Dominik | John Workmann der Zeitungsboy: Kriminalroman | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 203 Seiten

Dominik John Workmann der Zeitungsboy: Kriminalroman


1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-2870-6
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 203 Seiten

ISBN: 978-80-272-2870-6
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit 'John Workmann der Zeitungsboy' empfiehlt sich Hans Dominik als Meister des Kriminalromans. Dieses Buch ist ein Muss für alle, die sich für spannende und intelligente Kriminalliteratur interessieren. Durch die faszinierende Handlung und die mitreißende Erzählweise wird der Leser von der ersten bis zur letzten Seite in den Bann gezogen. Für Liebhaber von raffinierten Ermittlungsgeschichten ist 'John Workmann der Zeitungsboy' ein literarisches Juwel, das sie nicht verpassen sollten.

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2. Kapitel


An dem dunkelgrauen Wintermorgen versammelten sich die Zeitungsjungen vor dem Gebäude des Zeitungsriesen und, wie alle Morgen, standen die meisten von ihnen bei dem Küchenwagen des Zeitungsriesen, welcher jedem Armen New Yorks, der es wünschte, des Morgens an dieser Stelle eine Blechtasse mit heißem Kaffee und ein Stück Brot umsonst verabreichte.

Entsetzliche Reihen des Elends kamen frostbebend aus dem Dunkel zu dem Wagen.

Fadendünn umschlossen schmierige Lumpen die Entgleisten, oftmals durch große Löcher die kältegerötete Haut zeigend.

Mit gierigen Augen spähten sie auf den Moment, wo sie den ersehnten heißen Trank, das ersehnte Stück Brot erhielten.

In ihre müden, ausgehungerten Gesichter trat ein Schimmer von neuer Lebenshoffnung, so sie mit zitternden Händen den Blechnapf voll heißem Kaffee zum Munde führten und in das Brot hineinbissen. –

Kein Laut wurde unter ihnen hörbar.

Schweigsam tauchten sie, wie Schatten einer Welt des Grauens, aus dem halbdunklen, nebelbrütenden Broadway, schweigsam verschwanden sie in demselben Nebelgrau.

Und doch – falls sie sprechen wollten – sie konnten das Grauen verkünden.

Als John Workmann zu dem Platz seiner Kameraden kam, beantwortete er ihren lauten Gutenmorgengruß mit einem stillen Nicken des Kopfes. Dann winkte er ihnen mit der Hand zum Zeichen, daß sie ihm folgen sollten.

Die Jungen waren gewohnt, John Workmann zu folgen.

Er war unter ihnen unzweifelhaft der Intelligenteste, und manch einer der Jungen hatte sich von ihm schon Rat und Auskunft geholt.

Die Jungen folgten ihm unter die Halle, welche von dem strahlenden Licht aus dem Maschinenraum erleuchtet war. Indem sich John Workmann gegen eine der mächtigen Spiegelscheiben lehnte, sagte er mit lauter Stimme, damit sie jedes Wort trotz der polternden und stampfenden Maschine hören konnten:

»Wenn einer von euch Charly Beckers noch einmal sehen will, dann kann er heute mittag nach der Schule mit mir kommen.«

»Charly Beckers wird heute sterben.«

Es war, als ob plötzlich die Winterkälte sich auf diese Schar lebensfrischer und lebensmutiger Jungens mit ihrem eisigen Hauch gelegt hätte.

Das frohe, blitzende Lächeln aus den frischen Gesichtern war verschwunden. Die Augen blickten ernst, und keiner von ihnen vermochte John Workmann etwas zu antworten.

Sie wußten alle, daß Charly Beckers krank war, aber daß er so jung sterben sollte, war für sie etwas Unfaßbares.

»Kommt ihr mit?« fragte John Workmann.

Da nickten alle Jungens mit dem Kopf, als Zeichen, daß keiner von ihnen zurückbleiben würde.

An diesem Morgen mochten sich die New Yorker darüber wundern, daß keiner der Zeitungsjungen mit dem gewöhnlichen gellenden Indianergeheul die Zeitungen ausrief, sondern daß sie mit merkwürdigem Ernst ihr Geschäft ausübten.

John Workmann hatte nur die Morgenausgabe besorgt, dann war er, so schnell ihn seine Füße trugen, zu dem kleinen Beckers geeilt.

Als er in dessen Schlafraum kroch, lag der Kleine mit Fieberwangen und weitgeöffneten Augen auf seinem Lager. Er war so schwach, daß er kaum den Kopf emporheben konnte.

»Ich bin's, Charly«, sagte John Workmann und hockte sich ganz dicht an das Lager des Kranken. – »Erkennst du mich?«

»Ja«, hauchte Charly Beckers, »ich habe schon gewartet. Kurz bevor du kamst, träumte ich von einem goldenen Engel, der durch die Tür hereinkam und mich mit sich nehmen wollte. Und dann bekam ich wieder furchtbare Angst und wachte auf. – – Gut, daß du da bist.«

John Workmann nahm die neben dem Bett stehende Medizinflasche und flößte Charly Beckers einige Tropfen zwischen die Lippen.

»Hast du noch Schmerzen?«

»Nein«, flüsterte Charly Beckers, »mir tut gar nichts weh. Ich glaube, ich werde jetzt wieder gesund.«

John Workmann versuchte zu lächeln.

»Natürlich wirst du wieder gesund, und jetzt probier mal, ob du einen von den Äpfeln essen kannst, die ich dir mitgebracht habe.«

Er gab Charly Beckers in jede Hand einen Apfel, was dieser aber nicht beachtete.

»Ich habe mir schon Sorge gemacht«, flüsterte er, »was aus meinen Sachen werden sollte. – – Weißt du, hier unter meinem Kopfkissen habe ich sieben Dollar liegen, die ich mir erspart habe. – Und dann in der kleinen Kiste dort in der Ecke habe ich allerlei Dinge, die ich gesammelt. – Da ist eine Tabakspfeife, die ich am Broadway fand. – Auch ein Notizbuch und ein Taschenmesser und sonstige Kleinigkeiten. Ich will das später alles einmal, wenn ich reich werde, gebrauchen. Sieh mal, John, dann ist es doch ganz gut, wenn man ein Taschenmesser und ein Notizbuch schon besitzt. Da braucht man es sich nicht erst zu kaufen. Und reiche Leute haben solche Sachen! – Ich denke mir, wenn man das hat, kann man auch Millionär werden. Nicht wahr?«

»Ganz gewiß, Charly. – Du wirst ein Millionär.«

»Weißt du, John«, flüsterte Charly weiter, »am meisten hätte ich mich gefürchtet, wenn man mich wie arme Leute in ein Massengrab geworfen hätte.

»Ich habe es mir immer am schönsten vorgestellt, wie der reiche Harriman in einem eigenen Grabe zu liegen, und ein großer Stein muß auf dem Hügel stehen, daß alle Leute sagen: Hier liegt Charly Beckers, der Millionär.«

John Workmann streichelte ihm die Stirn und sagte:

»Das wirst du alles haben, mein lieber Charly! Sprich nur nicht soviel, der Doktor hat es verboten.«

»War denn ein Doktor hier?«

»Ja, Charly!«

»Ein wirklicher Doktor?«

»Ein wirklicher Doktor!«

»Aber wer hat ihn bezahlt?«

»Ich habe ihn bezahlt.«

»Wieviel hat das gekostet?«

»Fünf Dollar, Charly.«

»Hm –« nachdenklich sah der kleine Knirps auf die Decke aus Sacktüchern. Dann hob er den Kopf ein wenig, blickte John Workmann dankbar an und sagte:

»Du bist ein guter Junge, John, ich schulde dir demnach fünf Dollar. Schade, den Doktor hättest du sparen können, da ich nun wieder gesund werde!«

Dann legte er sich mit dem Kopf zur Wand und schloß vor Erschöpfung die Augen.

John Workmann aber saß still neben dem Lager seines Kameraden, lauschte auf die unregelmäßigen Atemzüge und bekam Herzklopfen, wenn der Atem einmal längere Zeit ausblieb.

So kam der Mittag heran und die Zeit, wo die anderen Jungens vom Broadway noch einmal Charly Beckers sehen wollten.

Wohl an hundert Jungens waren es, die sich auf dem Hofe hinter dem Stalle versammelten und lautlos einer nach dem anderen zu dem engen Verschlag emporkletterten.

Und der kleine Sterbende wachte auf und freute sich, daß alle seine Freunde gekommen waren, ihn zu besuchen.

Jeder der Jungen schüttelte ihm die Hand und hatte ein Trostwort für ihn. –

Und Charly Beckers fühlte sich, als sei er der Präsident, und mit lächelndem Munde flüsterte er:

»Sorgt euch nicht. – Morgen bin ich wieder gesund.« –

Immer matter wurde sein Lächeln, ein müder Schatten legte sich vor seine Augen, er erkannte nichts mehr und mit einem letzten Aufflackern seiner Lebenskraft flüsterte er sterbend:

»Morgen – gesund –«

Dann versank das graue Licht des Wintertages in ewige Nacht vor seinen Augen. –

Charly Beckers war lange tot, als seine Kameraden immer noch nicht wußten, daß er nicht mehr unter ihnen weilte.

Erst als John Workmann merkte, daß die Hand des kleinen Charly, welche er hielt, kälter und kälter wurde und die Augen sich nicht mehr öffneten, beugte er sich über ihn und rief:

»Charly, willst du etwas trinken?« und nachdem er es mehrmals gerufen, ohne Antwort zu bekommen, bemächtigte sich John Workmanns eine unerklärliche Furcht.

Mit zitternden Händen nahm er die Medizinflasche und versuchte, in Charly Beckers festgeschlossenen Mund einige Tropfen zu gießen.

Umsonst.

Charly Beckers kleiner Mund, der so fröhlich plaudern konnte, war für immer verschlossen. –

»Er ist sehr kalt«, flüsterte John Workmann seinen Kameraden zu, »ich werde ihn in den Arm nehmen und ihn wärmen.«

»Es wird nichts nutzen«, sagte Harry Thomson, »als meine kleine Schwester starb – wir schliefen immer in demselben Bett – war sie auch ganz kalt. – Ich glaube, Charly Beckers ist nun im Himmel.«

Da wurde es ganz still unter den Jungen wie in einer Kirche.

Als einer von ihnen mit dem Fuß das Strohlager Charly Beckers berührte, daß es raschelte, fuhren sie erschreckt zusammen und schlichen zu ihren auf dem Hof weilenden Kameraden.

Dort standen sie eng zusammengedrängt, als brüte ein schweres Unheil über ihren Köpfen.

»Jungens!« sagte John Workmann mit tränenfeuchten Augen, »der kleine Charly ist tot. Sein letzter Wunsch war, so begraben zu werden, wie unsere Millionäre.

Ich denke, wenn wir alle mal drei Tage lang hungern und unseren Verdienst zusammenschmeißen, dann wird es dafür ausreichen, daß wir dem kleinen Charly auf einem Kirchhof in Long Island einen festen Platz kaufen und ihn in einem schönen Sarg zu Grabe tragen.

»Seid ihr alle damit einverstanden?«

In die ernsten Mienen der Jungen brachten die Worte John Workmanns wieder Sonnenschein. Jetzt hatten sie eine Pflicht an dem kleinen Charly Beckers, ihrem Kameraden, zu erfüllen!

Fast zufrieden verließen sie den Hof und begaben sich wieder zu ihrem Arbeitsplatz, zum Broadway.

John Workmann aber ging in den Raum...



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