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E-Book, Deutsch, 452 Seiten
Dowling Küss mich jetzt, dann seh'n wir weiter
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-405-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 452 Seiten
ISBN: 978-3-98690-405-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die irische Bestsellerautorin Clare Dowling wurde 1968 in Kilkenny geboren und lebt heute in Dublin. Sie stand als Schauspielerin auf der Theaterbühne und vor der Filmkamera, bevor sie sich dem Schreiben von Theaterstücken, Fernsehserien und Romanen zuwandte. Bei dotbooks veröffentlichte Clare Dowling ihre Liebesromane »Küss mich jetzt, dann seh'n wir weiter« und »Schatz, wann lassen wir uns scheiden?«.
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Kapitel 1
Angie tat ihr Bestes, um Judy die Hochzeit auszureden.
»Du willst das doch gar nicht wirklich«, sagte sie beschwörend.
»Doch«, widersprach Judy.
»Wenn du ernsthaft darüber nachdächtest, würdest du es nicht wollen.«
»Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht. Wir heiraten am Samstag – da ist es schwierig, über etwas anderes nachzudenken.« In der Tat hatte sie an diesem Vormittag mehrere Stunden über der Tischordnung gebrütet. Es gab einen Onkel, der sich mit allen übrigen Verwandten überworfen hatte, und es würde wohl nichts anderes übrigbleiben, als ihn an einen separaten Tisch zu setzen.
»Das glaube ich dir«, sagte Angie verständnisvoll, »aber du denkst nur an die schönen Momente – wie du den Mittelgang hinaufschreitest, wie Barry dich in der Hochzeitsnacht zentimeterweise aus deinem Kleid schält und wie ihr euch auf Barbados gegenseitig mit Sonnenmilch einreibt.«
Judy machte sich im Geist eine Notiz: Sonnenmilch auf die verdammte Liste setzen. Apropos: Wo war die verdammte Liste?
»Das klingt herrlich«, warf Ber träumerisch ein. »Frühstück im Bett und dann nackt in den Jacuzzi, bevor ihr euch wieder glitschigem, schmatzendem Sex hingebt.« Angie warf ihr einen strengen Blick zu. »Brems dich.«
»’tschuldigung«, sagte Ber zerknirscht. Sie neigte dazu, sich in die Hochzeiten anderer Leute hineinzusteigern. Es wäre, meinte sie, eine gute Übung für ihre eigene. Sie hatte sich bereits ein weißes Kleid ausgesucht, obwohl sie nur standesamtlich heiraten würden, und das Menü zusammengestellt – Krabbencocktail und Ente à l’orange. Das Problem war nur, dass es sich länger hinzog als gedacht und das Kleid inzwischen nicht nur wie aus der letzten Saison aussah, sondern wie aus dem letzten Jahrhundert. Und niemand aß mehr Ente à l’orange. Krabbencocktail war allerdings wieder in Mode. Aber es war ja nicht so, als hätte sie eine Anzahlung auf das Kleid geleistet, sagte sie immer, und sie könnte auch jederzeit das Menü ändern. So gesehen hatte sie Glück.
Angie zündete sich die nächste Zigarette an und schaute Judy durch eine Rauchwolke freundlich an. »Du bist im Moment blind vor Liebe, verstehst du.«
»Bin ich das?« Na toll, dachte Judy – noch etwas, was sie auf ihrem Weg durch den Mittelgang behindern würde. Die Zehn-Zentimeter-Absätze ihrer Satinpumps erwiesen sich bereits als echte Herausforderung. Sie hatte sie gestern zu Hause getragen, um sich daran zu gewöhnen, und war, als sie ins Schwanken geriet, nur ganz knapp am Fernseher vorbeigeschrammt.
Angie nickte. »Natürlich – sieh dich doch an!« Judy tat es vorsichtig, zumindest bis zu den Knien. »Schwindlig vor lauter Hormonen. Vor Leidenschaft und Sehnsucht zu keinem klaren Gedanken fähig. Halb verrückt vor Aufregung über die Aussicht, den Ring an den Finger gesteckt zu kriegen und in den Sonnenuntergang zu galoppieren!« Sie hob mahnend den Zeigefinger. »Du hast noch keinen vernünftigen Satz gesagt, seit du hier am Tisch sitzt.«
Judy spürte wieder diesen Schmerz auf ihrer Stirn. Als sie gestern deshalb in den Spiegel geschaut hatte, weil sie befürchtete, dass sich ein Riesenpickel ankündigte – oh bitte, bitte, lieber Gott, nicht vier Tage vor der Hochzeit! –, entdeckte sie, dass ihre Stirn von tiefen Falten durchzogen war wie die dieser Frau aus Star Trek. Sie hatte ein paar Mal tief durchgeatmet und dabei an dem Teebaumölfläschchen geschnuppert, das ihr eine Freundin gegeben und damit ihre Hochzeit überstanden hatte, und ihre Stirn entspannte und glättete sich.
Alle sagten ihr, das sei völlig normal – Hochzeiten rangierten, was das Gewicht des Ereignisses anging, auf dem gleichen Level wie Geburten und Todesfälle (ein Segen, dass sie das Haus vor fünf Jahren gekauft hatten, sonst müsste sie auch noch umziehen). Aber wie bei einer Geburt erzählte einem niemand, wie schlimm es sein würde, denn es brächte nichts, einen zu Tode zu ängstigen, und außerdem würde man es ohnehin bald selbst herausfinden. Außerdem fiel einem der glücklichste Tag im Leben nicht einfach in den Schoß, hatte man sie gewarnt: Zuvor müssten literweise Schweiß und Tränen fließen. Judy wusste nicht, ob ein direkter Zusammenhang zwischen dem Grad des Stresses in der Vorbereitungszeit und dem Glück am Hochzeitstag bestand, aber wenn es so war, würde ihres überwältigend sein.
»Der Punkt ist, dass du total überfordert bist«, endete Angie sanft. »Unfähig, eine rationale Entscheidung zu treffen.«
Judy fühlte sich tatsächlich schon seit einigen Wochen überfordert. Sie hatte es auf die Erstellung der endlosen To-do-Listen geschoben und die zahllosen Besuche von Verwandten, die sie kaum kannte und die mit Ungetümen aus Waterford-Glas hereinschneiten. Aber wenn Angie recht hatte, dann war es nicht der Hochzeitsstress, was sie in der Nacht aus dem Schlaf hochfahren ließ, sondern pures, ungezügeltes Glück und Verlangen.
»Barry und ich leben schon seit fünf Jahren zusammen. Wir kennen uns seit unserer Kindheit«, wandte sie vorsichtig ein. »Meinst du nicht, wir sind über diese Euphorie hinaus?«
»Absolut nicht«, erklärte Angie. »Eine lange Beziehung steigert die Sehnsucht nacheinander sogar.«
»Das stimmt«, bekräftigte Ber, und sie sollte es wissen. »Sieh der Tatsache ins Auge, Judy – die Liebe hat dir total den Kopf verdreht. Und ich wäre nicht deine Freundin, wenn ich dich nicht animieren würde, über den Glamour der Hochzeit hinaus auf die harte Wirklichkeit zu schauen, die vor euch liegt.« Angies Stimme war zu einem unheilverheißenden Flüstern herabgesunken. »Die erdrückende Hypothek, die grässliche Schwiegermutter, ein Kind nach dem anderen, während du verzweifelt versuchst, dir deine Berufstätigkeit zu erhalten, Gewichtszunahme bei dir und beginnender Haarausfall bei ihm – oder umgekehrt –, und schließlich die Entdeckung, dass man sich nichts mehr zu sagen hat.«
Niedergeschlagenheit senkte sich über den Raum, am Himmel zog sich die Sonne hinter eine schwarze Wolke zurück.
»Verdammt.« Sogar Bers Optimismus war vorübergehend erschüttert.
Es fehlte nicht viel, und sie, Judy, würde es sich wirklich anders überlegen. Sollten sich doch alle zum Teufel scheren! Der ganze Haufen! Einschließlich ihrer Haarstylistin, die ihr letzte Woche bei einem Probedurchlauf mit der Brennschere das Ohr versengt hatte. Und Granny Nolan, deren Luxusrollstuhl zu breit für die Rampe vor der Kirche war und die deshalb, wie Barry meinte, vielleicht mit einem Kran hochgehievt werden müsste.
Im letzten Augenblick begriff sie, dass es in dieser Unterhaltung gar nicht um sie und Barry ging, sondern um den Big Ignorant Fucker From Orlando, kurz: Biffo. Natürlich! Ihr wurde flau vor Erleichterung. Alles war in Ordnung, und am Samstag würde sie heiraten.
Den lieben, lieben Barry. Gestern Abend hatte er eine ganze Stunde damit zugebracht, ihre bis zu den Ohren hochgezogenen Schultern herunterzuholen, indem er sie mit seinen großen, warmen Händen massiert und dazu beruhigende Dinge gemurmelt hatte wie: »Keine Angst, es ist nur ein kleiner Pikser«, und: »Es wird alles wieder gut – Ihr Finger liegt auf Eis.« (Er war gerade von einer Zehnstundenschicht aus der Praxis gekommen, und es dauerte immer einige Zeit, bis er abschaltete.) Aber sie hatte sich danach viel besser gefühlt, sogar ohne Pikser.
Barry hatte diese Wirkung auf Menschen. Er besaß ein angeborenes Geschick für den Umgang mit Kranken, sagte seine Mutter und erzählte mit Begeisterung, wie er als Kind Leute die Treppe hinuntergestoßen hatte und vor Autos, um sich dann die Verletzungen anzusehen. Während andere Kinder einander die Eingeweide aus dem Leib prügelten, verarztete Barry Action Man mit einem Pflaster oder steckte einem Stofftier ein Fieberthermometer in den Po. Eine Zeit lang befürchteten sie, dass er so seltsam werden würde wie diese wortkargen, vollbärtigen Männer, die man in Dokumentationen über die DNS referieren sah, aber Gott sei Dank erwischten sie ihn eines Tages hinter einem Busch mit einem Mädchen, und es waren nicht ihre Mandeln, denen sein Interesse galt.
Er ließ sich auch keinen Bart wachsen, außer einmal für eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Tatsächlich hatte er sich zu einem attraktiven Mann entwickelt und war der beliebteste Arzt in der Gemeinschaftspraxis. Allerdings war die Konkurrenz, Dr. »Hairy« Stevens und Dr. Yvonne Jacobs, die selbst ständig krank war, nicht ernst zu nehmen. Vor allem die Älteren mochten ihn – er hatte eine ausgeprägte Vorliebe für die Verdauungsorgane –, und er konnte nicht in den örtlichen Supermarkt gehen, ohne sofort von älteren Patienten belagert zu werden, die sich freuten, ihn zu sehen, und ihn baten, ihnen das Preisetikett auf den abgepackten Feigenbrötchen vorzulesen. Wenn Judy ihn nach einer halben Stunde abholen kam, in der sie den gesamten Wocheneinkauf erledigt hatte, löste er sich mit einem verlegenen Lächeln und tiefroten Wangen aus der Umringung seiner Bewunderer und entschuldigte sich bei Judy. Sie wusste nie, ob seine Wangen vor Freude gerötet waren oder weil die alten Leutchen ihn bedrängt hatten.
Judy wurde im Supermarkt von niemandem angesprochen. Sie hatte sogar die entgegengesetzte Wirkung auf die Menschen. Alle kannten sie aus der Bücherei, und wenn sie sie sahen, erröteten sie schuldbewusst und zogen sich hastig zurück, während sie stotterten, dass die vor langer Zeit entliehenen Bücher Opfer des Hundes oder der Wüstenrennmäuse oder des Staubsaugers geworden waren.
Barry hatte gutmütig gescherzt, dass, wenn sie am Samstag ihren großen Auftritt in der Kirche hätte, die Hälfte der Gäste sich plötzlich an überfällige Leihbücher...




