Dorrestein | Das Erdbeerfeld | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 0 Seiten

Dorrestein Das Erdbeerfeld

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-13531-7
Verlag: C.Bertelsmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 0 Seiten

ISBN: 978-3-641-13531-7
Verlag: C.Bertelsmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Loes’ Mutter wegen Mordes zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt wird, ist die wilde, süße Kindheit der Sechsjährigen vorbei. Von allen geschnitten, von Scham und Schuldgefühlen geplagt, findet sie wider Willen das furchtbare Geheimnis der Mutter heraus. Aber ist ihre Mutter tatsächlich auch eine Mörderin? Jahre später, Loes ist inzwischen eine junge Frau, holt die Vergangenheit sie noch einmal ein, und sie bekommt die Chance auf ein befreites, glückliches Leben.

Renate Dorrestein, geboren 1954 in Amsterdam, wuchs in einer römisch-katholischen Familie auf. Ihre Jugend sei recht glücklich gewesen, sagt sie - das habe jedoch weniger an einer besonders harmonischen Familienatmosphäre als vielmehr an ihrer eigenen Fantasie gelegen, mit der sie ihrem Leben Farbe verlieh. Schon früh stand ihr Traum fest: Schriftstellerin werden. Heute ist die ehemalige Journalistin eine der holländischen Starautorinnen. Für ihre Romane, die u.a. sehr erfolgreich in Amerika, Großbritannien, Italien, Spanien, Finnland, Schweden und Frankreich erscheinen, wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihr bei C.Bertelsmann „Alles voller Hoffnung“.
Dorrestein Das Erdbeerfeld jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


A ist eine Anlage


Wir hatten uns wahrscheinlich irgendwann vorgenommen, kein Wort mehr mit ihr zu wechseln, denn wie auf Verabredung wurde es immer totenstill, sobald sie in unserem Blickfeld erschien. Wir pressten die Lippen aufeinander und schauten in die entgegengesetzte Richtung, wenn wir sie auf dem Schulhof angeschlendert kommen sahen oder wenn wir ihr auf der Straße begegneten, wo sie ganz allein Hüpfen oder Murmeln spielte.

Wann wir damit angefangen hatten? Vermutlich in dem Jahr, in dem wir bei Joyce lesen lernten. Jedenfalls schon vor so langer Zeit, dass auf die Dauer ein vager, aber unverkennbarer Kreis um sie herum sichtbar geworden war, wo sie auch stand, saß oder ging: Sie war markiert. Als Zielscheibe.

Unser Schweigen bedeutete nicht, dass wir ihr nichts zu sagen hatten. Und damit da keine Missverständnisse aufkamen, passten wir sie nach der Schule oft ab. Zu viert, zu sechst, und wenn es nichts Besseres zu tun gab, zu noch vielen mehr.

Wir versteckten uns in der Anlage auf dem alten Dorfplatz, hinter der Buchenhecke, deren Blätter im Frühling schokoladenbraun waren. Vor der Hecke stand eine Bank, die mit Dornengestrüpp überwuchert war. Früher, als die Anlage noch unterhalten worden war, war sie ein beliebtes Fleckchen für turtelnde Pärchen gewesen. Jetzt war sie meistens ausgestorben. Aber unsicher war es dort nicht, denn alle Häuser rund um den Platz gingen darauf hinaus: Alle konnten sehen, was sich dort abspielte, es sei denn, sie hatten gerade etwas im Auge.

Wir stießen uns gegenseitig in die Rippen und krochen hinter die Hecke. In der feuchten Erde wimmelte es von Spinnen, die mit nachgebenden Beinen Land zu gewinnen versuchten, wenn man eine Flamme an sie hielt. Beim Verbrennen machten sie ein puffendes Geräusch, und aus dem versengten Kügelchen kräuselte sich ein mickriges Rauchfädchen empor.

Sobald sie sich näherte, steckten wir unsere Streichhölzer weg und zogen die Köpfe ein. Wir hockten so dicht aufeinander, dass wir ein einziges Bündel zitternder Muskeln und aufgesperrter Nasenlöcher waren.

Auf der anderen Seite der Hecke verzögerte sie den Schritt. Sie ging immer langsamer, bis sie abrupt stehen blieb. Sie wog natürlich ihre Chancen ab: Ihr Nachhilfeunterricht hatte länger gedauert als sonst, aus den geöffneten Fenstern der Häuser wehten schon Essensgerüche, niemand spielte mehr auf der Straße. Vielleicht hatte sie ja heute unverhofft Glück. Ihre Finger nestelten an ihren Kleidern, fassten einen Saum, wie um Halt zu suchen. Ihre Kleider hatten immer eine undefinierbare Farbe. Das sei das Werk der Lucos, sagten unsere Mütter kopfschüttelnd. Männer könnten nicht waschen, und sie hätten auch keine Ahnung, wie man ein Mädchen hübsch anziehe. »Das arme Kind«, sagten sie.

Mit vor Spannung aufgeblähten Wangen sahen wir einander an. Keiner wollte der Erste sein, oder schlimmer noch, der Letzte. Und bei dem Gedanken sprangen wir allesamt auf und versperrten ihr den Weg. Mit verschränkten Armen, weit gespreizten Beinen und erhobenem Kinn. Ein menschlicher Schlagbaum.

Ihr Mund und ihre Augen schossen auf O, ihre Haut wurde so blass, dass die Sommersprossen wie Ameisen über ihre Nase zu krabbeln schienen, und ihre roten Zöpfe, die sie sich, nur um uns zu provozieren, wieder hatte wachsen lassen, gingen vor Schreck auseinander.

Im weiten Umkreis herrschte vollkommene Stille. In keinem Haus läutete ein Telefon. Kein Topf klapperte mehr auf einem Herd. Kein Baby wagte noch zu weinen. Keine Nachbarsfrau hielt ein Schwätzchen über den Gartenzaun. Sogar das Dornengestrüpp hörte auf zu wachsen, wenn wir den Zettel mit unseren neuesten Vorhaben bis auf Augenhöhe hochhoben, damit sie ihn lesen konnte. Sie hatte Mühe damit. Aber wir hatten Zeit. Seelenruhig schauten wir zu, während ihr vor Anstrengung Schweißtröpfchen auf die Oberlippe traten. Wenn sie unsere Botschaft endlich Wort für Wort entziffert hatte, stopften wir ihr den Zettel in den Mund, damit er nicht gegen uns verwendet werden konnte. Sie kaute und schluckte gehorsam. Sie hatte die Augen niedergeschlagen, aber wir wussten nur zu gut, wie blau sie waren, noch immer kein bisschen weniger unverschämt blau, obwohl sie wie begossen dastand. Die gekränkte Unschuld mimen, darin war sie gut. Wir gaben ihr einen Stoß, und sie taumelte über den verlassenen Platz, unser Versprechen im Magen. »Wir zünden dich an, du Dreckschlampe.«

Kaum dass sie außer Sichtweite war, mussten wir an uns halten, um uns nicht wie nasse, tolle Hunde zu schütteln. Wir hatten plötzlich ein enormes Bedürfnis, laut zu sein. Wir schrien alles Mögliche durcheinander, um uns darin zu bestärken, dass es unser vollstes Recht war, ihr zu verstehen zu geben, dass sie bis in alle Ewigkeit in dieser Hölle leben würde. Morgen würden wir ihr eine Quittung verpassen. Oder besser in einigen Tagen. Wenn sie sich wieder in Sicherheit wähnte, würden wir zuschlagen, ja, das würden wir machen. In diesem Jahr hatten wir zum letzten Mal die Gelegenheit dazu: Bald wurden wir zwölf, nach den Ferien würden wir alle auf verschiedene Schulen gehen. Zu Hause setzten sie in letzter Zeit schon sentimentale Gesichter auf, wenn sie von unserer glücklichen Kindheit redeten, die nun, wie sie sagten, bald hinter uns liegen würde.

Wir waren fast alle im einzigen Neubauviertel eines verschlafenen Ortes geboren, der längst von der Landkarte verschwunden gewesen wäre, wenn das Niemandsland zwischen Entwässerungsgraben und Autobahn nicht zur Toplage für Projektentwickler geworden wäre.

Unsere Väter sagten immer stolz, dass sie die allerersten Bewohner des neuen Viertels gewesen seien. Eine Art Pioniere. Wohnhöfe habe es damals wirklich noch nirgendwo anders im Land gegeben. Das Fernsehen sei dabei gewesen, als der Ministerpräsident symbolisch das erste Haus aufgeschlossen habe, erzählten unsere Mütter mit immer noch leuchtenden Augen. Sie hatten sich gleich an die Arbeit gemacht und im Garten Bambus gepflanzt und witzige Figuren hineingestellt. Danach waren sie zum Frisör gegangen, um sich blonde Strähnchen machen zu lassen.

Die Väter mussten schon ordentlich verdienen, wenn man sich so ein Haus mit versetzten Wohnebenen leisten wollte, aber im Vergleich waren die Preise hier trotzdem lächerlich niedrig. In Amsterdam hockte man für das gleiche Geld im dritten Stock mit Fenster zum Hof. Und obendrein war hier frische Luft inbegriffen, gratis.

Im ersten Sommer im Wohnhof hatten unsere Eltern reihum gegrillt wie die Verrückten, das ganze Viertel hatte mitgemacht, Pioniere mussten gut essen, die hatten Vorbildfunktion. Unsere Mütter hatten Badewannen voll Kartoffelsalat gemacht, unsere Väter hatten sich Schürzen umgebunden und die Fleischgabeln gekreuzt. Im Winter hatten sie im Plaza 1980 alle gemeinsam einen riesigen Weihnachtsbaum geschmückt, wobei es derartig zugig gewesen war, dass sie eimerweise Glühwein hatten trinken müssen, um auf den Beinen zu bleiben. Und als es wieder Sommer geworden war, kamen wir auf die Welt, zwar alle einzeln und nacheinander, aber schon mehr oder weniger gleichzeitig, als würde die Hypothek verfallen, wenn nicht bis zu einem bestimmten Stichtag ein Baby produziert wurde.

Wir wussten damals noch nicht, wie das ging, geboren werden. Wir erfassten noch nicht, was so alles dazugehörte oder welche Folgen es haben konnte. Wir waren einfach auf einmal da, zur Freude unserer Eltern. Sie beugten sich über die Wiege, nahmen uns auf den Arm, behutsam, weil wir so ein kostbarer Schatz waren, und zeigten uns, dass wir aus zwei Welten das jeweils Beste bekommen hatten: ein Badezimmer mit modernen sanitären Einrichtungen plus eine Küche aus hygienischem rostfreien Stahl, aber auch eine Brache um die Ecke, voller blühendem Wiesenkerbel und mit Schlamm, der später warm und behaglich in unsere Gummistiefel sickern würde.

Wir sogen Luft in unsere Lungen und krähten vor Freude. Wir krähten so laut, dass wir einander durch die Wände hindurch von links, rechts und gegenüber hören konnten. Auch das war inbegriffen: Freunde und Freundinnen für jeden gratis. Wie schön würde das später sein, wenn wir uns alle im Gleichtakt entwickeln würden, die ersten Schritte, die ersten Worte, die erste blutige Lippe. Und zusammen Roller fahren! Wo konnte man so sicher Roller fahren wie bei uns?

Wir hatten das große Los gezogen. Wir saßen im warmen Nest. Als hätte die ganze Welt genau gewusst, was uns zustand.

Der alte Ortskern bestand aus vier schmalen Sträßchen und einem Platz. Auf ihn nahmen unsere Mütter mit ihren blonden Locken täglich Kurs, um Einkäufe zu machen.

Sie parkten unseren Buggy in dem erdig riechenden Laden des Gemüsehändlers, dessen Finger von der Arthrose so stark angeschwollen waren, dass er den knackfrischen Salat kaum in eine Zeitung gewickelt bekam, und wenn man es nicht passend hatte, musste man hinter die Kasse kommen, um sich das Wechselgeld selbst herauszunehmen. So leckeres Gemüse bekomme man nirgendwo anders, beteuerten unsere Mütter Herrn de Vries. Sie gingen in ihren engen Jeans in die Hocke und gaben uns eine Möhre, an der wir nuckeln konnten. Sie trödelten noch ein wenig, weil sie zu einem kleinen Schwatz aufgelegt waren, sie hatten ja nicht so viel Kontakt, aber Herr de Vries wog schweigend Spalterbsen ab, und so zuckelten sie, plötzlich verlegen, aus dem dunklen Laden, weg von Alter und Schmerzen und harter Arbeit, weg, weg.

Draußen fingen sie sich wieder. Sie beugten sich über unseren Buggy und gaben mit geröteten Wangen beschwichtigende Laute von sich. Man konnte hören, wie froh sie waren, dass wir wenigstens noch mehr als sie einer Fremdbestimmung unterworfen waren. Sie konnten sich immerhin selbst den Hintern abwischen. Entschieden...


Dorrestein, Renate
Renate Dorrestein, geboren 1954 in Amsterdam, wuchs in einer römisch-katholischen Familie auf. Ihre Jugend sei recht glücklich gewesen, sagt sie - das habe jedoch weniger an einer besonders harmonischen Familienatmosphäre als vielmehr an ihrer eigenen Fantasie gelegen, mit der sie ihrem Leben Farbe verlieh. Schon früh stand ihr Traum fest: Schriftstellerin werden. Heute ist die ehemalige Journalistin eine der holländischen Starautorinnen. Für ihre Romane, die u.a. sehr erfolgreich in Amerika, Großbritannien, Italien, Spanien, Finnland, Schweden und Frankreich erscheinen, wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihr bei C.Bertelsmann „Alles voller Hoffnung“.

Ehlers, Hanni
Hanni Ehlers, geb. 1954 in Ostholstein, studierte Niederländisch, Englisch und Spanisch am Institut für Übersetzen und Dolmetschen der Universität Heidelberg und ist die Übersetzerin von u.a. Joke van Leeuwen, Connie Palmen und Leon de Winter.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.