E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Douglas Der Hacker
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7844-8461-7
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-7844-8461-7
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hochbrisanter Thriller um einen gefährlichen, den Westen bedrohenden Hacker
Der Superhacker Gladio mit Zugriff auf Quantencomputer knackt die geheimsten Codes, bricht Blockchains auf und raubt Millionen. Die Chinesen jagen ihn, um sein bahnbrechendes Talent für ihre Cyberangriffe auf die westliche Wirtschaft zu gewinnen. CIA und NSA haben Alarmstufe rot. Die Mafia versteckt das Genie in Sizilien, und Michael Cooper hat von höchster Stelle die unmögliche Aufgabe, Gladio vor allen anderen zu finden, unschädlich zu machen, um den Kollaps der Systeme zu verhindern.
Die packende Handlung läuft rasant vor dem Hintergrund eines raffinierten Plans der Chinesen ab, die sich in Sizilien festsetzen.
Autoren/Hrsg.
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7
In der Suppenküche
Die gleiche Uhr, wie man sie auf Schweizer Bahnhöfen sieht, zeigt Viertel nach zwölf an, als Zoller sich mit dem Aktenkoffer unter dem Arm an einen Tisch setzt. Es gibt in der Suppenküche etwa ein Dutzend davon mit Tischplatten aus hellem Hartholzfurnier und vier blanken Stahlbeinen. Zoller sieht ein Rudel armer Teufel. Wie von Sirenengesang angezogen drängen sie sich vor der Theke, wo es Essen gibt. Er lehnt seinen Koffer an ein Tischbein, fixiert ihn mit dem rechten Fuß, hängt seine verluderte Jacke an die Stuhllehne und überblickt den Raum. Er wirkt mit dem grauen Laminatboden und den dezent hellblauen Wänden einladend. Natürliches Licht fließt von der Straßenseite durch breite Fenster. Ein Sonnenstrahl fällt gerade auf die seitliche Betonwand, wo auf einer bodenebenen Stufe ein verwahrloster, armer Kerl liegt. Über der bronzenen, lebensgroßen Skulptur informiert eine Plakette »Der letzte Obdachlose«.
Am Tisch nebenan sitzt Nolde, wie sie ihn nennen, in ein Kreuzworträtsel vertieft. Das Geplauder der gemischten Gästeschar rundherum, gut zwei Dutzend, mischt sich mit sanfter Popmusik aus dem Hintergrund.
Gute Geister teilen an der Theke Essen und Getränke aus. Gratis.
»Was gibt’s heute?«, fragt Zoller seinen Nachbarn.
»Was? Anderes Wort für Überläufer?«
»Eh … da, Deserteur. Was es zu essen gibt, hab ich gefragt.«
»Aha. Gehacktes, Pasta, Apfelmus. Sag mal, da … Hauptstadt von Kasachstan … ist Almaty?«
Nolde hat einen struppigen Bart, als hätte er drei oder vier Tage vergessen, sich zu rasieren. »Fünf Waagrecht, Geheimdienst mit drei Buchstaben? CIA, NSA …«
Da blitzen Zollers Augen auf. »Lia«, sagt er.
»Lia? Was soll der Nonsens? Ist kein Geheimdienst.«
Zoller rückt näher heran. »Doch, Nolde, Lia, die heiße Braut, die ihrem Partner, diesem Anwalt, Hörner aufgesetzt hat. Gab einen mittleren Skandal, weil Lia im NDB arbeitete. Schweizer Geheimdienst. Fällt der Groschen?«
Nolde steht auf und setzt sich mit seinem Getränk neben Zoller. »Erinnere mich«, flüstert er um sich schauend. »Hat sie mit deinem Einsatz zu tun?«
Zoller schüttelt den Kopf. »Es war ein Kontakt der anderen Art.« Er steht auf und geht wortlos zur Theke. Als er mit einem verpackten Thunfisch-Wrap und einer Apfelschorle zurückkommt, raunt er, »wir können das nicht hier besprechen. Ich habe Material«. Er klopft den Fuß an den Aktenkoffer.
Nolde reckt den Kopf und begreift. »Meine Karre steht draußen, wo immer. Geh vor, ich komme nach.«
»Okay«, sagt Zoller, aber fühlt, dass nichts okay ist.
Noldes Auto steht auf einem blau markierten Parkplatz, ein Kleinwagen von Toyota, der schon ein paar Jahre alt aussieht, aber wer kann das bei Toyotas schon sagen?
Sie steigen ein, und Nolde fährt los. »Wo geht’s hin?«
»Zum Parkhaus, wo ich in meinen PW umsteige. Da vorne rechts, dann sage ich, wo’s langgeht.«
Nolde nickt, manövriert durch die Fußgängerzone und fragt Zoller, ob ihn das Radio störe, und als Zoller verneint, stellt Nolde einen Softrock-Sender ein. »Magic Milk ist cool«, grinst er, als die Musik erklingt. Dann sagt er, »Lia wurde doch damals mit einer Nutte verwechselt, erinnerst du dich? Das ist irgendwie lustig, wenn man keine MeToo-Tussi ist.«
Zoller kommt der Vergewaltigungsversuch, der die People-Zeitschriften füllte, wieder in den Sinn. Er sagt nichts. Nolde will dann wissen, was heute passiert ist, aber Zoller winkt ab. »Wir reden später darüber.« Abgesehen davon, dass Nolde eine Fahrerin beschimpft, die ihm die Vorfahrt abschneidet, gibt es keine weitere Unterhaltung.
Sie erreichen das neben dem Parkhaus gelegene Hotel Bellevue Palace nach knapp einer halben Stunde.
Zollers Telefon klingelt mit einer SMS. Er schaut hin und klickt sie weg. Der Absender ist Ken Cooper.
Nolde hält auf der Hotelvorfahrt. »Ich bleibe dann auf Empfang«, sagt er.
»Okay … und beschaffe mir die Kontaktdetails von Lia.«
»In Ordnung.« Nolde beobachtet amüsiert, wie Zoller in seinen Lumpen wie ein Penner zum Eingang des Parkhauses schlurft, setzt dann den Toyota in Bewegung, schaltet reflexartig das Radio auf News. »... nach Polizeiangaben handelt es sich bei dem heute Morgen von einem Lastwagen gerammten Fahrzeug um eine Botschaftslimousine. Die zwei nicht identifizierten Insassen kamen ums Leben. Einzelheiten zur laufenden Untersuchung des gravierenden Unfalls werden laut Polizeisprecherin zu einem späteren Zeitpunkt erwartet …«
Nolde reibt sich das bärtige Kinn und macht sich seinen Reim auf die Nachricht.
Etwas später erreicht Zoller in seinem grauen Cinquecento, eigentlich ein populäres Frauenauto, die sich über die Aare spannende Brücke, um seinen Unterschlupf zu erreichen.
Dieser ist keine Villa, kein Landsitz, sondern eine wie von einer unsichtbaren Faust niedergedrückte Hütte. Das breite Giebeldach ist gut gebaut, die Fenster zwischen schiefen alten Holzwänden intakt. Das einstige Bauernhaus mutet Zoller an wie eine Gruselshow, umgeben von wilden zweitausend Quadratmetern Gras, Unkraut, Büschen, Mischwald auf der einen, der Rand einer Kiesgrube auf der anderen Seite. Er fährt den Fiat in den offenen Unterstand, früher mal der Schweinestall, steigt aus, schließt das Tor und betritt sein Obdach durch die massive Vordertür.
In der Küche legt er den Aktenkoffer auf den langen Brottisch, der so heißt, weil zwei große Schubladen ausziehbar sind, in denen die Bäuerin den Teig lange schlummern ließ, damit das Brot locker und luftig wurde. Dann zieht er seine Perücke ab und glättet mit etwas Speichel seinen hellbraunen Bürstenschnitt.
Aus einer Teigschublade holt er den Laptop hervor, öffnet ihn und aktiviert WLAN, indem er sein iPhone als Hotspot benutzt. Sogleich ist er online. Danach inspiziert er den erbeuteten Aktenkoffer. Er ist schwarz, flach, hat die Breite von Zeitungen im Kioskformat, ideal für Dossiers. Er angelt mit dem Fuß die Werkzeugkiste heran, nimmt den Roadrunner heraus und bestrahlt mit dem batteriebetriebenen Detektor Zahlenschloss, Verschlüsse und alle Stoffteile. Kein Pieps, keine Anzeige, keine Sprengfalle. Gut.
Dann sperrt er mit Zange und Cutter den Koffer auf.
Er hebt sorgfältig den Deckel und blickt auf ein weißes Blatt Papier, darunter ein Aktendeckel aus rotem Karton. Er zögert, lässt seine Finger von der Akte, lehnt sich im Stuhl zurück, um gleich wieder aufzustehen.
Über dem Spülbecken ist die Bar versteckt. Er holt eine Flasche heraus, gießt sich Scotch ein und nimmt einen kräftigen Schluck. Wohltuend ächzend schaut er sich im Spiegel an, streift mit zwei Fingern über die alte Narbe unter dem rechten Auge. Sie ist gerötet … Im Eimer unter dem Spülbecken findet er Handschuhe, streift sie über und setzt sich mit dem Drink an den Brottisch.
Er legt die Brieftasche des toten Chinesen, wenn es denn einer war, und das ebenfalls erbeutete Smartphone auf den Tisch.
Jetzt untersucht er die Brieftasche gründlich. Er zieht die Geldscheine, das Foto umsichtig heraus, dabei spürt er eine kleine Erhebung im Inneren des Emporia-Armani-Lederetuis. Darunter etwas Hartes. Er schneidet mit dem Cutter die Stelle auf – und findet einen kleinen USB-Flashdrive.
»Okay, schon besser«, knurrt er und legt den Fund neben die anderen Gegenstände.
Er nippt am Whiskey und überlegt. Soll er den Flashdrive in seinen Laptop stecken? Die Neugierde drängt ihn, aber die professionelle Vorsicht warnt vor übereiltem Handeln. Dasselbe gilt für das Smartphone, weiß Zoller.
Da klingelt sein Handy. Er nimmt ab.
»Wo sind Sie, Zaq?« Es ist Ken Cooper.
»Zu Hause. Misserfolg. Kein Kontakt.«
»Wir haben die Nachrichten gesehen. Das muss in Ihrer Nähe gewesen sein.«
»Ich habe alles gesehen.«
»Sind Sie verletzt?«
»Nur in meinem Ego, ich war nahe dran.«
»Okay, Zoller, berichten Sie mir dann. Ende.«
Zoller atmet aus. Er ist heilfroh, dass Cooper nicht weiter gebohrt hat, so kann er seinen Fund einstweilen geheim halten. Aber eines ist klar: Smartphone, Flashdrive und rote Akte müssen analysiert werden, und er braucht professionelle Hilfe.
Er geht hinaus, bleibt beim Steinbrunnen gedankenvoll stehen, sein Blick schweift über die Zufahrtstraße zu den braunen Dächern der tiefergelegenen Stadt mit der schönen Münsterspitze, dem Fluss, der sie umarmt, ein vertrautes Postkartenbild. Zoller atmet tief durch.
Sein Telefon klingelt erneut. Cooper? Nicht schon wieder. Er zieht es aus der Hosentasche. Es ist Nolde.
»Hey, Zoller, ich habe Lia gefunden«, sagt er, als hätte er Zollers Sorgen gespürt. »Es ging schneller, als ich dachte …«
»Mach es kurz, ja.«
»Okay, okay. Ich schicke dir ihre Koordinaten. Auf das sichere Handy, eh … weißt du was?«
»Komm schon, du bist doch auf kurz und bündig gedrillt.«
Nolde lässt sich etwas Zeit, dann sagt er: »Also, Lia Sachs ist wieder voll drin im Nachrichtendienst des Bundes für Humint und Sigint.«
»Das ist genial, Nolde.« Zoller weiß, dass Lia in ihrem früheren Job mit Informationsbeschaffung aus menschlichen Quellen und Signal Intelligence, das heißt dem Abhören von Funksignalen, zu tun hatte.
Nolde scheint ruhelos. »Sag etwas, wie ist der Plan, Zoller? Hast du das Material, das du gefunden hast, wie du mir...




