Dorn hüben und drüben
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-943941-25-8
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-943941-25-8
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Geboren 1925 in Wachau bei Dresden. Lebt seit 1969 als freie Schriftstellerin in Köln. Aufenthalte in New York, Paris, Amsterdam, Budapest, Rom, Moskau, Warschau und Krakau. Veröffentlichungen: 'hüben und drüben', Roman, mit einem Vorwort von Lew Kopelew, Leipzig 1991. 'Geschichten aus tausendundzwei Jahren', Roman, Leipzig 1992. 'rübergemacht', Schauspiel, 1992. 'Damals als die Sonne schien', Novelle, 1996. Zahlreiche Erzählungen und Gedichte in literarischen Zeitschriften und Anthologien seit 1967. Hörspiele, Hörfunkfeatures, seit 1965. Multimediaprojekte mit Luc Ferrari, Paris und Hingstmartin, Köln 1970-1975. Spielfilme für das Fernsehen in eigener Regie, 1973-1978. 'Siehdichum', Roman, 2006 und 'Spiegelungen', Roman, 2010 erschienen im Dittrich Verlag.
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An jenem Donnerstag werden Pauls jüngste Tochter Inga und ihr Freund Hanno unsanft geweckt: Es schellt. Dann klopft jemand an die Wohnungstür und dreht schon den Schlüssel im Türschloss. Inga schnellt hoch, setzt sich auf die Bettkante und angelt ihren Kaftan vom Haken: »… das kann nur eines von meinen Kindern sein.« Hanno gähnt und bückt sich schon nach seinen Socken, als Ingas langer, viel zu schnell in die Höhe geschossener Sohn morgenmunter die Schlafzimmertür öffnet: »… habt ihr vergessen, dass heute das Klavier geholt wird?«
Er ist mit seinem Motorroller durch die Stadt gesaust, hier aber sind die Vorhänge dicht und es riecht süßlich nach Schweiß oder nach Seife. In den Türrahmen geklemmt pendelt er hin und her: »… entschuldigt …« Hanno hat den Wecker genommen und zeigt Inga »Sieh dir das an: halb sieben!« Zu Jeremi sagt er: »Bist du denn verrückt?«, und der zuckt mit den Schultern: »Ich dachte …« Seine Mutter winkt ab: »Ja, es ist gut, dann geh in die Küche und mach uns Frühstück.« Sie schiebt die Vorhänge beiseite und sieht in den Hinterhof. Ein Mann aus dem Haus gegenüber trägt einen Eimer Abfall zur Mülltonne. Mit einem Stecken zerschlägt er Flaschen, und neben diesem Klirren hört Inga auch den Straßenlärm und ein Kleinkind, das anhaltend schreit. Sie hasst es, aus dem Bett zu springen. Nach dem Weckerklingeln braucht sie Zeit, sich zu dehnen und sich aus den kleinen, noch vom Schlaf verwischten Gedanken ein ruhiges, zuversichtliches Gefühl zu bauen. Wenn Hanno dann noch schläft und seine Hände offen auf der Decke liegen, schaut sie ihn an und ihm zu, wie er sich regt und aufwacht. Wenn so der Tag beginnt, wird es ein guter Tag. Sie kann Hanno dann wie nebenbei anstubsen und er hält dann, um für sich einen guten Anfang zu finden, vielleicht noch kurz seine Augen zu, bis er sich laut räuspert und ihr einen kleinen Klapps gibt.
Der Wecker ist seinetwegen gestellt, aber Inga kriecht schließlich als erste aus dem Bett. Dann rollt er sich noch einmal in die Decke ein und hört, wie sie in der Küche Teewasser aufsetzt und die Tassen auf den Tisch stellt. Die Frauen seiner Kollegen streichen morgens genauso Butterbrote.
Morgens ist er der Meinung, dass er ein ganz normales Leben führt. Wie er sich anzieht, welche Schuhe, wieviel Geld er sich einsteckt, in welche Tasche er das Feuerzeug schiebt, das alles hat mit Ausrüsten zu tun. Er geht, Inga bleibt. Am Morgen ist Hanno der Aktive. Heute hat Jeremi dazwischengefunkt.
Der ruft jetzt aus der Küche: »Möchtet ihr ein Ei?« Hanno sagt: »Ich brauche eine scharfe Schere zum Schnurrbartschneiden.« Inga antwortet schon aus ihrem Arbeitszimmer: »Koch doch einfach drei!«
Wieso entscheidet sie, dass Hanno ein Ei isst? Und jetzt rasseln die Ketten ihrer Wanduhr, sie zieht das alte Ding auf, das einfach nur tickt, ohne die Zeit anzuzeigen. Die Zeiger sind nicht mehr zu richten, oder müssten dauernd neu gerichtet werden. Die ganze Unberechenbarkeit Ingas spiegelt sich für Hanno in dieser Uhr. Wenn Inga in einen Betrieb einen bestimmten Arbeitsbereich hätte, – ja, er wüsste nicht, was sagen, wenn ihn wer fragt: ›Was macht sie denn?‹ Vor dem Zeichentisch sitzen, Striche ziehen. Ruft er tagsüber an, passiert es, dass keiner den Hörer abnimmt. Kommt er spät nachhause, was vorkommt, wenn die Monteure von der anderen Rheinseite in der Kneipe auftauchen und es wird geknobelt – dann sieht er schon von der Straße her, dass in ihrem Arbeitszimmer Licht brennt. Soll er, soll er nicht da hineingehen und sie fragen: »Was tust du noch?« Nein bittedanke, das tut er nicht, weil sie von ihrer Arbeit spricht wie ein Chef.
Sie sitzen jetzt zu dritt am Küchentisch und Hanno will wissen, was eigentlich los ist. »Das Klavier …«, sagt Jeremi, und Hanno fällt ihm ins Wort: »… eurer Mutter die Bude ausräumen.« Schon zieht Jeremi eine Zigarette aus Hannos Brusttasche, Hanno stiehlt von Jeremis Brot ein Stück Käse. »Hol die Zeitung!« »Geh du doch!« Sie halten sich gegenseitig die Hände fest und lachen wie Schuljungen. Nebenbei erklärt Jeremi der Mutter, dass die Speditionsfirma das Klavier als Beipack in eine Umzugsfuhre laden wird. Man hat ihm gesagt ›früh‹. Was versteht die Firma unter früh? Inga weiß es. Die Transportfirma hat sich mit ihr in Verbindung gesetzt, um sich zu vergewissern, dass jemand zahlt. Vor neun Uhr wird nichts geschehen. Hanno redet auf Jeremi ein: »Ich hätte ein paar Freunde zusammengetrommelt und einen Pritschenwagen geliehen …« und zupft dem Jungen den Sportteil aus der Zeitung, die Jeremi doch, unter der Jacke versteckt, mit hochgebracht hat und liest – und festhält! »Nimm die Finger weg!« Und doch lässt er locker, damit die zwei Seiten herausgleiten.
Er hat auch Brötchen mitgebracht. Alle drei kauen. Inga stört ein bisschen den Scheinfrieden und sagt: »Wenn ich Klavierspielen könnte, würde ich das Ding behalten.« Hanno überrascht sie mit einer ganz anderen Frage: »… und warum bekommt es nicht die Mascha?« Inga hat dafür keine Erklärung. Das Klavier soll fort. Keine Wiederholung der Geschichte, die Paul so oft erzählt hat! Und sie natürlich auch! Jetzt obendrein schon wieder, für Hanno sozusagen: »Mein Vater hatte als Junge ein Klavier, mein Großvater war ein Geschäftsmann, Klavier gehörte in die gute Stube. Und da blieb es stehen. Wenn der Großvater Geburtstag hatte, waren wir eingeladen, mein Vater griff in die Tasten und meine Mutter sang. Zuhause gab es nur Musik aus dem Radio. Großvater war bockig. Obwohl er selbst nicht spielen konnte, blieb das Klavier sein Klavier: »Ich weiß nicht, was ich in die leere Ecke stellen sollte!«
Die beiden Männer tauschen Zeitungsblätter aus. Jeremi hat seine Mutter reden lassen, diese Geschichte geht ihm zum einen Ohr rein, zum anderen raus. Und Hanno berühren Ingas Erzählungen kaum. Er legt die Zeitung weg, steht auf und nimmt seine Tasche. Jeremi hält ihn zurück: »Heh, – haust du ab? Vielleicht brauchen wir dich? Die kratzen der Mutter die Tapeten von den Wänden, wenn keiner mit anfasst.«
Hanno meint, sie wären ja dann mindest zu zweit, gibt Inga einen Kuss, zwinkert ihrem Sohn zu, eine Zigarette zwischen die Lippen und die Treppen runter. Er sieht wieder, dass der Briefkasten offensteht. Der Schlüssel ist verbummelt worden. Solche Dinge, die keiner ernst nimmt in diesem Haushalt, sollte er vielleicht regeln.
Da fällt ihm etwas ein: Der Eigentümer, bei dem gestern installiert worden ist, verschenkt Nut- und Federbretter. Man kann sie sich abholen. Also zurück ins Haus. Er macht Inga eine Skizze vom Wohnpark, wo sie den Mann findet, der etwas verschenkt. Inga nickt und sagt ja, und schon als Hanno wieder an der Tür ist, hat sie eine neue Idee: »Wenn das Klavier fort ist – mach dir doch das vordere Zimmer zurecht!« Jeremi mischt sich auch noch ein: »… ich hätte das an deiner Stelle schon längst gemacht.« Weg! Fort! Hanno will nicht wissen, was Jeremi täte und was er selbst tun könnte oder sollte. Es wird ein schöner Tag, wenn man das Wetter meint. Am Büdchen kauft er sich das Revolverblättchen des Tages und zwei Schachteln Zigaretten. Vielleicht kommt er heute früh genug ins Materiallager, um den miesen Auftrag abzuwimmeln, den man ihm gestern angedreht hat. Dann könnte er Jeremi direkt wieder verzeihen.
Mutter und Sohn bleiben am Tisch sitzen. Jeremi fragt: »… habt ihr Krach miteinander?« Inga schüttelt den Kopf: »Ach was, – das ist nur, seit du fort bist, sind wir zum ersten Mal zu zweit. So, wie man gewöhnlich anfängt. Und das ist eben schwer, etwas nachträglich anzufangen.« »Hast du Hanno denn nicht gern?« »Ja, ich hab ihn gern.« Jetzt beobachtet Jeremi seine Mutter eine Weile, wie sie leise lacht, wie dabei ihre Tränensäcke die Augen fast verriegeln und wie ihr die Augenbrauen ungleich hoch im Gesicht stehen. Sie sieht kaputt aus. Das behauptet sie auch seit Jahren: Ich bin kaputt!
Er bemerkt, dass sie unterm Tisch einen Fuß auf den anderen stellt. Vielleicht ist ihr ein Fuß eingeschlafen. Er sagt ihr nur so, dass Karin sich neue Wanderschuhe gekauft hat. Inga nickt gedankenlos. Dann plötzlich schaut sie ihn an: »Ach, – erzähl doch mal, wie es euch geht.« »Gut geht es uns!« Gerade erst ist er mit seiner Freundin Karin zusammen in eine Wohnung gezogen. Die Mutter würde ihrem Sohn gern sagen, dass zur Liebe Furchtlosigkeit gehört und Vertrauen und beobachtet eine Weile Jeremis träumerische Augen hinter der Brille und seinen weichen Mund im kleingelockten Bartgestrüpp.
Und nun sind die Brötchen gegessen, die Zeitung ist gelesen. Inga steht auf. Sie ist plötzlich ungeduldig: »Ich hoffe, die Leute kommen bald, damit ich mit meiner Arbeit anfangen kann.« Jeremi muss sich nun wohl für das interessieren, was die Mutter seinetwegen verschiebt. »Was tust du denn...




