»Eine Hinrichtung?« fragte Eduardo da Silva so leidenschaftslos wie ein Kellner, der die Bestellung nicht richtig verstanden hat. Der Vergleich paßte wie der Deckel auf den Sarg. Denn bei da Silva konnte man den Tod eines Menschen ordern wie in einem Restaurant ein Steak. Der Brasilianer war Profikiller.
»Eine Hinrichtung, genau«, krächzte der Mann am anderen Ende der Telefonleitung haßerfüllt. »Dieser Hurensohn Archer muß sterben. Und wenn Sie so gut sind, wie Sie sein sollen…«
»Ich bin der Beste«, versicherte der Brasilianer. Bescheidenheit war nicht gerade seine stärkste Eigenschaft. »Deshalb bin ich ja auch doppelt so teuer wie Ihre amerikanischen Stümper.«
»Schon gut, schon gut«, wiegelte der Haßerfüllte ab. »Sie kriegen Ihr Geld. Hauptsache…«
»… Hauptsache, Archer wird sterben«, unterbrach da Silva den Mann, dessen umständliche Art ihm auf die Nerven ging. »Er wird, Mister. Bis zum Ende der Woche ist Francis Archer so tot wie ein Baum ohne Wurzeln. Und die Cops werden nicht mal Verdacht schöpfen, daß er umgelegt wurde. Sie hören dann von mir.«
Er legte auf, dann schlenderte er hinüber ins Schlafzimmer seines kleinen Luxus-Apartments und griff nach der tödlichen Waffe, mit der er sein Opfer erledigen würde.
Er war ein Regenschirm.
»Aaaaah!«
Die FBI-Agentin Annie Franceso schrie auf vor Schmerz. Ihr linkes Knie knickte ein. Gerade konnte ich sie noch auf fangen, um einen Sturz zu verhindern. Zerknirscht blickte ich zu ihr hinunter.
»Entschuldige, Kollegin!« rief ich, um die heißen Samba-Rhythmen zu übertönen. »Es war keine Absicht!«
Ich hatte ihr nämlich gerade versehentlich auf den Fuß getreten, als ich eine besonders schwierige Schrittfolge hingelegt habe. Ein Special Agent des FBI bekommt auf der Akademie in Quantico vom Revolverschießen über Nahkampf bis zum Fliegen eines Helikopters alles beigebracht, was er für seinen harten Job braucht. Lateinamerikanische Tänze gehören leider nicht dazu.
Annie hüpfte auf einem Bein, was angesichts ihrer hochhackigen Pumps gar nicht so einfach war, und massierte mit der Hand den Knöchel des anderen Beins. Ich mußte sie wirklich unglücklich erwischt haben.
»Meine eigene Schuld«, rief sie mir ins Ohr. »Warum mußte ich dich auch drängen, mein Tanzpartner zu werden?«
Da hatte sie nicht ganz unrecht. Wochenlang hatte sie mir auf den Fluren unseres gemeinsamen Arbeitsplatzes aufgelauert, dem FBI-Gebäude an der Federal Plaza in Manhattan. Im Herzen von New York. Immer wieder hatte sie mir in den Ohren gelegen mit ihrem Plan. Die gebürtige Puertoricanerin hatte 'sich in den Kopf gesetzt, beim Wohltätigkeitsfest der New Yorker Polizei unbedingt als Samba-Königin zu erscheinen. Und ich sollte ihr Tanzpartner sein.
Seufzend hatte ich schließlich eingewilligt. Allein schon, um die Sticheleien meines Freundes und Kollegen Milo Tucker über meine mangelnden Tanzkünste abzustellen. Inzwischen fragte ich mich selbstkritisch, ob er wirklich so falsch lag. Jedenfalls begleitete ich Annie nun seit drei Wochen jeden Donnerstagabend zu der Tanzschule ›Brasil Dance‹ in der West 80th Street. Um ihr dort zwei Stunden lang auf die Füße zu treten.
»Es geht schon wieder«, knirschte meine dunkelhaarige Kollegin und legte ihre Hand auf meine Schulter. »Ich kann einiges einstecken.«
Das stimmte. Denn normalerweise konzentriert sich die Sportbegeisterung von Annie Franceso auf Nahkampf. Auf Kung Fu, genauer gesagt. In jeder freien Minute trainiert sie das traditionelle Tempelboxen der buddhistischen Mönche. Oder sie schaut sich zum millionsten Mal die Filme des unvergessenen Kung-Fu-Stars Bruce Lee auf Video an. Wegen ihrer Begeisterung für ihn wird sie von uns anderen G-men liebevoll-spöttisch ›Miss Lee‹ genannt.
Ich nahm ihre Hand und ließ sie eine halbe Drehung um mich herum vollführen. Bei anderen Paaren sah das unglaublich elegant aus. Aber ich hatte das Gefühl, schon wieder über meinen eigenen Füße zu stolpern. Gut, daß ich G-man geworden bin und nicht Profi-Tänzer.
Dasselbe mußte Annie wohl auch gerade denken. Sie lächelte mich an, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Ich überlegte, wie ich mich aus der Affäre ziehen konnte. Vielleicht würde ja Milo als mein Ersatzmann einspringen können?
Ausgeschlossen. Warum sollte er sich freiwillig an meiner Stelle blamieren?
Seufzend versuchte ich, den Rhythmus wieder in meine Bewegungen zu kriegen.
In diesem Moment wurde die Tür zum Tanzsaal aufgerissen.
Eine völlig aufgelöste Latina stürmte herein.
»Hilfe! Ricardo… Ricardo dreht durch! Er will Paco umbringen!«
***
Francis Archer war ein schöner Mann.
Das sagten zumindest alle Frauen, die ihn kannten. Wenn auch hinter vorgehaltener Hand. Denn die Eifersucht seines Eheweibes Cora war schon legendär. Obwohl es schon über sechs Monate zurücklag, tuschelten die Kollegen im Büro immer noch von der ›Fahrstuhl-Affäre‹.
Eine junge Fahrradbotin hatte Archer im Aufzug kurz angegrinst. Ihr Pech, daß er gerade von Mrs. Archer von der Arbeit abgeholt worden war. Cora hatte nicht lange gefackelt und das Mädchen so schwer mißhandelt, daß anschließend zwei Rippen gebrochen waren. Wenn ihr Mann und die anderen Liftpassagiere nicht dazwischen gegangen wären, hätte es noch übler ausgehen können.
Nur einem psychiatrischen Gutachten hatte die aggressive Ehefrau es zu verdanken, daß sie mit einer Bewährungsstrafe davonkam. Außerdem mußte sie sich zwangsweise in Therapie begeben. Doch alle, die sie kannten, wußten genau, daß es nichts brachte. So etwas wie im Fahrstuhl konnte jederzeit wieder passieren.
Doch trotz dieser Gefahr konnten einige der Frauen im Außenhandelsministeriun). nicht widerstehen, mit Francis Archer zu flirten. Er sah auch wirklich zu gut aus. In der Hauptstelle der Bundesbehörde in Washington mochte es attraktivere Männer geben. Aber hier, in der kleinen Außenstelle am New Yorker Hafen? Die Ladies waren sich einig: Keiner der anderen Beamten konnte Francis Archer das Wasser reichen.
Das dachte auch Lydia Winchell an diesem trüben Herbstmittag. Die junge Frau keuchte und rang nach Luft, während ihr schlanker Körper unter den routinierten Liebkosungen von Francis Archer erbebte. Ihr kleines Apartment schien sich immer schneller zu drehen, bis sie in einem Strudel der Lust versank…
Der schöne Mann hatte ebenfalls seinen Spaß, aber er schielte immer wieder verstohlen nach der Uhr. Lydia bemerkte es. Aber sie tat so, als ob sie es nicht mitbekommen hatte. Sie verschloß die Augen vor vielem, was er sagte und tat. So verliebt war sie in ihn.
»Es tut mir leid, Baby. Aber meine Mittagspause ist fast um.« Archer schaffte es immerhin, einen bedauernden Unterton in seine Stimme zu legen. In Wirklichkeit tat ihm überhaupt nichts leid. Lydia war eine von seinen zahlreichen Geliebten, okay. Seit frühester Jugend war er daran gewöhnt, daß er jede Frau haben konnte. Es war für ihn überhaupt nichts Besonderes.
Er stand auf und ging ins Bad. Wie er so nackt durch den Raum lief, konnte man ihn wirklich nicht für einen Beamten im amerikanischen Außenhandelsministerium halten. Sondern für einen Athleten aus dem alten Griechenland. Das dachte jedenfalls Lydia in diesem Moment. Die junge Frau mit der brünetten Kurzhaarfrisur war ziemlich romantisch veranlagt.
»Verdammte Scheiße!«
Archers Fluch ließ sie sofort von dem breiten Lotterbett aufspringen, auf dem sie sich noch vor wenigen Minuten mit ihm gewälzt hatte. Ihr Herzraste vor Besorgnis. War ihm etwas passiert?
Doch als sie ihn unter der Dusche stehen sah, mußte sie unwillkürlich lachen. Aus dem Brausekopf tröpfelte ein winziges Rinnsal. Es hätte gerade ausgereicht, um eine Maus abzuduschen. Eine sehr kleine Maus.
»Ist das komisch?« fragte Francis Archer gereizt und rieb sich über sein kantiges, männlich hervorspringendes Kinn.
Sofort bekam Lydia ein schlechtes Gewissen. »Nein, Francis. Aber was soll ich machen? Die Dusche funktioniert schon seit drei Tagen nicht mehr richtig. Ich habe den Vermieter angerufen. Aber es wird wohl nichts repariert werden. Kostet ihn zuviel Geld.«
Der Beamte nickte genervt. Wie alle New Yorker war er mit den Auswüchsen der Wohnungsnot vertraut. Lydias Apartment war ›rent stabilized‹. Das bedeutete, daß die Miete nur minimal erhöht werden durfte. Wer eine solche Wohnung erst mal hatte, gab sie nicht mehr her. Andererseits ließen die Besitzer von solchen Häusern auch nichts reparieren, was kaputtging. Es lohnte sich für sie nicht.
Deshalb würde die Dusche der jungen Frau auch weiterhin tröpfeln. Hinzu kam, daß Lydia eigentlich nur zur Untermiete wohnte. Der offizielle Mieter des Apartments hatte sich schon vor Jahren ein Haus drüben in Jersey City gebaut. Seinen Vertrag gab er trotzdem nicht auf. Er hatte immer noch die Wohnung in...