E-Book, Deutsch, 267 Seiten
Dohm Sibilla Dalmar
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1067-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 267 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1067-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die junge Sibilla ist ein aufgewecktes Mädchen. Nach ihrer Hochzeit mit einem Bankier zieht sie von Berlin nach München. Intellektuell wie sie ist bekommt sie immer mehr Problem, sich in der spießbürgerlichen Schickeria zurechtzufinden ....
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Ich versprach's.
Die liebe, liebe Jolante! Du viel, viel liebere Mutter! Müßte ich nicht wie die Perle im Golde zwischen Euch beiden sitzen? Perlen sollen ja eine Krankheit der Muschel sein. Ja, Mutti, ein Krankheitsprodukt in der großen Muschel Welt – das bin ich.
Jetzt muß ich zur Schneiderin. Nachher Fortsetzung.
Also: Abends hatten wir zur Feier des Tages eine kleinere Gesellschaft geladen. Timäa und Traute mit ihren Gatten, Professor Hennings und Professor Krusen, Jolante. Ferlani und Raphael selbstverständlich, außerdem noch ein paar Maler.
Gegen 7 Uhr kamen uneingeladen Borns zur Gratulation, die wir gleich zum Abendessen dabehielten.
Professor Hennings ist eine wissenschaftliche Größe, mit dem Aussehen eines Waldmenschen, dem Cylinder eines Possenreißers und den Manieren eines von der Kultur noch unbeleckten Wilden. Seinen Thee pflegt er in die Untertasse zu gießen und dann hörbar auszuschlürfen. Eigentlich ist er sehr interessant, aber nur zu genießen, wenn man allein mit ihm ist, und dann bringt er einen um.
Die Feier fing recht lebhaft, wenn auch nicht gerade geburtstagsmäßig an. Daran war das Bild, das Benno mir geschenkt hatte, schuld, und auf das sich von vornherein die Aufmerksamkeit konzentrierte. Ein reizendes Bild. Der Maler – einer der jüngsten von den Modernsten. Rosenrote Wolken, himmelblauer Himmel. Frische Schöpfungsfreudigkeit, ein Paradieseshauch darüber. Zwei nackte Menschen in der Landschaft, keusch und frisch wie der junge Morgen, so unschuldsvoll, so selbstverständlich nackt, daß daneben bekleidete Gestalten einem unnatürlich, widersinnig vorkamen.
In dem Kunstgespräch, das sich daran entwickelte, platzten gleich die Geister aufeinander. Man haranguierte Benno, wie er ein solches Bild habe kaufen können.
»Aber ich bin doch Kunstmäcen,« verteidigte er sich ganz naiv, »und da dachte ich, ich müßte der neuen Richtung ein bißchen unter die Arme greifen.«
Man fand das Bild unmöglich, lächerlich, und hageldicht fielen die Stich- und Schlagworte von dem Mangel an Idealität, vom Kultus des Häßlichen, dem Verrat an Wahrheit, Schönheit u. s. w. Und die Rufe: Hie Uhde, hie Liebermann! Hie Rubens und Titian! schwirrten leidenschaftlich durcheinander.
Auf meiner Seite stand nur Gregori und natürlich Raphael.
Professor Hennings meinte, es gäbe heutzutage wohl noch Maler und Bildhauer, aber keine Kunst mehr. Höchstens wolle er drei Künstler gelten lassen: Thoma, Böcklin und Hildebrandt. Und die moderne Landschaft – vulgäres Handwerk. Kunst – nur die Landschaft auf den alten italienischen Bidern von Perugini und seinen Zeitgenossen.
Das fand Riedling denn doch sehr einseitig, wenn auch die Bestrebungen der Genannten immer noch besser seien als die moderne Leidenschaft, alte armselige Weiber zu malen, mit oder ohne Eimer, mit oder ohne Besen, mit welchen Requisiten sie über dreckige Dielen, über Felder oder am Meeresstrande einherzuschlurren für ihre Aufgaben hielten.
Jolante, die eigentlich von Kunst nichts versteht, spitzte die Ohren. Sie kann es nicht mit anhören, daß man irgend welche Armen und Elenden, wenn sie auch nur auf Bildern vorkommen, verunglimpft, und sofort warf sie sich zum Ritter der Armeleutemaler auf.
Ob der Herr Professor nicht bemerkt hätte, daß ein Zug durch die Welt gehe, alles, was man bisher mißachtet, ans Licht zu bringen, ein Zug ungeheuren, sozialen Mitleids! Sie halte das Herz für die Quelle aller echten Kunst, und darum, wenn diese armen alten Weiber nicht etwa nur angelerntes oder nachgeahmtes wären, sondern ihnen direkt aus den Herzen flössen (Jolantes Worte), so wären die Armeleutemaler sicher echte, recht Künstler.
Man lächelte und ihre Apostrophe wäre ohne Antwort geblieben, wenn nicht Isoldchen mit ihrer Flötenstimme Partei gegen sie genommen hätte.
Wie die Baronesse nur Mitleid und Kunst vermengen könne! Schmutz bleibe Schmutz und Kunst – Kunst! Es passierten jetzt aber wirklich unglaubliche Dinge in der Kunstwelt. In Wien z. B. (sie hätten sich dort auf der Rückreise im Herbst einige Tage aufgehalten) da stände auf einem der vornehmsten Plätze ein Denkmal von einem sogenannten berühmten Bildhauer. Am Sockel des Denkmals zwei weibliche Figuren, die Poesie und Philosophie darstellend. Und sie wisse es ganz authentisch, zur Philosophie habe ihm ein dem Trunke ergebenes Proletarierweib, und zur Poesie eine Kellnerin gesessen. Unfaßlich, wie man einem so sittenlosen Schlingel, wie dieser Apologet betrunkener Proletarierweiber, und der gewiß auch nicht immer nüchternen Kellnerin es notorisch sei, die Ausführung eines patriotischen Denkmals habe übertragen können. Da wäre doch in Wien der Bildhauer X. (ich habe den Namen vergessen), dessen Moralität über allem Zweifel erhaben sei –
»Ja, über allem Zweifel,« unterbrach sie Gregori trocken, »ebenso wie seine Talentlosigkeit. Der sittenlose Schlingel aber ist ein Genie.«
»Ach, Sie Spaßvogel,« zirpte Isoldchen und wandte sich dann an Timäa. »Nicht wahr, Frau von Gregori, Sie sind meiner Meinung?«
»Ach was,« wehrte Timäa ab, »ich bin in der Kunst für Feuerzauber!« (Zwischenrufe: »Aha, Wagner.«) Sie hatte sich in den Fauteuil zurückgelehnt, und aus ihren halbgeschlossenen Augen fuhr ein schwefelfeuriger Blitz, der auf Riedling gemünzt war und auch einzuschlagen schien. Die gemalte Serpentindame, das wäre ihr Fall, durchseeltes Anilin. Sie sprach entzückt von einem Bild auf der letzten Ausstellung: »Der Maskenball«. Wie da aus Pantalons, Lampions und allerhand Fratzen brechende Feuerflammen, durch elektrisch geladene, glühende Lüfte gerast seien! Und die Bilder der Schotten, die wie brennende Kaleidoskope wirkten.
Jawohl – die Apotheose der Kleckse! schrie man durcheinander. Solche Bilder sollte man zum Reinigen zu Spindler schicken.
Riedling rief, er hätte augenblicklich ein prächtiges Modell für diese Kleckser und ihre grünlich - blaue Schule. Sein Diener sei die Treppe heruntergefallen u. s. w.
Traute drohte ihrem Mann: »Aber Georg!«
– »Die Schotten gehen Dich ja nichts an, liebes Kind,« beschwichtigte er, »ich lasse Dir ja Deinen Gabriel Max.«
Ja, das sei ihr Mann. Sie liebe in der Malerei das Verklingen, Verträumen, Verbluten, zartgebrochene Töne wie aus einem verzauberten Harmonium, oder mystische Schatten, hinter denen ein Neuland der Seele locke.
Sie wandte sich zu Gregori: »Sie, Gregori, nähern sich ja dem Geisterreich, indem Sie wenigstens das Irdische fast unsichtbar machen.«
Der arme Gregori ist in Traute verliebt.
»Möchten Sie mir nur ein einziges Mal sitzen,« bat er, »und ich würde das Überirdische schon sichtbar machen.«
Sie schüttelte den Kopf, sie möchte noch nicht ins Schattenreich. Die Worte thaten ihr aber gleich leid, als sie sah, daß er zusammenzuckte, und sie versprach ihm eine Sitzung, aber erst im Sommer, wenn er nach Berchtesgaden käme. In der Nähe ihrer Villa sei ein See, am Rand des Sees wolle sie für ihn, ganz Ophelia, in irrer Schwermut malerische Kränze flechten.
Eva Broddin saß immer irgendwo in einer reizenden Pose, und flüsterte mit irgend jemand zusammen.
Von den jüngsten Malerschulen zu den jüngsten litterarischen Richtungen war nur ein Schritt. Ewald de Born that ihn, indem er verkündete, daß er auch schwarz in die Zukunft der Dichtkunst sähe. Der moderne, widrige Geschmack vergifte den reinen castalischen Quell aller wahren Poesie, und was das ärgste wäre, diese Giftdünste lähmten allmählich auch die Flügel des Genies.
»Doch nur,« warf Gregori ein, »wenn die Flügel von Wachs und ihr Besitzer Ikarus ist.«
»Ob etwa ihr Ewald Flügel von Wachs habe?« fuhr Isoldchen auf.
Gregori, der den Einwurf überhörte oder überhören wollte, bestand darauf, daß Sterne nicht erlöschen, nur kleine Lichter blase ein frischer Windzug aus.
Wo wäre denn das große Werk der bildenden oder der poetischen Kunst, das die moderne Richtung unterdrückt, die moderne Kritik totgeschwiegen hätte?
Ein »Oho, oho!« antwortete...




