E-Book, Deutsch, 247 Seiten
Dohm Christa Ruland (Kommentiert)
2. Auflage 2014
ISBN: 978-80-268-1738-3
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erweiterte Ausgabe. Ein feministischer Gesellschaftsroman über Frauenbildung, Selbstbehauptung und bürgerliche Zwänge um 1900
E-Book, Deutsch, 247 Seiten
ISBN: 978-80-268-1738-3
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Christa Ruland' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Hedwig Dohm (1831-1919) war eine deutsche Schriftstellerin und Frauenrechtlerin. Sie war eine der ersten feministischen Theoretikerinnen, die geschlechtsspezifische Verhaltensweisen auf die kulturelle Prägung zurückführte statt auf biologische Determination. Die Roman Christa Ruland ist eine Grundlage des Feminismus: es forderte die gleiche Bildung und Ausbildung für Mädchen wie für Jungen. Aus dem Buch: 'Frau Thalheim war in ihrer äußeren Erscheinung so ultramodern wie die Hausfrau, nur ihre Haltung war steifer. Sie vertrat einen Typus, der zwar noch existiert, aber schon im Aussterben begriffen ist: Die Naturtoilettendame. Sie ging ohne Rest in ihren Kleidern auf. Wie man von einem Reisenden erzählt, der die ganze Erde nur auf Schlachtfelder absuchte, so spürte sie in allem, was sie sah, Toilettenmotiven nach. Im Zoologischen Garten lernte sie an den Papageien Farbeneffekte. Theater, Gemäldegallerien waren für sie nur Ausstellungen von Kleiderfaçons. Der Anblick einer Schneelandschaft im Abendsonnenschein reifte in ihr den Plan zu einem schneeweißen Kostüm mit rötlich goldenem Besatz.'
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CHRISTA AN ANNE MARIE.
»Liebe, liebe Anne Marie, bitte, bitte, nicht böse sein, daß ich Dir nicht aus den Flitterwochen heraus (dummes, leichtfertiges Wort) ausführlich, wie Du mich batest, geschrieben habe. Ich wußte ja, was Du lesen wolltest: »Adrian macht mich unaussprechlich glücklich.« Gewiß, ich liebe ihn. Warum hätte ich ihn sonst geheiratet? obwohl man mitunter heiratet, weil man keinen Mut hat, nicht zu heiraten, oder weil es sich eben so macht. Und Du, hinterlistiges Schwesterchen, hast Dein Händchen ja hübsch dabei im Spiel gehabt.
Wie beschreibe ich Dir nur mein Glück? Es ist wohl unbeschreiblich, nicht weil es so groß ist, aber – es ist so vieles Komplizierte dabei. Du weißt ja, ich finde Adrian schön. Sein weiches, dunkelblondes Haar, seine zarten Mädchenlippen, seine schlanke Jünglingsgestalt. Und vor allem seine romantischen Augen, die blaublumenhaften, die wie aus der Ferne blicken.
Auf der Hochzeitsreise hatte ich ein so eigentümliches Gefühl, als wäre, was ich da erlebte, nur eine erdichtete Geschichte, die mich in – ja – in großer, herzbeklemmender Spannung erhielt, und wenn ich wieder nach Hause käme, würde das eigentliche Leben seinen Fortgang nehmen, und alles würde natürlicher und gemütlicher verlaufen.
Er war während der Reise von zartester Aufmerksamkeit, vielleicht etwas zu kavaliermäßig. Er ersparte mir auch die kleinste Anstrengung. Ich hatte aber ab und zu das Bedürfnis mich anzustrengen. Verweichlichung macht nervös.
Und als ich nun wieder daheim war – so ganz daheim war ich doch nicht. Mama hatte die Einrichtung durchaus im Rulandstil besorgt, nur weniger kostspielig, keine Gobelins und Kunstwerke, aber sehr hübsch alles, persische Teppiche, Blumen, allerliebste Sächelchen. Im Ganzen eine poetisch zugestutzte, harmonische Wohlhabenheit. Der Vater hatte als spezielles Hochzeitsgeschenk ein Harmonium geliefert, um, wie er sagte, nach etwaigen Zankduetts ein purifizierendes Seelensolo anzustimmen. Ein Harmonium hatte ich mir vor Jahren einmal gewünscht, den Wunsch seitdem aber vergessen. Die Wohnung sieht sehr nach etwas aus. Ob nach mir? Am besten gefällt mir Adrians Zimmer. Er hat seine Junggesellen-Möbel behalten, altmodisch und kunstreich geschnitztes rötliches Mahagoni. Schön passen dazu ein paar feine Kupferstiche und alte Porträts mit dem Parfüm von Ahnensälen. Distinguierte Einfachheit.
Denke Dir, ich kann mich immer noch nicht entschließen, meine eleganten Ausstattungskleider zu tragen. Alle meine alten Sachen habe ich mitgenommen, und die trage ich am liebsten; ich komme mir dann weniger verheiratet vor, noch nicht so für alle Zeit an einen bestimmten Ort eingepflanzt, und als könnte ich noch frei durch den Garten des Lebens streifen. Unsinn! Als ob ich bei Mama frei gewesen wäre! Und doch hat die vage Vorstellung von einer großen, neuen Freiheit zu meiner Ehebereitwilligkeit beigetragen.
So – nun hast Du wohl schon zwischen den Zeilen gelesen, daß ich mich noch ein wenig fremd mit Adrian fühle, so ein bischen wie verzaubert in eine Gegend, wo man Weg und Steg noch nicht kennt. Aber sie wird schon kommen, die Vertrautheit, die anheimelnde Herzlichkeit. Vielleicht sind es gerade die flacheren, die konventionellen Menschen, die sich leicht in eine so neue, vertrauteste Vertrautheit finden. Am Tag vor der Hochzeit noch eine große Distance zwischen uns, eine Vorsicht in Wort und Gebärde, eine Scheu vor liebkosender Berührung. Und nun plötzlich – – dieses engste Beieinandersein, Tag und Nacht. Es fehlen da Uebergänge. Zuweilen läßt mich die Vorstellung, daß er mich im Schlafe sieht, nicht einschlafen. Ich weiß nicht, wie ich im Schlaf aussehe, vielleicht unangenehm. Es ist, als gehörte mir mein Schlaf nicht mehr. Du weißt, ich schlief sonst nicht gern im Dunkeln. Jetzt muß es ganz, ganz dunkel sein.
Alles, was ich da schreibe, ist geschraubt, ich weiß es. Das kommt, weil es ein Flitterwochenbrief sein soll. Wenn unsere Wahrhaftigkeit in die Tinte gerät, so kommt sie etwas verdunkelt wieder heraus. Ich suche aus der Tinte zu retten, was zu retten ist. Ja, ja, ich liebe ihn, meine Gefühle aber haben so etwas Glimmendes, Anfachungsbedürftiges. Kein Zugwind. Die Luft ist lau.
O, Anne Marie! Anne Marie! es ist oft eine so zornige Scham in mir – ich kann es nicht sagen – Du mußt es erraten. Und ich trage es ihm nach, daß ich mich schäme.
Siehst Du, meine liebe, liebe Schwester, an jenem Verlobungsabend, als der Mond so wunderbar erschien – ich stand auf der Veranda – und er mir sein schönes Gesicht zuwandte, da überkam mich ein rasendes Verlangen, mich an seine Brust zu werfen, mich ihm ganz und gar zu vermählen. Aber das zwingend Natürliche geht ja immer nicht, es geht nicht. Und er kam ja auch nicht, er kam nicht. Aber warte nur, warte, es wird alles schon werden, denn eine große und ehrliche Lust ihn zu lieben, hat
Deine Christel.«
Und zwei Monate später schrieb sie:
»Anne Marie! Anne Marie! sie sind vorbei, die Flitterwochen. Gott sei Dank! schon drei Monate verheiratet! Nun brauche ich kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen, um so weniger, da Du mich doch so dringend ersuchst, aus meinem Herzen keine Mördergrube zu machen. Also heraus! all ihr antiadrianischen Gefühle. Erschrick nicht! ich liebe ihn. Ich fasse meine Klagen gegen ihn in einen Satz zusammen: Er ist zu fein für mich, zu fein. Es ist da etwas in seiner Art und Weise – ich kann es nicht genau definieren, das – ja, es schüchtert mich ein. Etwa seine angeborene Vornehmheit, der gegenüber ich mir so rasselos vorkomme? Wir können es nicht leugnen, Anne Marie, unsere Eltern sind doch eigentlich Parvenüs. Mama hat die guten, anmutigen Formen erst erlernt. Sie fühlt sie als Besitz und ist stolz darauf. Und der liebe Vater – zu einem Reserveleutnant reicht's bei ihm nicht.
Ich bleibe immer in einer gewissen Distance von Adrian, was bei manchen häuslichen Angelegenheiten unbequem ist. Zuweilen komme ich mit dem Wirtschaftsgeld nicht aus und bringe es doch nicht über die Lippen, mehr zu fordern. Und ich kann ihm doch nicht statt Seezunge oder Steinbut einen Schellfisch vorsetzen. Er würde es gleich merken und mit einer berückenden Liebenswürdigkeit sagen: »Ah – Schellfisch!«
Ach Anne Marie, so lange das Geld eine so große Rolle in der Welt spielt, gerät man mit seiner Adelsmenschlichkeit in unangenehme Klemmen.
Bringt die Köchin – es geschieht selten – etwas Mißratenes auf den Tisch, so sieht er mich an, gleichgültig, vielleicht eine ganz kleine Nüance zu gleichgültig, und – ich verkrieche mich förmlich vor seinem Blick. Ich bin so leicht verzagt. Unser Epikuräer hätte gesagt: »Aber Christelchen, Christelchen, was für ein Fraß.« Und ich hätte ihm schnell einen hübschen, braunen Eierkuchen backen lassen, den er so gern mit Citronensaft ißt. Der Adrian, der ist überhaupt zu vornehm für Eierkuchen.
Neulich holte mich Maria Hill zu einer Volksversammlung ab. Als ich nach Hause kam, wußte ich gleich, was das Zittern seiner Nasenflügel bedeutete, und warum er – unmerklich zwar – von mir abrückte.
Ich komme von der Vorstellung nicht los, daß er mich mit seiner gelassenen Vornehmheit angreift, und ich müßte mich dagegen zur Wehr setzen. Und er thut doch eigentlich garnichts. Nur können seine stummen Lippen so beredt sein, wenn sie ein klein wenig zu geschlossen sind oder leise zucken. Mißbilligt er etwas, so ist es eine kaum wahrnehmbare Nüance in der Stimme, vielleicht ein zu leiser, oder ein zu nachlässiger Ton – und ich bin gekränkt.
Ich habe den Eindruck, daß er mir weit überlegen ist, und er sagt doch nichts, was meine Bescheidenheit rechtfertigt. Sein Wille beherrscht mich, ein stiller, zäher, passiver Wille, der mir immer, auch wenn er kein Wort sagt, fühlbar ist, wie die Prinzessin unter 12 Unterbetten die Erbse fühlte.
Wenn er ausgeht und mit dem Cylinder in der Hand in mein Zimmer tritt, habe ich im ersten Augenblick immer den Eindruck: da kommt jemand, Dich zu besuchen. Und oft wenn ich an ihn denke, hat er in meiner Vorstellung den chapeau claque unter dem Arm.
Er ist kein Errater von Stimmungen. Wenn meine Sinne wie in Harmoniumtönen vibrieren, intoniert er ein Scherzo, das zu leicht, oder eine Bachsche Fuge, die zu schwer für mich ist. Er kommt nicht darauf, daß in mir etwas vorgehen könnte, was in mir nicht vorgehen sollte. Sage ich etwas, was er in keiner seiner Denkrubriken unterbringen kann, so lächelt er fein und schickt mich auf den Mars.
Anne Marie, wenn ich die Hand auf's Herz lege, – nein, ich bin bis jetzt »im Garten der Ehe nicht hinaufgewachsen«. Im Gegenteil, ich erwerbe sogar einige schlechte Eigenschaften, die ich früher nicht hatte. Ich werde trotzig, rachsüchtig, hinterlistig, boshaft. Ich thue aus Trotz und Bosheit manches als Reaktion gegen seine ostentative Noblesse. Und hinterher thut mir dann meine Ordinärheit so leid. So recht mit Absicht brauche ich zuweilen ein vulgäres Wort wie: Fatzke, Mumpitz, Puschel (hörst Du Vaterchen reden?). Neulich fehlte nicht viel, und ich hätte »Schweinerei« gesagt, brachte es aber dann doch nicht fertig.
Der Vater hat uns ja an drastische Ausdrucksweise und Kraftworte gewöhnt. Adrians subtile Art, sich auszudrücken, gefällt mir eigentlich, aber manchmal auch nicht. Als der Vater neulich kam – der böse Epikuräer kommt so selten – da hörte ich gern, was früher meinen zarten Ohren mißfiel.
Er traf Julia bei mir, und als sie fort war, ließ er wieder seinem Haß gegen Schriftstellerinnen freien Lauf.
Er mißbilligt meine Intimität mit ihr, nur weil sie Schriftstellerin ist. (Habe ich Dir denn schon...




