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E-Book, Deutsch, 312 Seiten

Dorn Siehdichum


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-943941-27-2
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 312 Seiten

ISBN: 978-3-943941-27-2
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
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Das Walddorf Siehdichum ist die letzte Station der Reichsarbeitsdiensteinheit 3/401 XL Warthegau Ost. Es sind rasch einberufene Sechzehnjährige, die am 26. Januar 1945 von der russischen Sturmspitze überrollt und nach authentischen Berichten 'vollkommen aufgerieben' werden. Den Ortsnamen Siehdichum versteht die 75jährige Martha Lenders, Schwester eines dieser spurlos verschwundenen Jungen, auch als Aufforderung, sich am Ende ihres Lebens wie auf dem Gipfel eines Berges umzusehen und die Rollen, die ihr das Leben als Frau und Mutter zugedacht hat, zu hinterfragen. Sie befindet sich im Jahr 2000 auf Spurensuche in Polen, wo Häuser, Straßen und Lebensart ihrem sächsischen Zuhause, wie sie es mit dem Bruder erlebt hat, verblüffend ähneln. Ein Professor für Geschichte aus Warschau und ein Filmemacher aus Posen werden zu Helfern. Sie lässt ihren Rückflug nach Deutschland verfallen, durchstreift mit einer polnischen Studentin die großen Wälder, findet dank sehr besonderer Zeitzeugenberichte einzelne Punkte, an denen sich Dramatisches abgespielt hat, aber der letztmögliche Ort, an dem ihr Bruder sein Leben verloren haben könnte, hält sich vor ihnen verborgen. Zurückgekehrt ins Rheinland, in dem sie seit Kriegsende lebt, bleibt für die suchende Schwester die Spur des Bruders verwischt. Die polnische Studentin bringt unerwartet neue Nachricht. Martha muss sich nun das Ende ihres Bruders noch genauer und grausamer ausdenken als bisher und streikt vor dieser Aufforderung ...

Geboren 1925 in Wachau bei Dresden. Lebt seit 1969 als freie Schriftstellerin in Köln. Aufenthalte in New York, Paris, Amsterdam, Budapest, Rom, Moskau, Warschau und Krakau. Veröffentlichungen: 'hüben und drüben', Roman, mit einem Vorwort von Lew Kopelew, Leipzig 1991. 'Geschichten aus tausendundzwei Jahren', Roman, Leipzig 1992. 'rübergemacht', Schauspiel, 1992. 'Damals als die Sonne schien', Novelle, 1996. Zahlreiche Erzählungen und Gedichte in literarischen Zeitschriften und Anthologien seit 1967. Hörspiele, Hörfunkfeatures, seit 1965. Multimediaprojekte mit Luc Ferrari, Paris und Hingstmartin, Köln 1970-1975. Spielfilme für das Fernsehen in eigener Regie, 1973-1978. 'Siehdichum', Roman, 2006 und 'Spiegelungen', Roman, 2010 erschienen im Dittrich Verlag.
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I


Die tote Seitenstraße lag im Dunkel, an der Hotelrezeption im Großpolen wartete eine junge Frau in Mantel und Mütze. Sie drückte Martha den Zimmerschlüssel in die Hand und wies noch den Weg durch einen schwach beleuchteten Flur, kein Mensch sonst zu sehen, alles still. Martha Lenders wollte gestern abend ohnehin nichts anderes mehr als ihre Ruhe. Im Zimmer nahm sie sofort ihr Nachthemd aus dem Koffer, aß ohne richtigen Hunger eine trockene Semmel und einen Apfel. Dann wollte sie sich ein bisschen waschen, die Zähne putzen.

Die Badewanne im unverhältnismäßig großen Badezimmer kam ihr auf breiten, gußeisernen Tatzenfüßen entgegen, altmodisch bequem, stabil. Es verlockte Martha trotzdem nicht, im warmen Wasser wieder lebendig zu werden. Gewöhnlich sortierte sie am Abend ihre Notizen, Rechnungen, beiläufig erstandenen Gegenstände und ihr Bargeld. Gestern ließ sie alles beim alten.

Mit dem polnischen Fernsehprogramm kannte sie sich inzwischen aus. In Posen/Poznan, der dritten Station ihrer Reise, wäre es ein Leichtes gewesen, einen deutschen Sender zu finden, aber sie blieb bei diesem polnischen Erzähler, einem Mann zwischen vierzig und fünfzig Jahren, der in seiner Wohnung umherging und mit sich selber sprach. Noch immer versteht sie kein Polnisch, verstand aber diesen Mann, der nicht besonders schön war, ihr jedoch gefiel. Irgendwen oder irgendwas suchte er, sprach auf seiner Bettkante sitzend und am Tisch, schaute aus dem Fenster oder in seine Schränke. Und dann zog er einen kleinen, abgenutzten Koffer unter dem Bett vor und lud ihn sich auf die Knie. Die Kofferschlösser sprangen auf, nichts verrostet oder von erstarrtem Öl verklebt. Martha betrachtete mit ihm vergilbte Papiere, Fotos, Zeitungsausschnitte und Briefe, was alles er nur zurechtschob, nicht aus dem Koffer nahm. Ganz behutsam griff er nach einem Schmetterling, einem Tagpfauenauge! Sie sah mit an, wie der Falter sich in der Handwärme des Menschen auf sein Leben besann, seine Flügel spreizte und wieder zusammenschlug. Tagpfauenaugen, das wusste sie, gehören zu den Eckenfaltern, sie haben schon in der Zwischeneiszeit gelebt. Deshalb suchen sie einem geheimen, inneren Signal zufolge schon im August einen Winterschlupf. Es ist Ende Oktober. Der Falter gehörte sicher nicht zu den im Koffer aufbewahrten Dingen, er hatte sich hineingeflüchtet. Schlaftrunken ruhte er jetzt auf der Hand, die ihn hervorgeholt hatte, und der Mann staunte. Bis der Falter aufflog, nicht weit, nur bis zu der in breite Falten gelegten Übergardine. Der Mann im Film erzählte unentwegt weiter, aber Martha schaltete das Fernsehgerät aus. Seit ihrem Aufbruch in Koblenz trug sie an diesem vermeintlich leichten Gepäck wortloser Geschichten.

Heute morgen, als sie sich die Unterschenkelstützstrümpfe anzog –, was immer mühselig war, denn sie musste die zehenlosen Füßlinge mit beiden Händen gerade richten, damit die eingewebten Fersen auch richtig zu sitzen kamen –, war ihr gestriges Einverständnis einer Melancholie gewichen. Wieder fiel es ihr schwer, sich zu bücken. Ein großer Spiegel, der dem Bett gegenüberstand, führte ihr vor, dass ihr Körper dabei war, seinen Zusammenhalt zu verlieren! Unvermittelt, denn sie sah es zum ersten Mal: An ihren rund und straff gewesenen Armen bewahrten die Knochen die alte Form, aber das Fleisch fiel von diesem Gerüst. Deutlich getrennt zu sehen Ellenbogen, Speiche und die von der gefältelten Haut gehaltene Muskulatur, beinahe wie bei einem neu geborenen Kind. Drei solcher anfälligen Wesen hatte sie vor Jahren, als junge Mutter, in ihre Arme geschlossen, aber sich niemals vorgestellt, dass diese Weichheit und Empfindlichkeit zurückkehren und am eigenen Körper zu spüren sein könnte.

So schnell sie konnte, entwischte sie dem Spiegel und verschloss das von ihr bewohnte Zimmer 114. An der benachbarten Zimmertür stand die Zahl 112. Martha sah sich um: kein Zimmer 113, vermutlich auch keine Zimmer mit den Nummern 13 oder 213. Ein Hotel im Stil der Fünfziger Jahre, ein volksdemokratisches Hotel, und so mit Aberglauben geschlagen! Bislang hatte sie angenommen, östlich der Elbe habe man mithilfe des Kommunismus jede Erscheinung des Lebens erklärt, Glauben und Aberglauben ausradiert, das ganze Dasein auf Linie gebracht. Diese aus der Reihe tanzenden, polnischen Hoteliers liebte sie sofort! Und hätte trotzdem auch in einem Zimmer 113 ruhig geschlafen.

Jetzt wollte sie frühstücken. Ihre derzeitige Leibspeise war polnischer Borschtsch, diese rote, würzige Mittagssuppe. Vermutlich war es von nun an gleichgültig, wann sie was aß, das Alter saß ihr im Nacken. Vielleicht befand sie sich auf dieser Reise in einem Verwandlungsprozeß, für den sich noch kein Gefühl fand. Wie in dem Schmetterling, der noch einmal sein Winterquartier verließ, so regte sich in ihr eine gewisse Bedenkenlosigkeit.

Auf der Zugfahrt von Krakau/Kraków nach Posen/Poznan hatte sie zwangsweise anderen vertraut. Keiner der Menschen, die sie auf dem Bahnhof in Krakau ansprach, verstand ihr Deutsch, Englisch oder Französisch. Der Hotelportier, der sie zum Zug gebracht hatte, redete – vermutlich der zehn Zloty Trinkgeld wegen, die sie ihm gegeben hatte – mit dem Zugschaffner. Sie zeigte ihm ihre Reservierung, aber er wies ihr einen Platz in einem Abteil mit durchgehenden Sitzbänken zu. Eigentlich sollten sich da auf jeder Seite vier Menschen nebeneinander arrangieren.

Martha blieb mit nur einem anderen Fahrgast allein, einem jungen Mann. In Griffweite hütete er eine auffallend schöne Lederreisetasche. Ihr Gepäck sah dagegen schäbig aus. Sie bemerkte, wie der Schaffner im Gang einen Zettel beschrieb und an die Abteiltür klebte. Andere Reisende kamen, stellten ihre Koffer ab, um die Abteiltür zu öffnen, aber nach der Lektüre des Zettels nahmen sie ihr Gepäck wieder auf und gingen weiter. (Es war ihnen also schriftlich verwehrt, neben Martha oder dem jungen Mann zu sitzen.) Wer war dieser Andere, dem ebenfalls eine ganze Sitzbankreihe gegönnt war? Er zog seinen Schal durch beide Henkel seiner Reisetasche und behielt die Schalenden in der Faust. Martha hätte gern gewusst, ob die bevorzugte Behandlung von einzelnen Reisenden hier Entgegenkommen bedeutete oder Kontrolle?

Nach einer Stunde Fahrt zog sie sich ihre Schuhe aus und streckte sich lang. Laut Fahrplan dauerte die Fahrt von Kraków nach Poznan sieben Stunden. Es wurde rasch dunkel, so viel weiter im Osten als zu Hause, also viel eher von der Sonne erreicht und wieder verlassen. Das ausgestreckt Daliegen tat nicht unbedingt gut. Die Räder der alten, wenn auch neu aufgepolsterten Waggons schlugen und krachten über die Gleise, so dass es besser war, den Stößen nur die Sitzfläche zu bieten, nicht den ganzen Körper. Spürbar lag ein Missverhältnis zwischen dem Tempo des Zuges und den Einrichtun gen der polnischen Eisenbahn. Betrachtete Martha den ruhig schlafenden Mann ihr gegenüber, wurde ihr deutlich, dass sie verwöhnt war von westlichen, auf Komfort getrimmten Strecken. So schämte sie sich und ärgerte sich zugleich.

Lange blieb es draussen stockdunkel. Keine Ortschaft, erst recht kein Bahnhof. Sie nahm ihre Handtasche und trat in den Gang. Deutlicher noch schlugen und krachten die Räder. Die Pendeltür zum Kopf des Waggons bewegte sich – vom Fahrtwind! Sie griff links und rechts im Gang nach Halt. Als sie die Tür aufstieß, fegte ihr ein heftiger, feuchtkalter Luftstrom entgegen. Nach nur einem Schritt vorwärts war sie stehengeblieben: Der Waggon stand offen!

Martha sah dicht an dicht kleine Birkenstämmchen, mannshohe Fichten, irgendwelches andere Gehölz auch und direkt dahinter Kiefernwald. Es war eine nur augenblicklich schwach beleuchtete, schwarze Wand, an der der Zug entlangraste. Darauf war sie nicht gefasst – ja, ja, das war der Wald! So plötzlich und unerwartet stand er vor ihr. Keinem Menschen, nicht einmal sich selbst hatte sie dieses Reiseziel genannt. Es gab keinen Grund dafür, nur dieses Gefühl: Im Wald. Im Wald musste es gewesen sein. Johannes, der kleine Bruder, war nie zurückgekehrt. Er war einberufen worden am Ende des Krieges, angeblich zum Reichsarbeitsdienst. Aber die Jungen hatten Waffen bekommen, man hatte sie in der Gegend von Adelnau/Odolanów in Marsch gesetzt. Und ewig, ewig lief der kleine, noch kindliche Bruder vor Martha her, einen Feldweg entlang, über eine Anhöhe – bis diese haltlosen Träume in einem Wald endeten. Er musste dort verscharrt sein, in Polen.

Jeder Wald war auf seine Art groß, großartig und überraschend lebendig. Für Tote gab es nichts Besseres als einen Wald. Martha starrte ins vorüberziehende, dunkle Gewirr. Sie konnte stürzen, aus dem Türloch fallen. Sie konnte aber auch nicht von der Stelle. Es gab den Zug, den Fahrtwind, eine offene Tür und Wald.

Vor Monaten hatte sie einen Antrag auf Reisekostenzuschuss gestellt. Ein Ministerium hatte den Antrag genehmigt. In Warszawa, Kraków und Poznan gab es Institute für deutsch-polnische Zeitgeschichte. Vom Wald hatte sie nirgendwo geredet und nirgendwohin davon geschrieben. Niemand hatte sie vor dem offenen Türloch in der Eisenbahn...


Geboren 1925 in Wachau bei Dresden. Lebt seit 1969 als freie Schriftstellerin in Köln. Aufenthalte in New York, Paris, Amsterdam, Budapest, Rom, Moskau, Warschau und Krakau. Veröffentlichungen: "hüben und drüben", Roman, mit einem Vorwort von Lew Kopelew, Leipzig 1991. "Geschichten aus tausendundzwei Jahren", Roman, Leipzig 1992. "rübergemacht", Schauspiel, 1992. "Damals als die Sonne schien", Novelle, 1996.
Zahlreiche Erzählungen und Gedichte in literarischen Zeitschriften und Anthologien seit 1967. Hörspiele, Hörfunkfeatures, seit 1965. Multimediaprojekte mit Luc Ferrari, Paris und Hingstmartin, Köln 1970-1975. Spielfilme für das Fernsehen in eigener Regie, 1973-1978. "Siehdichum", Roman, 2006 und "Spiegelungen", Roman, 2010 erschienen im Dittrich Verlag.



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