E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Douglas Zu früh zum Sterben
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7844-8331-3
Verlag: Langen - Müller eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-7844-8331-3
Verlag: Langen - Müller eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Vergangenheit holt sie wieder ein ... Im Jahr 1943 legen paramilitärische Einheiten eine Reihe strategischer, militärischer Festungswerke in den Schweizer Alpen lahm. Zwölf Soldaten kommen dabei ums Leben. Gut 20 Jahre später leitet Agent Ken Cooper eine Sondergruppe, um einen grausamen Doppelmord aus den 1950er Jahren neu aufzurollen. Cooper ist überzeugt, dass ein Unschuldiger im Gefängnis sitzt. Es scheint ein Zusammenhang zu bestehen zu den Bunkersabotagen aus den Kriegsjahren. Bald zeigt sich: Jemand will seine Ermittlungen um jeden Preis verhindern - auch um den Preis weiterer Morde. Ein intensiver, spannungsgeladener Polit-Thriller in einem Geflecht von Landesverrat, Verschwörung und Korruption mit einem furiosen Ende.
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Der Portier fuhr meine Alfa Romeo Giulia 1300 GT vor. Der Wagen war offenbar gewaschen worden. Zugabe der Direktion. Die schwarze Lackierung glänzte wie der See am frühen Morgen. Eigentlich hätte ich Alfa-Rot vorgezogen, aber als Detektiv der Kantonspolizei musste ich mich hüten, mit einer zu auffälligen Karre meinem Boss die Stirnfalten zu vermehren. Meine paar Sachen, die schwarze Ledertasche und der braune Koffer lagen bereits im Heck verstaut, wo sie hingehörten. Zuerst fuhr ich an den Rennweg, wo ich über einem Sportgeschäft im obersten Stock eine Zweizimmerwohnung gemietet hatte. Die in die Dachschräge eingefügten zwei Räume mit kleiner Küche und Bad gefielen Mara besser als ihre Blockwohnung in einem Außenquartier der Bundesstadt Bern, was die angenehme Folge hatte, dass sie gerne und immer wieder zu mir nach Zürich reiste – und sei es nur für eine leidenschaftliche Nacht. Der Rennweg lag im Zentrum der Stadt, in idealer Nähe zum Gebäude der Kantonspolizei, wo mir als Detektiv für besondere Aufgaben ein Büro zur Verfügung stand. Ich packte mein Turnzeug in einen Sportsack, suchte in meiner Sammlung topografischer Landeskarten nach einem Blatt, das die Gegend von Rüschegg abdeckte, fand keines, steckte mein Notizbuch in eine mit Plastik verhüllte Kartentasche, wie ich sie mal im Militär verwendet hatte, schloss ab und stieg die Treppen hinunter zu meiner Giulia, die wie neu vor der Haustür stand. Ich rechnete mit einer Fahrt von ungefähr zwei Stunden und würde nach Überquerung des Mutschellen und der Reuss auf das neue Teilstück der N 1 im Kanton Aargau einschwenken. Die Fahrt verlief an diesem warmen Morgen reibungslos. Es hatte seit Tagen nicht geregnet, die Straße lag trocken vor mir. Ich legte die Strecke von 140 Kilometern mit meiner Giulia locker zurück und gelangte früher als erwartet auf den Waisenhausplatz in Bern, wo mich das Polizeikommando der Stadtpolizei auf dem gepflasterten Platz vor dem schmucken Patrizierhaus parken ließ. Es lag einen Steinwurf vom Bundeshaus entfernt, wo im Westflügel das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement eine Flucht von Büros belegte. Ich traf vor Catherine im Café Federal ein, bestellte einen Kaffee, durchstöberte das Berner Tagblatt und Der Bund in der Hoffnung, etwas über das sensationelle Geständnis von Deubel zu erfahren. Ich fand keine Zeile darüber, vermutlich war die Nachricht in einer früheren Ausgabe gedruckt worden. Catherine erschien pünktlich auf die Minute, wie es sich für eine gewissenhafte Polizistin gehörte. »Mensch, ich hatte mich verschlafen. Bin noch ganz durcheinander«, keuchte sie. »Gut gereist?« Sie bestellte ebenfalls Kaffee und griff gierig nach den Brötchen, die der Kellner wenig später brachte. »Problemlos«, antwortete ich, »außer dass es auf der Autobahn vor Bern wieder geknallt hat. Ein Sportwagen ist über den Grünstreifen geschlittert und auf der Gegenfahrbahn frontal mit einem Amischlitten kollidiert. Sah furchtbar aus.« »Kommt immer wieder vor. Man müsste die Grünstreifen mit Schranken sichern.« Ich sagte nichts darauf, studierte ihr anmutiges Antlitz. »Also«, meinte sie kauend, »der Typ, der den Doppelmord von Rüschegg gestanden hat, heißt Jean Deubel.« »Ich mag Leute nicht, die aus heiterem Himmel auftauchen und ein Verbrechen gestehen.« »Wie das im Fall deiner Familie passierte?« Ich schwieg. Es war nicht meine Familie. »Ich hatte gestern noch mit dem Waadtländer Staatsanwalt telefonieren können. Er sagte, es liege an den Berner Behörden, den Fall unter den neuen, verblüffenden Beweisen wieder aufzunehmen. In Lausanne würden sie die Auslieferung von Deubel an die USA noch so gerne bewilligen.« »Hat er sich zum Geständnis konkret geäußert?« Catherine stellte die Kaffeetasse ab. »Hat er. Deubel wusste an-scheinend genaue Einzelheiten des Verbrechens, die nur der Täter kennen konnte.« »Wieso wusste das der Staatsanwalt?« »Er hat natürlich mit den Berner Untersuchungsbehörden Rücksprache genommen. Die haben ihm bestätigt, dass diese Details nur dem Täter bekannt sein können, weil die Polizei sie all die Jahre zurückbehalten hatte.« Das war geschickte Polizeitaktik. Üblich in schweren Fällen. »Die Anklage hat demnach im Prozess vor dem Berner Geschworenengericht diese Fakten auch nicht verwenden können, nehme ich an?«, bohrte ich weiter. »Nein, hat sie nicht. Das wusste der Staatsanwalt mit Sicherheit. Die Anklage kannte damals diese Details nicht. Sie lagen nicht in den Akten.« »Gut.« »Was soll da gut sein?« Ich rückte meinen Stuhl näher zu ihr heran. »Also, du weißt vielleicht, Kottmann hat eine Anzahl toter Fälle, die nie aufgeklärt worden sind. Die Beschreibungen sind alle im dicken Ordner, den du auch erhalten hast, richtig?« »Ich weiß, aber ich hoffe, wir gehen die Fälle zusammen durch. Akten durchackern ist nicht meine Stärke. Deine schon.« »Wer sagt das?« Sie verzog spöttisch die Mundwinkel. »Man hört sich halt so rum. Du hast scheinbar zwei Fimmel.« »Ach so, sieh mal an, du analysierst mich?« »Nein, das überlasse ich Mara, der Seelenklempnerin. Aber erstens sagt man, du kannst ein Dossier oder Kartenbild blitzschnell erfassen und …« »Ein nützlicher Tick, und zweitens …?« »Zweitens, seist du immer als Erster einsatzbereit gewesen, voll- gepackt und ausgerüstet, während andere noch gähnend in den Spiegel schauten.« »Woher willst du das wissen?« »FBI-Informanten.« Sie lachte. »Unmöglich. Im FBI-Ausbildungscamp hatten wir gar keine Frauen, die hätten herumtratschen können.« »Schon klar, der alte Hoover will keine, er hasst Frauen, außer seiner Mutter. Da haben halt in Quantico die Männer getratscht.« »Männer tratschen nicht, sie erzählen Geschichtchen. Hoover ist zwar ein Muttersöhnchen, dafür hat er die Kriminaltechnik modernisiert. Apropos: Einige der Fälle auf Kottmanns Liste be-treffen Straftäter, die möglicherweise unschuldig im Knast sitzen. Ungereimtheiten in der kriminalistischen Arbeit.« Catherine blickte mir prüfend in die Augen. »Hältst du diesen Neidegger etwa auch für unschuldig?« Ich zuckte nur die Achseln. Es war ohnehin zu früh für Schluss-folgerungen. »Kottmann will heute in der Gruppe abstimmen, welchen Fall wir zuerst anpacken sollen.« »Und du willst, dass Neidegger behandelt wird?«, sagte sie hellseherisch. »Ich hab’s mir auf der Fahrt hierher überlegt. Ich finde, wir müssen der Sache nachgehen. Dieses Geständnis aus dem Waadtland …« »Er hat gestanden, damit ist doch die Sache einigermaßen klar«, warf Catherine ein. »Vielleicht auch nicht. Wir müssen herausfinden, warum Deubel nach fünfzehn Jahren plötzlich die Morde gestanden hat.« Sie drehte nervös den Kaffeelöffel in ihrer rechten Hand herum. »Siehst du irgendwelche Parallelen?« Sie traf in der Tat einen Fall aus meiner FBI-Vergangenheit. Es ging um einen Mehrfachmord an einer ganzen Familie vor Jahren in Richmond, Virginia, wo ich aufgewachsen war. Mein Vater war früh bei einem Eisenbahnunfall in Argentinien ums Leben gekommen, und Mutter tat alles in ihrer Macht, um mir eine gute Ausbildung zu ermöglichen. College, Law School, U.S. Army und Ausbildung zum Special Agent des FBI im Schulungszentrum auf der Marinebasis Quantico. Man hatte den Mörder rasch gefasst und für schuldig befunden. Die Beweislage war erdrückend gewesen. Das Gericht verurteilte ihn zum Tod. Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl. Dann, knapp bevor das Todesurteil vollstreckt wurde, verkündete ein Serienkiller aus der Todeszelle einer anderen Strafvollzugsanstalt, dass er den Mehrfachmord begangen hatte … Ich erinnerte mich noch gut. Das Geständnis hat die Öffentlichkeit bewegt. Ich arbeitete in dem FBI-Team, das extra zusammengesetzt wurde, um diesen Fall neu aufzurollen. Vom Ausgang der Ermittlungen erfuhr ich allerdings erst, als ich meinen Wirkungsort bereits von Virginia nach Zürich verlegt hatte, wo ich bei der Züricher Kantonspolizei als amerikanisch-schweizerischer Doppelbürger mit FBI-Vergangenheit gute Karten hatte. Das merkten auch an-dere. Es dauerte nicht lange, bis mich Guido Kottmann vom Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartment EJPD für Spezialaufgaben im Bereich schwere Gewaltdelikte kontaktierte. »Die Parallelen gibt es tatsächlich«, bestätigte ich. »Die Brutalität ging mir damals ziemlich ans Lebendige.« »Tut mir leid, diesen Punkt aufzubringen.« »Schon recht«, räumte ich zögerlich ein. »Schwere Verbrechen weisen manchmal in den Abgründen des Täterprofils Ähnlichkeiten auf, die hilfreich sein können.« Catherine blickte starr in ihre Tasse, als ob sie im Kaffee eine Erleuchtung fände, schaute auf die Uhr. »Na, schön, ich werde jedenfalls für den Neidegger-Fall stimmen. Wenigstens in Kottmanns Gruppe habe ich das Frauenstimmrecht. Wer ist der Vierte in der Gruppe?« Ich zog ein Notizblatt aus meiner Brusttasche. »Schau, da steht sein Name. Oulevay. Philip Oulevay.« »Moment, Oulevay von der Biskuitfabrik?« »Er ist, glaub ich, mit der Besitzerfamilie entfernt verwandt. Ein junger Heißsporn, hat mir Kottmann berichtet. Man stichelte ihn auf der Polizeischule mit ›Biskuit‹. Der Spitzname ist ihm geblieben.« Catherine lachte. »Und wie ist unser Biskuit qualifiziert?« ...




