E-Book, Deutsch, 381 Seiten
Docherty Die ohne Sünde leben
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-96655-140-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 381 Seiten
ISBN: 978-3-96655-140-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
David Docherty ist englischer Journalist, TV-Produzent und Autor mehrerer Bücher, die weltweit erschienen sind. Nach einer Karriere beim britischen Rundfunk, zuletzt als Deputy Director of Television der BBC, konzentrierte er sich auf das Schreiben von Sachbüchern und Thrillern, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Bei dotbooks veröffentlichte David Docherty seine Thriller »Die dunklen Herzens sind«, »Die ohne Reue sterben« und »Die ohne Sünde leben«.
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Kapitel 2
Im Standish-Forschungszentrum für Gentechnologie war es still und dunkel, als der Dieb wartete und die funkelnden Lichter im mittelalterlichen Herrenhaus im Park der Universität Eastfield beobachtete. Das verschlafene Städtchen war im vierzehnten Jahrhundert vom Schwarzen Tod nahezu ausgelöscht worden. Nur der Herrensitz zeugte noch vom einstigen Wohlstand.
Doch nun hatte das Forschungszentrum für neues Leben in der Region gesorgt. Am heutigen Abend gab der frisch ernannte Direktor, Stef Violi, ein Gala-Dinner für bedeutende europäische Geschäftsleute. Vor zwei Jahren hatte der eher einsiedlerische amerikanische Investor Johnny Standish das Forschungszentrum gegründet, angelockt durch die Zuwendungen der Regierung und das attraktive Land. Violi bemühte sich nun um weitere Investoren, um dem Forschungszentrum zu weltweiter Bedeutung zu verhelfen.
Der Dieb drückte auf die Sprengkapsel und hörte eine dumpfe Explosion, als der Subgenerator in die Luft flog. Er hatte alles so eingerichtet, dass es wie ein Unfall aussah.
Wie erwartet eilten die Sicherheitsleute des Campus zum jetzt dunklen Haus. Sie würden fünfzehn Minuten brauchen, bis der Hilfsgenerator hochgefahren war, und die Promis brauchten zusätzlichen Schutz, was dem Dieb jede Menge Zeit verschaffte.
Langsam ging er zum Standish-Genlabor, einem neuen Gebäude des Forschungszentrums, das vollständig aus schwarzem Glas in einem spinnennetzartigen Stahlgerüst bestand. Es war rund wie eine geodätische Kuppel und von allen Seiten von langen Glashäusern umgeben, in denen grundlegende Forschungen auf dem Gebiet der Gentechnologie betrieben wurden. Hier entwickelte das Standish-Genlabor einen Weizen, der gegen Ungeziefer resistent war, Bananen, die den Impfstoff gegen Kinderlähmung enthielten sowie Tomaten, die langsam reiften und den Bauern eine verlässliche Ernte während des gesamten Jahres ermöglichten.
Der Dieb schlich zum Seiteneingang, einer bescheidenen Stahltür inmitten der riesigen Fassade. Er holte einen Sicherheitsausweis aus seinem schwarzen Overall hervor, zog ihn durch den Schlitz und ging weiter. Er war jetzt Dr. Alasdair Garner, einer der Abteilungsleiter. Doch Garner war ein Dummkopf, ganz im Gegensatz zu Grace Adams. Diese Frau hatte einen überragenden Verstand. Wirklich schade. Gemeinsam hätten sie es weit bringen können, aber das lag hinter ihm. Jetzt wurde es Zeit, sich an die Arbeit zu machen.
Sam betrat den langen Korridor, auf dem sich die Gäste drängten. Die Chefin der PR-Abteilung verrenkte sich bereits den Hals, um Sam ausfindig zu machen. Die Aufforderung des Premierministers war unerwartet gekommen und hatte Sam in Zeitnot gebracht.
Hinter ihm erklang die tiefe Stimme eines Mannes aus Cornwall: »Mein Lieber, fünf Minuten später, und Sie wären zu spät gekommen.«
Sam drehte sich um und blickte seinem Chef Ian Trevor in die Augen. Der Direktor der NCS war untersetzt, hatte ein rötliches Gesicht und dichte Brauen über durchdringenden, klugen schwarzen Augen. Sein weißer Haarschopf stand in die Höhe, als stünde er unter Strom. In der Hand hielt er ein Glas mit einem großen Scotch und Wasser.
»Bin aufgehalten worden«, erklärte Sam und blickte auf die Armbanduhr. »Aber ist noch viel Zeit.«
»Wie lang dauert Ihr Vortrag?«
»Eine halbe Stunde.«
»Fassen Sie sich kurz. Je kürzer, desto besser.« Trevor wandte sich ab, und Sam hörte nur noch ein leises »Viel Glück«.
Die PR-Dame war sichtlich erleichtert, als sie Sam erspäht hatte, und schob ihn aufs Podium. Er warf einen raschen Blick auf den leeren Sitz in der ersten Reihe. Grace hatte sich verspätet. Wieder einmal.
Kurz darauf erfüllte seine sonore Stimme den Raum.
»Der Heroinhandel ist brutal. In der heutigen Zeit benutzen bestens organisierte Banden Hightech-Methoden, um Geld zu machen. Kriminelle der dritten Stufe, wie wir sie nennen, sind extrem zielbewusst und jederzeit gewaltbereit. Aber die Öffentlichkeit fühlt sich von ihren Aktivitäten nicht allzu sehr bedroht. Für diese neue Spielart der Superkriminellen ist es leicht, Beamte und Anwälte zu bestechen, sodass diese wegschauen, während Geld gewaschen wird. Wenn das Verbrechen virtuell ist – was ist dann real?«
Ganz hinten im Saal bewegte sich etwas. Grace zeigte ihm lächelnd die hoch erhobenen Daumen und nahm in der letzten Reihe Platz. Konzentriert hörte sie Sams Vortrag zu. Sein längliches Gesicht hatte sich im Laufe der Jahre zum Vorteil verändert. Sein dichtes, dunkles Haar war gescheitelt, der Haarschnitt teuer. Nur eine ungebärdige Locke hing ihm in die Stirn. Offensichtlich hatte er Sport betrieben. Mit einundvierzig sah er besser aus als vor sieben Jahren, als sie England verlassen hatte. Damals hatten eine unglückliche Ehe, zu wenig Schlaf und Fast Food ihm arg zugesetzt.
Knapp eine halbe Stunde später gelangte Sam zu seiner Schlussfolgerung. »Erfolgreiche Gruppen des Organisierten Verbrechens arbeiten über nationale Grenzen hinweg, nutzen jede noch so kleine Gesetzeslücke, kooperieren zum gegenseitigen Vorteil miteinander und verlassen sich als Schutz auf Korruption. Diese Cyber-Verbrecher aufzuspüren ist teuer und erfordert Spezialisten, die über enkryptische Technologien verfügen, ausgeklügelte Observierungsmethoden sowie Analyse der Datenbanken. Trotzdem sind die traditionellen Polizeitugenden, Geduld und Gespür, unabdingbar. Und vor allem braucht dieses Land eine für das einundzwanzigste Jahrhundert zeitgemäße Polizei mit höchstem Engagement und makelloser Integrität. Ich danke Ihnen.«
Donnernder Applaus. Journalisten drängten sich nach vorn zu Sams Podium. Seit der Verhaftung der Levellers – einer militanten Umweltaktivistengruppe, die einen riesigen Damm zerstört hatte – war Sam in den Schlagzeilen. Ein Blitzlichtgewitter tobte, als er nun aus allen Richtungen fotografiert wurde.
Im dritten Stock des Standish-Genlabors orientierte der Dieb sich mit Hilfe seines Gedächtnisses. Halsford war dort drüben, links von ihr Johnstone, Pety davor, dann Grace. Ihr Arbeitsbereich war klein, dreimal drei Meter. Er zwängte sich neben ihren Mac, suchte nach den Überwachungskameras und schob Plastikhüllen darüber. Dann setzte er sich an Grace' Computer. An der Trennwand hingen Fotos von ihr; eins zeigte sie inmitten von Kindern auf einem Hof im Norden Bangladeschs. Auf einem anderen Bild war sie mit ihrem Halbbruder Hal zu sehen. Wieder ein anderes zeigte sie zusammen mit Blues- und Soul-Musikern. Der Dieb erinnerte sich, dass dies eine ihrer Gemeinsamkeiten gewesen war – die Liebe zu afroamerikanischer Musik. Er mochte Parker, Coltrane, Art Blakey und Monk – ein Sound gegen die Sterilität des modernen Lebens – , während Grace die Musik von Muddy Waters und Marvin Gaye liebte.
Doch jetzt musste er Grace ihr Lebenswerk stehlen.
Er holte einen tragbaren Memory-Drive heraus, steckte ihn in ihren Mac und schaltete ihn ein. Wenige Minuten später hatte er ihr Kennwort geknackt, war in ihre Sicherheitscodes eingedrungen und vergrub sich in den Daten, die Grace vor allen Kollegen – mit einer Ausnahme – geheim gehalten hatte.
Plötzlich erwachte der Monitor zum Leben. Der Bildschirmschoner war ein Foto von B. B. King. Seine weißen Zähne strahlten, seine Gitarre ließ einen lauten Akkord ertönen. Blitzschnell riss der Dieb den Lautsprecher aus dem PC. Als die Musik verstummt war, sprang er auf und starrte aufgeregt in die Dunkelheit, dann auf den Monitor, wo auf Muddys Lippen eine Sprechblase erschien:
Leicht wird's nicht.
Der Mann stieß wütend die Luft aus. Witze! Sie begrüßt mich mit Witzen. Hält sie mich für so blöd? Wie viel hat sie im Zentralnetzwerk gespeichert? Nichts wirklich Wichtiges. Sie traute ihm nicht. Nein, sie verließ sich gewiss auf ein anderes Speichermedium, eine CD-Rom, die Harddisc des Computers. Die Leute halten sich für ungemein clever, wenn sie sich dieser Schutzmaßnahmen bedienen. Sie vergessen, dass es die einfachste Sache der Welt ist, eine Disc zu stehlen. Er holte einen Schraubenzieher aus seiner Tasche und zog die Rückseite des PCs zu sich heran. Nach wenigen Sekunden klingelte das Telefon neben ihm. Nach fünfmaligem Läuten schaltete sich der Anrufbeantworter ein, und er hörte eine Stimme mit deutschem Akzent sagen: »Wenn du weitermachst, wird ein Stromschlag dich töten. Ich habe das Ding so verdrahtet, dass du gegrillt wirst. Ach, übrigens – der Sicherheitsdienst ist schon auf dem Weg nach oben.«
Er erkannte die Stimme: Brigitte, Grace' Projektmanagerin. Er grinste, holte einen Unterbrecher aus der Tasche, erdete sich und machte sich an die Arbeit.
Der Draht, der sich plötzlich um seinen Hals legte, war dünn und schnitt ihm tief ins Fleisch. Er rang nach Luft. Panik überkam ihn, als er sich wehrte und sich zu befreien suchte. Er griff nach hinten und packte die Haare des Angreifers, doch sie waren zu kurz, sodass sein Kopf sich nicht nach vorn ziehen ließ. Der Meuchelmörder drückte ihm das Knie in den Rücken und drehte die Garotte noch zwei Mal, dann riss er den Kopf des gurgelnden Opfers abrupt zur Seite. Man hörte ein Knacken, als das Genick brach.
Grace deutete auf die Journalisten, die im Empfangsraum lautstark ihre Notizen verglichen.
»Ich begreife nicht, wie du mit dieser Horde zurechtkommst«, sagte sie und küsste ihn auf die Wange. Seine graugrünen Augen lächelten sie an.
»Ich sage ihnen so viel von der Wahrheit, wie ich vertreten kann, auch auf die Gefahr hin, dass ich zugeknöpft erscheine. Aber es zahlt sich nicht aus, sich zu nahe mit den Medien einzulassen. Außerdem erledige ich lieber meine Arbeit, als mich wie ein Zirkuspferd vorführen zu lassen.«
Er sog ihren Anblick...




