E-Book, Deutsch, 0 Seiten
Dorrestein Herz aus Stein
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-13532-4
Verlag: C.Bertelsmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 0 Seiten
ISBN: 978-3-641-13532-4
Verlag: C.Bertelsmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ellen ist siebenunddreißig und schwanger, als sie kurz entschlossen das leer stehende Haus ihrer Eltern kauft. Damit tastet sie sich zum ersten Mal an die Bruchstücke ihrer schmerzhaften Kindheitserinnerungen heran. Anhand eines Fotoalbums versucht sie zu verstehen, wie der so glückliche Familienalltag in einer Tragödie enden konnte. Drei Geschwister und Ellens Eltern wurden dabei getötet. Warum hat gerade sie überlebt? Und kann es hinter der tiefen Trauer und Verzweiflung irgendwann eine Form von Vergebung geben?
Suggestiv, psychologisch dicht und voller Spannung erzählt Renate Dorrestein von einer Frau, die nach langer Zeit die Kraft findet, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen.
Renate Dorrestein, geboren 1954 in Amsterdam, wuchs in einer römisch-katholischen Familie auf. Ihre Jugend sei recht glücklich gewesen, sagt sie - das habe jedoch weniger an einer besonders harmonischen Familienatmosphäre als vielmehr an ihrer eigenen Fantasie gelegen, mit der sie ihrem Leben Farbe verlieh. Schon früh stand ihr Traum fest: Schriftstellerin werden. Heute ist die ehemalige Journalistin eine der holländischen Starautorinnen. Für ihre Romane, die u.a. sehr erfolgreich in Amerika, Großbritannien, Italien, Spanien, Finnland, Schweden und Frankreich erscheinen, wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihr bei C.Bertelsmann „Alles voller Hoffnung“.
Weitere Infos & Material
Studienzeit Frits, Herbst 1956 oder 1957
Wir waren schon vier Kinder, als in einer ungewöhnlich kalten Sommernacht Ida geboren wurde. Der fast volle Mond schien so hell, dass wir um zwei Uhr noch die Sommersprossen auf unseren Nasen zählen konnten. Fest entschlossen, wach zu bleiben, bis wir den ersten Schrei des neuen Babys hörten, hatten wir uns im Mansardenzimmer mit Chips und Cola eingedeckt und unsere wärmsten Flanellpyjamas angezogen.
Ich hatte es mir mit einem Stapel Kissen bei Kester auf dem Bett bequem gemacht. Um die Zeit totzuschlagen, lasen er und ich gemeinsam einen Batman-Comic. Wenn ich umblättern sollte, gab er mir einen sanften Rippenstoß. Unsere Schwester Billie saß auf ihrem Stammplatz vor dem Spiegel, der neben dem Kleiderschrank hing, und schnitt mit einer Nagelschere konzentriert die gespaltenen Spitzen aus ihren langen schwarzen Haaren. Und Carlos stand vor Aufregung in seinem Gitterbett und sang, schlaftrunken, mit über der runtergerutschten Schlafwindel vorgewölbtem Bäuchlein. Wir nannten ihn Carlos, weil er als Baby haargenau so ausgesehen hatte wie Prinz Charles, diese Bohnenstange aus England.
Es war gegen Ende der Sommerferien, das weiß ich noch genau. Jeden Abend hatte man dicke, hartnäckige Zecken zwischen den Zehen, die man, wie Billie sagte, gegen den Uhrzeigersinn rausdrehen musste, weil man sonst die Lyme-Krankheit bekam. Wir hatten an dem Tag Heidelbeeren gepflückt, unsere Zähne waren noch ganz blau davon. Nur Kester hatte seine geputzt. Mein Bruder kämpfte nämlich gerade verbissen gegen den Schmutz der Welt. Er wusch sich jeden Tag die Achseln und das Gesicht, hörte aber trotzdem nicht auf zu stinken und sah immer aus wie eine schmuddelige alte Zeitung. Um ihm zu zeigen, dass mir das nichts ausmachte, schmiegte ich mich beim Lesen hin und wieder ein wenig an ihn.
Er saß im Schneidersitz auf seiner roten Tagesdecke, die Füße unter den Beinen versteckt. Seit kurzem hatte er nämlich borstige schwarze Haare auf den Zehen, für die er sich zu Tode schämte. Er wartete nicht ab, wie Batman ausging, sondern schnappte sich Billies Feile vom Fußboden und stocherte damit unter seinen Fingernägeln herum.
Unsere vier Betten standen jeweils an einer Wand. So hatte jeder sein eigenes Hoheitsgebiet. Manchmal, wenn es Streit gab, zogen wir mit Kreide Striche auf dem Holzfußboden, um unser Terrain abzustecken, oder wir legten einander irgendwas Ekliges, Schwabbliges aus dem Teich unter die Bettdecke.
»Ob es noch lange dauert?«, sagte Billie und setzte sich neben mich.
Kester bog die Feile mit dem Daumen zu sich runter und ließ sie mit einem Surren in ihre Richtung hochschnellen. »Müssen wir kein Wasser heiß machen?«
»Wir sind hier doch nicht auf High Chaparral«, entgegnete meine Schwester und kratzte sich gelangweilt an der Wade.
Wir hockten eine Weile stumm da, zu müde, um uns einen neuen Zeitvertreib einfallen zu lassen. Schließlich sagte Kes: »Du brauchst mich nicht zu lieben, Scarlett, aber küss mich.«
Darauf rief Billie aus: »Oh Rhett! Darling! Don’t get killed!« Sie ließ sich hintenüberfallen, rang die Hände und seufzte. Dann richtete sie sich wieder auf und sagte: »Warte, jetzt ich eine für dich.«
»Casablanca«, sagte ich zu Carlos, der an den Stäben seines Gitterbetts rüttelte.
Billie und Kes lachten, ich wusste nicht, wieso. Billies langes Haar fiel wie eine Fahne über ihre Schultern, und ich roch Kesters Socken. Da bekam mein Herz plötzlich aus irgendeinem Grund einen Schubs, wie das Pendel einer alten Standuhr, die geraume Zeit gestanden hat. War das ein miserabler Sommer gewesen! Angefangen hatte es mit Carlos’ Unfall, oder nein, natürlich schon davor, am Ostersonntag, als mein Vater nach dem Eiersuchen unvermittelt verkündet hatte, dass wir Familienzuwachs bekommen würden. Er setzte dabei seine Brille ab und wieder auf – ein Tick, der sich immer einstellte, wenn ihm die Worte fehlten – und sah uns reihum mit einer Art verlegenem Triumph an. Mir war, als müssten wir ihm eigentlich die Hand schütteln und gratulieren.
Wir saßen alle in der Küche, drauf und dran, mit dem Osterfrühstück zu beginnen. Meine Mutter sagte: »Ihr dürft euch einen Namen ausdenken.«
»Ramona!«, rief ich gleich. Das war ein Lied von den Blue Diamonds: »Ramona! Ramona! Uhuuh!«
»Und wenn es ein Junge wird?«, fragte Kester.
Erschrocken begann ich auf einer Haarsträhne zu kauen: Wollte er denn nicht noch eine Schwester?
Billie meinte entrüstet: »Wir haben aber bei uns oben keinen Platz mehr. Wenn noch einer dazukommt, will ich mein eigenes Zimmer.«
»Ach, Schatz«, erwiderte meine Mutter.
»Ich bin fünfzehn!«, rief Billie aus, als erklärte das etwas.
Wir sahen sie alle erstaunt an.
»Ich brauche meine Privatsphäre!«
»Deine was?«, fragte Kester.
Später fragte ich meine Mutter, was wohl hinter Billies Forderung stecken mochte. »Ich weiß nicht genau, Ellen«, sagte sie. »Dass ihr groß werdet, wahrscheinlich.«
In mein Tagebuch notierte ich ungehalten, dass ich es hasste, wenn Billie »so abstrakt« antwortete. Ich war nämlich selbst ganz versessen auf derartige Ausdrücke und konnte es daher nicht ertragen, dass Billie, die nur auf die Mittelschule ging, ein Wort verwendete, bevor ich es in unsere Familie eingeführt hatte. Nach den großen Ferien würde ich aufs Gymnasium kommen und Livius und Homer übersetzen. »Sprach man schon in der Antike von ›Privatsphäre‹«, schrieb ich in mein Tagebuch, »oder ist das ein moderner Gedanke?«
Für meine Aufsätze bekam ich meistens eine Zehn, was ich darauf zurückführte, dass der Lehrer die ganze Zeit im Wörterbuch nachschlagen musste, um überhaupt zu verstehen, was ich schrieb. Eigentlich wurmte mein Verstand mich selbst auch oft ganz schön. »Sind wir, was wir denken?«, schrieb ich in mein Tagebuch und hoffte ehrlich gesagt, dass dem nicht so war.
Wir waren alle stolz auf unser Haus mit seinem Duft nach vergilbtem Papier und seinen Archivschränken bis unter die Decke. Es war damals – vor der unseligen Renovierung – noch eine schöne, altehrwürdige Villa mit einer Eingangstreppe, einer gefliesten Diele und einer Küche im Souterrain. Man fühlte sich schon bei seinem Anblick glücklich und geborgen, wenn man mit dem Fahrrad die totenstille, von Eichen gesäumte Allee hinunterkam, die weiter hinten eine leichte Biegung machte und bei einem ländlichen Reitstall endete. Im Winter konnten wir mitten auf der Straße Schlitten fahren, so wenig Verkehr war dort. Unvorstellbar eigentlich, dass das erst fünfundzwanzig Jahre her ist.
Den größten Teil unseres Hauses nahm das Archiv ein, und es kam gar nicht in Frage, dass eines der Zimmer für Billie geräumt wurde: Wo in aller Welt hätten wir die Mappen lassen sollen? Der einzige Ort, den der Ausschnittdienst meiner Eltern nie geschluckt hatte, war der Keller unter der Küche. Da war es zu feucht.
Wenn es stark geregnet hatte, sickerte das Grundwasser durch die Kellerwände und bildete auf dem Fußboden trübselige Pfützen mit blau und gelb schimmernden öligen Flecken darin. Aber Billie gab sich nicht so schnell geschlagen. Gleich am Ostermontag begann sie sich einzurichten. Aus Holz, das sie in Müllcontainern in der Nachbarschaft fand, ausrangierten Türen und morschen Schrankbrettern legte sie über dem zerborstenen Kellerboden ein System von Lattenrosten und Laufplanken an. Darunter sah man das Wasser glitzern. Die ausblühenden Wände verhängte sie mit Sackleinen. Dem muffigen Geruch rückte sie mit Räucherstäbchen zu Leibe, und in allen Ecken qualmten Kerzen.
Wir durften ihr neues Territorium ein einziges Mal besichtigen, dann konnten wir abzischen.
Kester sagte, sie werde sich in dieser Tropfsteinhöhle die Gicht holen und krumm werden wie eine alte Hexe. Aber er war so neidisch, dass er sich im Walnussbaum hinten im Garten ein Baumhaus baute und ein großes Schild an die behelfsmäßige Tür hängte: ZUTRITT FÜR UNBEFUGTE VERBOTEN. Jedes Mal, wenn ich den schiefen Schriftzug las, hörte ich in Gedanken seine neue, sich überschlagende Stimme, die ihm genauso viel Sorgen bereitete wie die Haare auf seinen Zehen.
Die ganzen Osterferien über hockten Billie und Kes eisern in ihren Stellungen, und ich hatte keinen mehr, dem ich noch einmal mein Zeugnis mit den sechs Neunen und zwei Zehnen zeigen konnte, für das ich einen Stempel mit einem kleinen Waschbären mit Mütze bekommen hatte. Ich konnte die beiden nicht verstehen. Ich malte mir Billie aus, da unten an der glitschigen Kellertreppe: die Miene sowohl trotzig als auch gleichgültig, die Haut vom Mangel an Tageslicht ganz blass, das Haar vor Feuchtigkeit verklettet. Was trieb sie denn da bloß? Bildete sie sich etwa zur Meerjungfrau aus? Und Kes, in seinem Baum, zum Orang-Utan?
Ich dachte an das kleine Wesen im Bauch meiner Mutter, das hierfür verantwortlich war, und sagte aus einer Eingebung heraus zu meinem Vater, sie sollte Ida heißen, denn das war der scheußlichste Name, den ich mir denken konnte. Ida reimte sich auf Malaria, und wenn man noch ein paar Buchstaben dazuwarf, bekam man Diarrhö. Die würde später in der Schule vielleicht aufgezogen werden! Geschah ihr nur recht.
Jeden Abend vor dem Schlafengehen machte ich zwei Teller mit belegten Broten; den einen stellte ich an die Kellertür, den anderen brachte ich nach draußen. Noch heute kann ich mir das taubenetzte Gras unter meinen nackten Füßen und die geheimnisvolle Stille im Garten unter dem Sternenhimmel vergegenwärtigen. Manchmal rief unversehens eine Eule, ein Laut, der mich aus irgendeinem Grund fast in Tränen ausbrechen ließ. Das Universum bei Nacht...




