoffte, hoffte seit Monaten darauf, dass ich eine Tochter bekommen würde. Allerdings war mir durch die Schwangerschaft kaum übel, was wohl eher für einen Jungen sprechen sollte. Und natürlich war mir klar, dass ich mit einem Jungen rechnen musste. Denn Fakt war: Seit über drei Monaten wuchs ein Kind in meinem Bauch heran, und ich konnte so viel wünschen, wie ich wollte; sein Geschlecht war ein Zufall, der längst eingetroffen war. Aber da ich mich auf ein Mädchen eingeschossen hatte, musste ich nun befürchteten, enttäuscht zu werden. Denn mit meinem Wunsch nach einem Mädchen hatte ich mich feministisch gefühlt, hatte ich einen umsetzbaren Plan; ich wollte meine Tochter empowern und ihr vermitteln, dass sie alles sein konnte. Aber dieses Kind könnte nun mal auch ein Junge werden – und weil ich keinen Plan für die moderne Erziehung eines Jungen hatte, war mir bei dem Gedanken, einen Sohn zu bekommen, nicht mehr zum Feiern zumute. Vielmehr fühlte ich mich orientierungslos. Und vielleicht schickte mich mein Traum deswegen in die Wüste; ich sah nichts als Sand, eine rot-orangene Abendsonne am Horizont und dann plötzlich einen kleinen, braunhaarigen Jungen, der zu einer Höhle lief. Er warf noch einen Blick zu mir, bevor er hineinging – sollte ich ihm folgen?

Als sich meine Augen an die Dunkelheit im Inneren gewöhnt hatten, sah ich, dass von oben ein Lichtstrahl durch ein Loch in der Decke einfiel. Er erhellte einen kleinen Felsen in der Mitte der Höhle, wo der Junge auf mich wartete. Ich ging zu ihm und setzte mich auf den Felsen. Er lächelte und nahm sanft meine Hand – er schien mehr zu wissen als ich. Wortlos kletterte er auf meinen Schoß, umarmte mich, und plötzlich fingen wir an zu leuchten. Wir verschmolzen zu einer warmen Kugel und waren am Ende nur noch ein Gefühl, ein Zuhausegefühl – bis ich im nächsten Moment wieder in meinem Bett lag. Und natürlich schossen mir Fragen durch den Kopf, wie: Bedeutete der Traum vielleicht, dass ich einen Jungen bekommen würde? Wollte mein Baby mich vorwarnen? »Willst du mir etwas sagen?«, flüsterte ich und streichelte über meinen Bauch. Und nein, ich hatte nie einen Hang zu Esoterik. Also wenn es eine vernünftige Traumdeutung gab, dann ja wohl die: Ich hatte Schiss – aber auch keine Zeit, um weiter darüber nachzudenken. Ich musste mich anziehen, der Outing-Termin war gekommen: Ich ging mit dem Vater meines Kindes zur Vorsorgeuntersuchung, rückte mich im Behandlungszimmer auf der Liege neben dem Ultraschallgerät zurecht und machte den Bauch frei. »Da sehe ich es schon«, sagte meine Gynäkologin nur Sekunden später, »ein Penis.« Sie lächelte gleichgültig, der Vater meines Kindes stieß ein »Yes!« aus, das tief aus seinem Bauch gekommen sein musste, und tätschelte mir tröstend den Kopf, weil ich heulte. »Alles gut«, sagte ich lächelnd, zog mich an, wischte mir die Tränen weg und schminkte mir ab, Mutter des Jahres zu werden. Dann lief ich allein los und spazierte über Stunden durch Berlin, um mich zu sortieren. Was stimmte nicht mit mir?

Ich dachte an den Sommer zurück und an den einen Abend, vier Wochen bevor ich meinen positiven Schwangerschaftstest in den Händen halten sollte; mein Handy klingelte ungewöhnlich spät. Meine Mutter rief sonst nie nach 22 Uhr an, daher war mir sofort klar, dass sie schlimme Nachrichten für mich hatte. »Mama?« – »Ja«, sagte sie. Mein Freund und ich kamen eine halbe Stunde später in ihrer Wohnung in Berlin-Tiergarten an. Ich drückte sie fest und konnte vom Flur aus direkt über ihre Schulter in sein Zimmer sehen; mein Stiefvater lag in seinem Bett, als würde er schlafen. Ich ging auf ihn zu, aber wagte es nicht, über die Türschwelle zu treten. Also betrachtete ich ihn vom Türrahmen aus; der Krebs und die zwei Jahre der Chemotherapie hatten seinen Körper dünn und schwach werden lassen. Am Ende hatte er nur noch zwei, drei Stückchen Birne am Tag gegessen. Nicht gegen den Hunger, denn den hatte er längst verloren, sondern für den »frischen Geschmack«, wie er sagte. Bei meinem letzten Besuch hatte ich ein kleines, weiches Stück Birne auf eine Kuchengabel aufgespießt und sie zu seinem Mund geführt, während er – wie die meiste Zeit des Tages – auf der Couch gelegen hatte und erschöpft wirkte.

Ich hatte mich oft gefragt, ob er nicht verzweifelt war und um sein Leben trauerte. Weil ich zwar seinem Körper den Verfall ansehen konnte, aber nicht seinen Augen. Er schien den Krebs und den Tod stoisch zu ertragen – als wären beide nur Unannehmlichkeiten, die bald verschwinden würden. So war er auch in den letzten zwei Wochen seines Lebens, nachdem sein Arzt gesagt hatte, dass die Chemotherapie nichts mehr bringe. Die Gewissheit zu sterben, muss für jeden ein Schock sein, aber weder meine Mutter noch ich konnten ihm das jemals ansehen. »Ich habe doch alles gesehen; die Berge und das Meer«, hatte er meiner Mutter erklärt. Es schien so, als ob er keine tiefe, schmerzhafte Trauer oder Hilflosigkeit empfand. Vielleicht Selbstschutz, hatte ich gedacht, derselbe Selbstschutz, der ihn zu lange daran gehindert hatte, zum Arzt zu gehen, und der ihn nun ins Grab bringt. Denn womöglich hätte er überlebt oder zumindest länger gelebt, wenn er mit seinen Schmerzen schon ein Jahr früher zum Arzt statt zur Arbeit gegangen wäre. Aber er holte sich erst Hilfe, als meine Mutter ein Machtwort sprach. Da war der Krebs schon im Endstadium, und er hatte noch zweieinhalb Jahre, bis wir die letzten Worte miteinander wechselten: »Ich hab dich lieb« – »Ich dich auch«, das war so alarmierend, wie der nächtliche Anruf vier Tage später. Muss denn erst der Tod kommen, ehe man seine verdammten Gefühle endlich auf den Tisch packt? In seinem Fall schon. Mein fleißiger Stiefvater hinterließ mit 45 Jahren eine Familie und 400 Überstunden auf dem Arbeitszeitkonto – von dem Geld konnte meine Mutter einen schönen Sarg bezahlen.

Ein paar Monate später, als ich durch Berlin spazierte, fühlte ich mich wieder betrogen und ausgeliefert – nach der »Diagnose« Kerl ebenso wie nach der Diagnose Krebs. Obendrauf kam nun aber eine mütterliche Scham, dass ich so fühlte. Denn: Wie gerecht ist es, enttäuscht zu sein, wenn das Kind nicht so ist, wie man es haben wollte? Damit hatte ich als moderne Mutter auch schon versagt, oder? Ich suchte nach einem Ausweg und erinnerte mich an den Jungen aus meinem Traum, an unsere Umarmung und die Verbundenheit, die ich gespürt hatte – vielleicht konnten das wir sein? Konnte mein Sohn sanft sein und emotional erreichbar? Ich dachte an das kleine, verletzliche Wesen in meinem Bauch. Ich stellte mir vor, wie es selbstzufrieden im Fruchtwasser schwamm. Es hatte keine Ahnung von meinen Sorgen. So abgeschirmt von der Außenwelt spürte es vielleicht noch instinktiv, was wirklich wichtig war. Du und ich, oder?, dachte ich und musste grinsen. Du machst es richtig, du pfeifst auf dieses ganze Geschlechterdrama. Aber ich durfte nicht darauf pfeifen, ich hatte plötzlich eine Verantwortung. Denn irgendwie werden aus den kleinen, zarten Babyboys immer wieder erwachsene Männer, die sich selbst, Beziehungen oder ganze Gesellschaften zerstören.

Männlichkeit und Krisen – beides scheint eng miteinander verknüpft. Seit meiner Kindheit sterben die Väter meiner Freund*innen sehr viel früher als die Mütter; der erste trank zu viel Alkohol, der zweite raste mit seinem Auto gegen einen Baum, der nächste hatte sich ins Grab gequalmt. Und seit wir alle erwachsen sind, sterben die Partner oder Ex-Partner meiner Freundinnen; der erste fiel im Drogenrausch von einem Dach, da waren wir Anfang 20 – und erst 2024 nahm sich der Ehemann einer Bekannten das Leben, nachdem sie ihn verlassen hatte. Dass Männer sich mit ihrem Verhalten eher selbst umbringen, statt sich zu ändern, zeigt auch, warum wir in Sachen Gleichberechtigung nur schwer vorankommen.

Ich schreibe dieses Buch in einer Zeit, in der die Lebenserwerbseinkommen von Müttern und Vätern in Deutschland immer noch um mehr als eine halbe Million Euro auseinanderklaffen.1 Und ja, es ist 2025. Eine Zeit, in der mehr als 70 Prozent der pflegenden Angehörigen Frauen sind, die sich oft parallel um die Kinderbetreuung kümmern und dazu erwerbstätig sind.2 Die meisten Männer wünschen sich sogar eine gleichberechtigte Beziehung – denn die macht nicht nur Frauen, sondern auch Männer zufriedener als die traditionelle Rollenaufteilung. Aber sobald Kinder da sind, will nur noch jeder zweite Vater die Hälfte der Kinderbetreuung übernehmen, und nur jeder fünfte übernimmt tatsächlich die Hälfte.3 Ihre Kinder wachsen in einer zwiespältigen Zeit auf, in der Begriffe wie Mansplaining, Manspreading, Gaslighting, Victim Blaming zum normalen Sprachgebrauch gehören und es trotzdem immer wieder zu #MeToo-Fällen kommt. Einer Zeit, in der Gewalt verurteilt wird und doch weiter erfolgreich bleibt – und somit als Vorbild für die Jungen der nächsten Generation dient. Fußballstars wie Jérôme Boateng oder Sänger wie Till Lindemann stehen weiterhin auf Podesten, und ein in 34 Fällen verurteilter Straftäter wie Donald Trump wird noch mal Präsident.4 Im Wahlkampf schien das Lachen seiner...


Dittmann, Anne
Anne Dittmann ist Spiegel-Bestseller-Autorin, Podcasterin und schreibt als Journalistin über familienpolitische Themen, u.a. für ZEIT Online, die Süddeutsche Zeitung und die Brigitte. Insbesondere auf Instagram hat sie eine starke Community rund um das Thema allein- und getrennt erziehende Mütter aufgebaut. Sie lebt mit ihrem Kind in Berlin.



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