Dombrowski | Deutsche wandern aus | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Dombrowski Deutsche wandern aus

Eine psychologische Perspektive
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-6745-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine psychologische Perspektive

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-7534-6745-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In Deutschland findet seit Jahren eine Nettowanderung statt. Es verlassen mehr Deutsche das Land als wieder zurückkehren. Diese Tendenz ist steigend. Die wissenschaftliche Literatur zum Thema`Wanderungsverhalten` hat sich bisher vornehmlich mit der Einwanderung nach Deutschland beschäftigt. Was die Auswanderung Deutscher betrifft, so ist die Anzahl wissenschaftlicher Publikationen überschaubar. Das vorliegende Sachbuch`Deutsche wandern aus` möchte diese Lücke füllen. Da Migration einen multifaktoriellen Prozess darstellt, werden auch Studienergebnisse, Modellentwicklungen und Analysen anderer wissenschaftlicher Disziplinen wie den Geschichtswissenschaften, der Ethnologie und den Sozialwissenschaften einbezogen. Auswanderung wird als ein Bindungs- und Loslösungsprozess verstanden, der sich über den gesamten Migrationsprozess erstreckt und auch als generationsübergreifend verstanden werden kann. In den einzelnen Phasen dieses Prozesses sind unterschiedliche psychologische Aspekte relevant, wie anfangs Motivation und Entscheidungsfindung, später Anpassung und Bewältigung. In einem eigenen Kapitel werden förderliche Aspekte und Risikofaktoren der Auswanderung dargestellt, die für eine mögliche Entscheidungsfindung hilfreich sein können. Das Buch ist für Menschen relevant, die Interesse an dem Thema Auswanderung haben und sich informieren wollen. Weiterhin ist es gedacht für solche, die eine Auswanderung planen oder bereits auch schon ausgewandert sind. Darüber hinaus bietet es als Sachbuch eine Erweiterung der bisherigen Literatur und zeigt neue Sichtweisen auf.

Dr. phil. Hans-Ulrich Dombrowski ist Diplom-Psychologe und Psychotherapeut. Neben seiner praktischen Tätigkeit ist er publizistisch aktiv und gibt seine Erfahrungen in Form von populärwissenschaftlichen Büchern weiter. Die Bearbeitung des Themas `Auswanderung` beruht auf seiner Arbeit mit deutschen Auswanderern und persönlichen Erfahrungen. Das vorliegende Sachbuch `Deutsche wandern aus` erfährt durch den Ratgeber` Psychologische Strategien zur erfolgreichen Auswanderung` seine Ergänzung.
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Autoren/Hrsg.


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Historischer Abriss der
Auswanderung


Eine Auswanderung (Emigration) bedeutet für das abgebende Land immer einen Verlust an Menschen, Wissen und Kompetenzen sowie an finanziellen Wertigkeiten, aber mitunter auch eine Entlastung bei knappen Ressourcen, beispielsweise bei Übervölkerung. Für das aufnehmende Land führt Einwanderung (Immigration) zu mehr Arbeitskräften (Fachkräften), finanzieller und wirtschaftlicher Steigerung und kultureller Erweiterung. Problematisch wird es bei unzureichender Akkulturation, vor allem bei mangelnder Bereitschaft, die Sprache des Einwanderungslandes zu lernen oder sich zu integrieren (Gefahr der Bildung von Parallelgesellschaften).

Als Gründe für eine Auswanderung können im Wesentlichen angesehen werden:

  • Gewalt, Bürgerkrieg, Krieg
  • religiöse und politische Verfolgung
  • Vertreibung und Unterdrückung von Minderheiten oder politisch Andersdenkenden
  • Einschränkung der persönlichen Freiheit, Drangsalierung durch Polizei und Behörden
  • Wirtschaftliche Not (Arbeitslosigkeit, Armut)
  • Missernten, Hungersnot
  • Übervölkerung
  • Erwartung einer zukünftig negativen Entwicklung im politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, finanziellen und / oder religiösen Bereich.

Es wird im Rahmen der Migrationsforschung zwischen Push- und Pull-Faktoren unterschieden [Push-Pull-Modell der Migration von Everett S. Lee (1966)2]. Push-Faktoren, z.B. wirtschaftliche Not oder Übervölkerung, bewirken einen Auswanderungsdruck, wohingegen angenommene Vorteile im Einwanderungsland, unabhängig davon ob sie zutreffen oder nicht, zu einem Einwanderungssog führen, beispielsweise bessere Bildungsmöglichkeiten oder größeres Jobangebot (Pull-Faktoren).

Die größte Wanderungsbewegung in der deutschen Geschichte ist die Völkerwanderung, die zu einer tiefgreifenden Bevölkerungsverschiebung in Europa und zu einer Neuordnung der germanischen und romanischen Bevölkerungsgruppen geführt hat. Die in das Römische Reich eindringenden germanischen Stämme trafen auf ein sich bereits im Niedergang befindliches Imperium Romanum.

Der belgische Historiker Engels (2014, 2017) weist auf die Parallelen zwischen Rom und unserer heutigen Zeit hin. So stellte sich in Rom eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung zwischen der senatorischen Klasse und den mehr und mehr entmündigten Bürgern ein, die ihr Interesse an Volksversammlungen verloren hatten und sich vorrangig um Belustigungen (Brot und Spiele) kümmerten. Darüber hinaus entwickelte sich Rom innerhalb kurzer Zeit zu einer multikulturellen Großstadt, in der die römischen Bürger selbst in die Minderheit gerieten.

Einen starken Einfluss auf das Denken der Menschen hatte die griechische Philosophie, in Konsequenz dessen die alte Staatsreligion an Einfluss verlor und Individualismus und Materialismus zu einem allmählichen Verfall der traditionellen Familien- und Wertestrukturen führte. Weiterhin hatten häufige und kurze Amtsperioden der Politiker, Amtsmissbrauch, Korruption, Kurzsichtigkeit und politische Überforderung der Verwaltung eine weitere Destabilisierung zur Folge.

Engels sieht mit Europa nicht nur ein System, sondern eine ganze Ära zu Ende gehen. Die Faktoren, die zum Ende Roms führten, sind auch hier aktuell wirksam wie „Arbeitslosigkeit, Verarmung, Bevölkerungsschwund, Werteverfall, Demokratieverlust, Familienzerfall, Masseneinwanderung, Globalisierung, Individualismus, Technokratie und Ultraliberalismus“. Die nationalen und EU-Institutionen sind unfähig oder auch nicht bereit mit entsprechenden Maßnahmen gegen zu lenken, so der Historiker.

Eine weitere größere Auswanderungsbewegung gab es während des Mittelalters. In verschiedenen Wellen wanderten Menschen aus den deutschen Gebieten des Hl. Römischen Reiches in slawisch und baltisch besiedelte östliche Gebiete aus (Ostsiedlung).

Die Zarin Katharina II. ließ zahlreiche deutsche Kolonien ab dem Jahre 1763 bei Sankt Petersburg, an der Wolga und im Schwarzmeergebiet anlegen. Deutsche Tochtersiedlungen entstanden durch die spätere Ausdehnung des Zarenreiches auch im Kaukasus und Bessarabien (Brandes 1992).

Nach dem verlorenen Krimkrieg im Jahre 1856 lehnten die russischen Eliten die weitere Ansiedlung von Deutschen ab. Die zuvor bestandene Selbstverwaltung der russlanddeutschen Kolonien wurde 1871 durch das sog. Ausgleichsgesetz schrittweise aufgehoben. Die Zahl der Deutschen wuchs jedoch aufgrund der hohen Geburtenrate auf rund 2,4 Millionen (Volkmer 2017).

Amerika wurde ab dem Jahr 1820 das Land, in das die meisten Deutschen auswanderten. Zwischen 1820 - 1930 emigrierten knapp 6 Millionen Deutsche in die USA. Teilweise kam es innerhalb dieses Zeitraumes zu Massenauswanderungen, wobei verschiedene Auswanderungswellen stattfanden.

Aufgrund von Missernten, Überbevölkerung und Wirtschaftskrisen setze eine erste Welle zwischen 1846 - 57 ein. Die gescheiterte Märzrevolution von 1848 führte aufgrund von Fluchtbewegungen der Anhänger der Revolution vor der Obrigkeit und Polizei zu einem weiteren Höhepunkt der Emigration nach Amerika.

In der Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges von 1861 - 65 kam die Auswanderung fast völlig zum Erliegen und setzte erst danach wieder ein. Befördert wurde dies u.a. durch Inkrafttreten des Sozialistengesetzes 1878 mit dem Verbot der Sozialdemokratie und der Verfolgung von deren Mitgliedern und Anhängern.

In einer dritten großen Welle verließen 1881 ca. 220.000 Deutsche ihre Heimat. Zwischen 1880 - 85 waren es insgesamt 850.000, die es nach Amerika zog (Rößler 1992).

Nach dem 1. Weltkrieg nahm die Auswanderung nach Amerika wieder zu. 1923 erreichte sie aufgrund von Inflation und Arbeitslosigkeit in Deutschland einen Höhepunkt mit 100.000 Emigranten. Ab 1930 kippte diese Entwicklung und die Zahl der deutschen Heimkehrer überstieg die der Auswanderer. Gründe hierfür waren die zunehmend strengeren Einwanderungsgesetze in den USA, mangelnde berufliche und soziale Integration sowie Heimweh. Zudem waren die USA auch von der Weltwirtschaftskrise betroffen.

In der Zeit der Inflation nach dem 1. Weltkrieg fand auch eine Emigrationsbewegung nach Argentinien und Südbrasilien statt, wo deutschsprachige Ansiedlungen entstanden.

Einen Anstieg der Auswanderung in die USA gab es ab 1933 wieder, insbesondere durch deutsche Juden. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 verließen rund 500.000 Menschen den deutschsprachigen Raum, von denen ca. 90% Juden waren. Aber auch Sozialdemokraten, Kommunisten, Wissenschaftler, Intellektuelle und Künstler flüchteten, um einer Verfolgung und Inhaftierung zu entgehen.

Zunächst emigrierten die Menschen in die Nachbarländer des Deutschen Reiches, ab 1937 verstärkt in die USA. Insgesamt nahmen die USA ca. 140.000 deutsche Juden auf, das weltweit höchste Kontingent insgesamt. Rund 100.000 Juden gingen nach Frankreich, 75.000 nach Großbritannien, 68.000 nach Italien, 60.000 nach Palästina, 80. - 90.000 nach Lateinamerika und 18. - 20.000 nach Shanghai (bpb, Stand 30.04.2019).

Diejenigen, die die anstehende Entwicklung antizipierten und die drohende Gefahr frühzeitig erkannten, über ausreichende Geldmittel und berufliche Qualifikation verfügten, möglicherweise auch noch gute Kontakte hatten, verließen das Reich, solange sie dies noch konnten.

Deutsche Juden oder solche mit jüdischen Vorfahren, die aus Deutschland ausreisten, mussten nicht nur ein Aufnahmeland finden, sondern gleichzeitig auch eine „Reichsfluchtsteuer“ zahlen sowie ihren Besitz abgeben. Während das Reich die Auswanderung anfangs noch organisierte und förderte, wurde 1941 ein generelles Auswanderungsverbot für Juden verhängt.

Während der letzten Kriegsmonate flohen Millionen Deutsche aus den Ostgebieten nach Westen oder wurden nach Kriegsende vertrieben. Aufgrund des Verbots der Alliierten war bis Mitte der 1950er Jahre keine Auswanderung mehr möglich. Danach stieg die Zahl der Auswanderer wieder an aufgrund der Zerstörungen durch den Krieg, durch Hunger, Arbeitslosigkeit und Verelendung. Bevorzugte Ziele waren die USA, Kanada, Südamerika (Paraguay, Chile, Südbrasilien) und Australien.

Bis zum Mauerbau 1961 verließen ebenfalls Millionen Menschen die Sowjetische Besatzungszone bzw. DDR in Richtung BRD aufgrund von Drangsalierung, Unterdrückung und Einschränkung der Meinungsfreiheit durch das sozialistische System sowie in Erwartung einer besseren wirtschaftlichen Entwicklung in Westdeutschland.

Betrachtet man das Wanderungsverhalten der Bundesbürger seit den 1950er Jahren, so zeigt sich in dieser Zeit bis 2005 eine positive Nettowanderung, d.h. es gibt mehr Zu- als Fortzüge. Die einzigen Ausnahmen stellen die Jahre 1956 und 1966 dar, in denen eine negative Nettowanderung stattgefunden hat.

Die nachfolgende Tabelle zeigt diese Wanderungsbewegungen:

Tabelle 1: Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (DIW,...



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