E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Douglas Der Fall Amos
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7844-8405-1
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-7844-8405-1
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein renommierter Virologe desertiert aus einem geheimen ABC-Labor der Schweizer Armee – im Gepäck Xaurum, ein Medikament gegen das Coronavirus. Die Spur des "Wundermittels" führt Major Ken Cooper und Hauptmann Laura Winter nach Neapel, wo in einer zwielichtigen Fabrik der Camorra Schutzmasken umverpackt, Impfdosen manipuliert und dubiose Medikamente vertrieben werden. Währenddessen soll sich der Deserteur in einer Festung im Kosovo verschanzt haben. Als Cooper und Winter dort eintreffen, werden sie bereits erwartet. Kurz darauf wird die Festung angegriffen und den beiden Agenten wird immer klarer, dass hier weit mehr auf dem Spiel steht als nur ihr eigenes Leben.
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Prolog
Das Virus rieselt herab, sacht, aber immerfort, unfühlbar, doch mit großer Geduld, und keiner schert sich …
Jens Amos war Virologe, kein Philosoph, doch seine Fantasie blühte, er zauberte Bilder vor sein geistiges Auge. Wie der gewaltige schwarze Ball, der sich bedrohlich vom Reich der Mitte über die Länder wälzte, ihm jetzt am Horizont erschien, verwandelt zu einer blauen gläsernen Kugel, gespickt mit roten Stacheln … Amos schüttelte sich, das Bild war weg, das Unheilvolle blieb. Nieselregen beschlug die Windschutzscheibe, und beinahe hätte der zerstreute Forscher die Abzweigung zum Institut verfehlt.
Das ungenügend gesicherte Hochsicherheitslabor lag in einer friedlichen Landschaft unweit der Hauptstadt, umgeben von spärlich bewachsenen Feldern. Eine Schafherde zog langsam an der Forschungsanlage vorbei.
Jens Amos irritierte das Fehlen eines Sicherheitszauns. Eine scharfe Eingangskontrolle mit Roadblocker und Videoüberwachung blieb Wunschdenken. Er parkte seinen in die Jahre gekommenen Mitsubishi neben dem protzigen Mercedes mit Tarnanstrich und Suchscheinwerfern. Er gehörte dem Sicherheitsoffizier Elmar Ludwig, den Amos für gefährlich hielt.
Das Virenforschungsinstitut VIMF ergründete nicht nur hoch ansteckende Tierseuchen. Qualifizierte Virologen sequenzierten auch tödliche Viren und laborierten an Impfstoffen. Nicht von ungefähr nannte eine deutsche Zeitschrift das Institut die Virenschmiede der Schweiz.
Am Empfangspult in der Halle saß die Frau mit dem aufgetürmten Haarschopf. Sie musterte ihn über die golden gerahmte Brille, tippte dann seine Ankunft in die Präsenztabelle. Als sie hochschaute, war Amos bereits in den Schleusen verschwunden. Sie beugte sich wieder über ihr Kreuzworträtsel.
In der Garderobe schlüpfte Amos in den weißen Schutzanzug, stülpte die Kapuze über und schnallte den breiten Gürtel mit dem Sauerstoffgerät um, machte den Schlauch an der Kapuze fest, dann ein paar Atemzüge zum Testen des Lufteinlasses – Handgriffe, die er automatisch vornahm, während sein Forschergeist bereits die nächsten Schritte plante. Die Schleusentür glitt zur Seite. In der Druckkammer musste er sich eine Weile aufhalten, dabei stramm vor Shorty stehen. Der kleinwüchsige schokobraune Roboter stakste auf dünnen Kunststoffbeinen daher, desinfizierte, seine Greifer legten ein Thermometer an Amos’ Stirn, die sphärische Stimme krächzte: »Okay, Doc.«
Als Nächstes öffnete sich mit sattem Klicken die Stahltüre des Sicherheitsblocks. »Viel Erfolg, Doc«, wünschte Shorty. Amos trat ein, die Tür klackte zu. Er stand im Hochsicherheitslabor. »Guten Tag, neue Welt«, grinste er.
Er befand sich allein im sensiblen Bereich. Auf einem Tisch standen die Stereomikroskope, Volumenmessapparate und andere Laborgeräte, auf einer Wandablage der übliche Wirrwarr von Glasschalen, Microtiterplatten, daneben Pipetten, Tuben und Phiolen. Die Einrichtung glänzte in antiseptischem Weiß, kein Staubkorn lag auf dem schwarzen Fußboden.
Amos setzte sich auf einen Drehstuhl, rollte darauf zum Herzstück des Labors. Der hellgraue Apparat hatte die Größe eines gängigen Druckers, sah auch so aus, mit dem Unterschied allerdings, dass am oberen Geräteteil ein Bildschirm mit Tastatur angedockt war. Jens Amos repetierte im Geist die Anleitung, danach entnahm er dem kleinen Kühler eine Petrischale, öffnete die Klappe der Nova-6000-Sequenziermaschine. Sorgfältig legte er seine Sars-Virusprobe in den schmalen Einlass, verschloss ihn mit sanftem Druck. Nach Eingabe der siebenstelligen Zahlenfrequenz hielt er den Atem an, drückte Enter. Die Maschine blieb stumm, der Bildschirm schwarz, und Amos überlegte, was schieflaufen könnte, als der Monitor plötzlich aufleuchtete. Die Genomsequenz, also der Bauplan der untersuchten Virenprobe, erschien gestochen scharf, in wässrigem Grün, harmlos scheinbar und einfach, doch höchst brisant.
Amos tippte auf Drucken. Nach ein paar Sekunden glitt das Blatt in das Ausgabefach. Hastig entnahm er es, überflog den Text. Die Digitaluhr auf dem Regal zeigte 12.35 Uhr, als Jens Amos den Reißverschluss seines Schutzanzugs öffnete, zuerst die Petrischale mit dem Virus in den Hosenbund schob, dann die ausgedruckte Sequenz faltete und neben die Schale steckte.
Seine heikle Mission wäre erfüllt gewesen. Die supermoderne Maschine hatte gerade eine Variante des neuartigen Teufelsvirus sequenziert. Amos hatte es schon länger auf genetische Veränderungen untersucht. Weder darüber, wie er sich die Virenproben beschafft hatte, noch was er mit ihnen plante, ließ er eine Silbe verlauten. Der Argwohn der Kollegen im VIMF war ihm ebenso wenig entgangen wie das Misstrauen seiner Vorgesetzten im weltweit renommierten ABC-Labor der Schweizer Armee. Er sagte nichts zu niemandem, ein klarer Regelverstoß, schottete sich ab, und im Moment, als er sich vorsichtshalber die Schutzhandschuhe mit Desinfektionsspray absprühte, war ihm sonnenklar, dass er das Hochsicherheitslabor für immer verlassen würde.
In der Hand hielt er eine Tüte. Darin lagen, eingefroren in flüssigem Stickstoff, ein Dutzend halbfingerlange Fläschchen, die er im Kühlschrank verborgen hatte. Sie enthielten den patentierten Wirkstoff Xaurum, ein Mycobacterium. Es war Jens Amos’ Wundermittel mit dem Potenzial, Viren und Krebszellen zu zerstören.
In der Austrittsschleuse positionierte er sich vor Shorty, der keck blinkend einen monotonen Dialog begann. Dabei ging es um das automatisierte Ausgangsritual. Amos antworte kurz, verneinte die übliche Frage, ob er Material aus dem Labor mit hinausgenommen hatte. Er tätschelte Shortys blinkende Fratze. »Hör zu, kleiner Wicht, sie wollen mir die Forschung klauen«, murmelte er, »ich habe ein Gegenmittel, weißt du … Man will mich neutralisieren … ins Gasterntal verbannen, das ist das kleine Guantanamo der Armee … Ich soll für sie im Bunker forschen … Mein Xaurum verstärkt die Immunabwehr, es wird die T-Zellen mobilisieren, es kommt zum Zweikampf mit dem Virus … Zum Gemetzel, und das Virus ist besiegt … Ja, Shorty, ich werde es zu Ende bringen.«
Er hatte zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Die Genomsequenz der Virus-Variante war der Beute erster Teil, seine sichergestellten Xaurum-Proben der zweite.
Allerdings drohte Gefahr. Ein paar mediengeile Twitter-Virologen wollten ihre Sequenzierungen des Virus veröffentlichen. »Weißt du, Shorty«, sagte Amos, »die Deppen haben eine genaue Anleitung vorgelegt, wie man das Virus im Labor erzeugen kann, und jeder halbgebildete Techniker kann es nachbauen.«
»Schlimm, schlimm«, krächzte Shorty.
»Hör zu, du Intelligenzbüchse, pack das mal in dein Chips-Gehirn, wenn das Protokoll mit der Anleitung öffentlich ist, können Terroristen, Weltuntergangsapostel oder die geschäftstüchtige Mafia irgendwo eine Epidemie lostreten. Ich gehe jetzt duschen.«
Unter dem warmen Strahl beschlich ihn Angst. Er ahnte, dass ihn seine Vorgesetzten im ABC-Labor zwingen wollten, seine Geheimnisse preiszugeben.
Er trat er aus der Dusche, trocknete seinen muskulösen Körper mit einem Frotteetuch, föhnte den krausen Haarschopf, schlüpfte in beige Cordhosen, streifte das dunkelblaue Hemd über. Im Spind wühlte er im Bündel seiner Sportsachen, fand den öligen Lappen, zog ihn hervor und entrollte daraus die Waffe. Er schraubte den Schalldämpfer auf den Lauf der Beretta, setzte das Magazin mit zwölf Patronen ein, wog die Pistole gedankenvoll in der Hand, dann steckte er sie entschlossen in den Hosenbund und zog im Hinausgehen den Blazer über.
In der Empfangshalle knallte er die braune Reisetasche, die seine Beute enthielt, auf den Tresen. »Ich bin mit dem Boss verabredet.«
Wie eine Garnspule thronte der Dutt der rabenschwarzen Frisur auf dem Kopf der Rezeptionistin. Sie runzelte ihre Brauen; denn sie wusste, dass Doktor Amos ein Spezialfall war. Manieren hatte er auch keine.
»Er ist nicht da, tut mir leid«, antwortete sie, aber Amos stand bereits vor der Bürotür, riss sie, ohne anzuklopfen, auf, trat ein.
Elmar Ludwig wirbelte auf dem Stuhl herum, schnauzte: »Was fällt Ihnen ein? Platzen einfach herein.« Er klickte ein Organigramm vom Bildschirm weg und stand auf. Er überragte Amos um einen Kopf, hatte breite Schultern, die von seiner ledernen Kampfjacke noch betont wurden. Amos argwöhnte, dass Ludwigs Aufgaben im Kompetenzzentrum ABC-KAMIR der Schweizer Armee in einem Dunstkreis von geheimdienstlichen Aktivitäten lagen, vermutlich mit hoher Sicherheitsfreigabe. Amos blieb auf der Hut. Er wusste, die Militärische Sicherheit hielt ihn scharf im Auge.
Ludwigs Büro lag in einer Ecke des Erdgeschosses. Eine Fenstertür führte auf eine breite Terrasse hinaus. Amos sah ein paar geparkte Wagen, dann schweifte sein Blick über das modulare Büchergestell zu den bequemen Lederfauteuils rund um einen gläsernen Couchtisch. Ludwigs Welt waren Kontrolle und Macht. Er wirkte durchtrainiert, aber ungepflegt. Er trug unter seiner martialischen Jacke schwarze Jeans, und seine Füße steckten in blauweißen Sneakers.
»Sie sind eine Kampfsau, Ludwig«, spottete Amos. »Was haben Sie eigentlich in dieser Aufmachung in einem Forschungsinstitut verloren?«
Elmar Ludwig hatte gerade von Shorty die Austrittszeit erhalten und wusste, dass sich Jens Amos nur eine kurze Zeitspanne im Hochsicherheitslabor aufgehalten hatte. Ungewöhnlich. Zudem hatte ihm der vorgesetzte Sicherheitschef der Operationszentrale...




