Döblin | Der schwarze Vorhang | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 152 Seiten

Döblin Der schwarze Vorhang

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-10-402918-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 152 Seiten

ISBN: 978-3-10-402918-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Wiederentdeckung der frühen Moderne »Gar keine Handlung; nur seelischer Entwicklungsgang«, schrieb Döblin über seinen ersten Roman ?Jagende Rosse?. Und auch in seinem zweiten Roman ?Der schwarze Vorhang?, der mit einem blutigen Lustmord endet, geht es vor allem um seelische Abgründe. Döblins psychiatrischer Blick richtet sich dabei mit Hilfe der modernsten Erzähltechniken seiner Zeit auf eine taumelnde Figur, die sich nach Liebe sehnt und doch immer nur um sich selber kreist. Mit einem Nachwort von Sascha Michel

Alfred Döblin, 1878 in Stettin geboren, arbeitete zunächst als Assistenzarzt und eröffnete 1911 in Berlin eine eigene Praxis. Döblins erster großer Roman erschien im Jahr 1915/16 bei S. Fischer. Sein größter Erfolg war der 1929 ebenfalls bei S. Fischer publizierte Roman ?Berlin Alexanderplatz?. 1933 emigrierte Döblin nach Frankreich und schließlich in die USA. Nach 1945 lebte er zunächst wieder in Deutschland, zog dann aber 1953 mit seiner Familie nach Paris. Alfred Döblin starb am 26. Juni 1957.
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Wie im ersten Träumen, wenn der Leib Kissen und Decke nicht empfindet, das Seelchen anhebt, sich sacht um einen Pfahl zu schwingen, rascher, rascher, holla, hurra husch, und die Besinnung an einem Wollfaden gebunden folgt, sich verrennt, verstrickt, taumelt, fällt, einschläft, ja einschläft, – also verstricke ich mich nunmehr in mein Gleichnis. Was bei solcher wahrhaft homerischen Breite nicht weiter verwundert. Wehmütig erinnert es mich an einen Mann, der lange Monate Ziegelsteine kaufte, so viele, schöne, blanke Ziegelsteine, daß er über dem Anhäufen, Verschuppen und Bewachen seinen Häuserbau vergaß, immer wieder nachsann über das Vergessene, schließlich einen Heringsladen eröffnete.

Es war aber ein plumper, breitschultriger Mensch mit eingesunkenem Rücken, dessen Seele sich so verwirrend schnell erregte, – ein braunhaariger, sehr junger Mensch in einem großen Zimmer. Das schien so leer und weit in dem gelblich-weißen Licht der Lampe vor Johannes’ Sitz; denn die Schatten reckten sich lang und wollten sich schier körperlich, stark und schwer von Tischen, Stühlen, Spinden abstoßen ins Leere.

Die Geräte und Gegenstände standen an den Wänden, in Zimmermitten unbewegt und in sich gezogen da und duldeten das leichte Licht und die Schatten.

»Hier genoß er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht müde«: Mit zusammengebissenen Zähnen las, würgte, kaute, schluckte er an dem Worte. Sein Grimm kletterte an dem Satze hinauf, kauzte oben auf der Stange und machte Männchen; und alles war unten geblieben und sah hinauf. Leise zogen sich seine Muskeln zusammen, um das ansteigende Weh zu zerdrücken und zu übertönen.

Es wäre eine leichte Fortführung, wenn die Spannung auch auf seine Finger überstrahlte, wenn der unglückselige junge Mann nun nach dem Buch, dem Unheilerreger, krampfte und ihn mit wiegenden Händen, – etwa, während sich die Lippen mit einem »Zucken« öffnen, – in das Zimmer und die Schatten schleuderte. Dieser Mann ist ja nur erdacht, und für erträumte Dinge gelten keine Naturgesetze, die so fremdartig putzen würden, wie eine graue Perücke den Kindskopf eines Dirnchens.

Noch ist die Seele keine Mondfinsternis und ließe sich berechnen. Wenn ich gelaunt bin, fallen alle Steine nach oben, singen alle meine kleinen Hexchen: fair is foul and foul is fair.

Aber Johannes liebte dieses Buch allzusehr, weil es einen braunmarmorierten Deckel und wunderschönes gelbes Papier hatte und über die gelbe Ebene sich ein schwarzes Buchstabenheer wälzte, bald in dicht geschlossenen Zügen, bald einzeln und in Abteilungen, frech wie Jäger ausschwärmend. Und jetzt in dem scharfen Licht trug jeder Buchstabe am Rande rasch aufhuschende Purpurfarben, als ob sich der gebannte Geist der Worte befreien und dem Schwesterlicht anvertrauen wollte.

Sondern der Krampf dehnte und zog sich ganz auf das Zwerchfell; Johannes breitete die Arme mit den losen Ärmeln über das offene Buch und fing, indem er den Kopf in das Dreieck der verschränkten Arme legte, auf die hergebrachte Art zu schluchzen an. Das war ein immer erneutes Glucksen, Schnaufen und Zusammenfahren. Die Tränen fielen auf das Buch und das Wasser floß aus den Augen, rann durch den Tränenkanal, die Nasengänge in den Rachen, daß Johannes schluckte und das Salz schmeckte. Die Spannung erschöpfte und löste sich allmählich. Er stützte bald den Kopf auf die Linke, leidend, wischte das Buch ab und schob es zurück. Eine Kühle, eine gedämpfte Bitterkeit überzog ihn, während die Erschütterungen abflossen, nachließen und ganz verklangen; ihm war, als ob er einen Angriff abgeschlagen hätte, der ihm mit Gewalt ein Unrecht antun wollte. Lange saß er so und beruhigte sich. Dann schneuzte er sich noch einmal, griff, noch immer schluchzend, nach einem Bleistift und schrieb, trotzig, in Holzhackerschrift:

»Ein König liebte – den weißen Wein. Aber es wuchs keiner in seinem Reiche, weder im Osten, wo das Gebirge fruchtbare Abhänge bot, noch im Westen, wo sein Land sich zu einer hügeligen Ebene flachte, und aus den Flüssen schädliche Dünste stiegen. Über seinem Kopfe ging immer wieder die Sonne hinweg, aber seine Hoffnung mußte erblassen wie der bleiche Liebling seines Herzens.

Die Höflinge feierten ihre Feste; die Augen aller träumten lieblich, und alle schauten sich mit Neigung in die bekränzten Gesichter; zwischen ihnen ging der stille Herrscher und gähnte, und die Sucht bohrte und schüttelte den Suchenden, als wieder das verfluchte Sonnenrot auf seinen Weg fiel und darüber wie ein Hohn hinschwebte.«

Als Johannes dies hinschrieb, fühlte er selbst etwas Höhnisches in sich auflachen; er starrte vor sich hin und verbarg das Gesicht in den Händen.

»Alle Seligkeiten liegen über meinem Reiche; ich mag sie nicht, verachte sie. Nur dies einzige, was ich begehren muß, dieses winzige, diesen – lumpigen – weißen –«

Es zerrte und stieß hinterlistig an seinen Bleistift und wollte ihn rückwärts stoßen, um einen queren, dicken Strich über das Papier zu ziehen, vergleichlich dem Wege eines Pudels, dem man die Schwanztrottel in Tinte getaucht hat, und der nun mit Geheul fortläuft. Die Hand sank zusammen und lag wie ein weißer Tierleichnam flach auf dem Tisch.

Sie schrieb nicht weiter, und war alles ganz still. Ja, er lächelte sogar mit gesenktem Kopf, der eben so grimmig geweint hatte.

* * *

Vielleicht fallen hier und da noch Worte, genug, um alle Farben aufzuhellen, welche im Weinen und Lächeln Johannes’ sich mischten.

Ich werfe Bröckchen auf den Weg und kleine Kiesel, wie es die Schwester im Märchen tat, dem das Brüderchen im Wald verloren war.

Aber die Brosamen pickten die Stieglitze und Hänflinge, und die Kiesel verwehte der wilde Wind in der Nacht. »Wo mag doch mein klein Brüderchen sein, lieber Stieglitz, lieber Hänfling, du loses Windchen?«

Ein Wurm, der an Johannes’ Seele fraß, war, daß so wenig Vogelgeschrei über seinen Weg gehallt hatte. Er beneidete manchmal heimlich einen Verbrecher und spottete nicht, wenn von der Vergangenheit einer Frau die Rede ging.

Über sein verschlossenes Gesicht legte sich dann ein Schmelz von Ehrfurcht; etwas Warmschwärmerisches quoll in ihm auf. Sein Herz schmachtete nach Taten, nach absonderlichen Taten. Schon hatte in ihm die Lust zu kostbaren Gefühlsmischungen dunkel präludierend angeschlagen, verlieh seiner Einsamkeit ein kopfhängerisches, schwermütiges Erhobensein und gab seinem Selbstbewußtsein die komischen Flügel einer Gans.

Nur daß Vater und Mutter fern von ihm in der Heimat gestorben waren, während er selbst sich krank durch sein letztes Schuljahr wälzte, war, was er von sich wußte: eine herrische, starkknochige Mutter mit kühlem Blick, ein fügsamer, gedrückter Vater, der nicht klagte, stillstilles Alräunchen, das langsam vertrocknete und einging. Und er hauste bei einer fetten, glotzäugigen, kropfhälsigen Frau aus seiner Sippe, deren Tochter verdorben und deren Sohn verschollen war; und die nun in dem engen Bezirk weniger Straßen ihr behäbiges, dickwanstiges Dasein führte mit leichter Atemnot.

Über Johannes’ Appetit, Schnupfen, zerrissene Socken und schmutzige Hemden herrschte sie junonisch und mit einer herzlichen Teilnahme, die er oft ungeduldig und seufzend abwehrte. In ihrem schwarzseidenen Kleide gedieh sie, als eine Rose von übergroßer Pracht, die sich über ein kartoffelblasses Pflänzchen beugte.

* * *

Wenn er hingesehen und sich erinnert hätte, so hätte er zugegeben, daß stumme Dinge mit vieler Seltsamkeit und Kraft über seine Wege geschlüpft waren die früheren Jahre.

Während täglich Wasser und Nahrung von Pflanzen und Tieren durch seinen Körper strömte, von denen Verwandtes in ihm verblieb, und Blut, Knochen, Schleim erneuerte, Tags und Nachts, war unbemerkt Schweres in Krankheiten und Gesundheiten durch ihn geschlichen, wie geduckte Eidechsen im Grün, und hatte Spuren hinterlassen. Wenn auch das Gebrüll der Schmerzen und Entzückungen bald verklang, so hallte ihr Stöhnen und Röcheln noch lange dumpf nach.

Da riefen sie seine Gedanken ganz heimlich an; und er lag platt auf dem Bauch über sich selbst, beschnüffelte und warf sich unruhig. In dem schweren Körper begann das Leben mit Raschheit und Heftigkeit zu arbeiten. Keine Mutter hatte Johannes zart sprechen gelehrt, keine Schwester seine Sprunggelenke im Tanz gelockert und seinen Sinn an süße, feine Nichtse gekettet. Wenn seine dumpfe Stimme sprach, starrte man auf ihn und gab ungern Antwort.

Er staunte, erriet nichts, zog sich unsicher in sich zurück, immer mehr; er trieb ins Sinnieren und Träumen hinein, bald verlernten Muskeln, Sinne und Wünsche das unbedenkliche schnelle Zucken und Antworten, schlossen sich zarten, inneren Gewalten enger an und wurden ein Spiel in ihrer Hand. Halb gelöst von allem Wirklichen sog der Selbstfrohe oft den Rauch ein, der zu ihm wie aus dem Nichts aufstieg, und jenes glückliche Lächeln schwamm um seine Lippen, das später wie ein Leidenszug in dem schlaffen Gesicht des Vereinsamten erschien.

* * *

Aber der schmale Theaterraum, in dem Seltenes vorging, die Fülle der fremden weltmännischen Gesichter, Seideflirren und flüchtiger Duft, Lächeln, Winken, Verbindlichkeit, darüber die Wucht des blitzenden Kronleuchters und warmes Licht an allen Enden: das bewegte, berauschte ihn leise.

Wenn das Tamtam erdröhnte und das Wispern in dem Halbdunkel hinsank, dann waren sie sein, diese Menschen alle, – da erwachte er; seine Mienen verzerrten sich, – die Nachbarn zur Rechten und Linken merkten nichts –, und er flüsterte ihnen seine Grüße,...


Döblin, Alfred
Alfred Döblin, 1878 in Stettin geboren, arbeitete zunächst als Assistenzarzt und eröffnete 1911 in Berlin eine eigene Praxis. Döblins erster großer Roman erschien im Jahr 1915/16 bei S. Fischer. Sein größter Erfolg war der 1929 ebenfalls bei S. Fischer publizierte Roman ›Berlin Alexanderplatz‹. 1933 emigrierte Döblin nach Frankreich und schließlich in die USA. Nach 1945 lebte er zunächst wieder in Deutschland, zog dann aber 1953 mit seiner Familie nach Paris. Alfred Döblin starb am 26. Juni 1957.

Alfred DöblinAlfred Döblin, 1878 in Stettin geboren, arbeitete zunächst als Assistenzarzt und eröffnete 1911 in Berlin eine eigene Praxis. Döblins erster großer Roman erschien im Jahr 1915/16 bei S. Fischer. Sein größter Erfolg war der 1929 ebenfalls bei S. Fischer publizierte Roman ›Berlin Alexanderplatz‹. 1933 emigrierte Döblin nach Frankreich und schließlich in die USA. Nach 1945 lebte er zunächst wieder in Deutschland, zog dann aber 1953 mit seiner Familie nach Paris. Alfred Döblin starb am 26. Juni 1957.



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