E-Book, Deutsch, 424 Seiten
Donoghue Zarte Landung
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-944576-29-9
Verlag: Verlag Krug & Schadenberg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 424 Seiten
ISBN: 978-3-944576-29-9
Verlag: Verlag Krug & Schadenberg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Emma Donoghue ist als Jüngste von sieben Geschwistern in Dublin aufgewachsen und verbrachte ihre Schulzeit in katholischen Klosterschulen. Nach ihrem College-Abschluss ging sie nach England und promovierte 1997 in Englischer Literatur. Emma Donoghue begann bereits mit 23 Jahren vom Schreiben zu leben. Sie schätzt sich glücklich, nie mehr einer 'anständigen Arbeit' nachgegangen zu sein, seit ihr nach einem Monat als Zimmermädchen gekündigt wurde. Nachdem sie mehrere Jahre zwischen England, Irland und Kanada gependelt ist, lebt Emma Donoghue heute mit ihrer Lebensgefährtin und ihren beiden Kindern in London, Ontario. Neben 'Zarte Landung' hat Emma Donoghue u.a. die Romane 'Raum' und 'Als Maria in Dublin die Liebe fand' (in Vorbereitung) veröffentlicht.
Weitere Infos & Material
Silvester
DESORIENTIERUNG (aus dem Französischen,
désorienter, sich vom Osten abkehren):
(1) Störung der Zeitwahrnehmung
oder der Raumorientierung
(2) Geistige Verwirrung
Später würde Jude Turner auf den 31.Dezember als den letzten Morgen zurückblicken, an dem ihr Leben noch gefestigt, begreifbar, aus einem Guss gewesen war.
Sie hatte nackt und traumlos geschlafen. Wie immer erwachte sie um sechs Uhr morgens in dem Haus in Ireland, Ontario, in dem sie geboren war; sie besaß keinen Wecker. In ihrem alten Morgenmantel warf sie ihrem schmalen Gesicht im Spiegel nur einen flüchtigen Blick zu, als sie es mit kaltem Wasser benetzte, ihr Haar glatt drückte, nach der schwarzen rechteckigen Brille griff. Die dritte und die achte Stufe ächzten unter ihren Füßen, und der Ofen war fast aus; sie schob Scheite in das Bett rot glimmernder Asche. Ihren Kaffee trank sie schwarz aus dem blauen Henkelbecher, den sie in der zweiten Klasse getöpfert hatte.
Als Jude sich die zweite Zigarette anzündete, wurde es langsam hell. Sie schaute durch ein Fallgatter aus halbmeterlangen Eiszapfen: Waren das da frische Waschbärenspuren? Bald würde sie ihre Auffahrt freischaufeln, dann die der Petersons nebenan. Ihr Nachbar auf der anderen Seite war Bub, ein obskurer Truthahnrupfer mit mächtigem Schnauzbart. Normalerweise wäre ihre Mutter mittlerweile unten, Lockenwickler im Haar, aber seit dem zweiten Weihnachtstag weilte Rachel Turner bei ihrer Schwester in England. Die Stille tröpfelte wie Öl in Judes Ohren.
Um sieben würde sie schon zum Museum drei Straßen weiter hinübergegangen sein, um ein ordentliches Pensum Arbeit geschafft zu haben, bevor jemand anrief oder vorbeikam, um eine räudige Fellpelerine zu spenden, denn an diesem Nachmittag fand das Post Mortem des kläglichen Ertrags statt, den der weihnachtliche Spendenaufruf eingebracht hatte. Mit fünfundzwanzig war Jude, die Kuratorin, im Alter der Enkel der meisten Verwaltungsratsmitglieder.
Das Telefon bimmelte schrill, und obwohl sie lieber nicht rangegangen wäre, tat sie es doch. Eher noch als die Stimme erkannte sie den Akzent.
»Louise! Frohe Weihnachten! Warum flüsterst du?«, fiel Jude ihrer Tante, die redete wie ein Wasserfall, ins Wort. »Nicht ganz bei sich – was heißt das?«
»Ich glaube einfach nicht –« Louise brach ab und fuhr mit lauterer Stimme fort: »Ich telefoniere, Rachel! Ich bin gleich wieder bei dir.«
Jude drückte ihre Zigarette aus und versuchte sich das Haus in England – in einer Stadt namens Luton – vorzustellen, obwohl sie es noch nie gesehen hatte. »Hol Mom ans Telefon, ja?«
Statt zu antworten, rief ihre Tante: »Setzt du mal den Kessel auf?« Dann zischte sie ins Telefon: »Sekunde mal.«
Jude wartete und verspürte Ärger in sich aufkeimen. Ihre Tante war schon immer dem Gin zugetan gewesen; konnte sie womöglich bereits um – sie sah zu der Standuhr hinüber und fügte fünf Stunden hinzu – bereits mittags um halb zwölf betrunken sein?
Louise kehrte ans Telefon zurück und sagte übertrieben dramatisch wie beim Laienspieltheater: »Deine Mutter bereitet Tee zu.«
»Was ist los? Ist sie krank?«
»Sie würde nie klagen, und ich habe ihr nicht erzählt, dass ich dich anrufe«, flüsterte ihre Tante, »aber wenn du mich fragst – du solltest rüberkommen und sie nach Hause holen.«
Rüberkommen – als wäre Luton gleich nebenan. Jude konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme klang wie ein Peitschenknall. »Kann ich bitte meine Mutter sprechen?«
»Die gelbe Kanne!«, rief Louise. »Die andere ist für Kräutertee. Und ein paar von den Diät-Pfeffernüssen.« Dann, leiser: »Jude, Liebes, ich muss Schluss machen. Ich habe gleich Tai Chi – bitte glaub mir einfach, sie braucht ihre Tochter …«
Sie hatte aufgelegt. Jude starrte auf den schwarzen Bakelit-Hörer. Dann legte sie ihn auf die Gabel zurück.
In dem fleckigen Adressbuch auf dem Küchentresen schlug sie die Nummer nach, aber nach viermaligem Klingeln vernahm sie in Louises zurückhaltendem Ton bloß die Ansage: »Sie sind mit dem Anschluss 3688492 verbunden …«
»Ich bin’s – Jude«, sagte sie dem Gerät. »Ich – hör mal, ich weiß wirklich nicht, was los ist. Ich würde mich freuen, wenn Mom mich sofort zurückrufen könnte.« Rachel musste doch wohl ans Telefon gehen können, wenn sie in der Lage war, Tee zuzubereiten?
Jude kochte sich Hafergrütze, um ein bisschen Zeit totzuschlagen. Nach zwei Löffeln war ihr der Appetit vergangen.
Das war lächerlich. Mit ihren sechsundsechzig Jahren war Judes Mutter fit und munter, sie ging nie zum Arzt, von der Grippeimpfung abgesehen. Sie reiste nicht besonders gern, war aber sehr wohl in der Lage dazu. Louise war sechs Jahre älter – oder sieben? Wenn mit Rachel etwas ernsthaft nicht stimmte – wenn sie Schmerzen hätte oder Fieber, innere Blutungen oder eine Geschwulst –, dann hätte Louise das doch gesagt? Im Nachhinein fand Jude, dass ihre Tante ausweichend geklungen hatte, ja fast paranoid. Waren das womöglich erste Anzeichen von Senilität?
Wieder wählte Jude die Nummer in Luton und erreichte den Anrufbeantworter. Diesmal hinterließ sie keine Nachricht, denn sie wusste, sie hätte zu scharf geklungen. Die beiden Schwestern waren doch wohl kaum eine Minute, nachdem sie sich eine Kanne Tee gekocht hatten, aus dem Haus gegangen?
Ihr Magen war eine Schlangengrube. Komm rüber – das sagte sich so leicht. Der Atlantik erstreckte sich vor ihrem geistigen Auge, ein endloser grauer Schrecken.
Im Grunde litt sie nicht an einer Phobie. Sie hatte bloß nie das Bedürfnis oder die Neigung verspürt, in ein Flugzeug zu steigen. Das gehörte zu den Dingen, die die Menschen fälschlicherweise für unabdingbar hielten – wie Mobiltelefone oder die Mitgliedschaft im Fitness-Studio. Jude hatte ihr erstes Vierteljahrhundert sehr gut ohne Flugreisen gelebt. Im Februar beispielsweise, wenn sich halb Ontario wie schaudernde Schwalben auf den Weg nach Mexiko oder Kuba machte, ging sie lieber im Pinery Provincial Park Schneeschuhwandern. Um an der Hochzeit ihrer Cousine in Vancouver teilzunehmen, hatte sie sich zwei Jahre zuvor jeweils eine Woche Zeit für den Hin- und Rückweg gelassen und auf dem Rücksitz ihres Mustangs geschlafen. Und in dem Sommer, als ihre Freundinnen und Freunde von der Highschool durch Europa getourt waren, hatte Jude oben im Norden Bäume gepflanzt, um sich ihr erstes Motorrad kaufen zu können. Es war doch wohl allein ihre Sache, wenn sie es vorzog, festen Boden unter den Füßen zu haben?
Deine Mutter ist nicht ganz bei sich. Was sollte das heißen?
Keine der beiden hatte zurückgerufen. Letzten Endes, so sagte Jude sich, würde sich die ganze Sache zweifellos als nichts weiter als ein leidiges und kostspieliges Hirngespinst ihrer Tante entpuppen. Doch in ihrer entschiedenen, leicht kindlichen Schrift, die sich seit der Grundschule nicht verändert hatte, schrieb sie einen »Wegen dringender Familienangelegenheit geschlossen«-Zettel und klebte ihn an die Tür des kleinen Museums.
Rizla nahm sich den Nachmittag von der Werkstatt frei, um sie in seinem neuen orangefarbenen Pick-up zum Flughafen zu fahren. Er trug einen langen Schaffellmantel von Ben Turner; Jude hatte ihn im Keller gefunden, in der Plastikumhüllung einer Reinigung, Jahre nachdem ihr Vater sich nach Florida davongemacht hatte, und es verschaffte ihr einen wohlig-boshaften Schauer zu sehen, dass Rizla ihn unbekümmert über einem ölverschmierten White-Snake-T-Shirt trug.
Weiße Flocken wirbelten der Windschutzscheibe entgegen; die Landstraßen waren dick mit Schnee bedeckt. Jude zog an der Zigarette, die sie sich teilten. »Also, wieso höre ich: ›Dieser Anschluss ist gesperrt‹, wenn ich dich anrufe?«
»Das ist bloß ein Missverständnis wegen diesen Dumpfbacken bei der Telefongesellschaft«, antwortete er und verzog den Mundwinkel.
»Aha.« Gleich darauf fragte sie: »Wie hoch sind die Raten für die Kiste hier?«
»Ist sie nicht eine Augenweide?«
»Ist sie. Eine große prachtvolle Tangerine. Wie hoch sind die Raten?«
Rizla hielt den Blick auf die Straße geheftet. »Leasing ist auf die Dauer günstiger.«
»Aber wenn du nicht mal die Telefonrechnung bezahlen kannst –«
»Scheiße, wenn du mich den ganzen Weg bis nach Detroit wegen meiner Rechnungen löchern willst, dann verzieh dich nach hinten.«
»Okay, okay.« Jude reichte ihm die Zigarette. »Warum hat mich keine von beiden zurückgerufen? Ich habe drei Nachrichten hinterlassen«, murmelte sie und merkte, dass sie sich wiederholte.
»Vielleicht hat deine Mom irgendwas, worüber man nicht spricht«, schlug er vor. »Schließlich ist sie Britin.«
»Zum Beispiel? Blut im Stuhl?«
»Syphilis. Filzläuse.«
Jude schnippte sein Ohr, und Rizla jaulte auf vor Schmerz. Sie nahm ihm die Zigarette wieder ab und rauchte sie bis zum Filter.
»Ich wette, die alten Mädchen gehen sich einfach bloß auf die Eier«, sagte er wenig später. »Meine Schwestern haben sich immer buchstäblich die Haare ausgerissen.«
»Alle deine Schwestern?«
»Vor allem die mittleren.« Rizla war das fünfte von elf Geschwistern einer Familie mohawk-holländischer Herkunft. Als Einzelkind war Jude von den Vandeloos immer fasziniert gewesen.
»Aber wenn das alles wäre, warum quartiert sie Mom dann nicht aus und schickt sie in ein Hotel? Warum speist sie mich mit...




