E-Book, Deutsch, Band 7, 343 Seiten
Reihe: Tanja ermittelt
Donzowa Den Letzten beißt der Hund
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-8412-1236-8
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 7, 343 Seiten
Reihe: Tanja ermittelt
ISBN: 978-3-8412-1236-8
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Miss Marple aus Moskau - manche mögen's reich...
Als an einem Regentag Tanjas Datsche einstürzt, lädt sie ihr reicher Nachbar ein, den Sommer in seiner Villa zu verbringen. Dort leben die junge Ehefrau und Kinder aus verschiedenen Ehen friedlich unter einem Dach. Bis Tanja den Nachbarn tot am Schreibtisch findet. Motiv: Millionenerbschaft? Sofort wird seine Frau verhaftet. Doch Tanja glaubt an deren Unschuld ...
'Der turbulente Reigen ist ein Vergnügen.' Nürnberger Nachrichten.
'Abgründig komisches Pointengewitter. Feinste Comedy.' Literaturen.
Darja Donzowa (eigentlich Agrippina Donzowa) wurde 1952 in Moskau geboren. Sie studierte Journalistik an der Moskauer Lomonossow-Universität, arbeitete zunächst als Übersetzerin und unterrichtete später Französisch und Deutsch. Seit 1998 schreibt sie Kriminalromane, mittlerweile sind es vier Krimi-Reihen. Sie hat bisher 46 Bücher veröffentlicht, von denen insgesamt 72 Millionen Exemplare verkauft wurden. Darja Donzowa wurde dreimal in Russland Schriftstellerin des Jahres. 2002 und 2003 wurde jeweils eines ihrer Bücher als 'Bestseller des Jahres' ausgezeichnet. Darja Donzowa moderiert im russischen Radio eine Talkshow und hat im Fernsehen eine Rubrik. Ihre Kriminalromane dienten als Vorlage für Hörspiele und Fernsehserien. Sie lebt mit ihrem Mann, ihren drei Kindern und ihren Hunden in Moskau.Im Aufbau Taschenbuch Verlag erschienen bisher ihre Romane 'Nichts wäscht weißer als der Tod' (2006), 'Spiele niemals mit dem Tod' (2007), 'Perfekt bis in den Tod' (2007), 'Bis dass dein Tod uns scheidet' (2008), 'Verlieb dich nie in einen Toten' (2009), 'Vögel, die am Abend singen' (2009) und 'Den Letzten beißt der Hund' (2010).
Weitere Infos & Material
1. Kapitel
Der Juni war in diesem Jahr einfach grässlich. Ein bisschen Wasser kann der Erde nicht schaden, musste da oben jemand gedacht haben. Dann hatte er den Hahn aufgedreht. Am Ersten, Zweiten, Dritten und Vierten des Monats goss es, als lebten wir im tropischen Regenwald. Kein Sonnenstrahl drang durch die bleigrauen Wolken. Der den Hahn aufgedreht hatte, war offenbar wieder schlafen gegangen oder hatte uns da unten glatt vergessen.
Am 5. Juni stöhnte Kira abends aus tiefstem Herzensgrund: »Wenn das morgen weiter so schifft, verliere ich noch den Verstand!«
»Die Gefahr besteht nicht«, brummte Lisa.
»Warum?«, fragte der Junge träge und unbedacht.
»Na, darum!«, gab Lisa hämisch zurück. »Man kann nicht verlieren, was man nicht hat!«
Erbost warf Kira einen Brotkanten nach ihr, traf aber nicht. Dafür versetzte ihm Lisa eins mit dem Küchenhandtuch. Schon war ein wilder Kampf im Gange. Auf der Terrasse flogen Zeitungen, Klamotten und Essenreste nach allen Seiten. Unsere Hunde, überglücklich, dass nach Tagen des Eingesperrtseins endlich etwas passierte, umkreisten die Streithähne mit lautem Gebell. Ich flüchtete ich in den ersten Stock, sprang ins Bett und zog mir die Decke über die Ohren. Kira und Lisa konnten die ewige Stubenhockerei einfach nicht mehr ertragen. Sie hatten sich so auf den Sommer im Grünen gefreut! Mit den Rädern wollten sie die Gegend unsicher machen, auf Bäume klettern, im Teich baden oder im Wald Laubhütten bauen. Nun aber lagen sie den ganzen Tag faul auf der Couch herum und starrten auf den Fernseher, der wie zum Hohn nur Schrott anbot.
Bei Dauerregen kann einem auf der Datsche, auch wenn sie gut eingerichtet ist, schon das Lachen vergehen. Wahrscheinlich stritten und zankten Lisa und Kira deshalb ohne Ende und gingen zu offenen Kampfhandlungen über, wenn ihnen die Worte fehlten. Sie zur Ordnung zu rufen oder den Schuldigen herauszufinden war ein sinnloses Unterfangen. Wenn ich nur einwarf: »Lisa, lass endlich Kira in Ruhe!«, parierte das Mädchen, das sich gerade zu einem properen Teenager mauserte: »Er hat aber angefangen! Immer verteidigst du ihn!«
Dann zog sie einen Flunsch und schlug die Tür so heftig zu, dass die armen Hunde hochfuhren und wütend zu kläffen anfingen. Der Gerechtigkeit halber muss ich sagen, dass Kira, wenn er angesprochen wird, genauso reagiert. Ich weiß nicht, wie andere Frauen bei Familienmitgliedern dieses Alters das psychische Gleichgewicht bewahren. Ich möchte die beiden manchmal einfach beim Schlafittchen packen und mit den Köpfen zusammenstoßen. Daran hindert mich nur meine gute Erziehung. Meine Mutter selig, eine Opernsängerin, pflegte zu sagen: »Ein intelligenter Mensch muss in jeder Lage Contenance bewahren.«
Allerdings hatte sie nur ein Kind, ein Mädchen, das heißt, mich. Ich war ein stilles, ewig kränkelndes Wesen, das seine Kindheit und Jugend größtenteils mit Üben an der Harfe verbrachte. Auf dieser Datsche, wo jetzt Kira und Lisa ihre Kämpfe austrugen, saß ich als kleines Mädchen schweigend am Tisch und vertrieb mir die Zeit, indem ich Anziehpüppchen aus Papier ausschnitt. Freundinnen hatte ich keine, ein Fahrrad bekam ich nicht, weil ich damit hätte stürzen und mich verletzen können. Und auf eine Bemerkung meiner Mutter die Tür zuzuwerfen, dass es krachte, ist mir nie in den Sinn gekommen.
Einmal habe ich versucht, meine eigenen Erfahrungen pädagogisch einzusetzen. Mit Nachdruck erklärte ich: »Als ich klein war, haben sich die Kinder nicht so benommen.«
Sofort vergaßen meine beiden ihren aktuellen Streit, wandten mir ihre erhitzten Gesichter zu und antworteten mit einer wahren Kanonade von Gegenargumenten:
»Zu deiner Zeit, Tanja«, brüllte Kira los, »sind die Kinder noch in Zweierreihen marschiert, mussten Schulkleidung tragen und hatten nicht einmal einen Computer!«
»Und kein Video!«, fiel Lisa ein. »Furchtbar muss das gewesen sein! Die reine Steinzeit! Und die Alten haben natürlich rumkommandiert, wie sie wollten!«
»Du hast doch selber erzählt, dass du nur zwanzig Minuten am Tag fernsehen durftest«, warf Kira ein und kicherte schadenfroh.
»Und bis zur zehnten Klasse bist du mit einem Zopf rumgelaufen!«
»Die reine Sklaverei!«
»Und in den Ferien musstet ihr Gorki lesen!«
»So schlecht ist der gar nicht«, wagte ich einzuwenden.
»Ach, hör doch auf!«, riefen Kira und Lisa im Chor und stritten lustig weiter.
Nachdenklich ging ich auf mein Zimmer. Natürlich konnte man Gorki, den begabten Autodidakten, nicht mit Dickens vergleichen, aber immerhin hatte er keine Pokemon-Comics verfasst, auf die Lisa so abfuhr, sondern echte Literatur, die … Was Gorki den Schülern unserer Zeit geben konnte, darüber musste ich bei Gelegenheit nachdenken. Vorerst nahm ich mir vor, mich in ihr Geplänkel nicht mehr einzumischen. Sollten sie sich doch prügeln, so viel sie wollten. Wenn sie über Tisch und Bänke gingen, wollte ich mich zurücklehnen und auf jeden empörten Hilfeschrei mit dem stoischen Satz antworten: »Ach, klärt das doch selber!«
Mit dieser Einstellung gelang es mir auch diesmal, bei dem Kampfgeschrei, das von der Terrasse zu mir drang, friedlich einzuschlummern. Die Lider wurden mir schwer, unsere Möpse Mulja und Ada waren unter meine Decke gekrochen und drängten sich mit ihren warmen, seidigen Flanken an meinen Rücken. Ich wollte sie von dort vertreiben, aber mir schwanden die Kräfte. Morpheus nahm mich fest in seine Arme.
Plötzlich drang ein ohrenbetäubendes Krachen an mein Ohr. Ich schrak im Bett hoch. Das war aber nun wirklich zu viel! Nahmen sie jetzt schon das Haus auseinander? Ich sprang auf, fuhr in Morgenrock und Pantoffeln, da dröhnte es wieder.
»Was ist denn das?«, hörte ich Kira schreien. »Lisa, hol Tanja! Ich kümmere mich um die Hunde! Ein Erdbeben!«
Ich packte Mulja und Ada und stürzte die Treppe hinunter. Die schwankte gefährlich unter meinen Füßen. Ein Erdbeben bei Moskau? In einer Datschensiedlung vor den Toren der Hauptstadt? Das hatte es noch nie gegeben! Aber darüber nachzugrübeln war jetzt keine Zeit. Die Dielen bebten wie unter Stromstößen, die Wände wankten. In vollem Lauf bekam ich noch den Kater Pingu zu fassen und stürzte in den Garten hinaus, wo bereits Kira und Lisa im strömenden Regen standen.
»Was ist denn los?!«, rief ich erschrocken und wischte mir das Wasser aus dem Gesicht.
»Woher sollen wir das wissen?«, gaben die Kinder zurück. Da knackte und knirschte es plötzlich, dass es einem durch Mark und Bein ging. Unsere Datsche legte sich langsam auf die Seite und fiel vor unseren Augen in sich zusammen. Wir standen vor einem großen Haufen von Brettern und gesprungenen Fensterscheiben und hatten nur noch das, was wir auf dem Leibe trugen.
»Wahnsinn!« Lisa fasste sich als Erste. »Was war denn das?«
»Ich weiß nicht«, antwortete ich erschüttert.
»Tschetschenische Terroristen haben eine Bombe gelegt!«, vermutete Kira.
»Red keinen Quatsch«, blaffte Lisa ihn an.
Ich fürchtete, sie könnten auf den Resten dessen, was soeben noch unsere nicht gerade taufrische, aber gemütliche Heimstatt gewesen war, eine neue Prügelei anfangen. Daher sagte ich rasch: »Sind denn überhaupt alle da?«
Zu meiner Erleichterung zeigte sich schnell, dass alle Tiere bei uns waren. Ich hatte Mulja, Ada und den Kater Pingu gerettet. Kira hatte die Staffordshire-Terrier-Dame Rachel und den Kater Klaus, Lisa die Katze Semiramis und die Promenadenmischung Ramik an die frische Luft befördert.
»Also«, stellte ich erleichtert fest, »Verluste sind wohl keine zu beklagen.«
»Die Kröte Gertrud!«, schrie Kira auf. »Die Arme! Die hat sicher Todesqualen gelitten!« Unserem Jungen liefen Tränen über die Stupsnase.
»Mal nicht gleich den Teufel an die Wand«, meinte Lisa, zog aber selbst die Nase hoch. »Kröten sind Überlebenskünstler. Die kommt bestimmt noch irgendwo hervorgekrochen.«
»In Freiheit kann sie doch nicht überleben!«, heulte der Junge weiter. »Sogar die Fliegen fang ich ihr! Sie selber packt das nicht!«
Darauf wusste Lisa nichts mehr zu sagen und heulte mit. Da spürte ich in der Tasche meines Morgenmantels eine leichte Bewegung. Ich griff hinein und zog – heil, ganz und quicklebendig – die Kröte Gertrud hervor.
»Tanja!«, schrie Kira auf und sprang durch die Pfützen auf mich zu, »du bist die Größte! Lass dich küssen! Du hast Gertrud gerettet!«
Ich lächelte bescheiden. Vielleicht war ich ja wirklich die Größte, aber im Moment wusste ich nicht, wie die Kröte in meine Tasche gekommen war. Ich hatte damit wirklich nichts zu tun. Vielleicht war sie von selbst hineingehüpft?
Da standen wir nun im eiskalten, so gar nicht sommerlichen Regen. Ich seufzte tief auf. Die Tiere waren am Leben, aber an Geld, Papiere oder zumindest Jacken und Schuhe hatte keiner gedacht. Wir boten ein malerisches Bild: Kira in T-Shirt mit Schokoladenflecken und zerfetzten Shorts, Lisa in hellblauem, ärmellosem Minikleid und ich im Morgenrock. Die Kinder trugen Badelatschen, und meine Füße steckten in hübschen rosa Plüschpantoffeln, die wie Häschen gemacht waren. Jetzt ähnelten sie eher zwei Scheuerlappen von unbestimmter Farbe. Ich ärgerte mich über meine Gedankenlosigkeit. Deshalb sagte ich heftiger als gewollt: »Los, ab zu den Redkins!«
Makar Sergejewitsch Redkin, ein General a. D., ist der Chef der Verwaltung unserer...




