Dittrich Ferne Berührung
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-943941-54-8
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 440 Seiten
ISBN: 978-3-943941-54-8
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geboren 1951 in Fleestedt, bei Hamburg. Kaufmännische Lehre, Arbeit als Speditionskaufmann, Pädagogikstudium, Lehrer an einer Gesamtschule, Herausgeber beim Institut für Bildung und Kultur, Remscheid, Journalist und Autor. 1990 Gründung des Dittrich Verlags. Veröffentlichungen: Romane, Hörfunk-Features, Dokumentarfilm 'Die Nacht der Georgier', 2002. Zuletzt 'Zwei Seiten der Erinnerung - Die Brüder Edgar und Manfred Hilsenrath', Deutschlandfunk 2011.
Autoren/Hrsg.
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Endlich belebte er wieder die Wand mit seinen Bildern. Er hatte es monatelang mit einer Regelmäßigkeit getan, auf die Verlass war. Doch seit einigen Wochen hatte Marleen vergeblich gewartet. Sie fürchtete, dass er den Tag gewechselt habe. Sie hörte nichts von ihm. Vielleicht war er verreist. Sie wurde immer unruhiger, traute sich nicht einmal, nach Feierabend kurz etwas einkaufen zu gehen. Sie lebte immer in der Angst, er würde ohne sie beginnen, oder dass sie es vielleicht ganz verpassen könnte. Saß sie abends vor dem Fernseher, wurde sie nach fünf Minuten unruhig und ging mindestens in einem Zehnminutenrhythmus in die Küche, um nachzusehen. Wochenlang vergeblich. Heute ist ein Festtag. Endlich können sie wieder zusammensitzen.
Mit dem Ohr an der Wand lauschte sie den Geräuschen. Glück gehabt. Er sortierte noch. Sie stellte den Kassettenrekorder auf den Tisch. Die richtige Musikkassette war eingelegt. Sie spulte das Band vor. Nach Ende der letzten Töne drückte sie die Pause-Taste. Der Wasserkessel begann zu pfeifen. Zwei oder drei Nelken mit in den Tee geben, zur Verfeinerung und für das Aroma im Raum. Sie stieg über den Sessel, um das Gewürzregal, die kleinen Gläser und die Flasche Sherry zu erreichen.
Gegenüber, an der Wand des Hinterhauses, die ihre Küche auch tagsüber nie ganz hell werden ließ, ein helles Viereck. Es wackelte und bewegte sich nach unten. Nebenan war das Vorspiel von zu hören. Sie wartete bis es zu Ende war, löste dann die Pause-Taste, und die jetzt auch von ihr geliebte Musik füllte nun beide Räume.
Das erste Dia. Wieder das gleiche. Die Aufnahme eines Gemäldes. Eine schwarze Figur auf einem kleinen Platz vor einer braunen Hauswand mit weißen und hellbraunen Kacheln. Die Figur steht wie vor einem Menetekel, um etwas über die Zukunft zu erfahren. Zur Einstimmung ließ er es immer lange an der Wand. Sie goss sich Sherry ein, schälte eine Apfelsine. Weniger, weil sie großen Appetit darauf hatte, mehr wegen des Geruchs. Der Raum sollte erfüllt sein von diesem Gemisch aus Tee, Nelken, Apfelsine, Sherry und brennender Kerze. Jetzt war sie zu Hause. Die braune Hauswand mit den Kacheln scheint eine magische Anziehungskraft auf den Mann zu haben. Ganz oben ein kleines Fenster mit weißem Kreuz. Links von dem Mann steht ein blühender Baum. Die Äste ein schwarzes Gerippe. Davor große, helle, sargähnliche Steinquader für den Neubau des fehlenden Hauses. Wenn sie lange auf diesen Platz sieht, fühlt sie sich eingeschlossen. Wohin geht dieser Mensch? Was sucht er in dem weißbraunen Mosaik?
Das zweite Dia zeigte die Frau von gegenüber aus dem ersten Stock. Alt ist sie geworden. Er muss sie fotografiert haben, als sie gerade die Haustür verließ. Es ist, als würde sie in ihre Küche sehen. Ein suchender Blick. So hat er sie noch nie aufgenommen. Nur Kopf, Hals und Schultern. Fast aufdringlich der Blick in ihre Wohnung. Schön das verschwommene helle Braun im Hintergrund. Stand er direkt vor ihr? Aber das ist nicht möglich. Es muss ein neuer Fotoapparat sein, mit einem riesigen Objektiv. Bestimmt hat er gegenüber in der Toreinfahrt gestanden. Sie sieht schlecht aus. Ihr suchender Blick ist fast stechend. Jede Falte ist zu sehen. Um die Mundwinkel zwei scharfe, verhärmte Züge. Jetzt war sie gespannt auf die nächsten Bilder. Bisher hat er die Nachbarn von weitem aufgenommen. So hatte sie ihren Tagesablauf kennenlernen können. Beim Einkaufen, Fensterputzen oder wie sie Wäsche im Hof aufhängten. Manche auch bei der Arbeit oder mal, wenn sie spazieren gingen, irgendwo draußen saßen, ein Bier oder Kaffee tranken und Eis aßen. Ab und zu war auch mal ein Dia dabeigewesen, das den einen oder anderen schon sehr nah gezeigt hatte. Dann vermutete sie, dass er ihnen, den Fotoapparat vor der Brust, entgegengegangen war und heimlich auf den Auslöser gedrückt hatte. Oft war das Gesicht nicht scharf getroffen, das Bild verwackelt.
Ich kann diesen Blick von der Wand nicht mehr ertragen. Fast schon anzüglich. Warum quält er mich damit? Dieser leidende, vorwurfsvolle Blick, der in Marleen eine große Müdigkeit hervorrief. Der Laden ist voll und du liegst hier auf dem Bett und liest. Sie sortierte die leeren Flaschen in die Kästen, schrieb den Pfandbetrag auf einen Zettel, nahm leere Milchkannen entgegen und füllte sie, verrieb die weißen Spritzer auf ihrem Pullover. Abends stand die ganze Familie vor dem Marienbildchen und hielt die Maiandacht. Sonst hat er die Fotos nie so lange an der Wand gelassen. Der große Nagel in der Mauer zeichnet der Alten ein Muttermal auf den Hals. Im dunklen Glas neben dem Dia spiegelt sich seine Küche. Er hat Licht gemacht und steht am Fenster. Lange war sie ihm nicht mehr begegnet. Welchen Schreck hatte sie bekommen, als er plötzlich vor ihr stand. Ihr zitterten die Knie. Wie angewurzelt blieb sie stehen, anstatt einen Schritt zur Seite zu gehen. Wassertropfen wechselten die Haut. Mit kräftigem Schwung schoss sein Körper über den Beckenrand, mit einem Satz stand er nass und halbnackt vor ihr. Für Sekunden blickte sie ihm in die geröteten Augen und verschränkte schnell die Arme vor der Brust, um die kalten Tropfen abzuwehren. Als er seitlich ausgewichen war, verrieb sie die nassen Perlen auf ihrer Haut. Hatte er sie erkannt? War es ein Lächeln, bevor er sich mit der flachen Hand das Wasser aus dem Gesicht wischte und die Haare nach hinten strich? Sie blickte ihm nach. Er war groß, hatte breite rotbraune Schultern. Den Bauchansatz über der Badehose hatte sie nicht erwartet. Ein paar Meter weiter war er stehengeblieben und sprach mit einer älteren Frau. Der kleine Kopf passte nicht zu seinem großen Körper. Kurz vor ihm stieg sie die Treppe hinunter. Seine unbehaarte Haut hätte eher zu einer Frau gepasst. Die Füße glichen Schwimmflossen. Über diesen Vergleich musste sie schmunzeln und ließ sich ins Wasser gleiten, um wie an jedem der vergangenen Abende, ihre Bahnen zu schwimmen. In der letzten Zeit hatte sie ihn oft vom Fenster aus beobachtet. Nur dafür hatte sie sich im An- und Verkauf um die Ecke ein Fernglas gekauft, in einem braunen Futteral, genau wie das von ihrem Vater. Sonntags nach dem Kaffeetrinken gingen sie ihre Runde. Der Vater ein paar Meter vorweg. Im März beobachteten sie die Hasen auf den noch unbestellten Feldern. Die Langohren rasten wie von Sinnen hin und her. Warum, das erfuhr sie, wie vieles, erst sehr viel später.
Endlich, er machte weiter. Sie musste lachen. Der Kopf der Nachbarin verschwand ganz langsam, und währenddessen wuchs ihr ein Schnurrbart auf der Oberlippe. Das ist auch neu. Aus dem Hintergrund tritt ein Mann hervor. Der Türke vom Gemüseladen an der Ecke. Sie mag keine Schnurrbärte. Aber das ist wirklich ein besonders schönes Exemplar, verdeckt nur ein bisschen zu sehr die Oberlippe und muss beim Essen und Trinken störend sein. Voll und pechschwarz ist er mit einigen grauen Strähnen. So musste sie einer Kundin in letzter Zeit immer die Haare färben. Und wie die redet. Ein Stichwort genügt. Dann braucht sie selber nichts mehr zu sagen, hat Ruhe, ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. Nur ab und zu ein Kopfnicken und ein zustimmendes Hmm Hmm brummen. Sie kennt die Frau seit fast zwanzig Jahren. Damals kam sie jeden Donnerstag zur Dauerwelle, brachte ihr ein Mon Cherie mit und sagte mit ihrem breiten Dialekt und mit hoher Stimme, für meinen kleinen Schatz. Jetzt kommt sie immer freitags. Sie lässt sich seit Jahren nur von ihr bedienen und gestern erzählte sie, sobald sie saß, stöhnend und stolz von ihren beiden Enkelkindern, die sie donnerstags zu versorgen hat. Oft ließ Marleen sie reden und dachte an etwas anderes. Sie stellte den Kassettenrecorder etwas lauter.
Treibt aus dem Schlaf / dies träumende
Meer, / weckt aus dem Grund / seine
grollende Gier! / zeigt ihm die Beute, /
die ich ihm biete!
Komische Leute waren bei der Exkursion in die Lüneburger Heide mitgefahren. Der eine war sehr nett, sah ihrem ersten Freund ähnlich. Sie ging mit ihm spazieren und genoss seine Nähe. Den Duft der Heide, vermischt mit dem Geruch seiner Haut, atmete sie tief ein, als er am Fuße des Wilseder Berges seinen Arm um ihre Schultern legte. Ein unvergesslicher Augenblick hätte es werden können. Später bei Kerzenschein und einem Glas Sekt. Eine gute Voraussetzung, wenn Steine aus dem Weg zu räumen wären. Aber so weit kam es nicht. Schon am letzten Tag der Exkursion steckten sie ihre Ziele ab. Sprachen über eine mögliche Zukunft. Sie hatte ihm zugehört, enttäuscht und mitleidig gelächelt, als er seine Wünsche äußerte, ihm dabei fest in die Augen gesehen. Er konnte ihrem Blick nicht standhalten. Sie küsste ihn auf die Wange und sagte:
Da wirst du wohl bei deiner Mutter bleiben müssen.
Am nächsten Morgen, als sie ihn im Bus sitzen sah, wunderte sie sich über ihre Gefühle vom Tag zuvor. Wurde ihre schnelle Zuneigung zu ihm wirklich nur durch die Ähnlichkeit mit Stefan ausgelöst, ihrem Freund, mit dem sie damals in die Stadt gezogen war, nachdem sie die Hauswirtschaftsschule beendet hatte. Sie bewohnte ein kleines möbliertes Zimmer im Haus...




