E-Book, Deutsch, 108 Seiten
Dohmen PSNV
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-4780-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ausbildungsbuch für Feuerwehren
E-Book, Deutsch, 108 Seiten
ISBN: 978-3-7578-4780-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Dohmen ist Hauptbrandmeister bei der Feuerwehr Gangelt. Er leitet die PSNV-Sondereinheit der Feuerwehren im Kreis Heinsberg und ist Mitglied der Notfallseelsorge. Hauptberuflich ist er Schulleiter der Janusz-Korczak-Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Emotionale und soziale Entwicklung.
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4. Emotionen
Bevor ich im späteren Verlauf Stress und Stresserkrankungen erkläre, halte ich es für sinnvoll, zunächst einmal Emotionen im Allgemeinen zu erklären.
Ich nutze hierfür einen Ansatz, den ich bei George Pennington gefunden habe.
Emotionen bedeutet, dass wir unsere Gefühle ausdrücken können. Dieses „ausdrücken können“ heißt nicht, dass wir dafür immer Worte nutzen. Sondern, dass Emotionen auch mimisch, gestisch, körperlich und verbal Ausdruck finden.
Wichtig ist, dass wir zwischen Gefühlen wechseln können und nicht in einem Gefühl oder einem Ausdruck verharren.
Wenn wir uns mit unseren Gefühlen beschäftigen, ist es wichtig, zu wissen, dass unsere Gehirnstrukturen 10.000 Jahre alt sind.
Nehmen wir einmal an, dass der Mensch ein Gefühl des absoluten Glücklich-Seins anstrebt. Diese 100 Prozent Glück erreichen wir in der Regel nicht lange. Wir verwenden aber in der Regel nicht viel Energie, um z.B. von 95 Prozent auf 100 Prozent Glück zu kommen. Vielmehr stellt sich ein Gefühl der Zufriedenheit ein. In einem gewissen Maße tolerieren wir also ohne weiteren Antrieb zur Veränderung eine Zufriedenheit, auch wenn dieser Zustand nicht perfekt ist. Doch was passiert, wenn wir gestresst werden? Wenn etwas unser Glücklich-Sein stört oder wenn ein Schmerzreiz auftritt?
Gehen wir auf eine kleine Zeitreise:
Nehmen wir an: Unser Steinzeitvorfahre, nennen wir ihn Huga, trat in einen Dorn, der seinen Fuß durchbohrte. Was mag Huga getan haben? Was würden wir tun?
Eventuell würden wir schreien und nehmen wir deshalb einfach einmal an, Huga schrie auch. Seine ganze Gruppe konnte auf ihn aufmerksam werden. Sie konnten ihm zur Hilfe kommen, ihm den Dorn ziehen, ihm beim Laufen stützen und ihn ggf. in den nächsten Tagen pflegen und ihm helfen.
Sein Schmerzschrei löste eine soziale Reaktion in der Gruppe aus. Es war nicht mehr nur sein Empfinden. Dadurch, dass er seinem Gefühl Ausdruck gegeben hatte, konnte er durch die Unterstützung der Gruppe schneller wieder gesund und glücklich werden.
Ist das heute auch noch so? Als Student fuhr ich mit einem Einkaufswagen meinem Freund im Supermarkt in die Fußhacke. Er schrie wie am Spieß. Die Geschäftsleitung reagierte daraufhin wütend und schrie ihn an, er solle sich zusammenreißen und nicht so einen Lärm machen.
Oder was ist mit dem Erwachsenen, der einem Kind sagt: „Weine nicht, Indianer weinen auch nicht.“ Warum weinen in unserem Kulturkreis so wenige Menschen auf Beerdigungen?
Ist es aus der Mode gekommen, Gefühle zu zeigen?
Sicherlich macht es Sinn, mitunter keine Gefühle offen zum Ausdruck zu bringen und sich hinter einer Fassade zu verstecken.
Hätte unser Vorfahre Huga immer in Schmerzsituationen geschrien, so wären sicherlich Raubtiere auf ihn eher aufmerksam geworden, die seine Not z.B. nicht weglaufen zu können, genutzt hätten.
Also die Unfähigkeit einen Alternativplan zu entwickeln, hätte dazu geführt, dass Huga evolutionär ausgestorben wäre, bevor er unser Vorfahre werden konnte.
Also konnte Huga sich sicherlich auch zusammenreißen und die Zähne zusammenbeißen.
Jedoch konnte er somit nicht mehr auf die volle Hilfe seiner Gruppe zählen, um auf dem schnellen Weg gesund und damit glücklich zu werden. Es war ein Notfallplan, der sinnvoll war, wenn von der direkten instinktiven Reaktion des sofortigen Ausdrucks eines Schmerzreizes abgewichen werden musste, um das eigentliche Überleben zu sichern. Außerdem konnte dieses Verhalten bei der Partnerwahl Vorteile haben. Ein Huga mit einer sichtbaren Verletzung, die er sich aber nicht anmerken ließ, wirkte besonders stark.
Wenn wir unsere Erstgefühle nicht zum Ausdruck bringen, wechseln wir zu neuen Gefühlen, den Sekundärgefühlen. Diese haben in der Regel den Charakter von Wut und Zorn.
Wenn Huga von einem Tiger angegriffen wurde, machte ein Weinen und Schreien weniger Sinn, als Wut und Zorn, ggf. mit einer absoluten Tötungsabsicht, um das eigene Überleben zu sichern, was nichts anderes bedeutet, als alles zu unternehmen, um wieder glücklich zu werden.
Wut und Zorn lassen uns oft richtig handeln, wenn Weinen und Schreien als Ausdruck des Erstgefühls lebensgefährlich sein kann.
Liegen wir unter einer umgestürzten Betonplatte, außerhalb des Bereichs, wo wir Hilfe erfahren können, können wir nur darauf hoffen, genug Kraft und Aggression zu entwickeln, um uns selbst zu befreien. Oder stellen wir uns Feuerwehrleute vor, die vor einem brennenden Haus mit dem Besitzer weinen und nicht ihre ganze Kraft und positive Aggression dem Kampf gegen das Feuer entgegenstellen.
Das schnelle Wegschubsen einer Person, die auf unseren Fuß tritt, kann effektiver sein, als zu schreien und darauf zu warten, dass die Person sich von unserem Fuß runter bewegt.
Doch was ist, wenn wir unsere Gefühle nicht zeigen wollen, weil wir uns verletzlich fühlen aber gleichzeitig nicht emotional reagieren dürfen. Huga musste sich nur entscheiden, ob er seinem Erstgefühl Ausdruck gab oder seinem Zweitgefühl. Falls er sich für das Zweitgefühl entschied, galt es zu flüchten, anzugreifen oder sich tot zu stellen.
In der modernen Welt ist es da etwas schwieriger. Vor dem Chef wegzulaufen, bzw. ihn zu verprügeln ist nicht mehr angemessen. Im Gegensatz zum Tiger besteht keine akute Lebensgefahr und wir sind für unser Glück auch auf einen lebendigen Chef angewiesen.
Dies war wohl der Punkt, „an dem Huga sich für die Entwicklung einer Großhirnrinde entschied“, um auch das Zweitgefühl zu unterdrücken, und so eine vernünftige (das heißt begründbare) Lösung zu finden.
Für diese Lösung entscheiden sich häufig Menschen, die Angst haben die Kontrolle zu verlieren. Schließlich gilt es für viele als erstrebenswert, immer die Fassung zu bewahren.
Vernünftige Menschen (mit eingeschränktem Glück) scheinen heute in unserem Kulturkreis besonders gefragt zu sein. Wir treffen sie in fast jedem Beruf an und sind stolz, dass sie so rational handeln. Leider haben diese Menschen einen langen Weg, wenn sie Stress erfahren, um wieder glücklich zu werden. Ob das immer richtig, notwendig und erstrebenswert ist?
Die frühen Nachfahren von Huga brauchten ein vernünftiges, planvolles Handeln, weil es mehr Glück versprach als blinde Wut oder eine schnelle Rache.
Doch was ist, wenn es keine moralisch vernünftigen Gründe gibt, wie wir wieder glücklich werden.
Dann bilden wir uns eine Meinung! Denn es geht in dieser Phase nicht unbedingt um das, was wir landläufig als „vernünftig“ bezeichnen. Vernünftig meint hier rational erklärbar und das ist im besten Fall moralisch gut. Entscheidend ist aber nur, dass es begründet ist. Dann ist es rational, es hat für uns einen Grund. Gründe können wir uns aber auch durch eine Meinung subjektiv erschaffen. Diese Meinung ist dann zwar begründet, aber häufig wenig objektiv. Sie ist im Gegensatz oft geprägt von Egoismus, Vorurteilen und manchmal auch von dem Gefühl, dass wir nicht leicht unterdrückt bekommen: Hass!
Typische Formulierungen, die in dieser Phase auftreten, können sein:
„Was soll ich auch anderes von dem Erwarten!“
„Die, die schon so auftreten, sind alle asozial!“
„Wer sich, statt Argumente zu bringen festklebt, muss schon sehr hohl sein.“
Auch wenn uns diese Aussagen moralisch nicht zusagen, sind es trotzdem natürliche und damit gesunde Vorgänge, um letztlich glücklich zu werden. Denn ist ein Mensch von einem noch so sachlich falschen Vorurteil überzeugt, so hat er eine Erklärung. Durch diese ist sein Weltbild wieder hergestellt und er kann im Hass seine Emotionen zum Ausdruck bringen.
Somit wird klar, dass auch sozial unerwünschte Emotionen normale Verhaltensweisen von Menschen sind.
Das Wechseln von der emotionalen, in die körperliche und in die rationale Phase erfordert Kraft. Oft verzichten wir auf einen direkten emotionalen früheren Ausdruck, weil wir intuitiv meinen, dass körperlicher und rationaler Ausdruck erfolgsversprechender ist. Der Wechsel vom direkten emotionalen, in den körperlichen und in den rationalen Ausdruck erfordert Kraft und entfernt uns erstmal mehr von unserem Glücklichsein. Wichtig ist, dass wir aber nicht auf Grund von sozialer Erwartungshaltung Schwellenängste entwickeln, die uns nicht mehr weinen oder unsere Gefühle körperlich ausagieren lassen. Dann sind wir langfristig einem zu großen Stress ausgesetzt. Entscheidend und gesund ist, wenn wir unseren gesamten emotionalen Ausdruck nutzen, damit wir uns bei Stress situationsangemessen Verhalten können.
Gerade bei Männern und insbesondere bei Feuerwehrkräften erlebe ich oft, dass diese zu große Schwellenängste haben, um einen frühen emotionalen Ausdruck zu zeigen:
„Ich kann hier doch nicht weinen. Feuerwehrleute halten das aus.“
„Als Feuerwehrmann kann ich doch nicht...




