E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Douglas Bundesratlos
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7844-8426-6
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Politthriller
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-7844-8426-6
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein neue fessender Polit-Thriller von James Douglas: Das Land ist bundesratlos. Auf ihrem traditionellen SoMMerausflug verschwindet die siebenköpfige Landesregierung der Schweiz spurlos. Niemand bemerkte es. Stehen hinter der dreisten Entführung aufgebrachte Bauern, die dem Bundesrat einen Denkzettel verpassen wollen? Oder hat Top-Terrorist Aziz al-Fakr die Schweizer Regierung als Geisel in seiner Gewalt, um ein brisantes Waffengeschäft ungestört abwickeln zu können?
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Die Quarantäne
Sie nannten ihn Professor, und sein Institut, das er an diesem trostlosen Ort aus dem Boden gestampft hatte, trug den Übernamen »Quarantäne«.
Nur wenige im Tal waren der mysteriösen Figur wirklich begegnet, doch jeder glaubte zu wissen, wie der Mann aussah: durchschnittlich groß, stark gebaut, nicht schmächtig, schwarzes Haar – oder trug er nicht diese weiße Mähne? Er hatte außergewöhnlich schön gepflegte Hände, und ein gewinnendes Lächeln huschte ebenso rasch über seine Lippen, wie sein Antlitz arrogante, forsche Züge annehmen konnte. Seine Augen waren … Ja, wie waren sie denn? Haselnussbraun? Stahlblau? Giftig grün? Rehbraun?
Man war sich uneinig, doch alle fanden, sein bemerkenswertester Zug sei, wie er mit Blicken herrsche, indem er in andere Augen schaue, in andere Ideen, mit einer ergreifenden Offenheit, einer fast beängstigenden Luzidität.
Sturni, dem Gemeindepräsidenten, nahm man es ab, dass der Professor ein gewöhnlicher, wenn auch knallharter Businessmann sei. Anscheinend kannte Sturni kraft seines Amtes den Namen.
Nach einem halben Weißen sagte er kürzlich zum Bärenwirt:
»Ich sage dir, aus seinem scharf geschnittenen Gesicht mit den eiskalten Augen blickt der besessene Spieler, sein kräftiges Kinn passt allerdings eher zu einem alternden Schauspieler.«
Der Professor entspreche mit seiner zerzausten Mähne dem Bild eines verrückten Wissenschaftlers, wie Einstein auf dem Tausendfrankenschein, machte sich der Bärenwirt wichtig. Weiter prahlte er damit, Essen und Getränke ins Institut zu liefern, und zog zum Beweis ein paar Tausendernoten aus der Brusttasche.
»Ewiger Bluffer«, lachte Sturni und erklärte, das Gesicht auf der Note gehöre zufällig dem Historiker Jacob Burckhardt, der im vorletzten Jahrhundert die Barbarei vorausgesehen habe und mit dem Einstein so wenig gemein habe wie der Bärenwirt mit Allgemeinbildung.
»Ach, was soll’s. Die Köpfe auf den Banknoten kennt man so gut und schlecht wie den Namen des Bundespräsidenten«, brummte der Bärenwirt.
Trug der Professor das Haar indessen schwarz und glatt, hatte er die Abgeklärtheit eines älteren Anwalts oder Chirurgen, konnte im Handumdrehen aber auch wie ein rastloser Eishockeycoach an der Bande wirken.
Seine Augen schlugen Freund und Feind augenblicklich in Bann, das Gefrorene zerschmolz dann unter den Lidern ebenso schnell, wie umgekehrt die Behaglichkeit im Gesicht unvermittelt einer skrupellosen Härte weichen konnte.
Und immer, Sommer und Winter, frühmorgens und spätnachts, ob im Labor oder zu formellen Empfängen, trug er stets und unbeirrbar die blutrote Weste.
Wer ein Forschungsinstitut von Weltformat mit einem Haufen der besten Molekularbiologen, Mediziner, Neurologen, Psychiater und Computeringenieure dirigierte, musste nicht nur in den Augen der Bevölkerung ein richtiger Professor sein. Selbst die Universitäten des Landes zierten das Dozentenverzeichnis mit seinem Namen.
Zwar sahen die Leute den Professor nie im »Bären«, wohl aber Melissa, seine rothaarige Oberassistentin, und ihren glatzköpfigen Physiker, die jeden Freitag im Bärenstübli Kutteln aßen und dazu Roten tranken.
Laut Gemeindepräsident Sturni hieß der Professor angeblich Nicholas Skabäus Carmorina, aber wen scherte es. Im Jammeribodenloch galt der Professor als Professor, und auch Stürmli, der Dorfpolizist, hielt sich in amtlichen Dingen an dieses Axiom.
Rätselhaft blieb Stürmli allerdings, warum der schwarze Curling in der alten Mühle Särge schreinerte und an die Quarantäne lieferte.
Weil aber weder eine Meldung von ungeklärten Todesfällen noch von einem schauerlichen Leichenfund eingegangen war, kümmerte Stürmli das nicht. Er harrte aus auf seinem Posten im alten Waaghaus vor dem Dorf, das früher als Milchsammelstelle gedient hatte, widmete sich dem Bierbrauen, räucherte Würste und hatte nichts dagegen, wenn er nicht ausrücken musste, um Särgen nachzuforschen.
Stürmli wuchs in der Kantonshauptstadt neben der Polizeikaserne auf und wollte schon früh Streifenwagenfahrer werden. Sein Vater verwaltete in der Kartoffelabteilung des Eidgenössischen Landwirtschaftsamts die Sortenliste. Diese Schlüsselstellung bedeutete, dass er entschied, welche Kartoffel in der Schweiz gesät, gesetzt und geerntet werden durfte. Die Sortenliste ist offenbar staatspolitisch derart wichtig, dass bis heute nur der Gesamtbundesrat sie verändern kann und die Zulassung dieses elementaren Grundnahrungsmittels nicht einfach dem freien Spiel der Marktkräfte überlassen werden darf.
Zu den größten Abnehmern einheimischer Kartoffeln gehörte eine amerikanische Schnellimbisskette. Doch die hatte indessen befunden, dass sich nicht alle der von Stürmli senior verwalteten Sorten gleichermaßen für knusprige Pommes frites eigneten. Sie ließ aus den USA die beliebte Donald-Kartoffel importieren und im Waadtland auf einem großen Musterbetrieb zur Freude innovativer Bauern versuchsweise anpflanzen. Sie wuchs schneller als die einheimischen. Sie war größer, als käme sie direkt aus Idaho herüber. Ihr Geschmack glich dem besseren der provenzalischen. Sie war schließlich schädlingsresistenter als ein Pflugschar. Und die Bauern, die sich am Donald-Projekt beteiligten, widerlegten die Redensart, dass die dümmsten Bauern die größten Kartoffeln haben.
Das konnte nicht sein, befand Stürmli senior. Die ETH in Zürich bezeichnete zwar die Donald-Kartoffel sowohl für das fruchtbare Mittelland wie auch das karge Berggebiet als optimale Sorte, aber Stürmli lief dessen ungeachtet Sturm dagegen. Er beantragte, die neue Knolle für die Schweiz nicht zuzulassen. Auf einer langen Sitzung, in der es um Wirtschaftsflüchtlinge und Überfremdungsgefahren ging, genehmigte der Bundesrat die altbewährte Sortenliste; das Eindringen der amerikanischen Wunderkartoffelsorte war somit einstimmig abgewehrt. Doch immer weniger Bauern pflanzten die bundesrätlich bewilligte Kartoffel an, denn auf dem liberalisierten Markt zahlte sie sich fast nicht aus. Sie gaben der neuen, importierten Sorte den Vorzug.
Als Sohn eines Bundesbeamten schaffte Stürmli problemlos den Eintritt in die Kantonspolizei, er kam auf den Posten Biel-Studen. Dummerweise verfolgte er auf seiner ersten Streife ausgerechnet eine Porschefahrerin, die sich erdreistete, ohne Richtungsanzeige von der Autobahn abzuzweigen. Stürmli schaltete Blaulicht und Sirene ein. Die Frau drückte auf der kurvigen Straße den Jura hinauf frech das Gaspedal und hängte Stürmli ab. In einer Haarnadelkurve kam dem uraltbereiften Polizei-Volvo eine Landwirtschaftsmaschine entgegen. Es krachte. Kartoffeln flogen durch die Luft, der Volvo erlitt Totalschaden, Stürmli eine Gehirnerschütterung. Man kann infolge eine ziemliche Verminderung seines Denkvermögens vermuten, leider war das im Vergleich zur angeborenen Kapazität schwer festzustellen. Nach dem Unfall legte man Stürmli den Austritt aus dem Polizeikorps nahe, und mithilfe eines Sozialplans verschlug es ihn zum Geheimdienst. Stürmli kaufte sich eine schwarze Sonnenbrille, einen knöchellangen Regenmantel und stellte sich am Hauptbahnhof auf, um die Afrikaner beim Dealen zu schnappen. Zwei Kenianer prügelten ihn windelweich, als er mit gezücktem Geheimdienstausweis zu ihrer Verhaftung schritt. Nach diesem Rückschlag sann Stürmli auf einen ruhigen Posten und gelangte ins Jammeribodenloch, wo der Gemeindepräsident schon lange vergeblich einen Polizisten gesucht hatte, um den wegen der Quarantäne aufkommenden Dorfverkehr zu regeln.
Im Polizeiposten vor dem Dorf hingen an den Wänden Formel-1-Poster, hinter der Tür am Haken ein Pistolenhalfter. Der kleine Amtstisch mit der alten Schreibmaschine ging über das Durcheinander von Flaschen, Dosen, Schraubenschlüsseln, Zangen, der gebastelten Klein-Bierbrauerei und dem rußigen Räucherofen, aus dem Stürmli erfolglos Bierwürste zu zaubern versuchte, völlig unter. Vor dem Posten parkte der weiße, aus Nebraska importierte Occasions-Jeep, mit einem Blaurotlichtbalken auf dem Dach. Gemeindepräsident Sturni hatte ihn als Dienstfahrzeug erstanden und als erste Maßnahme den Vergaser plombiert, um die Beschleunigung bei Tempo achtzig abzuwürgen. Streifenwagen fahren durfte Stürmli immerhin.
Im Forschungslabor, am Morgen des 31. Juli
Die Fichten rauschten leise in der Morgenbrise und fingen die ersten Sonnenstrahlen ein. Allmählich wich das nächtliche Grau sattem Grün, unter einem goldenen Licht erstrahlte das Tal und ließ das Weiß der Gebäude noch frischer erscheinen. Das modernstens ausgestattete Labor im Zentralgebäude des Instituts für Virologie und angewandte Molekularbiologie füllte sich mit der Wärme der durch die Wolkenwand gebrochenen Sonne.
Der Professor, Herr über die Quarantäne, kurbelte den Rollladen hinunter, um die empfindlichen Geräte vom grellen Tageslicht abzuschirmen, kehrte dann an den Tisch zurück und spähte in das Binokularmikroskop.
Mit einem Laserstrahl bewegte er einen unsichtbaren Tropfen Flüssigkeit auf eine hauchdünne Glasplatte, die nicht breiter war als ein Haar. Im hochauflösenden Mikroskop hatte die Scheibe mit ihren Verzweigungen die Merkmale eines elektronischen Schaltkreises und erinnerte verblüffend an die Struktur eines Nervenknotens im Gehirn. Der Professor drehte unmerklich an der Stellschraube, um die optimale Schärfe zu erlangen, und drückte auf den Auslöser für die Digitalkamera. Das Bild wurde in das Lesegerät zum anderen Eck des sterilen Raums übertragen, blinkend quittierte es sogleich den Empfang.
Der Professor ging gemessenen Schrittes hinüber zum Blinken, erweckte die Mattscheibe neben dem...




