E-Book, Deutsch, 333 Seiten
Dominik Kautschuk
1. Auflage 2018
ISBN: 978-83-8136-680-9
Verlag: Ktoczyta.pl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 333 Seiten
ISBN: 978-83-8136-680-9
Verlag: Ktoczyta.pl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kautschuk ist ein Science-Fiction-Thriller von Hans Dominik aus dem Jahre 1930. Die Butadien-Kohlenwasserstoffe haben sich doch als glänzende Ausgangsbasen für synthetischen Kautschuk erwiesen. Synthetisch hergestellter Kautschuk würde den Weltrohstoffmarkt revolutionieren und dazu noch ein unglaubliches Geschäft für die Großkonzerne werden. Der skrupellosen Amerikaner James Headstone setzt ein Heer von Spionen und deren Helfershelfern ein, um in den Besitz einer deutschen Erfindung zu gelangen, die die Weltwirtschaft auf den Kopf stellen kann. Er will die Patentrechte an dieses Produktes zu kommen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2. Kapitel. Noch ehe am nächsten Morgen Fortuyn sich bei Geheimrat Kampendonk melden lassen konnte, bat ihn dessen Privatsekretär, um neun Uhr bei Kampendonk zu erscheinen. »Ich muß es aufs lebhafteste bedauern, Herr Doktor, daß Sie von der bevorstehenden Neuerung im Werk indirekt durch die Zeitung Kenntnis erhielten. Die Notiz wurde ohne unser Zutun veröffentlicht. Ich bin bereit, Ihnen volle Aufklärung zu geben.« Fortuyn verneigte sich kurz. »Bitte, Herr Geheimrat...« »Schon vor längerer Zeit erfuhren wir von den Iduna-Werken, unsrer Tochtergesellschaft in Wien, daß man dort einen gewissen Doktor Moran als Mitarbeiter verpflichtet habe, der im Begriff war, sich als Dozent in seiner Heimatstadt Prag zu habilitieren. Seine Forschungen auf dem Gebiet der Chemosynthese des Kautschuks seien vielversprechend. Gelegentlich eines Besuches in Wien nahm unser Direktor Lindenberg von den Moranschen Arbeiten Kenntnis und gab uns einen so glänzenden Bericht, daß wir auch noch Direktor Bünger hinschickten. Auf Grund der übereinstimmend günstigen Gutachten beschloß das Direktorium, nach weiterer genauer Prüfung aller Unterlagen, einem Engagement Doktor Morans näherzutreten. Dieser verhielt sich zunächst ablehnend, wobei rein persönliche Verhältnisse maßgebend waren. Mit Rücksicht auf die größeren Mittel und besseren Forschungsbedingungen in den Rieba-Werken erklärte er sich aber schließlich bereit. Erst vor drei Tagen kam der formelle Vertragsabschluß zustande. Da dies auf den ersten Blick als eine gewisse Desavouierung Ihrer Person erscheinen könnte, war ich sofort entschlossen, Sie darüber zu informieren. Leider hat die voreilige Zeitungsnachricht nun meine Absicht vereitelt. Ich glaube, das dürfte Ihnen genügen?« »Gewiß, Herr Geheimrat. Es genügt mir vollkommen. Obgleich ich— —« »Ich weiß: Sie wollen zum Ausdruck bringen, daß, wenn zwar nicht Ihre Person, doch Ihr Verfahren dadurch beeinträchtigt würde. Dem ist nicht so. Sie arbeiten an Ihrer Elektrosynthese ruhig weiter, wenn auch mit verkleinertem Assistentenstab. Was nun das Moransche Verfahren betrifft, so liegt die Sache folgendermaßen: Wir produzieren, ebenso wie viele andere Werke, nun schon seit Jahren nach der Chemosynthese Kautschuk. Angesichts der ungenügenden Rentabiltät der bisherigen Methoden erschien es unbedingt geboten, die Moransche Erfindung, die einen bedeutenden Fortschritt verspricht, uns zu sichern. Dürften wir natürlich in absehbarer Zeit einen guten Enderfolg Ihrer Arbeiten erwarten, so hätten wir vermutlich von Morans Engagement absehen können. Aber Sie werden selbst eingestehen müssen, Herr Doktor, daß vom kaufmännischen Standpunkt aus unser Schritt durchaus verständlich ist. Sobald Ihre Elektrosynthese vollständig entwickelt ist, sind selbstverständlich alle chemosynthetischen Verfahren überholt.« Fortuyn erhob sich. »Gewiß, Herr Geheimrat—ich gebe das zu. Es lag mir ja nur daran, die Klarheit zu bekommen, die Sie mir in so dankenswerter Weise gaben.« In seinem Zimmer dann griff Fortuyn zum Telephon. Ein kurzer Gruß flog zur Villa Terlinden * * * Wittebold war nach dem Abendessen zu Schappmanns hinübergegangen. Die gute Luise saß neben dem Ofen in einem Korbstuhl, einen Strickstrumpf in den Händen. Aber die müden Finger wollten nicht recht. Immer wieder nickte sie ein, bis sie es schließlich satt bekam, die verlorenen Maschen aufzunehmen, und den grauen Kopf in das Kissen mit dem »Ruhe sanft!« zurücklehnte. Wittebold hatte zur Feier seines Dienstantritts ein paar Flaschen Bier mitgebracht. Sie saßen, sprachen. Worüber? Über das Werk. Für Schappmann der einzige Gesprächsstoff. »Was Sie mir da vorhin sagten, Kollege Wittebold, über einen neuen Herrn Moran aus Wien... ja, das ist doch 'ne merkwürdige Sache. Konkurrenz für Herrn Fortuyn oder Nachfolger?—Das is man so mit die Herren Gelehrten. Da hat einer so'n feines Ding gedreht—schon holen se'n her. Aber wie lange dauert die Herrlichkeit, da haben sie wieder 'nen Bessern gefunden. Wie viele Leiter von die Laboratorien Hab' ich schon kommen und gehen sehn!« »Wie lange ist denn Doktor Fortuyn hier?« fragte Wittebold. »Das kann ich Ihnen ganz genau sagen. Er kam gerade am sechzigsten Geburtstag von meiner Luise—macht also drei Jahre und acht Monate. Sollte mir leid tun um Herrn Fortuyn, wenn er wegmüßte. War 'n kulanter Mann! Na—ich werd' nicht mehr die Ehre haben, unter dem Neuen zu dienen.« Wittebold schaute nachdenklich dem blauen Rauch seiner Pfeife nach. »Is auch Zeit, daß ich gehe!« fuhr Schappmann fort. »Den ganzen Tag auf die Beine—da wollen die alten Knochen nich mehr. Und wenn denn noch so'n Haufen Ärger dazwischenkommt, da freut man sich, daß jetzt alles ein Ende hat. Na, prost, Kollege Wittebold! Spülen wir den Kummer weg! Es hat mich lange genug gewurmt!« »Na, was ist Ihnen denn für 'ne Laus über die Leber gelaufen?« fragte Wittebold. Schappmann strich sich den Schaum aus dem Bart, prustete ein paarmal. »Ja, das war 'n regelrechter Krach, den ich hatte. Mit dem Herrn Hempel vom Tresor. Na, daß Sie's wissen: Das is der, der die ganzen Vorschriften für die medizinische Fabrikation in seinem Geldschrank hat. Der sagte mir doch heute glatt vor den Kopf, ich hätt' so'ne Vorschrift verloren, wo drin steht, wie man den ganzen Deubelskram macht. ›Analyse‹ sagen se auch manchmal. Und das wär' 'ne Bummelei von mir, und das könnt' schweren Skandal geben. Und wie Gott den Schaden besah, war alles nicht wahr. Ich hatte gar nichts verloren!« »Analysen verlieren«, meinte Wittebold, »das wär' allerdings eine schlimme Sache. Solche Dinge werden doch gehütet wie Gold. Wie war denn das?« »Das war so, Kollege: Der Herr Doktor Hempel gibt mir 'nen Haufen Papiere, die ich zu Doktor Stange bringen sollte, in die Aspirinabteilung. Ich steck' die in meine Mappe und geh' 'rüber. Leg' alles auf Herrn Stange seinen Schreibtisch und ziehe wieder los. Wie ich nach 'ner halben Stunde gerade bei Doktor Fortuyn bin, kommt einer jeloofen, ich soll mal gleich zu Herrn Hempel kommen. Na, wie ick da 'reinstiefle, krieg' ick doch 'nen Schreck: Fährt der auf mich los, ick hätt' 'ne Betriebsschrift verloren! Unter den Papieren für Doktor Stange wär' sie gewesen, und der hätte sie nich gekriegt. Na, ick blieb ganz ruhig. Machte meine Mappe uff. Die war leer. Sagte: ›Wat Se mir gegeben haben, hab' ick hier 'reingepackt und bei Herrn Doktor Stange auf den Tisch gelegt. Wenn der se nich gekriegt hat, denn is se eben nicht dabeigewesen.‹—Er guckt mich 'nen Augenblick ganz dämlich an, geht dann an seinen Schrank und sucht. Fängt an zu jammern, er könnt' beschwören, daß er se mir gegeben hätte. Und wenn sie weg wäre, ginge es mir schlecht und ihm schlecht. Na, und wie er noch so mitten drin is, da klingelt's. Er nimmt's Telephon... Det hätten Se sehn sollen, det Jesicht! Eben noch wie'n Deibel, und uff eenmal roie'n süßer Engel. Nickt immer ins Telephon. Spricht: ›Jut, jut—Herr Doktor!‹ Und denn zu mir: ›Se is da! Herr Stange hat se! Und nehmen Se't nich übel, Schappmann!‹ Er fingerte so mit seiner Hand 'rum. Aber ich tat, als ob ich's nich sähe, und sagte bloß: ›Na—denn juten Morgen!‹« »Ein Glück für Sie, daß die Sache so ablief Kollege Schappmann! Glaub' gern, daß er sonst mächtigen Skandal gemacht hätte. Na, prost!« Schappmann hatte sich eine frische Pfeife gestopft. »War da noch so'ne Geschichte heute... Ging mich ja weiter nichts an, aber schön war's nich.« »So? Na—erzählen Sie mal, Kollege!« »Wie ick da durch die Unterführung zu Doktor Stange gehe, kommen mir zweie aus der Montageabteilung entgegen. Auf einmal—es war scheußlich anzusehen—knallt der eine auf den Asphalt hin, als ob ihn 'ne Granate umgeschmissen hätte. Zappelt mit den Armen und den Beinen, hat Schaum vorm Mund. Der andere hebt ihm den Kopf hoch, blökt mich an: ›'n Glas Wasser! Schnell—schnell!‹ Ich seh' mich um. Denke: Halt, auf dem Hof is ja der Brunnen! Sause los, mach' den Blechbecher voll und bring' den hin. Und nu preßt der eine Monteur dem Krampfbruder die Zähne auseinander und pumpt ihm den ganzen Becher 'rin. Na—der macht die Augen auf, und denn wurde er ruhiger. Und denn ging ich weiter.« »Aber wieso? Ging denn das so leicht? Der Becher hängt doch an einer strammen Kette, damit die Lehrjungen keinen Unfug treiben.« »Nee, Kollege, das ging gar nicht leicht. Mußte 'ne ganze Zeit würgen, eh ich das Ding los hatte.« »Aber dabei hätte Ihnen am Ende doch was aus der Mappe rutschen können?« »Nee!«...




