E-Book, Deutsch, 226 Seiten
Dörge / Henry / W. Cunningham DER BLECHSTERN
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7487-6106-8
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eine Anthologie der großen Western-Autoren
E-Book, Deutsch, 226 Seiten
ISBN: 978-3-7487-6106-8
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Er kam an Männern vorbei, die er kannte, und aus den Augenwinkeln heraus sah er ihre Blicke ihm langsam folgen; ruhig oder finster oder abwägend. Er wusste, wenn er vorbei war, würden ihre Blicke zu dem Mann wandern, der leise hinter ihm her ritt. So blieb das über die ganze Länge der Straße. Doanes Hand mit den Blumen darin hing jetzt betont nach unten. Die Stadt endete bei ein paar Mexikaner-Hütten, die Straße wurde zu breiten Karrenspuren, und plötzlich war überall rund um ihn her wildes Salbeigestrüpp bis hin zu den in Hitzeschleiern verschwimmenden Bergen, wie eine unendliche Herde graugrüner Schafe. Doane bog von der Straße ab und ritt über die leichte Steigung zu dem Hügel hinauf, auf dem der Friedhof lag. Heuschrecken zirpten unsichtbar in dem spärlichen braunen Gras neben dem Pfad, schwiegen, als er vorbeikam, und zirpten hinter ihm wieder weiter. Und schwiegen wieder, als der andere Reiter kam... Die Anthologie Der Blechstern enthält sechs Top-Storys legendärer Western-Autoren - Erzählungen von Gordon D. Shirreffs, Will Henry, Louis L'Amour, Luke Short und Wayne D. Overholser, sowie die titelgebende Erzählung von John W. Cunningham, nach welcher im Jahr 1952 der legendäre US-Western Zwölf Uhr mittags mit Gary Cooper und Grace Kelly in den Hauptrollen entstand (Regie: Fred Zinnemann). Der Blechstern erscheint in der Reihe APEX WESTERN.
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John M. Cunningham: DER BLECHSTERN (The Tin Star)
Sheriff Doane blickte auf seinen Deputy und dann hinunter auf die Gänseblümchen, die er für seinen wöchentlichen Besuch gepflückt hatte und die in Zeitungspapier eingewickelt auf seinem Schreibtisch lagen. »Es tut mir leid, das von dir hören zu müssen, Toby. Ich hatte gewissermaßen damit gerechnet, dass du nach mir weitermachst.« »Versteh' mich nicht falsch, Doane«, sagte Toby, durch das Fenster zur Straße blickend. »Ich fürchte mich nicht. Ich helfe dir schon durch bei diesem Tanz! Ich fürchte mich nicht vor Jordan oder dem jungen Jordan oder sonst einem von denen. Aber ich will es dir jetzt sagen. Ich werde warten, bis Jordans Zug kommt. Ich werde warten und sehen, was er tut. Ich werd' dir schon helfen, ganz gleich, was passiert. Und wenn das vorbei ist, gehe ich.« Doane fing an, seine Knöchel zu kneten, das Gesicht starr vor Schmerzen. Toby drehte sich um, sah Doane an, seine braunen Augen in seinem runden olivfarbenen Gesicht voller Unruhe. »Wozu soll das gut sein, sich an einen Job wie diesen so zu klammern? Sieh dich an. Was hat er dir eingebracht? Gerade genug, dass du nicht verhungert bist. Und wozu das alles?« Doane hörte auf, seine gichtigen Hände zu kneten, und blickte auf den Stern an seinem Hemd. Und von da blickte er auf den kleineren an Tobys Hemd. »Das stimmt«, sagte er. »Sie hängen nicht einmal die Richtigen. Da riskierst du dein Leben und fängst jemanden ein, und die verdammten Geschworenen lassen sie laufen, damit sie zurückkommen können und auf dich schießen. Du bist arm dran dein ganzes Leben lang, du musst alles zweimal machen, und am Ende bezahlen sie dich mit Blei. Aber du darfst einen Blechstern tragen. Das ist ein Job für einen Hund, Junge.« Tobys Stimme wurde nicht lauter, aber seine Augen in seinem runden, freundlichen Gesicht wurden ein bisschen größer. »Und warum bleibst du dann dabei? Ich arbeite jetzt zwei Jahre für dich - für Gesetz und Ordnung, dass die Reichen reicher werden, und wir schlagen uns durch mit dem, was das County uns zahlt. Ich habe Männer, die ich als Junge beim Murmelspielen pleite gemacht habe, diese Straße auf Vierhundertdollarsätteln auf und ab reiten sehen, und was habe ich? Nichts. Aber auch gar nichts.« Ein kleines Lächeln stand um Doanes breiten Mund. »Das stimmt, Toby. Es ist alles für umsonst. Die Kopfschmerzen, die Kugeln und alles, es ist alles umsonst. Das habe ich schon lange rausgefunden.« Der halb spöttische, halb ernste Ausdruck in seinem Gesicht verschwand. »Aber einer muss ja da sein und nach dem Rechten sehen.« Er blickte zum Fenster hinaus auf die Leute, die über die wackligen Gehsteige auf und ab gingen. »Ich hab's gern umsonst. Weißt du, was ich meine? Du kriegst nichts dafür. Du musst alles riskieren. Und du bist frei, da drin. Wie die Lerchen. Kennst du die Lerchen? Wie sie in den Himmel aufsteigen und singen, wenn sie wollen? Ein hübscher Vogel. Ein sehr hübscher Vogel. So mag ich mich fühlen, da drin.« Toby blickte ihn ausdruckslos an. »So siehst du das an. Ich sehe es nicht so. Ich habe nur ein Leben. Du redest davon, dass du das alles umsonst machst und dass es dir was gibt. Was denn? Was hast du denn jetzt davon, hier drauf zu warten, dass Jordan kommt?« »Das weiß ich noch nicht. Wir müssen warten. Dann sehen wir's.« Toby drehte sich wieder zum Fenster um. »Na schön, aber ich bin fertig. Ich sehe keinen Sinn darin, dass du deinen Hals riskierst, für nichts.« »Vielleicht siehst du das noch«, sagte Doane und fing wieder an, seine Hände zu massieren. »Hier kommt Mettrick. Ich glaube, der gibt so schnell nicht auf. Der hat immer noch diese Verzichterklärung in der Hand.« »Das glaube ich auch«, sagte Doane. »Aber ich habe ihn mir nun lange genug angehört. Ist der junge Jordan schon aus dem Saloon gekommen?« »Nein«, sagte Toby und trat beiseite, als die Tür aufging. Mettrick kam herein. »Nun hör mal, Doane«, platzte er heraus, »Zum letzten Mal...« »Halt den Mund, Percy«, sagte Doane. »Setz dich da drüben hin und halt deinen Mund oder mach, dass du rauskommst.« Der Stolz in den Augen des Bürgermeisters erlosch. »Doane«, stöhnte er, »du bist der größte...« »Halt den Mund«, sagte Doane. »Toby, ist er schon rausgekommen?« Toby trat ein bisschen zurück vom Fenster, dahin, wo das schräg einfallende Sonnenlicht, in dem der Staub tanzte, nicht auf sein weißes Hemd treffen konnte. »Ja. Er hat sich einen Stuhl geholt. Er blickt hier rüber, Doane. Er trinkt immer noch. Ich kann die Flasche neben ihm auf der Veranda sehen.« »Das habe ich mir gedacht. Aber das macht nichts.« Mettrick auf dem geraden Stuhl an der Wand blickte auf zu ihm; seine schwarzen Augen in seinem schmalen, verzweifelten Gesicht zeigten bitteren Spott. »Das macht dir nichts? Wer, glaubst du denn, wer du bist, Doane? Gott? Das heißt doch nur, dass er den Knatsch gleich anfängt und nicht erst auf seinen lausigen Bruder wartet, mehr heißt das nicht.« Seine Hand zitterte, und das weiße Blatt Papier, das er in seinen Fingern hielt, flatterte leicht. Er blickte ärgerlich drauf und streckte es Doane hin. »Ich habe dir deine Chance gegeben. Ich habe alles getan, was ich konnte. Was auch passiert, mir kannst du keinen Vorwurf machen, Doane. Ich habe dir die Gelegenheit geboten, dein Amt niederzulegen, und wenn...« Er hörte auf und saß da und blickte auf das Blatt Papier in seiner Hand, als wäre es ein totes Hündchen, das einer mit seiner Kutsche überfahren hatte. Doane, mit seinen rechteckigen, fast wie Meißelspitzen geformten Fingern an seinen Blumen herumhantierend, drehte sich langsam um, mit einer so vorsichtigen Bewegung, wie er sie in der Nähe eines verrückten Pferdes gemacht hätte. »Ich weiß, dass du mein Freund bist, Percy. Nimm es nicht so schwer, Percy. Wenn ich nicht auf mein Amt verzichte, so nicht deshalb, weil ich undankbar wäre.« »Hier kommt Staley mit den letzten Nachrichten«, sagte Toby vom Fenster her. »Der sieht aus, als hätte ihm gerade einer seine Oma erschossen.« Percy Mettrick legte sein Schreiben auf den Tisch und strich es wehmütig glatt. »Es ist ja nicht so, dass es unehrenhaft wäre, Doane. Du hättest schon vor zwei Jahren aufgeben sollen, als es schlimmer wurde mit deinen Händen. Es ist nicht unehrenhaft jetzt. Du hast immer noch Zeit.« Er blickte zur Wanduhr. »Es ist ja erst elf. Du hast noch eine Stunde Zeit, bis er kommt, du kannst dein Pferd nehmen...« Als er so für sich selbst sprach und Doane ihn von der Seite her mit seinem leisen Lächeln ansah, wurde er zuversichtlicher. »Hier.« Er hielt Doane eine Feder hin. »Unterschreib das und mach dich fort aus der Stadt.« Das Lächeln auf Doanes Lippen erstarb. »Dies ist ein durch eine Wahl erworbenes Amt. Ich brauche von dir keine Befehle anzunehmen, auch wenn du Bürgermeister bist.« Sein Gesicht wurde milder. »Es ist einfacher, als du denkst, Percy. Als sie Jordan nicht gehängt haben, da wusste ich, dass dieser Tag kommen würde. Vor fünf Jahren habe ich es schon gewusst, dass er kommen würde, als sie ihm dieses alberne Urteil gaben. Seitdem habe ich auf diesen Tag gewartet.« »Aber doch nicht, um Selbstmord zu begehen«, sagte Mettrick mit leiser Stimme, und sein Blick glitt zu Doanes gichtigen Händen hin. Doanes knotige, verformte Finger schlossen sich langsam zur Faust, als wolle er sie vor Mettrick verbergen. Leichte Röte überzog sein Gesicht. »Vielleicht bin ich langsam, aber schießen kann ich noch.« Der Bürgermeister stand auf und ging langsam zur Tür. »Adieu, Doane.« »Ich sage nicht adieu, Percy. Noch nicht.« »Adieu«, wiederholte Mettrick und ging hinaus. Toby wandte sich vom Fenster ab. Seine Lippen waren schmal. »Du hättest dein Amt niederlegen sollen, wie er es gesagt hat, Doane. Du bist kein ebenbürtiger Gegner für einen von ihnen allein und noch weniger für beide miteinander. Und wenn Pierce und Frank Colby auch noch kommen, wie das früher immer so war...« »Hör auf, hör auf«, sagte Doane. »Um Gottes willen, hör auf.« Er setzte sich plötzlich wieder hinter seinen Schreibtisch und legte beide Hände vors Gesicht. »Manchmal ändert sich einer im Knast.« Er saß starr da, atmete kaum. »Was wirst du machen, Doane?« »Nichts. Ich kann nichts machen, bis sie was anfangen. Gar nichts kann ich machen... Manchmal ändert sich einer im Knast, wirklich. Ich denke da...« »Hör zu, Doane«, sagte Toby, und zum ersten Mal klang seine Stimme drängend. »Das mag manchmal so sein, aber nicht bei Jordan. Die haben sich das schon alles zurechtgelegt, wie sie das machen wollen. Oder was meinst du, wozu der junge Jordan da drüben sitzt und aufpasst? Dreihundert Meilen weit ist er deswegen geritten.« »Ich habe Männer ins Zuchthaus gehen sehen, hart wie Granit, und dann sind sie ruhig und friedfertig wiedergekommen. Vielleicht hat Jordan...« Tobys Gesicht bewölkte sich wieder. Er drehte sich unlustig wieder zum Fenster um. Doane ließ seine Hände nach unten sinken. »Du glaubst nicht, dass es wahr ist, Toby?« Toby seufzte. »Du weißt, dass es nicht so ist, Doane. Er hat geschworen, dass er dich kriegt. Das ist die Wahrheit.« Doane hob seine Hände wieder vor sein Gesicht, aber diesmal sah er sie an. Der Blick aus seinen großen, grauen Augen glitt rasch von der einen Hand zur anderen, fast als hätte er Angst vor ihnen. Er bog seine Finger langsam zu Fäusten zusammen und bog sie wieder auf, bog sie mit aller Kraft auf,...




