E-Book, Deutsch, Band 3
Reihe: Die Dämonen-Reihe
Dostojewski Die Dämonen. Roman. Band 3 von 3
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96130-380-9
Verlag: apebook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Mit erläuternden Anmerkungen versehen.
E-Book, Deutsch, Band 3
Reihe: Die Dämonen-Reihe
ISBN: 978-3-96130-380-9
Verlag: apebook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Im kalten Russland des späten 19. Jahrhunderts verdichten sich die Zeichen einer aufkommenden neuen Zeit. Eine Gruppe junger Revolutionäre möchte den Umbruch mit allen Mitteln erzwingen. In die gesellschaftlichen Wirrungen spielen zudem auch persönliche Interessen, Affären und Liebschaften der Beteiligten mitein. Zunehmend eskaliert die Entwicklung, bis es schließlich zu kaltblütigen Morden kommt. Es scheint, als wären die Menschen von bösen Geistern besessen und hätten jedes moralische Empfinden verloren. Die vorliegende Ausgabe folgt der Übertragung ins Deutsche von Hermann Röhl (1851-1923) aus dem Jahr 1920 und ist mit erläuternden Anmerkungen versehen. Dies ist der dritte von drei Bänden.
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Zweites Kapitel.
I. Er nahm meinen Besuch nicht an. Er hatte sich eingeschlossen und schrieb. Auf mein wiederholtes Klopfen und Rufen antwortete er durch die Tür: »Mein Freund, ich habe meine Rechnung ganz abgeschlossen; wer kann noch etwas von mir fordern?« »Sie haben keine Rechnung abgeschlossen, sondern nur dazu beigetragen, daß alles zusammengestürzt ist. Um Gottes willen, lassen Sie die witzigen Redensarten, Stepan Trofimowitsch, und machen Sie auf! Wir müssen Maßregeln ergreifen; am Ende kommen Ihre Feinde noch her und beleidigen Sie ...« Ich hielt mich für berechtigt, besonders nachdrücklich und sogar gebieterisch zu reden. Ich fürchtete, er werde irgend etwas noch Sinnloseres unternehmen. Aber zu meiner Verwunderung stieß ich bei ihm auf eine ungewöhnliche Festigkeit. »Seien Sie nicht der erste, der mich beleidigt! Ich danke Ihnen für alles Frühere; aber ich wiederhole: ich habe meine Rechnung mit den Menschen ganz abgeschlossen, mit den guten und mit den bösen. Ich schreibe einen Brief an Darja Pawlowna, die ich bisher in so unverzeihlicher Weise vergessen habe. Tragen Sie ihn ihr morgen hin, wenn Sie wollen; aber jetzt: merci!« »Stepan Trofimowitsch, ich versichere Sie: die Sache ist ernster, als Sie meinen. Sie meinen, Sie hätten dort jemanden zermalmt? Sie haben niemanden zermalmt, sondern sind selbst zerschlagen worden wie ein leeres Fläschchen« (oh, ich war grob und unhöflich; ich erinnere mich daran mit Betrübnis!). »An Darja Pawlowna zu schreiben haben Sie schlechterdings keinen Anlaß ... und was werden Sie jetzt ohne meinen Beistand anfangen? Was verstehen Sie vom praktischen Leben? Sie haben gewiß noch irgendwelche besonderen Pläne? Sie werden nur noch einmal Malheur haben, wenn Sie wieder so etwas aushecken..« Er stand auf und trat dicht an die Tür heran. »Sie haben noch nicht lange mit jenen Menschen verkehrt, haben sich aber doch schon von ihrer Sprache und ihrem Tone anstecken lassen; Dieu vous pardonne, mon ami, et Dieu vous garde!Aber ich habe an Ihnen immer einen anständigen Kern bemerkt, und daher werden Sie sich vielleicht noch ändern, – après le tempsnatürlich, wie wir Russen alle. Was Ihre Bemerkung über mein unpraktisches Wesen anlangt, so erinnere ich Sie an einen Gedanken, den ich neulich aussprach: daß bei uns in Rußland eine Unmenge von Menschen ihr Amüsement darin finden, mit besonderem Ingrimm und mit einer Zudringlichkeit, wie Fliegen im Sommer, über das unpraktische Wesen anderer Leute herzufallen und all und jeden dieses Fehlers zu beschuldigen, nur sich selbst nicht. Cher,vergessen Sie nicht, daß ich sehr aufgeregt bin, und quälen Sie mich nicht! Noch einmal sage ich Ihnen mercifür alles, und dann lassen Sie uns voneinander scheiden wie Karmasinow vom Publikum, das heißt, vergessen wir einander möglichst edelmütig! Allerdings war es von ihm nur ein schlaues Manöver, daß er seine bisherigen Leser dringend bat, ihn zu vergessen; quant à moi,so bin ich nicht so selbstsüchtig und hoffe vor allem auf die Jugendlichkeit Ihres unverdorbenen Herzens: wie sollten Sie denn lange an einen nutzlosen alten Mann denken? ›Leben Sie weiter!‹ mein Freund, wie mir das an meinem letzten Namenstage Nastasja wünschte (ces pauvres gens ont quelquefois des mots charmants et pleins de philosophie).Ich wünsche Ihnen nicht viel Glück; das Glück langweilt. Ich wünsche Ihnen auch nicht Unglück. Sondern ich wiederhole einfach gemäß der Volksphilosophie: ›Leben Sie weiter!‹ und bemühen Sie sich, sich nicht allzusehr zu langweilen! Diesen gehaltlosen Wunsch füge ich aus dem Meinigen hinzu. Nun, leben Sie wohl, leben Sie in allem Ernste wohl! Und bleiben Sie nicht an mei ner Tür stehen; ich werde nicht aufschließen.« Er ging weg, und ich erreichte nichts weiter. Trotz der von ihm erwähnten Aufregung hatte er fließend, ohne Hast und energisch gesprochen und offenbar gewünscht, auf mich Eindruck zu machen. Gewiß hatte er sich über mich ein bißchen geärgert und wollte sich nun indirekt an mir rächen, vielleicht noch wegen des gestrigen Bauernwagens und der auseinandergehenden Dielen. Die Tränen, die er am Vormittag vor dem Publikum vergossen hatte, hatten ihn trotz einer Art von Sieg dennoch (das wußte er) in eine etwas komische Situation gebracht, und es gab keinen Menschen, der um die strenge Innehaltung einer schönen Form im Verkehr mit Freunden so besorgt gewesen wäre wie Stepan Trofimowitsch. Oh, ich klage ihn nicht an! Aber diese Pedanterie und Spottlust, die sich bei ihm trotz aller Erschütterungen erhalten hatten, beruhigten mich damals: ein Mensch, der anscheinend so wenig von seinem sonstigen steten Wesen abgegangen war, konnte schließlich in diesem Augenblicke nicht zu etwas Tragischem oder Ungewöhnlichem Lust verspüren. So urteilte ich damals, und, o Gott, wie irrte ich mich! Ich hatte dabei gar zu vieles außer acht gelassen! ... Den Ereignissen vorgreifend führe ich hier die ersten Zeilen des Briefes an Darja Pawlowna an, den diese wirklich am folgenden Tage empfing. » Mon enfant,meine Hand zittert; aber ich habe mit allem abgeschlossen. Sie waren bei meinem letzten Zusammenstoße mit den Menschen nicht zugegen; Sie waren nicht zu dieser ›Vorlesung‹ gekommen, und Sie hatten gut daran getan. Aber man wird Ihnen erzählen, daß in unserem an Charakteren so armen Rußland ein kühner Mann aufgestanden ist und trotz der furchtbarsten Bedrohungen, mit denen er von allen Seiten überschüttet wurde, diesen Dummköpfen die Wahrheit gesagt hat, nämlich, daß sie Dummköpfe sind. O, ce sont de pauvres petits vauriens et rien de plus, de petitsDummköpfe, voilà le mot!Der Würfel ist geworfen; ich verlasse diese Stadt für immer und weiß nicht, wohin ich gehe. Alle, die ich geliebt habe, haben sich von mir abgewandt. Aber Ihnen, Sie reines, kindliches Wesen, Ihnen, Sie sanftes Geschöpf, dessen Schicksal sich nach dem Willen eines launenhaften, herrschsüchtigen Herzens beinah mit dem meinigen vereinigt hätte, Ihnen, die Sie mich vielleicht mit Geringschätzung angesehen haben, als ich kurz vor unserer nicht zustandegekommenen Ehe kleinmütige Tränen vergoß, Ihnen, die Sie, wie Sie auch immer sein mögen, mich notwendigerweise als eine komische Person betrachten müssen, o Ihnen, Ihnen gilt der letzte Aufschrei meines Herzens, gegen Sie habe ich meine letzte Pflicht zu erfüllen, nur gegen Sie! Ich kann Sie nicht für immer in der Meinung belassen, daß ich ein undankbarer Tor, ein grober Egoist sei, wie Ihnen das wahrscheinlich ein undankbares, grausames Herz, das ich leider nicht vergessen kann, täglich von mir versichert ...« Und so weiter, und so weiter, im ganzen vier Seiten großen Formates. Nachdem ich zur Antwort auf sein »Ich werde nicht aufschließen« dreimal mit der Faust gegen die Tür geschlagen und ihm nachgerufen hatte, er werde noch heute Nastasja dreimal zu mir schicken, um mich zu holen, ich würde aber nicht kommen, verließ ich ihn und eilte zu Julija Michailowna. II. Hier wurde ich Zeuge einer aufregenden Szene: die arme Frau wurde, ihr gerade ins Gesicht, belogen und betrogen, und ich konnte nichts dabei tun. In der Tat, was konnte ich ihr sagen? Ich war schon einigermaßen zur Besinnung gekommen und zu der Anschauung gelangt, daß ich nur gewisse Empfindungen und argwöhnische Vermutungen hätte, aber weiter nichts. Ich fand sie in Tränen, beinah in Krämpfen; sie befeuchtete sich das Angesicht mit Eau de Cologne und trank ab und zu Wasser aus einem Glase. Vor ihr stand Peter Stepanowitsch, der ohne Unterbrechung redete, und der Fürst, welcher schwieg, als ob er ein Schloß vor dem Munde hätte. Mit Tränen und Geschrei machte sie Peter Stepanowitsch Vorwürfe wegen seiner »Abtrünnigkeit«. Von vorn herein überraschte es mich, daß sie den ganzen Mißerfolg, den ganzen schmählichen Verlauf dieses Vormittages, mit einem Worte alles einzig und allein darauf zurückführte, daß Peter Stepanowitsch nicht dabei gewesen war. An ihm selbst bemerkte ich eine wichtige Veränderung: er war anscheinend über irgend etwas sehr in Sorge, ja er war beinah ernst. Gewöhnlich sah er nie ernst aus; er lachte immer, sogar wenn er ärgerlich war, und er war oft ärgerlich. Oh, er war auch jetzt ärgerlich und redete grob, nachlässig, mürrisch und ungeduldig. Er versicherte, er habe in der Wohnung Gaganows, den er zufällig früh morgens besucht habe, Kopfschmerzen und Erbrechen bekommen. Leider hatte die arme Frau die größte Lust, sich noch weiter betrügen zu lassen! Die wichtigste Frage, die bei meiner Ankunft verhandelt wurde, war, ob der Ball, das heißt die ganze zweite Hälfte des Festes, stattfinden solle oder nicht. Julija Michailowna erklärte, sie werde »nach den Beleidigungen von vorhin« um keinen Preis auf dem Balle erscheinen; mit andern Worten, sie wünschte dringend, dazu gezwungen zu werden, und zwar gerade von ihm, von Peter Stepanowitsch. Sie betrachtete ihn wie ein Orakel und würde sich, wenn er sogleich weggegangen wäre, ins Bett gelegt haben. Aber er wollte gar nicht weggehen: er selbst wollte durchaus, daß der Ball heute stattfände und Julija Michailowna unbedingt auf ihm erschiene. »Na, was ist da zu weinen? Müssen Sie denn durchaus eine Szene machen und an jemandem Ihren Ärger auslassen? Na, lassen Sie ihn immerhin an mir aus, aber recht schnell; denn die Zeit vergeht, und wir müssen zu einem Entschlusse kommen. Haben wir mit der Vorlesung Pech gehabt, so wollen wir es mit dem Balle wieder wettmachen. Da, der Fürst ist derselben Meinung. Ja, wenn der Fürst nicht...




